Magazinrundschau

Monophonisch

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.10.2015. msnbc und Atavist erzählen Heldengeschichten von Ärzten. Der Guardian versucht, in Karatschi Wasser zu kaufen. In Novinky ist Regisseur Petr Zelenka froh, dass Milos Forman und Vaclav Havel keinen Film über das Münchner Abkommen gemacht haben.  Hector Abad wirft in El Espectador VW sein Auto vor die Füße. Der New Yorker isst gesundes Fast Food. Music & Literature reist zum Festival für Neue Musik ins tschechische Ostrava.

Atavist (USA), 27.10.2015

James Verini hat den amerikanischen Arzt Tom Catena im Sudan besucht. Catena, ausgebildeter Chirurg, leitet seit 2008 das Mother of Mercy Hospital in den Nuba-Bergen. Es ist das einzige Krankenhaus im Umkreis von 3.000 Quadratkilometern, obwohl die Kämpfe zwischen Nuba und den arabisch-islamistischen Kämpfern des Präsidenten Omar al-Bashir sich intensiviert haben. Verinis Reportage ist ein bisschen eine Heiligengeschichte, aber man erfährt einiges über den Konflikt im Sudan wie das Leiden der Zivilbevölkerung, und der Mann selbst füllt seine Rolle offenbar wunderbar aus: "Im Innern der Klinik lassen ein Untersuchungstisch, ein Schreibtisch, auf dem sich veraltete Medizinzeitschriften stapeln, und ein hölzernes Kruzifix kaum genug Platz zum Stehen. Catena trug eine Brille mit Bronzegestell und großen Gläsern, OP-Hosen und grüne Crocs. Mit 51 Jahren besitzt er ein Paar Hosen, die keine OP-Hosen sind. Er zieht sie einmal im Jahr an, wenn er das Krankenhaus für einen Besuch in den USA verlässt. Nachdem er vor sieben Jahren nach Nuba gezogen war, begriff er, dass er keine Socken zu tragen brauchte. Das, vertraute er mir an, war "ein unglaublicher Moment der Klarheit". Die NYT erklärt, wie man seinem Krankenhaus eine Spende zukommen lassen kann.
Archiv: Atavist
Stichwörter: Sudan, Nuba, Tom Catena, Mother!

Nepszabadsag (Ungarn), 24.10.2015

Der aus Siebenbürgen stammende Dichter und Schriftsteller Béla Markó, der jahrzehntelang für die ungarische Minderheitenpartei RMDSZ im rumänischen Parlament saß, beklagt das Fehlen einer vereinigenden Erinnerung an die ungarische Revolution von 1956. Nach der Niederschlagung durch die sowjetische Armee kam es in zahlreichen Fällen auch zu Repressalien gegenüber der ungarischen Minderheit in den benachbarten Ländern. Zugleich begann ein Ringen um die Deutungshoheit der Ereignisse, das nach Markó bis zum heutigen Tag anhält: "Nach der Niederschlagung begann auch in Siebenbürgen die Zeit der Vergeltung, Todesurteile, schwere Gefängnisstrafen für etwas, das dort gar nicht passiert war: für die ungarische Revolution. Nicht für Gewehrschüsse, sondern für Kerzen auf dem Friedhof, für Rezitationen von Gedichten, für Reden bei Studentenversammlungen. Für die Worte. (...) Es gab nur ein 1956, doch es gibt so viele Erinnerungsveranstaltungen, wie Parteien, und damit auch ebenso viele erbärmliche Versuche Freiheit zu vereinnahmen. An jeder Straßenecke gibt es eine andere Freiheit, doch eine gemeinsame scheint es nicht zu geben, wie es auch eine gemeinsam auslegbare Demokratie nicht zu geben scheint"
Archiv: Nepszabadsag

Guardian (UK), 24.10.2015

Mit 23 Millionen Einwohnern ist Karatschi eine der größten Städte der Welt und eine der gewalttätigsten, erzählt Samira Shackle in einer langen Reportage. 2013 wurde 2700 Menschen ermordet, mehr als in jeder anderen Stadt der Welt: "Nicht nur durch die hohe Kriminalitätsrate ragt Karatschi heraus, sondern auch die Verbindung des Verbrechen mit den höchsten Rängen der Politik: Gangster kandidideren fürs Parlament, Politiker sanktionieren Straßenmorde. Karatschis Syndikate beschränken sich nicht auf Slums. Das Erpressungsgewerbe bringt Milliarden von Rupien ein. Vor einigen jahren besuchte ich einen armen Distrikt im Osten der Stadt und traf einen jungen Politiker, der mir erklärte, dass die meisten Familien mindestens ein Drittel ihres Einkommes für Wasser aus Versorgungstanks ausgeben; die Wasser-Mafia zapft die Hauptleitungen an und verlangt unerhörte Preise, wenn sie das Wasser zurück an die Leute verkauft. Die Transport-Mafia hat wiederholt Versuche vereitelt, einen vernünftigen öffentlichen Nahverkehr aufzubauen. Die meisten Leute müssen an dem einen oder anderen Punktmit Geschäfte mit Kriminellen machen - um ein Haus zu kaufen, einen Laden zu eröffnen, fließend Wasser zu bekommen oder Bus zu fahren."

Will Self hat es immer noch nicht geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören, stattdessen nuckelt er ziemlich zwanghaft am Vaporisateur: "Deswegen nenne ich es die Hexentitte."

Besprochen werden unter anderem Robert Caros wiederaufgelegte Biografie "The Power Broker" des legendären New Yorker Stadtplaners Robert Moses und der neue Krimi "Career of Evil" von JK Rowling alias Robert Galbraith: "Wenn Georges Simenon ein schlichter, perfekter Küchenstuhl ist und Agatha Christie ein ordentlicher Schaukestuhl, dann ist Robert Galbraith ein riesiges, überladenes Sofa voller Hundehaare und etwas Unaussprechlichem hinter den Kissen", behauptet Christobel Kent.
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Archiv: Guardian

New York Review of Books (USA), 05.11.2015

Kein Wunder, dass junge Männer nur noch aus Syrien rauswollen, um nicht für einen Stellvertreterkrieg rekrutiert zu werden, der nur den Interessen anderer Mächte dient. Charles Glass ist seit einem Monat wieder im Land und erhebt schwere Vorwürfe auch gegen den Westen: "... Die CIA trainierte Rebellen in Jordanien und Türkei, Saudi-Arabien und Katar lieferten Waffen, die Türkei öffnete ihr Grenzen für Dschihadisten aus aller Welt, um Syrien zu verwüsten. Doch westliche Voraussagen über ein schnelles Ende des Regimes erwiesen sich bald als falsch. Die USA, Großbritannien, Frankreich, Saudi-Arabien, Katar, Türkei und Israel hielten daran fest, dass Assads strategische Allianz mit dem Iran all ihren Interessen schadete. Diese Mächte glauben, dass der Iran in seinem Expansionsdrang die Schiiten in Bahrain, Jemen und Libanon zum eigenen Vorteil benutzt, wie auch die alawitische Minderheit in Syrien, die seit langem mit den Schiiten verbunden ist. Diesen 'schiitischen Halbmond' wollten sie auf Syriens Schlachtfeldern untergehen lassen. Doch anstatt Irans Einfluss in Syrien zu begrenzen, haben sie ihn vervielfacht. Das syrische Militär, das einst eine unabhängig säkulare Streitmacht war, das im Iran und bei der Hisbollah auf Männer und Waffen rekrutierte, ist jetzt in seinem Überlebenskampf vom Iran strategisch abhängig, und wenn es ihn gewinnt, wird der Iran in einer stärkeren Position sein als jemals zuvor."

In den USA werden Primo Levis Werke neu herausgeben. Tim Parks schreibt sehr bewegend über Levis Kampf, mit seinem Schreiben über Auschwitz nicht nur wahrgenommen, sondern auch literarisch anerkannt zu werden. Denn für Aufbauendes gab Levi wenig her, schreibt Parks: "In ihrer Einleitung zu dieser dreibändigen Ausgabe bemerkt Toni Morrison, dass der 'Triumph der menschlichen Identität über die Pathologie der menschlichen Zerstörung durch jede Zeile in Levis Schreiben leuchtet'. Das sind erbauliche Worte, aber sie sind nicht wahr. Levi erzählt uns vielmehr, wie die menschliche Identität durch das unsagbar Böse korrumpiert und zerschmettert wurde; sein Werk ist so mächtig, weil es dieser Realität Rechnung trägt. 'Die Personen auf diesen Seiten sind keine Menschen', schreibt er; im Lager war alle, ob Folterer oder Gefolterter, 'paradoxerweise vereint in einer gemeinsamen inneren Trostlosigkeit'."

Außerdem ist ein bemerkenswertes Gespräch zwischen Präsident Barack Obama und der Autorin Marilynne Robinson zu lesen, in dem Obama Robinson davon abzubringen versucht den christlichen Einfluss auf die amerikanische Demokratie nur positiv zu sehen.

Espectador (Kolumbien), 23.10.2015

Héctor Abad verkauft seinen VW: "Ich habe zwei Jahre in Deutschland gelebt, und wenn mir etwas typisch für die neuen Deutschen schien, dann ihre Vertrauenswürdigkeit. Ein Betrug diesen Ausmaßes jedoch ruft Bestürzung und Ablehnung hervor. Weil VW unbedingt der größte Autoverkäufer der Welt werden wollte, hat der Konzern geglaubt, uns alle in Bezug auf eins der heikelsten Themen betrügen zu können: die für die menschliche Gesundheit wie auch für die Natur schädlichen Emissionen. Möglicherweise wird VW die Krise überstehen, ohne bankrott zu gehen, aber was geschehen ist, ist unverzeihlich. Vielleicht führt dieser Skandal ja das baldige Ende des Verbrennungsmotors herbei, vielleicht war es Zeit, dass wir uns in Bezug auf diese veraltete Form von Fahrzeugen nichts mehr vormachen - Deutschland, das Land der grünen Energie, muss eine ökologische Antwort mit weltweiter Wirkung auf diese Schande geben, die es im Herzen seiner Wirtschaft trifft, der Autoindustrie. Ich werde nun jedenfalls das Auto, das ich für das beste hielt, das ich je besessen habe, verkaufen. Jetzt schäme ich mich dafür, VW zu fahren."
Archiv: Espectador

Collectors Weekly (USA), 01.10.2015

In einem epischen Ritt durch die Geschichte, der einem nebenbei noch ein wenig die Funktionsweise von Synthesizern erklärt, erzählt Ben Marks, wie Dave Smith in den 70er Jahren an den Grundlagen für den Synthesizer arbeitete. Was heute als selbstverständlicher Bestandteil der Klangpalette von Pop und Techno gilt, war in den Pioniertagen noch eine schrecklich fummelige Angelegenheit: "Kurz gesagt, die Synthesizer des Jahres 1974 waren Mist. Gewiss, ihr Vintage-Appeal ist im Jahr 2015 beträchtlich, doch arbeiteten alle Synthesizer des Jahres 1974 monophonisch. Das bedeutet, sie konnten immer nur eine einzelne Note hervorbringen. Wenn man Wendy Carlos ist und es sich zur Aufgabe gemacht hat, auf dem Album 'Switched-On Bach' eine Komposition wie Johann Sebastian Bachs "Brandenburg Konzert No.3" unterzubringen, bereitete einem das enormes Kopfzerbrechen. Da ihr Moog monophonisch arbeitete, musste Carlos die Noten für alle neun Streichinstrumente des Konzerts - und auch den Cembalo-Teil - einzeln einspielen. Ja noch schlimmer: Carlos sah sich auch dazu gezwungen, jede einzelne Note in jedem Akkord jedes dieser Instrumente einzeln einzuspielen. Und als ob diese Beschränkung noch nicht nervig genug war, waren frühe Synthesizer, der Moog inklusive, berüchtigt schlecht darin, gestimmt zu bleiben. Was bedeutete, dass Carlos in Schüben arbeiten musste, die oft nicht länger als fünf Sekunden dauerten, bevor der Klang verfiel, den sie entdeckt hatte, indem sie den einen Regler in diese und den anderen Regler in jene Richtung bewegte. War ein sauberer Schub aufgenommen, wurde das Magnetband zurückgespult, synchronisiert und der nächste Schub in Echtzeit aufgenommen. Es war eine schmerzhafte Prozedur, die unzählige Takes beanspruchte." Hier das umso beeindruckendere Resultat:

Novinky.cz (Tschechien), 23.10.2015

Der Wort "Mnichov" (München) steht in der tschechischen Sprache immer noch für ein nationales Trauma, nämlich für das Münchner Abkommen von 1938, nach dem die Tschechen sich von den Westmächten im Stich gelassen und Hitlerdeutschland ausgeliefert sahen. Regisseur Petr Zelenka, in seinem Land für schön skurrile Filme bekannt, hat nun dieses Trauma in einem offenbar originellen Film verarbeitet, der soeben in Tschechien anlief: In "Ztraceni v Mnichově" (Verloren in München) sorgt ein 90-jähriger Papagei, der einst Édouard Daladier gehörte und dessen damalige Worte wiedergibt, im heutigen Prag für einen politischen Skandal. Auch Miloš Forman wollte offenbar einmal einen Film zum Thema "München" machen. Im Gespräch mit Zbyněk Vlasák erklärt Zelenka dazu: "Ich hatte die Möglichkeit, das Drehbuch zu lesen, das Forman gemeinsam mit Václav Havel vorbereitete. Es war völlig belastet von der tschechischen Vorstellung, die Franzosen müssten sich bei uns für das Münchner Abkommen entschuldigen. Es ist wohl gut, dass sie das nicht gedreht haben. Es wäre historisch unrichtig und ganz dem Mythos der 'Münchner Tragödie' verpflichtet gewesen, den wir in unserem Land gesponnen haben." Letztlich, meint Zelenka, sei man doch glimpflich davon gekommen: "Auf dem Gebiet der Tschechoslowakei wurde während des Zweiten Weltkriegs nicht gekämpft, die Tschechen mussten nicht einrücken, die Todesopfer waren im Vergleich mit den umliegenden Ländern gering, und trotzdem fand sich die Tschechoslowakei unter Edvard Beneš auf der Seite der Sieger wieder. Das war genial: nicht gegen Deutschland zu kämpfen und gleichzeitig schließlich an der Seite derer zu stehen, die es besiegten. Wenn Sie sich im Vergleich Ungarn anschauen, dann ist das dort auf schreckliche Weise nicht gelungen; dort begannen sie den Genozid an den Juden noch im Jahr 1944, als schon klar war, dass ihre deutschen Verbündeten den Krieg verlieren würden, wodurch sie sich in der ganzen Welt verhasst machten. So hätte es durchaus auch bei uns enden können."
Archiv: Novinky.cz

Wired (USA), 21.10.2015

Beeindruckend findet es Bijan Stephen, welche Wirkmacht die sozialen Medien in den letzten zwei Jahren im Zusammenhang mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung entwickelt haben. Auch wegen dieser medialen Voraussetzung lasse sich die digitale Bürgerrechtsbewegung nur schwer mit den klassischen Organisationen der 60er Jahre vergleichen: "'Es verläuft dezentral, aber koordiniert', meint Maurice Mitchell, ein Organisator einer Gruppe, die sich Blackbird nennt, 'es gibt keine von oben nach unten arbeitende Mandate.' Man könnte es so sehen: Die Bewegung der 60er Jahre benötigte eine große institutionelle Struktur, damit die Sache lief - zum Teil wegen der technischen Begrenztheiten jener Tage. Heutzutage zeigen sich solche Strukturen nur noch in Schwundstufen. Nachdem Michael Brown in Ferguson, Missouri, erschossen worden war und die Stadt eine große aktivistische Welle auf sich konzentrierte, fiel es [dem Aktivisten] Mckesson wie Schuppen von den Augen, was den Aufbau einer Bewegung betrifft: 'Wir brauchten keine Institutionen mehr, um das zu bewerkstelligen', sagt er. Die sozialen Netzwerke konnten als Quelle für rohe Live-Informationen dienen. Man konnte Leute auf die Straße bringen und ihre Bewegungen in Echtzeit koordinieren. ... So diffus und vielgestaltig diese Bewegung auch anmuten mag, ist es ihr dennoch gelungen, einen so beherzten Aktivismus auf die Beine zu stellen, wie es ihn seit den 60ern Jahren kaum mehr gab."
Archiv: Wired

La vie des idees (Frankreich), 23.10.2015

"Der Begriff der Wahrheit ist ein Bestandteil von uns", meint der italienische Historiker und Kulturwissenschaftler Carlo Ginzburg im Gespräch mit Ivan Jablonka. Sie zeige sich dem Historiker niemals in Form einer Gegebenheit wie ein Geldstück, das man vom Boden aufliest. Zur "historischen Erfahrung" gehöre vielmehr der analytische Blick, Bezug auf Quellen, Beweisführung und Kampf gegen die Lüge. Er erklärt auch: "Es sind die Medien (ich denke dabei ans Internet), die unsere Existenz formen und uns erlauben, Ereignisse binnen Sekunden zu erfassen. Andererseits ermöglichen sie uns auch, über lange Zeiträume mit zusammengetragenen Informationen in Berührung zu kommen. Auch dieser lange Zeitraum lässt sich in Sekunden erfassen. Das impliziert, dass die Gegenwart - ich zitiere Augustinus - immer ein Maß ist, durch das wir uns zur Vergangenheit und zur Zukunft in Zusammenhang setzen. Das ist nichts Neues, auch wenn die Medien und das Internet dieser Gegenwart eine neue existenzielle Dimension verliehen haben. Doch die Gegenwart war immer schon da: Der Heilige Augustinus ist ein Ahne, aber auch ein Zeitgenosse. Es handelt sich um einen Heiligen Augustinus, der das Internet benutzt, was im Grunde gar nicht so paradox ist."

Außerdem ist der zweite Teil des Dossiers über Russland zu lesen: der amerikanische Slawist Eliot Borenstein untersucht darin unter der Überschrift "Giftige Romanze" das Amerikabild Russlands.
Stichwörter: Carlo Ginzburg

New Yorker (USA), 25.10.2015

Die neue Ausgabe des New Yorker widmet sich dem Essen. Michael Specter erzählt die Geschichte des Fast Food und stellt seine neueste, ausnahmsweise gesunde Variante vor: Sweetgreen oder Lyfe Kitchen. "In weniger als einem Jahrhundert ist unsere Fähigkeit, billige Kalorien in großem Maßstab zu produzieren, für lange Zeit das Triumphzeichen amerikanischer Landwirtschaft, zu einer ernstzunehmenden Bedrohung der nationalen Gesundheit geworden. Wir würden nicht 50 Milliarden Hamburger und ebensoviele Portionen Pommes Frites jährlich verzehren können, wenn Tausende der involvierten landwirtschaftlichen Betriebe, die das Fleisch und die Kartoffeln produzieren, nicht auch Fabriken wären. Im Lauf der Zeit haben sich unter dem Begriff 'Fast Food' derart viele Varianten versammelt, dass seine Bedeutung verloren ging. Sweetgreen serviert Gerichte, die man in drei Minuten bekommt und in fünf Minuten verzehren kann - das ist Fast Food. Doch die Gerichte bestehen aus Salaten und frischen Suppen, kein prozessiertes Fleisch, keine Dickmacher. Letztere verbindet man mit McDonald's, und Millionen von Amerikanern essen sie zu Hause … McDonald's ist ein Geschäft. Lyfe Kitchen ist ein aufgeklärtes Geschäft. Sweetgreen, 2007 von drei Absolventen der Georgetown Universität gegründet, will eine Bewegung sein, die zusätzlich zum Essen Werte verkauft. Dereit gibt es 33 Läden, geplant sind viel mehr. Überall, wo Sweetgreen Läden unterhält, unterstützt es Programme, in denen Schüler die Grundlagen der Ernährung und die Bedeutung saisonaler Produkte erlernen können. Bisher hat Sweetgreen auf die Art 4000 Schüler erreicht, die meisten aus einkommensschwachen Familien."

Außerdem: Dana Goodyear schreibt über den Segen der Meeresalgen auf dem Teller. Und Nicola Twilley erklärt den Zusammenhang zwischen Verpackung und Geschmackserlebnis.
Archiv: New Yorker

Music & Literature (USA), 28.09.2015

Mit großer Begeisterung schildert der Komponist George Grella in einem ausführlichen Artikel seinen Besuch bei den Ostrava Days, einem Festival für Neue Musik in Tschechien, das von dem Flötisten und Komponisten Petr Kotik gegründet wurde und alle zwei Jahre im Sommer stattfindet. Nirgends sonst kann man im Moment so viel Neue Musik so hervorragend vorgetragen hören, versichert Grella, nirgends trifft man so viele Komponisten in Person und nirgends ist das Publikum Neuer Musik gegenüber so aufgeschlossen wie in dieser, vom Bergbau und der Stahlindustrie geprägten Stadt, schwärmt Grella. Es gibt neben klassischen Werken der Moderne auch viel zeitgenössische Musik junger Komponisten. Dabei fiel Grella etwas auf: Heute gehören fast alle Komponisten einer Akademie an, die sie bezahlt. Bis vor etwa 50 Jahren war das noch anders. "Monteverdi, Bach, Beethoven, Mahler, Ives, Stravinsky, Debussy: sie alle waren arbeitende Komponisten und Musiker oder hatten Brotjobs. Harry Partch baute sein musikalisches Universum aus dem Nichts auf, bevor das IRCAM auch nur ein Schimmer in den Augen von Pierre Boulez war. Steve Reich und Philip Glass hatten ihren Anteil an Unterricht, aber ihr Durchbruch geschah fern von der Akademie. Das gilt auch für La Monte Young und Terry Riley. ... Hörte man der Musik in Ostrava zu, war es eine Überraschung, dass die älteren Stücke den stärksten Eindruck machten, dass die befriedigenden Sicherheiten der Geschichte das verlockende Gefühl übertrafen, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Aber das Pendel schwingt weiter und in zwei Jahren kann es zur anderen Seite ausgeschlagen haben."

Auch in diesem halbstündigen Video von 2013 bekommt man einen ganz guten Eindruck von dem Festival:


Elet es Irodalom (Ungarn), 21.10.2015

In einem Interview mit Eszter Rádai spricht Balázs Trencsényi, Historiker an der Central European University, über die Flüchtlingskrise: "Die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen, dass Orbán nicht nur in der heimischen Liga spielen möchte, sondern auch bei internationalen Spielen - auch wenn seine Motivationen weiterhin vorwiegend innenpolitisch sind. Er glaubt aber immer mehr - und wahrscheinlich bekommt er dafür entsprechende Rückmeldungen von Außen - dass er Prophet einer neuen Weltordnung, zu einem internationalen Akteur von welthistorischer Bedeutung ist. (...) Wenn es gelingt seine Politik lediglich auf die Frage des Zauns zu reduzieren, dann kann er in der Tat im Kreis der gemäßigten Konservativen und sogar den Sozialdemokraten mit erheblichen Sympathien rechnen. (...) Es wäre früher unvorstellbar gewesen, dass die CSU Orbán benutzt, um den Sturz von Merkel zu sondieren, wobei die bayerische Landtagespräsidentin sich noch 2013 weigerte, ihren ungarischen Amtskollegen nach der grob erfolgten Grundgesetzänderung zu empfangen."

New York Times (USA), 25.10.2015

Im aktuellen Magazin der New York Times stellt Mattathias Schwartz eine neue und eher fragwürdige Form des Investments vor: Prozess-Investitionen. "Sie liegen am Schnittpunkt zweier anglo-amerikanischer Steckenpferde - dem Gerichtswesen und dem Unternehmergeist, der alles, von der Kirchenkollekte bis zur Hypothek handelsfähig macht. Wie die Celebrity-Anleihen, abgesichert durch Tantiemen und bekannt geworden durch David Bowie in den 1990ern, repräsentiert Prozess-Investment die Ausweitung des Verbriefungsgeschäfts auf jungfräuliches Gebiet. Prozess-Investoren argumentieren, dass es kleineren Unternehmen erlaubt zu prozessieren. Kritiker befürchten eine Art Prozess-Wettrüsten, bei dem spekulatives Geld die ohnehin schon hohen Kosten des amerikanischen Justizsystems weiter in die Höhe treibt. Während die von externen Finanziers gestützten Gerichtsverfahren sich zahlenmäßig derzeit noch in Grenzen halten, wächst der Industriezweig, der bis in die 2000er Jahre quasi nur Prozesse um Körperverletzung betraf, rapide. Begünstigt wird dies durch liberale Gesetze, hohe Gewinnversprechen und Anwaltshonorare von 500 Dollar pro Stunde und mehr. Zwischen 2013 und 2014 konnte die britische Firma Burford Capital seine Prozess-Investments von 150 Millionen Dollar auf 500 Millionen steigern. In der gleichen Zeit stiegen ihre Profite um 89 Prozent. Einer der jüngsten Fonds der neuen Industrie, der zwei Jahre alte Gerchen Keller Fonds verfügt über ein Kapital von mehr als 840 Millionen Dollar. Mit diesem Kapital im Rücken suchen Kläger international und mitunter mit Hilfe ausländischer Regierungen nach lukrativen Prozessen. Wie Aktien und Hypotheken verwandeln sich Gerichtsverfahren von einer Privatangelegenheit zum voll monetarisierten Anlagegegenstand."