Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 08.11.2004 - Espresso

Andrzej Stasiuk hat Angst um die Ukraine, wo am 21. November Stichwahlen beieiner äußerst knappen und umstrittenen Präsidentschaftswahl anstehen. Denn der "Geier", Putin persönlich, ist nach Kiew geflogen, "in der Hoffnung, dass sich die ukrainische Demokratie mit seiner Hilfe als eine Totgeburt erweist". Putin und andere Despoten der Region hätten Angst vor diesen Wahlen, glaubt Stasiuk: "Denn wenn der Demokrat und Pro-Europäer Viktor Juschtschenko gewinnen sollte, dann würde das Putin und Konsorten unsicher machen. Es würde zeigen, dass im postsowjetischen Sumpf, in dem Russland, Weißrussland und das kleine gottvergessene Moldawien versunken sind, ein radikaler Wechsel möglich wäre."

In der Titelgeschichte beklagt Enrico Pedemonte den Wahlsieg von George W. Bush und ist sich sicher, dass Amerika nun noch radikaler wird als je zuvor. Monica Maggi berichtet vom zweiten Gender Bender Festival in Bologna, das sie für den Mix aus europäischer Kultur, Musik, Kunst und Film und die verschwimmenden Geschlechtergrenzen liebt. Cesare Balbo informiert, dass mit den "Fantastischen Vier" die Marvel-Kinofamilie bald komplett ist.

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - Espresso

Umberto Eco rühmt die anastatische Reproduktion (mehr), mit der seltene alte Manuskripte und Handschriften auch Normalmenschen zugänglich gemacht werden, die sich keine Bücher "zum Preis eines Jaguars" leisten können. Einen "Schlag in die Magengrube" gibt es zur aktuellen Printausgabe in Gestalt von Michael Moores "Fahrenheit 451" umsonst mit dazu, informiert Lorenzo Soria und verrät, dass sich Moores nächster Streich "Sick" mit dem amerikanischen Gesundheitssystem befassen wird. Cesare Balbo kündigt die bitterböse Satire Team America - World Police an, deshalb vielversprechend, weil vom South-Park-Team produziert. Und Monica Maggi wird durch die Mailänder Erotikmesse angeregt, die respektabele Größe der einschlägigen Filmindustrie in Italien zu beschreiben.

Das exklusive Tagebuch der berühmten italienischen Exgeiseln im Irak, Simona Pari und Simona Torretta, ist eigentlich nur für Abonnenten zugänglich, mit einem kleinen Trick aber für alle zu lesen. Auf der Artikelseite einfach die Druckversion anklicken.

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - Espresso

Italienische Leser wie Schriftsteller haben in jüngster Zeit Gefallen an schnellgeschriebenen wie schnellgelesenen Detektivromanen gefunden, wundert sich Tatiana Bettini. "Kulturell und geschichtlich hat sich Italien nie für diese Art von Literatur interessiert, wie alle Länder des Mittelmeers, wahrscheinlich mehr ein klimatisches als ein sozio-kulturelles Problem. Es schien unmöglich, die Spur vom Verbrechen bis zur Lösung des Falls nicht vor dem Hintergrund der gotischen und nebligen Atmosphäre Nordeuropas auszulegen."

Terroristen, Bombenbastler, Rebellen, Gotteskrieger, Schmuggler, Hacker und die Mafia: alles weltweit organisierte Termiten, die das Fundament unserer globalen Gesellschaft bedrohen, warnt Moses Naim im Kommentar. Leider habe die Politik immer noch nicht verstanden, dass die größte Gefahr heute von relativ kleinen Gruppen ausgeht: "Die amerikanischen Wahlkampfdebatten haben bestätigt, dass - so viel die Kandidaten auch vom Terrorismus reden mögen - immer noch die Nationalstaaten als Hauptakteure betrachtet werden. Zu erkennen, dass das Weiße Haus ein Termitenproblem hat, wäre bei der Suche nach einer Lösung sicher hilfreich."

Während der Papst immer schwächer wird, gewinnen die grauen Eminenzen an Macht, weiß Sandro Magister und stellt die Großen Vier im Vatikan vor: Julian Herranz Casado, Mitglied von Opus Dei, Angelo Sodano, der Staatssekretär, Stanislaw Dziwisz, der Privatsekretär und natürlich Joseph Ratzinger, oberster Hüter des rechten Glaubens.

Die ehemalige Sozialministerin Livia Turco fordert im Gespräch mit Marco Lillo eine offenere Einwanderungspolitik: Die Haltung Berlusconis "verletzt internationales Recht". Als Unterstützung für die beigelegte CD fragt Stefania Rossini die schon etwas ergraute Sängerlegende Claudio Baglioni im Interview, wie er seine Depressionen ohne Psychotherapeut überwunden hat. Der Komiker Alessandro Bergonzoni interviewt sich selbst. "Gibt es in meinem neuen neuen Stück einen Moment, den ich besonders liebe und der mir neue Möglichkeiten, neue Horizonte zwischen Mandeln und Hypothalamus eröffnet?" "Gute Frage!"

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - Espresso

In einer langen Titelgeschichte erhebt die Autorin Naomi Klein schwere Vorwürfe gegen Madeleine Albright und vor allem James Baker, der seine Position als Sonderbeauftragter im Irak dazu benutzen soll, der Carlyle Group, der er geschäftlich verbunden ist, ein Geschäft zuzuschanzen. "Eine schnelle Lösung der irakischen Schuldensituation entspräche nicht den Interessen der Investmentgruppe: je länger sich die Verhandlungen hinziehen, desto mehr Zeit hat Carlyle, die zögerliche kuwaitische Regierung davon zu überzeugen, den Auftrag an sie zu vergeben. Würde die irakische Schuldenlast getilgt, wäre der Vertrag hinfällig. Bakers Position in dieser Angelegenheit kommt seinen Kollegen bei Carlyle sicher gelegen. Ob Baker dazu beiträgt, die irakische Schuldenkrise zu lösen, ist dagegegen weitaus weniger klar." Der Artikel erschien vor einer Woche in der amerikanischen Zeitschrift The Nation.

In seiner Bustina frönt Umberto Eco der politischen Philologie und dekliniert Begriffe wie Widerstand, Terrorismus oder Bürgerkrieg durch. "Die Tragödie im Irak ist nun, das hier von allem ein bisschen ist; es kann passieren, dass eine Gruppe Widerständler terroristische Methoden benutzt oder dass Terroristen, denen es nicht reicht, Ausländer zu jagen, sich wie Widerständler gebärden. Das kompliziert die Sache, aber sich einfach zu weigern, die technisch korrekten Termini zu benutzen, macht alles nur noch unübersichtlicher."

Ansonsten stellt Monica Maggi die Frankfurter Buchmesse vor, deren arabischer Schwerpunkt sie weniger, die zahlreichen Neuerscheinungen aus der "pikanten Literatur" sie aber umso mehr interessieren. Jacaranda Caracciolo Falck preist den neuen Restaurantführer des Espresso an, für den 15.000 Flaschen geöffnet und 2.000 Küchen getestet wurden. Aus Hollywood schwappt eine cineastische Sportwelle heran, erkennt schließlich Cesare Balbo.

Magazinrundschau vom 11.10.2004 - Espresso

Der spanische Regisseur Pedro Almodovar (hier eine nett präsentierte Werkschau) gibt nicht nur ein Interview zu seinem neuen Film "La Mala Educacion" (das sagen die Schweizer), sondern nutzt auch die Gelegenheit, seinen Lieblingsfeind zu attackieren. "Die spanische Kirche ist heute politischer denn je. Sie verlieren Macht: in der Schule, im Glauben, in der Gesellschaft. Sie sehen, wie sich Spanien in ein immer laizistischeres Land verwandelt, und das macht ihnen Angst. Sie sind extrem argwöhnisch gegenüber delikaten Themen, die ihnen schaden könnten. Die Kirchenführer haben eine waschechte politische Kampagne gegen die neue Regierung gestartet."

Hier hat Bush mit 537 Stimmen gewonnen, und auch dieses Jahr wird die Präsidentschaftswahl in Florida entschieden, glauben nicht nur die Wahlstrategen, sondern prophezeit auch Enrico Pedemonte in der Titelgeschichte. Denn "Florida ist eine Miniaturausgabe der amerikanischen Gesellschaft. Im Norden dominieren die Militärs rund um den Stützpunkt Jacksonville, und das erklärt, warum laut einer Umfrage jede fünfte Stimme im ganzen Staat von Veteranen kontrolliert wird. Die Mitte ist ein Fortsatz des Bibelgürtels: hier haben ein Jahr zuvor fundamentalistische Christen Bomben vor Abtreibungskliniken hochgehen lassen. Weiter im Süden begünstigt der hohe Anteil an Schwarzen und Haitianern die demokratische Partei, auch wenn die Kubaner mehrheitlich konservativ wählen."

Im Kommentar listet Al Gore noch einmal die "katastrophalen Ergebnisse" von Bushs Politik auf und hofft ansonsten, dass sich alte Sünden rächen und die Wähler nicht eingehaltene Versprechen entprechend quittieren. Ansonsten erklärt Monica Maggi die Unterwäsche zum Kunstobjekt, während Carlotta Mismetti Capua untersucht, warum Italien die Kinder ausgehen.

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - Espresso

Die Amerikaner müssen sich aus dem Irak zurückziehen, "ich sehe keine Alternative", sagt James Noyes, ehemaliger Vizeverteidigungsminister unter Richard Nixon und Gerald Ford und jetzt Analyst in der Hoover Institution. "Und wenn dann ein islamischer Staat wie der Iran herauskommt?", fragt Paolo Pontoniere. "Glauben Sie nicht, das wäre besser? Dann haben wir wenigstens einen Verhandlungspartner. Anstatt den Stock zu gebrauchen, können wir die Handelsbeziehungen und humanitäre Hilfe benutzen." Das Interview ist Teil eines Dossiers, in dem Enrico Pedemonte Analysten so verschiedener ThinkTanks wie Csis oder der Brookings Institution die Lage einschätzen lässt.

"Wir sind alle Veline", soll Umberto Eco einmal geschrieben haben. In einer ganzen Bustina wehrt er sich nun gegen diese Unterstellung. Veline sind die "seidigen", knapp bekleideten und meist stummen Helferinnen, die in keiner italienischen Fernsehshow mehr fehlen dürfen (im Internet hier und hier anscheinend auch nicht). "Ich gehöre zu einer Generation, die dazu erzogen worden ist, nicht daran zu glauben, was in den Zeitungen steht, die Todesanzeigen ausgenommen. Es ist wahr, dass wir nun in einer Diktatur leben, aber auch da glaube ich mir eine reservierte Haltung gegenüber allem, was ich lese, aufrechterhalten zu haben."

Großes Thema ist natürlich die Rückkehr der beiden italienischen Geiseln aus dem Irak. Denise Pardo erzählt die wunderreiche Geschichte noch einmal und hat exklusiv mit dem neuen italienischen Helden und Präsidenten des nationalen Roten Kreuzes, Maurizio Scelli, gesprochen.

Magazinrundschau vom 27.09.2004 - Espresso

Leo Sisti da Zarka sucht in Jordanien nach Spuren von Abu Mussab Al Zarqawi. Der nach Bin Laden meistgesuchte Terrorist der Erde hat dort seine Jugend verbracht. Viele Fakten gibt es nicht, mit siebzehn ist Zarqawi von der Schule abgegangen. "Zu dieser Zeit führte er ein zielloses Dasein in Zarka, eine Stadt mit 700.000 Einwohnern und hoher Kriminalitätsrate. Kleinere Verbrechen, Schlägereien mit Jungs aus dem Viertel, Alkohol. Außerdem eine Tätowierung auf dem Arm: eine Praktik, die im Islam streng verboten ist." Zarqawis Mutter war bis zu ihrem Tod übrigens davon überzeugt, ihr Sohn verkaufe Honig.

Giovanna Zucchoni warnt Italien vor der Welle an Prozac, Viagra & Co, die aus den USA herüberschwappt. Aus Günter Amendts Buch "No Drugs no future" hat sie aber auch erfahren, dass es ein Leben ohne Lifestyle-Drogen nicht mehr geben wird. "Die Lebensbedingungen in den reichen Gesellschaften des Nordens machen den Gebrauch psychoaktiver Substanzen unumgänglich. Ohne sie kann der Arbeit nicht mehr begegnet werden, und das Leben wird unerträglich."

Weitere Artikel: Die vordringliche Aufgabe des neuen Präsidenten der USA wird sein, den Antimamerikanismus zu reduzieren, schreibt Moses Naim, Herausgeber von Foreign Policy, in einem Meinungsbeitrag. Bisher habe es sich Washington sehr einfach gemacht: "Die Schreihälse werden ignoriert, die Mörder umgebracht." Im Kulturteil kündigt Cesare Balbo die "bisher reichhaltigste" Retrospektive zu Andy Warhol in Mailand an, und Monica Maggi entdeckt Bondage als Trend.

Magazinrundschau vom 20.09.2004 - Espresso

Einst als Genie gefeiert, jetzt seiner Meinung nach von aller Welt verfolgt, ausgewiesen und schließlich ausgeliefert. Die Geschichte des Bobby Fischer (Biografie und eine Reportage aus Atlantic Monthly) scheint auf ihr trauriges Ende zuzusteueren, prophezeit Pio Rossi in einem langen Porträt des Schachmeisters. "In kürzester Zeit hat er es geschafft, die ganze amerikanische Schachwelt zu beleidigen und sich zu Feinden zu machen, Jounralisten und Sponsoren inklusive. Bei jedem Turnier drohte er, nicht weiterzuspielen, wenn nicht die Prämie hochgesetzt würde. Ständig beschwerte er sich über den Geräuschpegel im Saal und die Beleuchtung. Er war der Schrecken aller Veranstalter."

Ganz verzückt schwärmt Umberto Eco von Peter Hopkirks Geschichte des "Großen Spiels" zwischen England und Russland, als die beiden Mächte im 19. Jahrhundert um Einfluss in Zentralasien rangen. Cesare Balbo informiert über Deborah Koons in den USA erfolgreich angelaufenen Dokumentarfilm "The future of food", in dem sie die multinationalen Biotechfirmen angreift. Im Titel legt Paolo Forcellini in der Diskussion um die künstliche Befruchtung noch einmal einen Scheit nach: Laut einer Umfrage des Espresso ist sogar eine Mehrheit der Katholiken dafür.

Magazinrundschau vom 13.09.2004 - Espresso

Lorenzo Soria erzählt ein wenig rund um den "Kaufmann von Venedig" (hier die Handlung zum Nachlesen), der vor zwei Wochen auf dem Filmfestival eben jener Stadt Premiere hatte. So erfahren wir, dass Regisseur Michael Radford am liebsten Marlon Brando in der Rolle des Shylock gesehen hätte. Der wollte aber nicht. "Er ließ uns wissen, dass die Sache ihn nicht interessiere. Er habe die Welt des Theaters als junger Mann verlassen und als alter Mann denke er nun gar nicht daran, wieder zurückzukehren. Allerdings schlug er einen Ersatz vor, er erinnerte sich an die Zeiten des 'Paten', als er Don Vito und ein anderer Schauspieler Michael Corleone spielte. 'Die einzige Person, die ich mir vorstellen könnte, und ich empfehle ihn mit Nachdruck, ist Al Pacino."

Der Wirtschaftswissenschaftler und New York Times-Kolumnist Paul Krugman (mehr) kommentiert den Parteitag der Republikaner, um schließlich schwere Geschütze aufzufahren. "Das alles zeigt auch, dass ein Großteil der Leute, die an dieser Versammlung teilgenommen haben, Amerika hassen, auch wenn sie die Nationalflagge schwenken. Das sind Leute, die eine monolithische, kontrollierte Gesellschaft wollen. Es sind Leute, die Angst haben, die die Freiheit, die Vielfältigkeit und die Komplexität unseres Landes verabscheuen."

Annalisa Piras nimmt eine Londoner Ausstellung zu Jimi Hendrix zum Anlass, noch einmal dessen Bedeutung für die Musikgeschichte herauszustreichen, den Londoner Club "The Marquee" (mehr) zu würdigen und den Hendrix-Spezialisten Carlo Verdone zu interviewen. Monica Maggi entdeckt eine Subkultur, die mittlerweile groß genug ist, um auch vom Espresso wahrgenommen zu werden: Frauen, die schwere Motorräder fahren.

Magazinrundschau vom 06.09.2004 - Espresso

Was passiert, wenn aus einem Buch ein Film wird, fragt sich der Semiotiker Umberto Eco (eine randvolle Seite mit Ecos Spuren im Netz finden sie hier). Zum einen wird dem Zuschauer die Interpretationsarbeit abgenommen, die der Leser ganz alleine leisten muss. Die Sache ist aber noch komplizierter, schreibt Eco in der Bustina: "Der Unterschied scheint mir darin zu liegen, dass der Leser eines Romans, der nicht denkt (nicht mitarbeitet) alles verliert, und etwa von der flaubertinischen Melancholie der Schiffe in 'L'education sentimetale' überhaupt nichts mitbekommt. Der Kinozuschauer dagegen, der nicht denkt, ist am Ende der Vorführung überzeugt, etwas mitgenommen zu haben, wenn auch nur den Eindruck, dass diese Person dass Meer befahren hat, und darüber hinaus vielleicht noch ein paar schöne Reiseimpressionen. Das Kino scheint eine populäre Kunst zu sein, in Wirklichkeit aber ist sie außerordentlich klassenbewusst (und darin liegt der kommerzielle Vorteil): es belohnt kognitiv den Zuschauer, der denkt, und tröstet auf jeden Fall denjenigen, der nicht denkt (aber trotzdem zahlt)."

Weiteres: Aus New York berichten Enrico Pedemonte und Andrea Visconti vom Parteitag der Republikaner und dem Flirt George Bushs mit der wahlentscheidenden Mitte. Im Titel wertet Maurizio Maggi eine Wirtschaftstudie des Espresso aus, nach der immer mehr Italiener Angst vorm Armsein haben und deshalb sparen, was das Zeug hält. Hört sich sehr deutsch an.