Im Kino
Direkt ins Auge des Vogels
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
22.07.2026. In der Begegnung mit dem Habicht Mabel wird eine Naturwissenschaftlerin selbst zum komischen Vogel: Philippa Lowthorpes "H wie Habicht" erzählt, basierend auf dem Sachbuchbestseller Helen Macdonalds, von einer Frau und ihrem Anti-Haustier. Der Film verwildert im Blick auf den Raubvogel selbst nicht - und rührt doch an Grundsätzlichem.
Deutschland oder Habicht: Das ist die Entscheidung, vor die Helen Macdonald (Claire Foy) sich gestellt sieht. Beziehungsweise: vor die sie sich selbst stellt. Denn von außen betrachtet scheint die Sache klar. Helen, eine ehrgeizige Naturwissenschaftlerin, die in Cambridge lehrt, hat eine fachlich äußerst verlockende Anstellung am Berliner Max-Planck-Institut in Aussicht. Mag das Wort "Deutschland" in ihrem Umfeld auch nicht gerade Begeisterungsstürme auslösen - karrieretechnisch spricht alles dafür, den Sprung ins Ausland zu wagen.
Bevor der Film als recht eigenwillige Alternative für Deutschland den Habicht ins Spiel bringt, dauert es noch eine Weile. Erst einmal wird Helen mit dem Tod ihres Vaters (Brandon Gleeson) konfrontiert. Der war ein massiger, lebensfroher Mann mit Working-Class-Background, einer, der die Natur und auch die Menschen auf eine intuitive, nicht-akademische Art liebte. Jetzt ist er weg und für Helen trotzdem noch da, immer wieder gleiten wehmütige Erinnerungsbilder in den Film hinein, während die Wissenschaftlerin zunehmend fahrig von A nach B hetzt, während Autofahrten ebenso gierig wie lässig Kette rauchend.
Ist der Habicht, wenn er bald darauf in Helens Leben und Philippa Lowthorpes Film eintritt, womöglich ein Ersatz nicht nur für den Vater, sondern auch für die Zigarette? Für Letztere ist jedenfalls kein Platz mehr in Helens Hand, wenn Helen damit beginnt, den Vogel mithilfe eines Spezialhandschuhs abzurichten. Den Raubvogel, genauer gesagt - tatsächlich sind Habichte, lernen wir im Film, besonders wilde und mächtige Räuber, die pfeilschnell Jagd auf allerlei kleine bis mittelgroße Wald- und Wiesentiere machen; sowie auf andere Vögel, die kaum kleiner sind als sie selbst.

Helen und der Habicht: Das ist Liebe auf den ersten Blick. Zumindest von ihrer Seite her - sie kommt nicht mehr von dem Tier los, nachdem sie durch ein Guckloch in der Habichtkiste direkt ins Auge des Vogels schaut. Umgekehrt ist die Sache nicht gar so einfach. Bei Raubvögeln, erklärt uns der Film, sind visuelle Reize direkt mit Handlungsimpulsen gekoppelt. Zwischengeschaltete Reflexionsprozesse sind erst einmal nicht vorgesehen. Dennoch können Raubvögel, wenn man geduldig und vorsichtig genug ist, eine Beziehung zu Menschen aufbauen. Die freilich letztlich vor allem darauf hinaus läuft, dass beide Spezies die Anwesenheit der jeweils anderen tolerieren.
Eben dieser Prozess des gegenseitigen aneinander Gewöhnens ist das Herzstück des auf einem Sachbuchbestseller der realen Helen Macdonald basierenden Films - und schlichtweg spektakulär. In langen, ungeschnittenen Einstellungen sehen wir, wie Helen den Habicht auf ihrem Handschuh durch die Gegend trägt; wie sie ihm die Spezialkappe auf- und absetzt, die die Augen des Tiers gelegentlich überdeckt, um ihn vor einem Übermaß an visueller Information zu schützen; wie sie lernt, den Habicht zu sich zu locken; wie die beiden sich schließlich in die freie Natur wagen, wo der Habicht seinem Jagdinstinkt freien Lauf lassen darf. All diese Szenen, merkt man schnell, können nur funktionieren, weil sie nicht nur "gespielt" sind. Weil im Laufe des Drehs zwischen der Helen-Darstellerin Claire Foy und dem von ihr Mabel getauften Habicht ein Vertrauensverhältnis entstanden ist, dem der Film wiederholt in Blickwechseln zwischen der Schauspielerin und dem Raubvogel nachspürt.
Besonders toll ist eine Szene, in der Helen den Habicht durch eine belebte Kleinstadtstraße trägt. Nicht nur Mabel blickt sich nervös nach den Passanten um, die die beiden passieren; Helen tut es ihrer gefiederten Freundin gleich. Sie ist, offensichtlich, selbst zu einem seltsamen Vogel geworden. Tatsächlich geht mit der Gewöhnung an das Tier eine Entwöhnung von den Mitmenschen einher. Helen zieht sich immer weiter in ihre private Vogelwelt zurück, vernachlässigt ihre akademischen Pflichten, ihr geräumiges, distinguiertes Akademikerinnen-Apartment beginnt zu verwildern. Von der neuen Stelle in Deutschland ist bald keine Rede mehr.
Der Film selbst verwildert nicht. Sondern bleibt von Anfang bis Ende ein gut abgehangenes, in sanft-schummrigem Grünbraun gehaltenes Arthaus-Drama, das Helens Vogel-Obsession individualpsychologisch einhegt. Oder jedenfalls: einzuhegen versucht. Denn so viel Mühe "H wie Habicht" sich auch gibt, Helens Fixierung auf - in den Dialogen heißt es einmal "Überidentifikation mit" - Mabel einerseits als Kompensationsversuch nach dem Tod ihres Vaters und andererseits als Symptom einer chronischen Depression darzustellen, so wenig möchten die Szenen mit Helen und Mabel in einem derart simplen Schema aufgehen.

Es bleibt etwas Unverhältnismäßiges an dieser Mensch-Tier-Beziehung, an Helens Entscheidung, die Nähe ausgerechnet zu einem Geschöpf zu suchen, das jene körperliche und auch emotionale Nähe, die Haustiere normalerweise in Aussicht stellen, kein bisschen zulässt. Mabel ist gewissermaßen, das passt auch zur allmählichen Verwahrlosung der Wohnung Helens (freilich: man hat Schlimmeres gesehen, man hat womöglich gar selbst mal verwilderter gewohnt, das bleibt doch alles, wie der gesamte Film, im Rahmen der gesittet-kontrollierten englischen Lebensart), ein Anti-Haustier.
In der Begegnung mit Mabel stellen sich grundsätzlichere Fragen zum Verhältnis des Menschen zur Natur als in der Begegnung mit einer Schmusekatze oder einem freundlichen Wuschelhund. Einige dieser Fragen werden in einer etwas ungelenk inszenierten Szene angeschnitten, in der Helen, mit von einem Mabel-Angriff herrührenden Wunden im Gesicht, einen Vortrag über ihre Erlebnisse mit dem Habicht hält. Sie spricht darüber, dass es notwendig sei, die Natur nicht bloß als ein zu beobachtendes und zu erforschendes Objekt zu konzeptualisieren, dass man vielmehr andere Modi der Interaktion erkunden müsse. Ein blond gelockter, jungakademischer Weltverbesserer unterbricht sie und fragt, wie sie es rechtfertigen könne, auf der Jagd mit Mabel "zum Spaß" Tiere zu töten. Eine Frau erkundigt sich wenig später, ob ihr das Kaninchen, das Mabel kürzlich erlegt hat, überhaupt nicht Leid tue.
Vermutlich ist die Szene nicht einmal allzu unrealistisch - gut möglich, dass bei realen akademischen Vorträgen zum Thema ähnlich blöde Fragen gestellt werden. Fragen, die gleichwohl, siehe oben, an Grundsätzlichem rühren; und die Lowthorpes Film weder beantwortet noch zurückgeweist. Die er vielmehr, insbesondere in den fast schon intim anmutenden Abrichtungsszenen mit Helen und Mabel, in ein neugieriges Nachdenken über die Naturhaftigkeit des Menschen und die Zivilisierbarkeit der Natur übersetzt.
Lukas Foerster
H wie Habicht - GB 2025 - OT: H Is for Hawk - Regie: Philippa Lowthorpe - Darsteller: Claire Foy, Brendan Gleeson, Denise Gough, Sam Spruell - Laufzeit: 115 Minuten.
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