Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2024 - Musik

Clemens Goldberg beendet seine Klassik-Sendung "Goldberg-Variationen" bei Radio 3, wie er einem enttäuschten Frederik Hanssen im Tagesspiegel berichtet. Seine Idee von Radio ist schlicht nicht mehr dieselbe wie die seines Arbeitgebers, teilt er uns mit: "'Immer wieder haben Leute mir geschrieben, dass sie das Auto an der Straße abgestellt haben während der Sendung. Weil sie nicht gleichzeitig fahren und nachvollziehen können, was ich da gerade erzähle.' Leider sei genau diese Hörhaltung nicht mehr gefragt bei Radio 3, wie die Kulturwelle des RBB inzwischen heißt. 'Es geht um Durchhörbarkeit, die Musik rauscht so vorbei.' Doch der Blick zurück in die Klassik ist für einen wie ihn nun einmal nur dann sinnvoll, wenn ein Kontakt zum Vergangenen hergestellt wird. 'Wenn das aufgegeben wird, ist meine Sendung überflüssig.' Darum macht er jetzt Schluss."

Andrian Kreye gedenkt in der SZ dem verstorbenen Saxophonisten und Jazz-Komponisten Benny Goldson. Seinen Erfolg verdankt Goldman einem außergewöhnlichen Gespür für Melodien: "'Killer Joe' zum Beispiel, ein Thema, das mit nur sechs Akzenten eine ganze Geschichte erzählte. 'Ba ba daaah, ba ba daaah' - da steckte der breitbeinige Gang der Gangster drin, mit dem er keineswegs einen Auftragsmörder meinte, sondern im Slang seiner Heimatstadt Philadelphia die Frauenhelden, die in den Nachtclubs auf der Pirsch waren."

Wir pirschen mit:



Besprochen werden ein Chapelle-Roan-Konzert in der Berliner Olympiahalle (taz, Tagesspiegel), das Album "On the Intricate Inner Workings of the System" von The Bug Club (FR) und Katy Perrys Album-Comeback "143" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2024 - Musik

Auch ohne den 7. Oktober wäre Noga Erez' Musik Gesprächsthema, versichert Joachim Hentschel, der uns die Hip-Hop-Sängerin in der SZ als Israels derzeit "größten, bahnbrechendsten, durchgeknalltesten" Popstar vorstellt. Aktuell ist ihr neues Album "The Vandalist" erschienen, in dem der Krieg dann doch eine Rolle spielt: "Der Krieg gibt vielen der neuen Songs eine zusätzliche, alles Verspielte splitternd abräumende Bedeutung. Er ist bei Noga Erez zugleich der springende Punkt und der Elefant im Raum. 'Ich lasse beim Schlafen ein Auge immer offen, behalte immer die Schuhe an', singt sie im fantastischen, auf einer Basslinie von Busta Rhymes basierenden Album-Titelsong. Es ist ein Szenario der ständigen Alarmbereitschaft und Friedlosigkeit, das sie hier entwirft. Die 'Vandalistin', die sie sich für diese Saison als Hip-Hop-Alter-Ego erfunden hat, sei eine Rächerinnenfigur, die sich eigene Regeln erschaffen müsse, weil die Welt so durch und durch kaputt sei, erklärt die Künstlerin." Wir hören rein:



Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit der ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniv über die Kraft der Musik in Kriegszeiten, aber auch über die Vorwürfe, die ihr aus der Ukraine gemacht werden, seit sie in Dresden Tschaikowski dirigiert hat: "Das ganze Land hat sich wegen meines Repertoires aufgeregt. … Ich kämpfe auch für den humanistischen Wert der Werke von Tschaikowski. Dafür, dass uns klar werden muss, dass Tschaikowski mit seinen Werten oder seiner Homosexualität im heutigen Russland aufgeschmissen wäre. Er kann nichts für Putins Gewaltorgien! Er hätte unter Putins Russland gelitten! Für mich ist es um so bitterer zu sehen, dass die Tschaikowski-Straße in Odessa nun umbenannt werden soll. Tschaikowski war in Odessa, es hängt ein großes Porträt von ihm im Dirigentenzimmer - und ich empfinde es als Vandalismus an seiner Musik, wenn wir ihn demontieren."

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner scheibt in der FAZ den Nachruf auf den im Alter von 95 Jahren gestorbenen amerikanischen Saxophonisten Benny Golson, in der NZZ schreibt Ueli Bernays. Jan Josef Liefers geht mit seiner Band Radio Dora auf Abschiedstour, meldet Stefan Hochgesand in der Berliner Zeitung. Im Tagesspiegel erzählt Nadine Lange, was die Band "Die Atzen" dagegen unternimmt, dass einer ihrer Songs von der AfD missbraucht wird. Die Zeit hat ihre Reportage zum deutschen Schlager online nachgereicht.

Besprochen werden ein Linkin-Park-Konzert in der Hamburger Arena, bei dem sieben Jahre nach dem Tod von Sänger Chester Bennington nun die neue Sängerin Emily Armstrong auftrat (Welt) und Katy Perrys neues Album "143", das Zeit-Online-Kritiker Timo Posselt nicht nur ziemlich "langweilig" findet, sondern auch zeigt, wie weit abgeschlagen Perry hinter Charlie XCX inzwischen ist.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2024 - Musik

Jens Uthoff (taz) ist nach Berlin-Neukölln spaziert und hat in der Sonnenallee die Berliner Jazzmusikerin Rosemarie Förster besucht, die mit 84 Jahren gerade einen zweiten Karrierefrühling erlebt. "Aus der sogenannten Echtzeitmusikszene Berlins ist Förster heute kaum wegzudenken. In jüngerer Zeit hat sie etwa viel mit dem Kontrabassisten Klaus Kürvers und mit der Klarinettistin und Multiinstrumentalistin Lena Wenta zusammengearbeitet. Beim Superbooth-Festival machten Förster und Wenta mit dem umtriebigen Jazzdrummer Joe Hertenstein und Bassist Meinrad Kneer gemeinsame Sache. Ein Zufall, der Förster gelegen kommt, ist, dass in ihrer Nachbarschaft in den vergangenen zwanzig Jahren kleine Jazz- und Experimental-Clubs (Donau115, Peppi Guggenheim, KM28) entstanden sind. 'In der Donau115 gibt es dienstags eine Open-Mic-Session ('Two Song Tuesday'), da bin ich neulich erst aufgetreten', erzählt sie begeistert. Sie spielt ein Stück auf ihrem Smartphone vor. Man hört, wie sie Stimmen mit einem Effektgerät loopt, auch eine Strophe aus dem Jazz-Klassiker 'Basin Street Blues' singt sie mit glockenhellem Soprangesang."

Hier kann man sie hören:



Weiteres: In der taz berichtet Michael Bartsch von dem Podium "Herkunft und Freiheit" der Leipziger Jazzwerkstatt, das jedoch die Stasivergangenheit des Jazz-Organisator Ulli Blobel ausklammerte. Auch die FR bringt noch ein Interview mit Chilli Gonzales. Nele Pollatschek macht sich in der SZ anlässlich eines Berliner Konzerts von The Kiffness ein paar Gedanken über dessen von Donald Trump inspirierten Hit "Eating the cats". Besprochen wird ein Konzert des HR-Sinfonieorchester zum Werk des Fotografen Sebastião Salgado im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.09.2024 - Musik

Christina Mohr feiert in der FR "Talkie, Talkie", das neue Album Band Los Bitchos. Die vier Londonerinnen verzichten auch in ihrem Zweitwerk auf Lyrics und setzen ganz auf knallige Instrumentals: "Songs wie 'Tango & Twirl', 'La Bomba' oder der schier funkensprühende Schlusstrack 'Let Me Cook You' wirbeln so mitreißend aus dem Player, dass man sofort tanzen will, ja muss, ob in der heimischen Küche oder in einem Club irgendwo auf der Welt. Sie seien große Fans von Computerspielen wie Grand Theft Auto, von Comics und der Ästhetik der Achtziger, sagen die Musikerinnen. In Tracks wie dem knalligen 'Kiki, You Complete Me' lässt sich der Comic-Bezug unschwer feststellen: Die Instrumente setzen Ausrufe- und Fragezeichen, platzieren Doppelpunkte und klammern auch mal einen Gedanken ein. Textzeilen zum Festhalten oder Refrains zum Mitsingen vermisst man nicht."

Aber überzeugen Sie sich selbst:



Manu Chao ist wieder da. Der Baske, dem 2000 mit seinem Hit "Bongo Bong" international der Durchbruch gelang, gibt sich auch auf seinem neuen Album "Viva Tu" politisch - aber auf eine angenehm leichtfüßige Weise, findet Hannah Möller in der taz: "Das gesamte Album stellt eine Hommage an das Banale dar - an die Nachbarn, die man auf dem Weg zur Bäckerei trifft, die Leute von der Straßenreinigung und alle anderen, die das städtische Miteinander überhaupt ermöglichen und lebenswert gestalten. Der Reggae-lastige Track 'São Paulo Motoboy' ist den Motorradkurieren in der brasilianischen Metropole gewidmet, die unter prekären Arbeitsbedingungen tagtäglich wie unsichtbare Superhelden durch den dichten Verkehr sausen."

Außerdem: Thomas Lindemann erfreut sich in der FAS an der Musik und dem Auftreten des Kanadiers Chilly Gonzales. Stefan Ender und Christoph Irrgeher blicken für den Standard auf kommende Programmhighlights im Wiener Konzerthaus. Kurt Kister gratuliert in der SZ Leonard Cohen postum zum 90. Jürgen Hillesheim zeichnet in der FAZ Bertolt Brechts Faszination für den ihm politisch keineswegs nahestehenden Komponisten Carl Orff nach. FAZ-Autor Jan Wiele hört sich immer noch sehr gern den Udo-Jürgens-Song "Als ich fortging" an. Clemens Haustein berichtet ebenfalls in der FAZ vom Musikfest Berlin.

Besprochen werden "In Waves", das neue Album von Jamie xx (Standard) und ein Peter-Fox-Konzert in der Frankfurter Festhalle (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2024 - Musik

In wenigen Tagen startet Bob Dylans Deutschland-Tour, parallel veröffentlicht er auf sage und schreibe 27 Alben seine gesamte Comeback-Tournee von 1974, die Jahrzehnte lang als die am schnellsten ausverkaufte Tour in der Geschichte der Rockmusik galt. Für die Welt hat sich Max Dax durch die Aufnahmen gehört: Dylans Stimme ist "aggressiv, laut, fordernd, raumgreifend, selbstbewusst, in manchen Momenten fast schon übergriffig. Es handelt sich um eine Stimme, die um jeden Preis gehört werden will. (…) Vor allem aber ist es geradezu ein Erlebnis, von CD zu CD zunehmend die Verausgabung, die physische Wucht, herauszuhören, die Dylan und The Band Abend für Abend auf die Bühne bringen. So ist es fast unverzeihlich, vermutlich aber schlichtweg eine Rechtefrage, dass die Konzertblöcke, in denen The Band ihre eigenen Hits spielen und die in der Dramaturgie der Konzerte wie ein Amalgam wirkten, weil sie eine ganz eigene Dynamik beisteuerten, zur Gänze fehlen. … Das ist ein schmerzlicher Schönheitsfehler, der jedoch angesichts des reichen Materials, darunter viele Songs, die nur an einzelnen Abenden gespielt wurden, bald vergessen ist."



Joachim Hentschel geht in der SZ den Anschuldigungen gegen den Rapper Sean "P. Diddy" Combs nach, dem zunächst von seiner Ex-Lebenspartnerin Casandra Ventura "sexueller Missbrauch, Vergewaltigung und häusliche Gewalt" vorgeworfen wurde - inzwischen haben sieben weitere Personen, nicht nur Frauen, ähnliche und weitergehende Vorwürfe erhoben, berichtet Hentschel, der in ein widerliches System blickt: "Combs soll Menschen unter anderem sediert, bestochen, bedroht, geschlagen, eingesperrt und zum Sex nicht nur mit ihm, sondern auch mit eigens eingekauften Sexarbeiterinnen und -arbeitern gezwungen haben. Er und seine Anwälte weisen bislang alles als erfunden oder stark übertrieben zurück. (...) Treffen die Vorwürfe zu, hatten Combs' Taten einen fest eingerichteten Platz in seinem Unternehmen. Bad Boy Entertainment, diese von Tournee-, Tonträger- und Lizenzumsätzen, am Ende also von Fans finanzierte Firma, soll demnach eine eigene Division für Menschenhandel und Nötigung gehabt haben." Auf den Panorama-Seiten der SZ ergänzt Jürgen Schmieder die Details, die die Klageschrift "hochgradig orchestrierte Sex-Vorführungen" nennt.

Weitere Artikel: Die taz unterhält sich mit Joshi, dem Sänger der Punkband ZSK, die vor der Landtagswahl in Brandenburg in Potsdam gemeinsam mit Madsen und den Sportfreunden Stiller Musik gegen rechts machen, über die AfD: "Wer sie jetzt bei der Landtagswahl noch wählt, tut das bewusst: nicht obwohl, sondern weil sie rassistisch ist." Im Tagesspiegel resümiert Chistiane Peitz einen Abend in der Philharmonie, bei dem der polnische Dirigent Łukasz Borowicz mit dem Rias Kammerchor frühe Werke von Anton Bruckner dirigierte. NZZ-Kritiker Christian Wildhagen stellt bei Auftritten des Tonhalle-Orchesters mit seinem Musikdirektor Paavo Järvi in Sälen in Lucern und Zürich starke Unterschiede fest.

Besprochen werden die Ausstellung "BiBi Pop - von Beatighome bis Hip-Hop Town. 60 Jahre Musikgeschichte in Bietigheim-Bissingen" im Hornmoldhaus in Bietigheim-Bissingen (taz) und das Album "Endlessness" der belgischen Harfenistin und Jazzkomponistin Nala Sinephro, das laut taz-Kritikerin klingt wie "ein klanggewordener See, an dessen Oberfläche es Turbulenzen gibt, der stets jedoch nach Ausgleich strebt". Da hören wir natürlich rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2024 - Musik

Für die Berliner Zeitung unterhält sich Birgit Walter mit dem Musikwissenschaftler Peter Wicke, dessen Vita Werke über Mozart, Madonna oder Elvis umfasst, über Rammstein. In seinem neuen Buch widmet sich Wicke der Band, die er in einer wütenden Suada gegen alle Vorwürfe verteidigt - persönlich getroffen hat er sie übrigens nie. Den Medien wirft er einen "Vernichtungsfeldzug" vor, immerhin: Die "Koketterie mit Nazi-Attitüden" kritisiert er dann doch. Ansonsten aber gilt: "Finge man mit Grenzen in der Kunst an, könnten wir einen Großteil der Kunstgeschichte ausmerzen. Gut finden muss man natürlich nichts davon. Rätselhaft bleibt diese Fixierung auf Rockmusik, wo auf den Opern- und Theaterbühnen dasselbe passiert - akzeptiert als große Kunst, gefeiert in den Feuilletons. Das ist so scheinheilig. Auch haben wir uns daran gewöhnt, dass auf den Schulhöfen Hardcore-Pornografie übelster Art grassiert. Weil keiner Ideen hat, wie man damit umgehen soll."

Nach siebzehn Jahren veröffentlicht Manu Chao ein neues Album, in der Zwischenzeit war der Franzose aktivistisch zwischen Bogotá, Bombay oder Belgrad unterwegs, weiß Standard-Kritiker Christian Schachinger. Das neue Album "Viva Tu" ist entsprechend einmal mehr von Musik aus dem Globalen Süden beeinflusst, allen voran von Bob Marley: "In dessen Fußstapfen versucht sich der selten, aber dann doch in Barcelona und Marseille beheimatete Manu Chao mit erhöhtem Bling-, Zing- und Klingelingeling-Faktor auf kleinen Gitarren, Eierschneidern oder mit Triangeldiskant an Themen wie über das Meer in ein besseres Leben Flüchtenden (Vecinos En El Mar), den Klimawandel (im erwähnten River Why) oder die unangenehmen Seiten des Kapitalismus und Neoliberalismus (La Colilla). Natürlich geht es englisch, spanisch, französisch oder portugiesisch gesungen auch um die Liebe, die Feier des Lebens und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft: 'No estamos solos', heißt es da einmal: Wir sind nicht allein." Und das klingt dann so:



Weitere Artikel: Jakob Biazza (SZ) trifft sich mit dem Rapper und Pianisten Chilly Gonzales und plaudert mit ihm über dessen neues Album "Gonzo", Richard Wagner und Gonzales' Psychoanalyse.

Besprochen werden ein Abschiedskonzert von Vicky Leandros in der Alten Oper in Frankfurt (FR), die Ausstellung "Karl Valentin und die Musik" im Buchheim-Museum Bernried (SZ) und das von Sir Simon Rattle dirigierte Orchesterwerk "Des Canyons aux étoiles ..." von Olivier Messiaen in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2024 - Musik

Helmut Mauró ist in der SZ schon ganz gespannt: Morgen wird in Salzburg endlich das aktualisierte Verzeichnis der Werke Wolfgang Amadeus Mozarts vorgestellt. Ein neues Köchelverzeichnis also. Und das ist keineswegs nur ein Thema für Nerds der Musikgeschichte. In der Tat wurden Mozarts Kompositionen und Schriften oft äußerst fehlerhaft überliefert. Eine wissenschaftlich exakt erarbeitete Neuausgabe soll nun Abhilfe schaffen: "Es klingt einfach anders, ob die Basslinie nur mit Cembalo und Cello besetzt ist, oder ob da noch ein Kontrabass mitspielt. Und wenn man nicht weiß, welche Briefstellen von Mozarts Schwester oder seiner Witwe geschwärzt oder gleich ganz herausgeschnitten wurden, dann glaubt man, die Kanons mit Fäkalvokabular seien schon das Äußerste, womit Mozart seinen Spaß trieb."

Standard-Kritiker Christian Schachinger kann sich gar nicht satt hören an "Leave Me to the Future", einem Album des Wiener Indie-Pop-Projekts Ischia. Musikalisch stehen die frühen Tocotronic oder auch die proto-Grunge-Heroen der Pixies Pate. "Adele Ischia singt mit dunkler, abgeklärter Stimme dazu englische Texte über die Probleme, die man so hat, wenn die verlängerte Jugend in ein mühseliges Erwachsenendasein übergeht. In 'Sorry Mama' muss der Mutter daheim in Salzburg etwa in einem Telefonat erklärt werden, dass man in der großen Wienerstadt eh einer Arbeit nachgeht, gesund lebt, regelmäßig mit dem Staubsauger durch die Wohnung fährt und, nein, man noch keine Kinder haben will."

Wir hören rein:



Weitere Artikel: Der Rapper Sean "P. Diddy" Combs sitzt, wie unter anderem Zeit Online berichtet, in New York in Untersuchungshaft. Die Anklage lautet auf "sexuelle Gewalt, Erpressung, Menschenhandel sowie organisierte Kriminalität". Zu den Hintergründen siehe hier. In der FAZ spricht Alva Gehrmann mit Mari Boine, einer Sängerin der samischen Kultur, die jüngst ihr neues Album "Alva" herausgebracht hat. Frederik Hansen wiederum interviewt im Tagesspiegel die Violinistin Anne-Sophie Mutter. Nach Taylor Swift empfiehlt, vermerkt der Standard, nun auch Billie Eilish: Wählt Kamala Harris!

Besprochen werden das MC5-Album "Heavy Lifting" (NZZ), das Album "In einem blauen Mond" der Band Die Mausis (FR), die Doppel-CD "Be My Guest" von Michael Griener und Jan Roder (taz Berlin) und "Bei Solo", ein Bach-Konzert der Violinistin Isabelle Faust in der Alten Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2024 - Musik

Karl Fluch hat im Standard viel Freude an "Rack", dem Albumcomeback nach 26 Jahren der Noise-Rocker von The Jesus Lizard: "Wenige können ihnen das Bier reichen. Bassist David Wm. Sim, Gitarrero Duane Denison und Drummer Mac McNeilly sind begnadete Techniker, und sie haben David Yow, ihre Geheimwaffe." Dieser "gilt als heiterer Irrer. Einer, der meist noch vor dem ersten gesungenen Ton mit Anlauf ins Publikum köpfelt - buchstäblich -, um die Stimmung zu testen. Ein Vollkontaktmann, der auf den Händen des Publikums jenes Wunder verdeutlicht, nach dem die Band benannt ist: eine Eidechse, die übers Wasser laufen kann." So zeigt sich auf der Platte: "Alles ist gut. The Jesus Lizard sind wieder da. Intensiv und verschwitzt, abgedreht und verschmitzt." Wie das aussieht, wenn ein 64-Jähriger "köpfelt", erfahren wir in diesem Musikvideo:



Weitere Artikel: Im Standard gratuliert Christoph Irrgeher der Jazzwerkstatt Wien zum zwanzigjährigen Bestehen. Besprochen werden der Memoir "Earth to Moon" von Frank Zappas Tochter Moon Unit Zappas (NZZ), ein Konzert in Wien von Martha Argerich und Sophie Pacini (Standard), ein von Alan Gilbert dirigiertes Schönberg-Konzert des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters beim Lucerne Festival (NZZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Jon Spencer ("Das ist sexy und scharf, bluesig, aber in seiner ewig auf Anschlag gespielten Art natürlich ein wenig anstrengend", findet Karl Fluch im Standard). In der Hamburger Elbphilharmonie fand ein von Igor Levit initiiertes Solidaritätskonzert mit Israel statt - auf Youtube kann man es hören und sehen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2024 - Musik

Tim Caspar Boehme resümiert für die taz die Konzerte der letzten Tage beim Musikfest Berlin: Neben Hommagen an den vor wenigen Wochen verstorbenen Komponisten Wolfgang Rihm (unser Resümee) zeichnet sich das Programm durch einen Schwerpunkt zu Anton Bruckner aus, dessen "dramatisch monumentale Formen des Insistierens" dem Kritiker mitunter Schwindelanfälle bescheren. Die von Kirill Petrenko dirigierten Berliner Philharmoniker spielten Bruckners polyphon angelegte Fünfte (hier zum Nachhören beim Dlf Kultur): Bruckner "steigert sich in immer heftiger anbrandende Wellen, die endlos weiter anschwellen zu können scheinen. Überhaupt gerät diese konsequente Mehrstimmigkeit bei Bruckner zur perfekten Meeresmusik, ein unüberschaubarer Ozean aus sich gegenseitig überlappenden Wellen öffnet sich, reißt einen mit, wird an Stellen zum ohrenbetäubenden Tosen. Petrenko steuerte die Berliner Philharmoniker sicher durch diese unruhige See, tosender Applaus hinterher dafür." Weitere Konzerte des Musikfestivals lassen sich in dessen Mediathek und beim Dlf Kultur nachhören.

Weitere Artikel: Der Tagesanzeiger hat Marlene Knoblochs SZ-Bericht über ihre Begegnung mit Moon Unit Zappa, der Tochter von Frank Zappa, online nachgereicht. In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Pianisten Alexei Lubimov zum 80. Geburtstag.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2024 - Musik


Durch das neue Doppelalbum "Alles muss repariert werden" der Antilopen Gang geht nach alter linker Tradition ein spaltender Riss: Die eine Hälfte bietet Rap (oben), die andere Punk (unten). Gemotzt gegen alles mögliche - gerne auch gegen linke Betonköpfe - wird weiterhin. Und das klingt "ein wenig so, als hätte man versucht, Adorno auf eine Rap-Platte zu pressen", stellt Manuel Paß in der FAS fest. Ji-Hun Km vom Freitag hat das alles nur teilweise abgeholt: "Der Punk der Antilopen Gang ist ein Punk mit Vorgarten. Der protestierende Steinwurf reicht maximal bis an den eigenen Lattenzaun. Eingemottete Molotow-Cocktails taugen auch super als Grillanzünder. Wie ein Hygge-Kaminfeuer lodert die Subversion im kontrollierten Kamin mit Abzug. ... Aber Pop und Punk von Links darf heute wieder mehr wollen, als sich am eigenen Gartenzaun abzufeiern."



Benjamin Moldenhauer denkt in der taz über die Diskursstrategie der Antilopen Gang nach - sich zur Linken zählen, sich an der Linken aber auch reiben -, kommt dann aber doch zu dem Schluss, dass es im Pop am meisten darauf ankommt, ob ein Stück "ballert oder einen berührt oder halt kalt lässt. ... Diese Frage entscheidet sich bei der Antilopen Gang, die zwischen großartigen Tracks und latent wohlfeiler Grütze mit immer wieder überraschenden Ergebnissen hin und her schaltet, vor allem an den Songtexten." Hier "scheint bei ihnen eine Form von Bescheidwissen und Überlegensein im Wissen durch, dass die eigene Position auch nicht konsistent sein kann. Durch dieses Wissen noch cleverer zu erscheinen, ist bei den Antilopen eines der zentralen Versprechen. Die Suggestion ist, dass Bedeutsames kommuniziert wird, sonst funktioniert es nicht. Dafür muss das Distinktive als Hauptmotiv aber ausgeblendet werden, zumindest wenn man nicht wirken will wie irgendein arroganter Arsch, sondern eben wie der Topchecker, der man gerne wäre."

Wie auch immer dem sei, eine wichtige Geste war es dennoch, wie die Antilopen - als eine der ganz wenigen im deutschen Popbetrieb - vor wenigen Monaten mit klaren Worten Stellung zur antisemitischen Internationalen bezogen haben, die sich seit dem 7. Oktober 2023 formiert hat:



Im Gespräch mit Philipp Kressmann für die Jungle World erklärt der kanadische, derzeit in Köln lebende Pianist und Rapper Chilly Gonzales nicht nur, warum er die Musik von Richard Wagner zwar großartig findet, auf seinem neuen Album "Gonzo" mit dem großen Antisemiten der deutschen Komponisten aber dennoch abrechnet (nämlich genau deswegen), sondern auch, was er vom durch Entspannungsplaylists beförderten Trend der Neoklassik, in die er gegen seinen Willen gerne einsortiert wird, hält: weniger als wenig. "Je gesichtsloser diese Musik klingt, umso besser funktioniert es beim Streaming. Das bedeutet: Neoklassik könnte sehr bald die erste Musik sein, die erfolgreich von Künstlicher Intelligenz komponiert und reproduziert wird. Das wäre wahrscheinlich eine gute Entwicklung, denn dann werden all die Menschen, die diese gesichtslose Neoklassik aufnehmen, in kreativer Hinsicht obsolet sein. Ich zähle nicht dazu: Meine Klaviermusik ist nicht im eigentlichen Sinne Neoklassik, sie hat einen Standpunkt: Es gibt etwa Überraschungen und unangenehme Momente."



Weitere Artikel: Marco Frei blickt für die NZZ im Gespräch mit Iván Fischer auf die Geschichte des Budapest Festival Orchestra zurück, das jener vor 40 Jahren gegründet hat. Im Standard spricht Stefan Ender mit dem Dirigenten Petr Popelka über Arnold Schönberg. Marlene Knobloch porträtiert für die SZ die Schlagersängerin Michelle, die sich nach 30 Jahren aus dem Showgeschäft zurückziehen möchte.

Besprochen werden das neue Album von Die Nerven (Zeit Online, mehr dazu auch schon hier), Stephan Rehm Rozanes' und Fabian Soethofs Buch "Back for Good. Warum uns die Musik der 90er nicht loslässt" (FAZ) und das neue Album "Endless Rüttenscheid" von International Music (Jungle World).