Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.03.2002. In der SZ will sich die Historikerin Katharina Rutschky auch nach der Pisa-Studie nicht am Riemen reißen. Die FR sieht Deutschland zu einem Land der Opfer werden. Die NZZ war in Saloniki. Und in der FAZ verteidigt der Rechtsphilosoph Gerd Roellecke das Klonen.

FAZ, 01.03.2002

Der Mannheimer Rechtsphilosoph Gerd Roellecke verteidigt in einem langen Aufsatz das Recht auf Klonen. Wenn wir in allen wichtigen Lebensfragen die freie Entscheidung dem Zufall vorziehen, warum sollen wir dann "am ersten Kreuzweg des Lebens alles dem blinden Spiel des Schicksals überlassen"? Die Karikaturisten Greser und Lenz machen Roelleckes Ansicht mit einer einzigen Zeichnung plausibel: Wir sehen ein armes heulendes Ding, dass eine Geige quält, während die verzweifelten Eltern den Zuhörern erklären "Wir hatten damals nicht das Geld für die DNS von Anne Sophie Mutter".

Gerhard Stadelmaier hat Elmar Goerdens Inszenierung von Pierre Corneilles "Rodogune" im Münchner Residenz-Theater gesehen: "Was hier im Münchner Residenztheater zu besichtigen und zu bestaunen ist: das bisher unschlagbare Supermonster der Saison 2001/2002. Sein Trieb ist Willkür, sein Verbrechen Laune, sein Motiv Macht, seine Lust Niedertracht. Aber es schwitzt nicht, hat einen wunderbar trockenen gestischen Humor. Ein modernes Monster, nach dem sich sonst die Jungdramatiker und -regisseure alle zehn Popfinger ablecken würden. Dies Monster aber ist aus dem Jahr 1644." Es heißt Cleopatra und wird gespielt von der "wunderbaren" Eva Rieck.

Weitere Artikel: Kerstin Holm berichtet über einen Streit zwischen orthodoxer und katholischer Kirche in Russland. Das Moskauer Patriarchat bezeichnete die Erhebung der bisherigen apostolischen Vertretungen der katholischen Kirche in Russland zu vier ordentlichen Episkopaten als "unfreundlichen Akt". Jörg Magenau war auf einer Veranstaltung mit dem Kanzler und den Schriftstellern Peter Schneider und Hans Christoph Buch ("Als Schneider husten mußte, brachte ihm der Kanzler das Wasserglas. Das Publikum applaudierte gerührt."). Paul Ingendaay beschreibt Obsessionen des spanischen Kulturbetriebs: Die immer neuen Geschichten um den verstorbenen Nobelpreisträger Cela und einen Schlagernachwuchswettbewerb. Gerhard R. Koch schreibt den Nachruf auf den Komponisten Oskar Sala (mehr hier).

Gernot Wolfram berichtet, dass das Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig vor dem Ende steht. Oliver Tolmein denkt über Zwitter im Blick von Politik und Forschung nach. Stefan Weidner berichtet über eine Kölner Debatte zur Lage der Palästinenser. Andreas Platthaus schreibt über ein Bildungsmanifest, das vom Netzwerk Europäische Lernprozesse verabschiedet und in Hannover diskutiert wurde. Ilona Lehnart meldet, dass Heinz Berggruen das Sammeln nicht lassen kann. Auf der letzten Seite beschreibt Peter Müller die unsichere Zukunft des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäudes in Berlin.

Besprochen werden Hasko Webers Inszenierung von Ibsens "Brand" im Stuttgarter Kleinen Haus, eine Aufführung des "Ottone" bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe, die "Fragment Grande Galerie I - XIV" von Gerhard Merz in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Auf der Seite Schallplatten und Phono geht es um CDs von Josef Matthias Hauer, Mary Couglan, William Byrd, Alanis Morissette und "Arminio" von Georg Friedrich Händel.

FR, 01.03.2002

Von wegen Schluß mit deutschen Sonderwegen. Christian Schlüter verweist darauf, dass, wer immer unschuldig ist, nicht nur seine Schuld verloren hat, sondern auch seine Unschuld wieder verlieren darf (Stichwort: militärisches Engagement im Ausland). Zwar habe sich das Skandalisierungspotenzial der jüngsten deutschen Vergangenheit offensichtlich erschöpft. "Die damit einhergehende Befreiung oder Erleichterung wird indes nicht nur mit neuen Verpflichtungen beschwert; die nicht zuletzt auch moralische Neuverschuldung bereitet immer noch Probleme." Angesichts des Erfolgs der Grass'schen Vertriebenen-Novelle fragt Schlüter sich andererseits, ob nicht Deutschland nun zu einem Land der Opfer werde: "Normalisierung bedeutet dann: Eintritt in die internationale Opferkultur. Opfer sein - unschuldig sein."

Auch Petra Kohse durfte dem Plausch von Gerhard Schröder und Peter Schneider beiwohnen und staunt nicht schlecht, "wie furchtsam alle außer Schröder auf Reibungslosigkeit bedacht waren. Wie sehr ihnen am harmonischen Gelingen und allseitigen Einverständnis gelegen war ... mehrfach wurden unautorisierte Einwürfe im Laufe der zweistündigen Veranstaltung von den Zuschauern selbst niedergebuht und vom Moderator abgewiegelt. Nicht Auseinandersetzung war der Wunsch der Stunde, sondern Zusammenklang und Teilhabe. Der Augenblick, da die Macht sich zur Kultur bekannte, war kostbar und sollte nicht gestört, sondern im Gegenteil gestärkt, gestützt, womöglich festgehalten werden."

Außerdem zu lesen: Gerwin Klinger berichtet, wie der amerikanische Historiker Robert Gellately von der Clark University samt seiner Thesen über den Nationalsozialismus auf einer Podiumsdiskussion mit Hans Mommsen zum Scheinriesen wurde, Elke Buhr schreibt zum Tod von Oskar Sala, der einst den Soundtrack für Hitchcocks "Vögel" schuf und wie kein zweiter das Trautonium spielen konnte, und im Gespräch erklärt der Regisseur Milos Forman den Unterschied zwischen Hollywood und der CSSR: "Es gab keinen kommerziellen Druck im Sozialismus, aber einen starken ideologischen. Wenn die Offiziellen ein Sujet mochten, spielte es nicht die geringste Rolle, ob der Film Erfolg hatte, und man bekam sogar einen Orden. Im Westen ist es umgekehrt."

Besprechungen widmen sich Pierre Corneilles schauerlichem "Rodogune" am Münchner Residenz Theater, einem Konzert mit den New Yorker "Strokes" in Köln, Arbeiten von Gerhard Merz in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf und Rolf Liebermanns "Medea" in der Bastille-Oper.

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Neue Zürcher Zeitung, 01.03.2002

Ekkehard Kraft
beschreibt Saloniki, die alte und neue 'Hauptstadt des Balkans': "Die Bezeichnung 'Hauptstadt des Balkans' findet nicht zuletzt auf den belebten Plätzen und Straßen der Unterstadt ihre akustische Bestätigung: Hier kann man Albanisch, Rumänisch, Bulgarisch, Serbisch, Russisch, ja sogar Georgisch vernehmen und fühlt sich in osmanische, ja sogar byzantinische Zeiten zurückversetzt."

Weitere Artikel: Joachim Güntner glaubt, dass die Rechtschreibreform bald realitätsnäher wird. Besprochen werden Monteverdis "Ulisse" in Lausanne, eine Ausstellung von neuem holländischen Design im Londoner Crafts Council, eine Aufführung von Jon Fosses "Der Name" in Lausanne, die Ausstellung "Nackt - Die Ästhetik der Blöße" in Hamburg, und eine nur auf lateinisch erschienene Studie der päpstlichen Bibelkommission "Il popolo ebraico e le sue Sacre Scritture nella Bibbia cristiana". Auf den Filmseiten wird Ron Howards "A Beautiful Mind" besprochen und Robert Richter schreibt über das Filmfestival in Teheran.

TAZ, 01.03.2002

Bei seinem Einsatz in Manhattan stößt Thomas Girst im Gespräch mit seinen amerikanischen Mitmenschen auf Unverständnis. Jegliche Kritik an der US-Politik wird mit dem Hinweis abgewehrt, "wie bequem die Situation für die Europäer sei, die sich nur so lange ihren moralisierenden Fingerzeig leisten könnten, bis Saddam Hussein mit seinen Bomben Paris und Berlin bedroht". Girst sieht das natürlich anders: Achse des Bösen, Beschneidung des "Freedom Of Information Act" und der Zivilrechte. "Wird seitens der Regierung geblockt und gemauert, so wird vom Bürger mehr Transparenz denn je eingefordert." Etwa beim Leihverkehr in Bibliotheken. Auf den plant Justizminister Ashcroft einen gezielten Spähangriff. In New York allerdings, meint Girst, löst sich das Problem vielleicht bald von selbst: "Im Mai will ein Komitee belesener New Yorker einen Roman vorstellen, der Millionen von Stadtbewohnern zur kollektiven Lesegemeinschaft hinter einem Buch vereinen soll."

Weitere Artikel: Christian Beck porträtiert den letzten Deutschrocker Stoppok, Thomas Winkler staunt über die neue Qualität des deutschen HipHops, wenn er von "Kinderzimmer Productions" stammt, Arno Frank freut sich bannig über die Kargheit auf dem neuen Album "Is A Woman" von Lambchop aus Nashville, und Dirk Knipphals war auf einem Abend der "Man-sollte-eben-dann-und-wann-ein-gutes-Buch-zur-Hand-nehmen-Folklore" mit Kanzlerschröder und Peter Schneider in Berlin.

Schließlich Tom.
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NZZ, 01.03.2002

Ekkehard Kraft beschreibt Saloniki, die alte und neue 'Hauptstadt des Balkans': "Die Bezeichnung 'Hauptstadt des Balkans' findet nicht zuletzt auf den belebten Plätzen und Straßen der Unterstadt ihre akustische Bestätigung: Hier kann man Albanisch, Rumänisch, Bulgarisch, Serbisch, Russisch, ja sogar Georgisch vernehmen und fühlt sich in osmanische, ja sogar byzantinische Zeiten zurückversetzt."

Weitere Artikel: Joachim Güntner glaubt, dass die Rechtschreibreform bald realitätsnäher wird. Besprochen werden Monteverdis "Ulisse" in Lausanne, eine Ausstellung von neuem holländischen Design im Londoner Crafts Council, eine Aufführung von Jon Fosses "Der Name" in Lausanne, die Ausstellung "Nackt - Die Ästhetik der Blöße" in Hamburg, und eine nur auf lateinisch erschienene Studie der päpstlichen Bibelkommission "Il popolo ebraico e le sue Sacre Scritture nella Bibbia cristiana". Auf den Filmseiten wird Ron Howards "A Beautiful Mind" besprochen und Robert Richter schreibt über das Filmfestival in Teheran.

SZ, 01.03.2002

Robin Detje berichtet von einem gruseligen Abend im Haus der Berliner Festspiele, an dem der Kanzler einmal mehr den Geist segnete. Diesmal in Gestalt der Schriftsteller Peter Schneider und Hans-Christoph Buch. Leider wurde dabei nicht bloß enthüllt, dass der Kanzler liest ("Er blättert sonntags in Büchern und Kunstkatalogen."), sondern auch, wie es wirklich steht um die Berliner Republik: "Es kannte nun die Servilität keine Grenzen mehr, es konnte der Kanzler gar nicht so viel speicheln, wie die Schriftsteller Speichel lecken wollten, und beinahe hätten sie den ganzen Kanzler weggeleckt. Wir aber hatten unsere Lektion gelernt. Was kommt hinter der intellektuellen Fassade der alten Achtundsechziger zutage, wenn der Lack ab ist und die Macht gute Laune hat? Der Untertanengeist."

In der SZ-Reihe zur Zukunft der Schule votiert die Historikerin Katharina Rutschky "im Unterschied zu anderen Lesern der Pisa-Studie" nicht dafür, "dass wir uns nun alle endlich am Riemen reißen". Stattdessen hält sie praktisches Lernen für ein Rezept, fragt sich, ob "nichttechnische Kommunikation" nicht vielleicht wichtiger ist als der Computer, den ohnehin jedes Kind schon zuhause hat, und setzt nicht wenig auf künstlerische Ausdrucksformen wie Expression, Stil, Selbstdarstellung und Ironie. Vor allem aber, findet Rutschky, sollten Fragen nach dem Fächerkanon, den Lehr- und Zeitplänen stets mit dem Satz beantwortet werden: "Hängt vom Einzelfall ab - kann man allgemein nicht sagen". Das wär ein Fortschritt.

Weitere Artikel: Nils Röller blättert in diversen Nummern der kleinen und feinen Zeitschrift "Republik", die kürzlich den französischen Philosophen Joseph Joubert ehrte. Im Interview plaudert der holländische Regisseur Theu Boermans über das deutsche Theater und das Gilgamesch-Epos, das er gerade in Wien inszeniert. Frank Ebbinghaus stellt das Bildungsmanifest des Netzwerks Europäische LernProzesse (NELP) vor. Und Alex Rühle zählt die peinlichen Fouls des DFB auf (von Bauwens bis Mayer-Vorfelder). Außerdem gibt es nicht weniger als drei Nachrufe: Für den E-Musik-Pionier Oskar Sala, den Literaturwissenschaftler Martin Esslin und den britischen Komiker Spike Milligan.

Besprochen werden die Ausstellung "Prüderie und Leidenschaft" über Aktmalerei im Viktorianismus, zu sehen im Münchner Haus der Kunst, Corneilles "Rodogune" am Bayerischen Staatsschauspiel, ebenfalls München, Henrik Ibsens "Brand" am Schauspielhaus Stuttgart, eine triumphale Hamburger Erstaufführung von Georg Friedrich Händels "Alcina", Erik Saties 21-Stunden-Variationen "Vexations" (für Leute mit viel Sitzfleisch) in der Bremer Kunsthalle, die Ausstellung "Die Griechische Klassik - Idee oder Wirklichkeit" im Berliner Gropius-Bau, ein Konzert der "(International) Noise Conspiracy" in der Hamburger "Fabrik". Und Bücher werden vorgestellt: Ein Kinderbuch über die Welt des Geldes, die Firmengeschichte der Südzucker AG sowie ein Stoß Theaterkritiken von Roland Barthes (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).