Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

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Magazinrundschau vom 11.11.2014 - The Atlantic

In den USA erlebt die Bezeichnung "Weird Fiction" gerade eine beachtliche Renaissance. Sie beschreibt ein in jeder Hinsicht uneinheitliches literarisches Feld, das Elemente von Horror, moderner Literatur, Surrealismus und Phantastik enthält und dessen Autoren - von Georg Heym bis Haruki Murakami - sich sowohl aus dem Pulp, als auch aus der anerkannten Literatur rekrutieren. Zu verdanken ist das nicht zuletzt der langjährigen Herausgeber-Tätigkeit des Schriftstellers Jeff Vandermeer, der mit Anthologien (wie etwa dieser hier) und einem Webmagazin als prominentester Fürsprecher der "Weird Fiction" reüssiert. In einem Essay für Atlantic umkreist er die Faszinationskraft der "sonderbaren Literatur" und wie sie dem Mensch und seinem Selbstverständnis dienen kann: "Wir glauben gerne, dass wir unser Universum verstehen. "Weird Fiction" glaubt das nicht und zeigt uns mit ihrer Distanz und Universalität, wie man mit dieser Erkenntnis umgehen kann. Es liegen so viele Widersprüche in dem, was heute ein menschliches Wesen ausmacht - eingebettet in eine Kultur der modernen Technologie und des "Fortschritts", die immer noch primitiv ist, vergleicht man sie etwa mit der Art, wie Pflanzen Quantenmechanik während der Photosynthese benutzen. In diesem Moment, der eine Frühphase unseres Verständnisses von der Welt darstellt, ist es kathartisch, Geschichten aufzuspüren und zu erzählen, die nicht versuchen, die unlogische, widersprüchliche und oft instinktive Art, in der Menschen die Welt wahrnehmen, glatt zu bügeln und diese Elemente statt dessen nutzen um uns zu zeigen, wie wir wirklich sind. Widerspenstig. Unbeherrscht. Abergläubisch. Absurd. Subjekt tausender destabilisierender Ängste und Hoffnungen."

Magazinrundschau vom 16.09.2014 - The Atlantic

In Afghanistan gibt es Familien, in denen eins der Mädchen als Junge aufwächst: Sie kann mit den Jungs zur Schule gehen oder als Aushilfe arbeiten, bis sie in die Pubertät kommt. Dann muss sie sich allerdings wieder in ein Mädchen verwandeln, erzählt Jenny Nordberg in einer Reportage. Die Gründe für diese Verwandlung sind unterschiedlich, aber sie kommen in reichen und armen Familien vor. Das kleine Mädchen Mahnoush zum Beispiel wurde mit sieben zu Mehran: "Mehran scheint sich gut an seine neue Rolle gewöhnt zu haben. Sie nimmt jede Gelegenheit waren, den Menschen um sie herum mitzuteilen, dass sie ein Junge ist. Sie weigert sich zu nähen oder mit Puppen zu spielen. Lieber fährt sie Rad, spielt Fußball oder rennt. Die Lehrer spielen alle mit und helfen ihr, in der Schule ihr Geheimnis zu wahren, indem sie sie ihre Kleider wenn nötig in einem separaten Raum wechseln lassen. "Also ist das alles normal für Sie? Ganz gewöhnlich", frage ich die Lehrerin Miss Momand. "Das vielleicht nicht gerade, aber es ist auch kein Problem.""

Magazinrundschau vom 01.07.2014 - The Atlantic

In The Atlantic skizziert der afghanische Journalist Mujib Mashal das Erbe, das Präsident Hamid Karzai seinem Nachfolger hinterlässt. Karzai hat viele verfeindete Gruppen versöhnt und die Gesellschaft auf den Weg der Modernisierung geschoben. Das Problem dabei ist, so Mashal: Seine Politik beruhte fast vollständig auf persönlichen Beziehungen. Stabile Institutionen hat er nicht aufgebaut: "Meine Altersgenossen - ausgebildete Städter, die mit der Welt verbunden sind und Meinungsfreiheit genießen - empfinden eine wachsende Nostalgie für Karzai. Er wird als Mann mit großer persönlicher Würde eingeschätzt, der trotz seiner Fehler alles versucht hat, das Blutvergießen zu verringern, in das meine Generation hineingeboren wurde. Unser Afghanistan ist geformt von den Prinzipien, die Karzai als wesentlich und unverhandelbar ansah. Aber wegen seines Führungsstils erscheinen diese Fortschritte jetzt gefährdet. Unter Karzai konnte eine relativ freie Presse aufblühen, aber immer wenn sie bedroht wurde, wurden diese Angriffe nicht von den Institutionen abgewehrt oder neuen Gesetzen, sondern vom Präsidenten selbst. Dasselbe kann man für Frauenrechte sagten, die enorm verbessert wurden, aber ohne den Schutz institutioneller Wächter blieben."

Magazinrundschau vom 07.03.2014 - The Atlantic

Alexis C. Madrigal hat für eine großartige Geschichte (die ausgedruckt gut 30 Seiten umfasst) das gesamte Wasserversorgungssystem des Staates Kalifornien inspiziert. Dort herrscht bekanntlich seit Jahren große Trockenheit. Wo das Land nicht bewässert wird, wächst keine Pflanze mehr. Unter anderem besucht Madrigal das winzige Städtchen Hood, unweit des Sacramento-Deltas, wo der Gouverneur zwei gigantische unterirdische Wasserpipelines bauen will, die länger wären als der Tunnel unter dem Ärmelkanal. Die Einwohner sind begreiflicherweise ein bisschen skeptisch: "Das Delta, so fürchten sie, könnte austrocknen wie das Owens Valley, das einst einen Hundertquadratmeilen-See besaß: Aber Los Angeles schlürfte ihn aus wie ein kaltes Bier an einem heißen Tag. "Chinatown" handelte von dieser Schlacht, und die Bewohner des Deltas möchten nicht durch eine Fortsetzung dieses Films unsterblich gemacht werden. Allerdings würde aus diesem Ort keine Staubschüssel wie aus dem Owens Valley, sondern eher eine Salzwassergegend. Nach Inbetriebnahme der Tunnel würde Süßwasser aus den Wasserwegen des Deltas verschwinden, und Salzwasser aus der Bucht von San Francisco würde nachdrängen."

Im März-Heft untersucht Caitlin Flanagan den desaströsen Einfluss von Bruderschaften reicher Studenten auf amerikanische Universitäten. Der kanadische Autor Chris Koentges reist nach Turku, um den den siebzigjährigen finnischen Eishockeytrainer Urpo Ylönen zu besuchen, der gerade den Sport mit einem revolutionären Torhütertraining transformiert (mit der Folge, dass finnische Eishockeyspieler die kanadischen verdrängen). Und Claire Dederer erklärt in einem sehr persönlichen Text, warum es für Frauen so schwer ist, über Sex zu schreiben.

Magazinrundschau vom 07.02.2014 - The Atlantic

Auch bei uns ist er zurück: der Männerbart. Sogar in seiner wilhelminischen Form schmückt er derzeit diverse Models, die für schicke Label fotografiert werden. In The Atlantic erzählt Sean Trainor eine kleine Kulturgeschichte des Männerbarts seit dem 18. Jahrhundert. "Wie unzählig andere Geschichten ist auch diese voller Widersprüche. Sie beginnt mit weißen Amerikanern, die zur Zeit der Revolution Rasieren als eine Angelegenheit von "Minderwertigen" betrachteten. Sie geht weiter mit schwarzen Unternehmern, die es in eine Quelle von Reichtum und Prestige verwandelten. Und sie schließt mit der Anerkennung des Bartes - einer aus der Verzweiflung geborenen Mode, die sich in ein Symbol männlicher Autorität und weißer Überlegenheit verwandelte."
Stichwörter: Models, Schmuck, Model

Magazinrundschau vom 07.01.2014 - The Atlantic

Eine spannende, hervorragend aufgedröselte Recherche von Alexis C. Madrigal: Der hat sich mit einem Script einen Überblick über die "Micro-Genres" verschafft, anhand derer der Video-on-Demand-Anbieter Netflix sein Filmangebot auf denkbar feingliedrige Weise kategorisiert. Satte 76897 solcher "Mirco-Genres" hat er dabei ausfindig gemacht, die von "Japanese Sports Movies" über "Cult Evil Kid Horror Movies" bis zu "Critically-Acclaimed Emotional Underdog Movies" reichen und in einem cleveren Attributierungsverfahren genutzt werden und dabei auch auf den Kunden zugeschnitten sind. Hinter diesem System steckt die "Netflix-Quantentheorie", wie er sich von Netflix-Geschäftsführer Todd Yellin erklären lässt: "Obwohl er von unserer Nerdiness beindruckt ist, erklärt er uns geduldig, dass wir gerade einmal ein einzelnes Endprodukt der gesamten Netflix-Dateninfrastruktur aufgeschüttelt haben. Es befinden sich noch soviel mehr Daten und noch sehr viel mehr Intelligenz in dem System, das wir aufgedeckt haben. ... Was Netflix so herausragend macht, ist die Tatsache, dass die beschreibende Einschätzung der Filme in den Vordergrund rückt. Es ist nicht nur so, dass Netflix einem Dinge zeigen kann, die einem gefallen könnten, sondern auch, dass es einem sagen kann, um was für Dinge es sich dabei handelt. Auf eine sehr sonderbare Weise handelt sich dabei um ein Werkzeug der Introspektion."

Außerdem porträtiert Taylor Clark Jesse Wilms, der mit diversen dubiosen Geschätfsmodellen im Netz diverse Vermögen ergaunert und verloren hat. Und Christopher Dorr fragt sich, warum die Werke eines so herausragenden amerikanischen Krimiautors wie Elmore Leonard meist so schlechte Verfilmungen nach sich ziehen.

Magazinrundschau vom 16.12.2013 - The Atlantic

Warum nennt man ausführliche Reportagen und umfassende journalistische Beiträge seit neuestem "Long-Form"-Journalismus, fragt sich ärgerlich James Bennet, während die an Umfang vergleichbare Kurzgeschichte ganz im Gegenteil ihre eigene Kürze herausstellt? "Ich denke, dieser taxonomische Irrweg ist ein Anzeichen für den sich fortsetzenden kommerziellen Umbruch und das wacklige Selbstvertrauen, er mag an beidem vielleicht sogar beteiligt sein. Die Geschichte des Übergangs von einer Industrie, die in der Erinnerung so überschwänglich und ambitioniert war, dass sie aus eigener Kraft verkünden konnte, einen 'New Journalism' zu erfinden, hin zu einer Industrie, die mit geballten Fäusten etwas zu bewahren versucht, das sich 'Long-Form Journalism' nennt, klingt nicht gerade nach einer Long-Form-Geschichte mit Happy End. 'New Journalism', das ist ein aufregendes Versprechen an eine größere Welt. 'Long-Form' klingt wie die murmelnde Beschwörung einer Priesterschaft, die im Vergehen begriffen ist." Sein Alternativvorschlag? "Magazine Journalism." Dagegen haben wir nichts einzuwenden.
Stichwörter: Faust, Umbruch, Priesterschaft

Magazinrundschau vom 26.11.2013 - The Atlantic

In einem riesigen Report untersucht Don Peck die Mechanismen der Arbeitswelt. Aller psychologisch unterfütterten Personalpolitik zum Trotz herrsche noch immer eine Regel: Große Männer und schöne Frauen werden leichter eingestellt und schneller befördert, wer kompetent aussieht, wird besser bezahlt. Jetzt dienen sich Firmen wie Knack als Lösung und preisen Big Data als Lösung, beziehungsweise ihre Computerspiele: "Diese Spiele sind nicht zum Spaß da: Sie wurden von einer Gruppe von Neurologen, Psychologen und Datenspezialisten entwickelt, um das menschliche Potenzial zu erkunden. Wer nur 20 Minuten spielt, erklärt Knack-Gründer Guy Halfteck, generiert mehrere Megabyte Daten, exponentiell mehr als alles, was Aufnahmeprüfungen oder Bewerbungstests herausfinden. Wie lange man zögert, bevor man handelt, die Vielzahl der Handlungen, die Art der Problemlösung - all diese Faktoren und noch viel mehr werden beim Spielen gespeichert und dann genutzt, um Kreativität und Ausdauer zu ermitteln, soziale Intelligenz und Persönlichkeit, die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen oder Prioritäten zu setzen. Das Ergebnis ist laut Halfteck ein hochauflösenden Porträt unserer Psyche und unseres Intellekts, ein Test für unsere Anlagen als Führungspersönlichkeit und Innovator."

Der kanadische Theoretiker und Politiker Michael Ignatieff bricht eine Lanze für Machiavellis politisches Traktat "Der Fürst", das seit seinem Erscheinen vor fünfhundert Jahren ein anhaltender Skandal ist: "Machiavelli glaubte nicht, dass sich Politiker grämen sollten, wenn sie sich die Hände schmutzig gemacht haben. Seiner Meinung nach verdienten sie kein Lob für moralische Skrupel oder Gewissensbisse. Er hätte es mit den Sopranos gehalten: Manchmal tut man, was man tun muss. Aber 'Der Fürst' hätte nicht solange überlebt, wenn es nur eine Apologie des Gangstertums wäre. Bei Gangstern ist unnötige Grausamkeit effizient, während sie in der Politik, das verstand Machivelli sehr gut, schlimmer ist als ein Verbrechen. Nämlich ein Fehler."

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - The Atlantic

Macht Google uns dumm, fragte Nicholas Carr vor fünf Jahren und stieß damit eine weitreichende Debatte an. Die nächste Marke auf dem Weg zum Untergang des Abendlandes erblickt er jetzt in der umfassenden Automatisierung von Arbeitsabläufen, die aus einst kompetenten Handarbeitern Datenverwalter und Bildschirmarbeiter macht, denen zusehends die Welt und die Befähigung zum aktiv planenden Handeln abhanden kommt. Was sie noch überflüssiger macht. "Wenn die Fähigkeiten der Computer sich so rasant verbessern und wenn im Vergleich dazu die Leute langsam, tappsig und anfällig für Fehler wirken, warum sollte man dann nicht makellose, unabhängige Systeme bauen, die fehlerfrei arbeiten, ganz ohne Überwachung oder Eingriff eines Menschen? Warum sollte man nicht den menschlichen Faktor aus der Gleichung nehmen? ... Die Medizin für unzulängliche Automatisierung heißt totale Automatisierung. Die Idee ist verführerisch, doch keine Maschine ist unfehlbar. Früher oder später wird selbst noch die avancierteste Technologie zusammenbrechen", und dann wird niemand mehr wissen, wie man eine Raumstation mit Alupapier aus der Zigarettenschachtel und Spucke zusammenhält.

Außerdem: James Somers unterhält sich mit Douglas Hofstadter, Physiker, Informatiker und Kognitionswissenschaftler, über die Forschung zur Künstlichen Intelligenz.

Magazinrundschau vom 01.10.2013 - The Atlantic

Nach zwei Drogentoten beim großen New Yorker Electric Zoo Festival herrscht Katerstimmung in der seit 2008 in den USA boomenden Electronic-Dance-Music-Festivalszene, berichtet P. Nash Jenkins, der sich für seine Reportage auf eine lange Spurensuche begibt, ob das, was zu Beginn als neuerlicher Sommer der Liebe und Woodstock-Renaissance apostrophiert wurde, nach seiner Kommerzialisierung und Industrialisierung überhaupt noch dem ursprünglichen Spirit entspricht. Dabei stellt er fest, dass nicht das dort offenbar zuhauf eingeworfene Ecstasy, bzw. MDMA, die eigentliche Gefahr darstellt, sondern das Setting, in dem es genommen wird, bis hin zur allgemeinen Ahnungslosigkeit, was diese Droge betrifft. Ein medizinischer Drogenexperte bestätigt ihm, dass die Gefahr einer Droge umso größer wird, je tiefer man sie in den Untergrund verbannt: "Er unterstreicht zwei zentrale Schwächen im Feldzug gegen MDMA: Dessen 'Finger weg'-Botschaft (die, wie er sagt, 'an jenem Publikum vorbeizielt, das es auf jeden Fall nehmen wird') und den Mangel an öffentlichen Informationen über die wahre Beschaffenheit einer Droge - eine Folge ihrer Kriminalisierung. 'Nimmt man 20 Schmerztabletten auf einmal, schädigt man damit seine Leber. Doch die meisten lesen den Beipackzettel", sagt er. 'Bei MDMA denkt sich ein Kid einfach, oh, eine ist toll, sechs sind noch toller und warum sniefen wir das Zeug nicht einfach.' ... Das Risiko besteht nicht in der Droge, sondern in der Party. Man stelle sich sich selbst vor, zum Bersten gefüllt mit nach Außen drängender Energie. Wird Musik gespielt, tanzt Du wie Hölle. Man stelle sich vor, wie das Noradrenalin das Herz rasen lässt und das Wasser, das der Körper zum Überleben braucht, sich aus allen Poren als Schweiß ergießt. ... Man wird wahrscheinlich beim Tanzen sterben."