Im Kino

Geisterhafte Fast-Präsenz

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
05.08.2026. Das Nachleben eines Menschen in den Leben dreier anderer: Sandra Wollners in Cannes gefeierter "Everytime" zeigt, dass der Tod nicht das Ende ist. Dennoch hebt der Film erst richtig ab, wenn er von Berlin nach Teneriffa wechselt und aus Trauerarbeit Trauerdelirium wird.

Der Tod ist nicht das Ende. Etwas bleibt immer zurück in der Welt der Lebenden. Nicht nur Erinnerungen, sondern auch materielle Spuren, Bilder, Texte. Heute mehr denn je. Noch vor ein, zwei Generationen hatte das Archiv, das ein Mensch nach seinem Tod hinterließ, etwas stark Kuratiertes an sich: Fotos, für die man aufwändig posiert hatte, eventuell sogar im Fotostudio, Briefe mit mal mehr mal weniger geschliffenen Formulierungen (die ersten paar Fassungen waren zerknüllt im Papierkorb gelandet). Heute dagegen entstehen Bilder und Videos immer und überall und der Versuch, zu kontrollieren, welche davon in welcher Cloud landen oder auch nicht, welche davon den eigenen Tod überleben werden, ist ziemlich aussichtslos. Auch Text wird schneller und mehr denn je produziert - nach wie vor wird nicht jede formulierte Textnachricht abgeschickt, aber die Hemmschwelle dürfte deutlich gesunken sein und wer wie lange worauf Zugriff haben wird: hoffnungslos, das im Voraus festlegen zu wollen. Dank allgegenwärtiger Sprachnachrichten - früher höchstens mit kurzer Halbwertszeit auf Anrufbeantwortern gespeichert - bereicht inzwischen mit der Stimme ein weiteres Medium das höchstpersönliche Archiv.

Sandra Wollners dritter Langfilm "Everytime", der vom Nachleben eines Menschen in den Leben dreier anderer handelt, zeigt, was dabei unter gegenwärtigen Bedingungen entsteht: kein wohlsortiertes Porträt, eher ein kaleidoskopisch entgrenzter Abdruck. Eine geisterhafte Fast-Präsenz, die nicht unbedingt authentischer ist als die Erinnerungsbilder alten Stils, die jedoch möglicherweise nach anderen, neuen Formen der Trauer und des trotzdem-Weiterlebens verlangt.

Das Nachleben ist das Leben Jessies (Carla Hüttermann), eines Teenie-Mädchens mit offenem Lächeln, neugierig auf die Welt, manchmal regelrecht verzaubert von ihrer Schönheit. Zum Beispiel eines frühen Morgens auf einem Berliner Hochhausdach: Jessie hat zu lange und zu intensiv getanzt, zu viel vom falschen Zeug eingeworfen, der Blick geht entrückt in die Ferne, der Fuß tritt ins nahe Nichts. Die drei anderen Leben, in denen Jessie weiterlebt, gehören Ella (Birgit Minichmayr), alleinerziehende Mutter Jessies, die freilich lieber als die Mutter die Freundin ihrer Tochter sein wollte; Jessies Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling), die Jessie nun nie mehr um all das beneiden können wird, was die Schwester schon darf, sie selbst, Mellie, aber noch nicht; sowie Lux (Tristán López), Jessies Freund, der in der Nacht, die es nicht hätte geben sollen, mit Jessie aufs Hochhausdach gestiegen ist - und ihr die Drogen gegeben hat, die ihren Blick in die todbringende Ferne schweifen ließen. 


Zu Beginn zeigt der Film genug von Jessies Präsenz, um zumindest eine vage Ahnung davon zu vermitteln, was fehlt, sobald sie nicht mehr da ist. Die schicksalshafte Nacht beginnt mit jugendlicher Ekstase im Club, später im Morgengrauen ein Spaziergang über S-Bahn-Gleise, dann die Morgensonne, die neben einem Hochhaus am Himmel klebt: Eine frische, unverbrauchte Welt, ein bisschen wie die digitalen Landschaften aus "Minecraft", in denen Jessie und Mellie zu Filmbeginn des Öfteren zugange sind; und die nach Jessies Tod für eine lange Zeit aus dem Film verschwinden.

Wenn Jessie weg ist, ist die Welt noch da, aber frisch ist sie nicht mehr. Ella swipt durch Jessie-Bilder und besucht das Jessie-Grab. Was soll sie auch sonst machen. Der Versuch, das Weiterleben für sich und die überlebende Tochter zu organisieren, nimmt schon mehr Kraft in Anspruch, als sie hat. Mellie scrollt sich derweil durch Chats mit der Schwester, so lange und so obsessiv, bis ihr das Handy fast wie eine Verkörperung Jessies erscheint. Wer möchte es ihr verdenken: Sogar die Smilies, die Jessie ihr geschickt hat, sind noch da, es ist, als lächele die Schwester sie aus dem Grab heraus an. Der stets ein wenig lethargische Lux wiederum war nach Jessies Tod erst einmal verschwunden, jetzt ist er wieder da. Mit neuer Freundin und neuem Motorrad und gleichzeitig einem tief sitzenden Schmerz, der ihn die Nähe zu Ella und Jessie suchen lässt.

Einen traurigen Sommer in Berlin zeigt der lange Mittelteil des Films. Alltag als profanes Fegefeuer, in dem es nur falsche Alternativen gibt. Zum Beispiel die zwischen Rausgehen, im Schrebergarten oder auf dem Tempelhofer Feld Leute treffen, die bei ihren Versuchen, einem die Trauer zu nehmen, doch nie den richtigen Ton treffen; oder Drinbleiben, in der verschatteten, privaten Trauer, bis man irgendwann nur noch heulend auf dem Bett liegen kann, in Foetus-Stellung. Ella erkennt irgenwann: So geht es nicht weiter. Was es braucht, ist ein Ortswechsel. Nicht um Jessie zu vergessen, sondern um sie wiederzufinden.
Vor allem dieser dritte Teil des Films, in dem es Ella, Mellie und Lux nach Teneriffa verschlägt, hat "Everytime" bei seiner Premiere in Cannes diesen Mai zu einer veritablen Sensation gemacht. Tatsächlich verändert sich der Film auf der Insel, die Wollner filmt, als wäre sie ein ferner Planet: Wellen schäumen aus dem Meer in eine Poollandschaft herein, bei einem Ausflug ins Landesinnere verlieren sich Ella, Mellie und Lux in einer leinwandfüllenden Mondlandschaft. Die Erinnerung tritt auf Teneriffa in einen anderen Aggregatzustand über. Sie ist nicht mehr klebrig und schwer, mit Alltag verklumpt wie in Berlin, sondern vielmehr fiebrig und aufregend und mysteriös.

Keine Trauerarbeit mehr, eher ein Trauerdelirium - der Film wird gegen Ende zu einem virtuosen Spiegelkabinett und tatsächlich so aufregend, dass man sich wünscht, Wollner hätte den Sprung auf die Insel bereits deutlich früher gewagt. Denn so lebenssatt und im besten Sinne zeitgenössisch "Everytime" in den Berlin-Passagen auch wirkt, so toll gespielt das alles ist, nicht nur, aber schon vor allem von Birgit Minichmayr: ein bisschen läuft der Film, stets auf der Suche nach dem nächsten emotionalen Ausnahmezustand, schon Gefahr, sich in geläufiger Gefühlsmechanik zu verlieren.

Lukas Foerster

Everytime - Deutschland 2026 - Regie: Sandra Wollner - Darsteller: Birgit Minichmayr, Tristán López, Lotte Shirin Keiling, Carla Hüttermann.