Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

320 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 32

Magazinrundschau vom 30.08.2004 - Espresso

Der Schriftsteller Andrzej Stasiuk träumt so eindrucksvoll von Kalabrien, dass man gleich die Koffer packen möchte. Der Süden Italiens erscheint ihm als besonders gelungene Inkarnation der Peripherie Europas, die ihn ja seit je anzieht. "Ich werde mit leichtem Gepäck reisen und die Ferienorte meiden wie die Pest. Im Sommer ähneln die Strände mittelalterlichen Höllenvisionen. Ich werde so etwa fünfzig italienische Worter lernen und mal sehen, wie man in dieser gegend per Anhalter weiterkommt. Ich werde einen Schlafsack dabei haben, unter freiem Himmel nächtigen und mir so die Herberge sparen. Sicher werde ich Angst vor den Taranteln haben, aber es wird Wein geben, um die Angst nach und nach zu verdünnen. Auf dem Land und in der Stadt werde ich den Schatten suchen. Ich weiß, dass man auf dem Marktplatz entlegener Dörfer den ganzen Tag zusammen im Schatten verbringen kann und das wichtiger sein kann als alle Museen in Rom und Florenz."

Weiteres: Gigi Riva unterhält sich für die Titelgeschichte mit dem italienischen Innenminister Giuseppe Pisanu, der beinahe lustvoll von der steigenden Terrorgefahr an allen Fronten berichtet. Eleonora Attolico freut sich auf das Kinofestival in der Kalsa, dem wunderschönen, einst arabischen Viertel der Altstadt Palermos. Monica Maggi besingt die erotische Komödie, eine italienische Besonderheit der Nachkriegsjahrzehnte, die derzeit späte intellektuelle Lorbeeren erntet: "Der Mechanismus, der den Erfolg dieser Produktionen ausmachte, war so simpel wie wirksam: man bringt das typische erotische Wunschbild des durchschnittlichen männlichen Italieners auf die Leinwand, ohne erhobenen moralischen Zeigefinger, dafür aber mit Gags, buntem Treiben und Unterhaltung."

Magazinrundschau vom 23.08.2004 - Espresso

"Endlich hat unsere journalistische Kultur ihren Kopf erhoben", kommentiert Umberto Eco süffisant und meint damit das allsommerliche feuilletonistische Gründeln in den schmierigen Untiefen der Intimsphären von Künstlern, Schriftstellern und Berühmtheiten. "Das wahre Problem aber, wie man aus einer stilspezifischen und strukturell-narrativen Analyse aller Liebesbriefe Calvinos ersehen könnte (ungefähr zehntausend noch nicht editierte Seiten), ist, ob Thomas Mann sich dem Beischlaf mit Tieren hingegeben hat."

Italien wird bald von der vierten Staffel "Grande fratello" heimgesucht, und Stefania Rossini steuert eine amüsante Reportage über die Kandidatensuche bei. "Den sardischen Schafhirten haben sie auch nicht wieder eingeladen, der für 'Grande fratello' zum zweiten Mal auf das Festland gereist ist. Das andere Mal hatte er ein Schiff genommen, um das Konzert am ersten Mai mitzuerleben, die einzige Spur einer Existenz, die sich sonst auf den Weiden oben in den Bergen bei Tula abspielt. Der gutaussehende Vierziger war mit großer Spannung erwartet worden an diesem Tag. In der Mischung aus Kulturen und Charakteren, die eine gelungene Ausgabe ausmachen, hatte man auf dieses Einsprengsel des archaischen Italien gehofft. Aber der Mann ist zu verschlossen und wortkarg. Auch eine fulminante Antwort konnte ihn nicht retten. 'An was denkst Du?' 'An nichts, wenn ich denke, wird es nur schlechter.'"

Im Titelpaket macht sich Edmondo Berselli Gedanken über das Medienereignis des leidenden Karol Wojtyla. Eleonora Attolico bewirbt eine Ausstellung mit Fotografien des deutschen Fotografen August Sander im Palazzo Caffarelli der Kapitolinischen Museen. Und Monica Maggi kolportiert die Aufregung um die Performance der koreanischen Künstlerin Shu Lea Cheang auf dem Festival von Kristiansand: Cheang forderte Besucher in einem durchsichtigen Zelt zum Sex auf.

Magazinrundschau vom 16.08.2004 - Espresso

Tahar Ben Jelloun erklärt in der Titelgeschichte die Institution des Hammam in Marokko. Im Dampfbad wird nicht nur der Körper und Freundschaften gepflegt, es fungiert auch als Gradmesser der eigenen Entwicklung. "Während es für die Mädchen kein Alterslimit gibt, kommt für die Jungen der Moment, in dem sie nicht mehr reindürfen. Ein schwieriger und entscheidender Moment, weil er die Grenze des Erwachsenseins markiert. Der junge Mann ist gegenüber dem weiblichen Koerper nicht mehr gleichgültig. Sein Blick verändert sich. Und damit es keine Probleme gibt, entscheidet die Wächterin des Hammam, ab wann der Junge die Mutter nicht mehr begleiten darf. Ab nun muss er sich zusammen mit dem Vater waschen. Dadurch begreift er, dass die Kindheit vorbei ist, aber er verliert das zweideutige Vergnügen, sich unter die badenden Frauen zu mischen."

Weiteres: Eugenio Scalfari blättert in einem Odysseus-Essay des Kritikers Benedetto Croce und entdeckt, dass hier Odysseus mehr ein abenteuerlustiger Kapitän als der Prototyp des modernen Menschen ist. Eleonore Attolico beobachtet, wie der New Yorker Fotograf Robert Mapplethorpe mit Ausstellungen in Berlin und Meran zum Klassiker wird. Moses Naim schlägt Bill Clinton als Chef der reformbedürftigen (und kritisierten) Weltbank vor, "auch wenn er durch ein Verfahren gewählt werden müsste, dass jeglicher Legitimität entbehrt".

Magazinrundschau vom 09.08.2004 - Espresso

Der Schriftsteller Andrea Camilleri, der mit seinem Kommissar Montalbano im fortgeschrittenen Alter große Erfolge feiert, spricht in einem schönen Interview mit Stefania Rossini über zehn Millionen verkaufte Exemplare mit der Lässigkeit des Erfahrenen. "Ich fühle mich wie ein Straßensänger der mit dem Teller herumgeht und entdeckt, dass ein Haufen Leute zugehört haben. Aber wollen Sie wissen, was mir das Schreiben wirklich gebracht hat? Eine Wiederentdeckung des Lebens, aber disziplinierter. Zum Beispiel habe ich ab dem Moment, in dem ich entdeckt habe, dass ich mit Disziplin und Kontinuität schreiben kann, keinen Tropfen Whiskey mehr angerührt. Bis vor ein paar Jahren habe ich vormittags noch nüchtern eine Flasche getrunken. Ich mache keine Witze, eine ganze Flasche." 

"Die Regel zu finden, mit der man die Reihenfolge der Primzahlen vorhersagen kann, ist der einzige Weg, um nicht unbedingt die Existenx aber zumindest die Möglichkeit der Existenz Gottes zu beweisen", schlussfolgert Umberto Eco, nachdem er uns nachdrücklich ein Buch über dieses große Rätsel der Mathematik als Sommerlektüre empfohlen hat.

Monica Maggi freut sich auf Kunstausstellungen von Schiele, Mapplethorpe und Warhol, denen sie, wie soll's auch anders sein, einen erotischen Aspekt abgewinnt. Maggi stellt auch einen merkwürdigen Sommerworkshop vor, in dem Italiens Besserverdienende putzen und kochen lernen - mit professioneller Unterstützung. Im Auslandsteil examiniert Enrico Pedemonte die beiden Johns - Kerry und Edwards - noch einmal wohlwollend, bevor der Endspurt der Präsidentenwahl beginnt.

Magazinrundschau vom 02.08.2004 - Espresso

Michael Moore antwortet im Interview auf die Frage, ober er mit seinem Film Wahlkampf für John Kerry mache: "Kerry ist eine tapfere Person. Ich habe ihn immer schon wegen seines Engagements gegen den Vietnamkrieg bewundert. Aber ihm ist das gleiche passiert wie den anderen Demokraten: Er ist nervös und hat Angst. Darum hat er für den Krieg und den Patriot Act gestimmt. Wie kann er also heute einen Film verteidigen, der beweist, dass dies ein Irrtum war? Aber das kümmert mich nicht. Ich sage es ihm ganz ehrlich. Als ich angefangen habe, diesen Film zu machen, existierte Kerry noch nicht. Es ist kein Film gegen Bush und für Kerry. Er spricht über Wichtigeres: Unser Land, den Rest der Welt ..."

Magazinrundschau vom 26.07.2004 - Espresso

Stephen Hawking widerruft Teile seiner Theorie der schwarzen Löcher, und Umberto Eco ist begeistert. Nicht von den neuen Erkenntnissen - "ehrlich gesagt kann ich mir die schwarzen Löcher nur wie den Hecht in Yellow Submarine vorstellen, der alles verschlang, was sich in seiner Nähe befand, um schließlich sich selbst zu fressen" -, sondern von der von vornherein eingeplanten und sogar erwarteten Möglichkeit des Irrtums in der Wissenschaft. "Diese Art des Denkens ist jedwedem Fundamentalismus entgegengesetzt, jeder wörtlichen Auslegung der Heiligen Schriften, jeder dogmatischen Überzeugung von den eigenen Ideen."

Ansonsten grüßt das Sommerloch. Cesare Balbo kündigt an, dass das Tribeca Film Festival im Herbst eine Dependance in Mailand eröffnen wird. Monica Maggi wertet eine Erhebung zum Sexualverhalten ihrer Landsleute aus, die der Liebe im postmodernen Italien eine unsichere Zukunft voraussagt.

In der Titelgeschichte widmet sich Gianni Perelli den Olympischen Spielen in Athen. Nur im Print gibt es Mario Cuomos Gespräch mit dem ehemaligen Bürgermeister von New York Rudolph Giuliani, der erklärt, warum George Bush die Wahl verlieren wird.

Magazinrundschau vom 19.07.2004 - Espresso

1998 war er dank eines implantierten Chips der erste Cyborg der Welt, in spätestens zehn Jahren soll Silizium sein Gehirn unterstützen. Für dem publicitygewandten Kevin Warwick von der Universität Reading ist der Mensch verbesserungswürdig, wie er im Gespräch mit Francesca Tarissa feststellt. "Zum Beispiel sind wir nicht besonders gut in Mathematik. Wenn wir uns das Gedächtnis anschauen, mutet es im Vergleich zu einem Computer sehr dürftig an. Ganz zu schweigen von unseren kommunikativen Fähigkeiten: die sind einfach schrecklich. Ich persönlich kann es kaum erwarten, bis Hybride völlig normal sind, ja fast banal, und wir menschliche Wesen uns mit Anderen nur über die Gedanken verständigen können." Und wie schweigt man dann? Gianni Vattimo fürchtet im nachgeschalteten Kommentar außerdem, dass wir mit Mikrochips leichter zu steuern sind.

Der Chefredakteur von Foreign Policy, Moses Naim, liest der US-Regierung die Leviten: Unilateralismus, Präventivkrieg, Nation-Building: ein Scherbenhaufen. Die Demokratisierung: nur mehr ein leerer Slogan. Denn "ein demokratisches Regime in Pakistan, in Ägypten oder Saudi-Arabien, kontrolliert von frei gewählten islamischen Fundamentalisten, war noch nie das Ziel irgendeiner amerikanischen Regierung." Riccardo Bocca berichtet vom ungleichen Kampf eines patagonischen Ehepaars gegen die Familie Benetton, die ihre argentinischen Ländereien nicht mit den dort lebenden Menschen teilen will. "Wörter in Fahrt" nennt sich der Literaturwettbewerb für alle, der von den Verkehrsbetrieben Roms ausgerichtet und in Rom zur guten Tradition wird, wie Monica Maggi im durch die Sommersonne geschmolzenen Kulturteil notiert.

Magazinrundschau vom 12.07.2004 - Espresso

Das italienische Bildungsministerium fragt sich, ob die teuren Schulbücher nicht abgeschafft und durch Texte im Internet ersetzt werden könnten. Als Ergänzung durchaus, meint Umberto Eco, und erklärt, warum das Buch für die Erziehung unverzichtbar ist. "Es stimmt zwar, dass der Ministerpräsident einmal gesagt hat, er habe seit zwanzig Jahren keinen Roman mehr gelesen, aber die Schule soll einem ja auch nicht beibringen, wie man Ministerpräsident wird (zumindest nicht so einer)."

Zehn Jahre nachdem der Tangentopli-Skandal (mehr) die Stadt erschüttert hat, erlebt die Schöne im Norden als New Mailand eine Renaissance, schwärmen Enrico Arosio und Claudio Lindner in ihrer Titelhymne. Neue Messe, neue Scala, die "Stadt der Mode" (mehr), hinzu kommt eine kulturelle Aufrüstung im großen Stil: "Die Lust an Entwicklung und Expansion ist zurück."

Im Gespräch mit Gigi Riva versucht der ehemalige oberste UNO-Waffeninspekteur im Irak Hans Blix das Ende der Inspektionen zu kritisieren, ohne die amerikanische Regierung zu hart anzugehen. Michele Serra stichelt über den Cavaliere, der wohl bald mit einem Kopfputz aus Papageienfedern als Inkakönig regieren wird. Monica Maggi plaudert ganz fasziniert von Untreue verhindernden High-Tech-Slips.

Nur im Print gibt es ein Gespräch mit dem schillernden Ahmed Chalabi, der Märchen von Massenvernichtungswaffen erzählte und der den einen deshalb nun als amerikanischer, den anderen als iranischer Spion gilt.

Magazinrundschau vom 05.07.2004 - Espresso

Tahar Ben Jelloun (mehr) träumt von einem Nordafrika, das Europa von unten wärmt. Früher oder später wird es dazu kommen, meint er. "Man könnte sich neue Verbindungen zwischen dem Norden und dem Süden vorstellen, der eine unterbevölkert und entwickelt, der andere überbevölkert und nicht so sehr entwickelt. Zwischen diesen beiden Seiten des Mittelmeers gibt es größere und stimulierendere Ähnlichkeiten als zwischen dem Norden und dem Osten Europas." Zumindest wäre dann Sizilien nicht mehr die Vorhut Afrikas in Europa.

Der Titel ist dem Land der aufgehenden Sonne gewidmet. Gianni Perelli beschreibt noch einmal die Umwälzungen, denen China gerade unterworfen ist, erfährt, warum eine Partei für ein Land völlig ausreicht (schade, dass Berlusconi den Espresso nicht liest), stellt überaus zukunftsträchtige Zukunftsschmieden vor und unterhält sich mit dem Phänomen Chen Yifei, einst gefeierter Mao-Maler, dann westlicher Künstlerstar und jetzt Chinas aufstrebender Modemogul, der keine Finanzierungsprobleme kennt. "Ich muss nur ein Bild malen, dann kann ich meinen Angestellten wieder einen Monat lang ihr Gehalt zahlen."

Weitere Artikel: Die riesenhaften SUVs sind auch im Land des Fiat 500 auf dem Vormarsch, berichtet Davide Vecchi, und erfährt von einem Soziologieprofessor, wen SUV-Liebhaber wählen: Natürlich Alleanza Nationale oder Forza Italia. Paolo Forcellino wettert über die neue Führerscheinregelung, die seit Anfang Juli viele jugendliche Rollerfahrer in die Illegalität treibt: In Neapel - natürlich in Neapel - fahren angeblich 40 Prozent ohne das entsprechende Patentino. Italien, das Land der Heiligen, Seefahrer und der Erfinder, schwärmt Monica Maggi, die einige der 8.000 Patente des vergangenen Jahres vorstellt: Schön finden wir die selbstzündende Zigarette. Cesare Balbo sympathisiert mit Morgan Spurlock, der Dokumentarfilmer, der sich einen Monat lang nur von Fast Food ernährt hat.

Magazinrundschau vom 28.06.2004 - Espresso

Mit einem Doppelschlag rettet Umberto Eco den Espresso vor der Nichtbeachtung: Wir lesen einen Auszug aus seinem neuen Roman "La misteriosa fiamma della regina Loana". Darin versucht der Held sein amnesieversunkenes Leben wiederzufinden, indem er etwa seine alten Comics liest. "Wie ich unter anderem schon in anderen Comics gesehen habe, sind es die Femme fatales, die die jeweiligen Bösewichte (wie Ming mit Dale Argent) niemals besitzen, verletzen, ihrem Harem einverleiben oder sich lustvoll mit ihnen vereinen wollen. Sie wollen sie immer heiraten. Protestantische Heuchelei der amerikanischen Originale oder Exzesse der Schamhaftigkeit, die eine katholische Regierung, die eine demographische Schlacht schlägt, den italienischen Übersetzern aufgebrummt hat?"

In seine Bustina liest Eco ein antike Ratschläge für Politiker und staunt, wie sehr die Empfehlungen Quintus Tullius Ciceros an seinen Bruder Markus Tullius dem Medienzaren Berlusconi auf den Leib geschrieben sind. "Der Kandidat muss laut Quintus immer faszinierend 'erscheinen', Geschenke verteilen, Versprechungen machen, zu niemandem Nein sagen, denn das Gedächtnis der Wähler ist kurz, und wenig später haben sie die früheren Versprechen vergessen."

Weitere Artikel: Marco Lillo polemisiert über den galaktischen Bluff mit dem terrestrischen Digital TV. Ansonsten regiert die Politik: Im Netz sind vier kurze Videos abzurufen, die unmittelbar nach dem Anschlag auf die Basis der italienischen Soldaten im irakischen Nassiriya im November 2003 aufgenommen wurden. Einer der Filme, die dem Espresso zugespielt wurden, zeigt auch das überfüllte, von den Italienern betriebene Gefängnis. Außerdem liegt dem Heft eine CD mit Fotos, Interviews und Filmen von Bin Laden bei, Gianni Perelli erzählt dazu etwas (wenig Neues) über den Terrorscheich.
Stichwörter: Eco, Umberto, Heirat, Exzess, Cicero