Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2024 - Musik

Mit ihrem Dokumentarfilm "Googoosh - Made of Fire" erzählt die Regisseurin Niloufar Taghizadeh das Leben der iranischen Sängerin Googoosh, das "eng mit der Geschichte des Iran und der Islamischen Republik verflochten" ist: Dort "wurde ihr, wie allen Frauen im Land, das Singen verboten und Konzerte ebenfalls", schreibt Gilda Sahebi in der taz. Nach 21 Jahren verließ die Sängerin den Iran. "Sie habe keine Antwort auf die Frage, warum ihre Musik auch junge Iraner:innen so berühre, so Googoosh. Sie hätten doch den Iran vor der Islamischen Revolution gar nicht selbst erlebt. Die Antwort könnte sein, dass viele Iraner:innen zweiter, dritter und vierter Generation in ihren Elternhäusern mit der Musik von Googoosh aufwachsen, egal, wo sie auf der Welt leben. Sie wachsen mit den Geschichten über die verlorenen Häuser, die wunderschönen Gärten auf, mit dem Schmerz über die verlorene Heimat. 'Ich wurde von meiner Heimat getrennt', sagt Googoosh im Film über den Moment im Flugzeug, als sie den Iran nach 21 Jahren verlassen durfte. ...  Ihre Augen glänzen, als sie das sagt. Und mit ihr weinen wohl Millionen Iraner:innen weltweit."

Hier eine Zusammenstellung ihrer Hits aus den Siebzigern, bevor die Ayatollahs die Macht übernahmen:



Weitere Artikel: Caro Stamm-Reusch freut sich in der taz auf die anstehende Deutschlandtour des US-Singer-Songwriters Bonnie 'Prince' Billy. Frederik Hanssen ist im Tagesspiegel gespannt auf das Festival "bauhaus music" am kommenden Wochenende in Berlin. Der Tagesanzeiger hat das SZ-Gespräch mit den Fantastischen Vier online nachgereicht.

Besprochen werden ein neues Album der Berliner Rapperin Ebow (Tsp), das neue Coldplay-Album (NZZ), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Ingo Metzmacher (Standard) und weitere Popveröffentlichungen, darunter "EELS" von Being Dead ("Musik fürs Zähneputzen zwischen zwei Reiskeksen", schreibt Karl Fluch im Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2024 - Musik

Die Zeit hat ihr Gespräch mit Simon Rattle online nachgereicht. Unter anderem geht es um die Ausbildung des Musiknachwuchses, was immer schwieriger wird. Schon in den Achtzigern "wollte einer von Mrs. Thatchers engsten Beratern, Sir Keith Joseph, von mir wissen, was nötig sei, um herausragende Musiker auszubilden. Ich sagte: Man muss in den Grundschulen damit anfangen, in der Breite, und dann dranbleiben - aber ich merkte schon am Anfang des Satzes, dass dies für ihn die falsche Antwort war. Er wollte hören: Man muss ein paar Naturtalente finden und ihnen viel Geld geben, dann klappt es sicher. Nur leider ist das eben nicht wahr." Und "egal, mit wem ich aus der Wissenschaft oder der Wirtschaft spreche, ich höre immer wieder: Wir brauchen in Zukunft keine Arbeitsbienen, sondern kreative Menschen, die über den Tellerrand hinausschauen und verschiedene Ideen zusammenbringen, um damit komplexe Probleme zu lösen. Das ist die Standardantwort. Genau das lernt man in der Musik und in der Kunst, und noch dazu Kommunikation und Zusammenarbeit im Team."

Weitere Artikel: Torsten Groß plaudert für Zeit Online mit dem früheren Pavement-Musiker Stephen Malkmus über dessen neue Band The Hard. Besprochen werden Nemos neue Single (NZZ), ein Haydn-Abend mit Il Giardino Armonica im Wiener Musikverein (Presse), das neue Coldplay-Album (Presse) und Michael Lentz' Buch "Grönemeyer" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2024 - Musik

Im WamS-Gespräch mit Andreas Rosenfelder loben der (stramm linke) Pianist Igor Levit und der (stramm konservative) Dirigent Christian Thielemann, die gerade gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern ein Brahms-Album aufgenommen haben, einander und ihre gemeinsame Freundschaft fast schon eine Spur zu euphorisch über den grünen Klee. Aber es gibt es auch ernste Passagen, etwa wenn sich Levit an den Ausnahmezustand im Kulturbetrieb der letzten zwölf Monate nach dem 7. Oktober erinnert. "Als Antwort auf die Frage, wie es mir geht, habe ich mir in letzter Zeit angewöhnt zu sagen: Die Basis ist beschissen, und auf dieser Basis wird es kompliziert. Es gab in den vergangenen Monaten außerhalb meines engsten Freundeskreises nicht mehr viele Räume, wo es mir grundsätzlich gut ging. Zu diesen Räumen gehört die Bühne. Nicht das Üben zu Hause, sondern die Linderung durch Menschen." An seiner Haltung habe sich aber grundsätzlich nichts geändert: "Ich habe eine Definition davon, was ich für links erachte", nämlich "radikale Empathie und radikaler Individualismus. ... Wenn sich gewisse ehemalige Weggefährten... Gott, da fange ich sofort an zu weinen! Wenn sich diese Weggefährten, die sich als links bezeichnen, durch ihren Hass gegen Israel ins Aus schießen, dann liegt das nicht an mir, dann liegt das an denen."

Im taz-Gespräch mit Katharina Granzin blickt die Dirigentin Joana Mallwitz auf ihre erstes Jahr als Chefdirigentin am Berliner Konzerthaus zurück ("es war fantastisch") und gibt Einblick in ihre Arbeitsweise: "Das Dirigieren ist eine der schnellsten und komplexesten Arten, wie man kommunizieren kann." Der Komponist "hatte diese große Idee, die er in lauter kleine Noten gebracht hat. Ich wiederum erarbeite mir die Partitur vom Kleinsten zum Größten und versuche bei jeder einzelnen Note genau zu schauen, wo sie steht, um von dort aus wieder zu dieser großen Idee zu kommen. Im Moment der ersten Probe mit dem Orchester versuche ich durch Körperlichkeit - durch Bewegung, Mimik, Atem - diese große Idee zu vermitteln. ... Man kann jedes Stück theoretisch auf tausend verschiedene Arten spielen. Es geht nicht darum, dass meine Idee die einzig richtige ist, aber sie muss in sich stimmen."

Weitere Artikel: Rachel Spiker erinnert in der taz an den israelischen Schlagzeuger Yotam Harim, der am 7. Oktober von der Hamas entführt wurde und bei einem missglückten Einsatz vom israelischen Militär erschossen wurde.

Besprochen werden Geoffrey Norris' Buch "Sergei Rachmaninoff spricht" (Standard), Charly Hübners Dokumentarfilm über die Band Element of Crime (Artechock), das neue Coldplay-Album "Moon Music" (FAZ, Welt, Standard), Rosie Lowes Album "Lover, Other" (FR) und das neue, mit etwas Glück tatsächlich letzte Album der Fantastischen Vier (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2024 - Musik

Julian Weber hört für die taz auf neue deutschsprachige Popmusiker, darunter eine Wiederveröffentlichung von Mutters Album "Hauptsache Musik" aus dem Jahr 1994 und das neue Album von Gewalt, das in der Tradition von Bands wie Big Black und DAF steht. "'Gib mir ein Tutorial für einen neuen Verstand', fordert der Vortragende mit Schaum vorm Mund, weil er sich nicht zurechtfindet in der Nonstop-Selbstoptimierungswelt. Der Gesang wirkt gehetzt, mitunter sogar gequält. Dazu erklingt eine Musik, die das heillose Textdurcheinander aus Verzweiflung, Niedertracht und despotischem Wahn um ein Vielfaches verstärkt. Muss auch so", klingt aber "nie linientreu nach Industrial meets hard und heavy, obwohl Sequenzer peitschen und betonharte Drumbeats das Crossover-Prokrustesbett mit Granit pflastern, während die Gitarrenriffs säbeln wie Fleischermesser im Schlachthof. Musik und Texte folgen der alten Neubauten-Maxime 'Höre mit Schmerzen'." In diesem Sinne:



Weitere Artikel: Hartmut Welscher spricht für VAN mit Anselm Rose von der Vereinigung Rundfunk Orchester und Chöre über Fusionen von Orchestern, Synergien und anderen Kooperationen. Die Zeit hat Navid Kermanis beim "Demokratiekonzert" gehaltene Rede zum Saisonauftakt im Leipziger Gewandhaus online nachgereicht. Jennifer Wilton spricht für die Welt mit dem Dirigenten Ivan Fischer unter anderem über dessen Verständnis seiner Position im Orchester und über Konzerte nach dem 7. Oktober und der russischen Invasion in die Ukraine. Volker Hagedorn spricht für VAN mit der Pianistin Ragna Schirmer über Clara Schumann. Wolfgang Sandner resümiert in der FAZ das Musikfestival der Kronberg Academy. Jens Uthoff blickt in der taz zurück auf 30 Jahre Festsaal Kreuzberg. Eva Dinnewitzer wirft für Die Presse einen Blick auf den MeToo-Skandal um den Rapper Sean "Diddy" Combs. Martin Hogger sorgt sich auf Zeit Online um die Zukunft der Wiesnhit-Tradition.

Besprochen werden Charly Hübners Dokumentarfilm über die Band Element of Crime (Standard, taz), die neue Single von Nemo (TA), ein neues Album des Berliner Rappers Apsilon (Tsp), ein neues Album von Coldplay (SZ) und eine Netflix-Doku über die Entstehung des 80s-Charity-Popklassikers "We Are The World" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2024 - Musik

Dass sich die Musikbiennale in Venedig in diesem Jahr das Motto "Musica asoluta" gibt, mutet nur auf den ersten Blick wie "ein Salto rückwärts" in die musikästhetischen Debatten der deutschen Frühromantik an, versichert Max Nyffeler in der FAZ. Ganz im Gegenteil ziele das Motto "mitten in die Gegenwart. Die Komponistin Lucia Roncheti, die das Festival künstlerisch leitet, "richtet damit die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt, der in den letzten Jahren vor lauter oberflächlicher Politisierung, Identitätsbeschwörung und Medienzauber häufig vergessen wurde: die Sprachkraft der reinen Instrumentalmusik. Damit geht es auch um neue Modalitäten der Komposition und Wahrnehmung. Eine auf diese Weise verstandene absolute Musik von heute wird vermutlich auf romantische Kunstmetaphysik verzichten. Dafür vermag sie, gibt Ronchetti zu bedenken, mit ihrer vieldeutigen Semantik und psychischen Tiefenwirkung die bedrohlich wirkende Komplexität unserer Gegenwart besser zu erfassen als eine Musik mit visuellen oder begrifflichen Zutaten, tiefgründiger auch als die bildende Kunst."

"Uff": Karl Fluch vom Standard muss erstmal schlucken, wenn er das Soloalbum "White Roses, My God" von Alan Sparhawk hört. Der Musiker verarbeitet darauf den Tod seiner Frau und künstlerischen Partnerin Mimi Parker vor zwei Jahren, mit der er bis dahin das Duo Low bildete. Und verarbeitet wird der Tod mit einer ziemlich quietschigen Autotune-Gesangsspur. Aber vielleicht setzt der Musiker auch nur "den experimentellen Ansatz Lows fort", überlegt Fluch. "Sparhawk hat es weitgehend mit Rhythmusmaschinen und dem spärlichen Einsatz von Gitarren produziert, dazu schickte er seinen Gesang durch Effektpedale. Die Trauerarbeit erfährt so eine abstrakte und gewöhnungsbedürftige Form. ... Doch der Einsatz der Stimme als Quasi-Instrument unterscheidet das Resultat am Ende doch vom schablonenhaften Kunstfalsett des Autotune. Es erinnert vielmehr an die Geisterhaus-Etüden, die Regisseur David Lynch auf den Alben 'Crazy Clown Time' (2011) und 'The Big Dream' (2013) produziert hat."



Weitere Artikel: Die Zeit dokumentiert Navid Kermanis beim "Demokratiekonzert" gehaltene Rede, mit der die Saison im Leipziger Gewandhaus eröffnet wurde. Außerdem spricht Jess Ebsworth für die Zeit mit Simon Rattle über die Probleme bei der Klassikvermittlung. Für den Tagesanzeiger porträtiert Samuel Mumenthaler den Berner Gitarristen Hank Shizzoe. Gerald Felber gratuliert in der FAZ dem Dirigenten Ton Koopmann zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album "Doppeldenk" von Gewalt ("Bei aller Verzweiflung trägt dieser unerbittliche Nihilismus eine reinigende Kraft in sich", schreibt Christian Schachinger im Standard), ein Auftritt von Annett Louisan in Frankfurt (FR), ein Konzert von The Kiffness (TA) und Lady Gagas Zwischenalbum "Harlequin" mit alternativen Versionen ihrer Songs aus dem neuen "Joker"-Film (TA, taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2024 - Musik

Kris Kristofferson, 1978 (Bild: Promo/gemeinfrei)

Die Feuilletons trauern um Kris Kristofferson. Nach seinen ersten Erfolgen mit "Me and Bobby McGee" (in der Version von Janis Joplin) und "Sunday Morning Coming Down" (insbesondere in der Version von Johnny Cash) wurde er in den Siebzigern einer "der legendären Outlaws der Country-Musik, zu einem der bedeutendsten Singer/Songwriter Amerikas", erinnert Berthold Seliger im ND. Kristofferson "verkörpert wie nur wenige den Geist und das Lebensgefühl der amerikanischen Arbeiterklasse im 20. Jahrhundert." NZZ-Kritiker Ueli Bernays weiß, worin die Methode Kristofferson als Songwriter bestand: "Die Musik drängt nicht in den Vordergrund, sie bewährt sich als Begleiterin von Texten mit literarischem Flair." Er "war ein Erneuerer und ein Zerstörer", hält Edo Reents in der FAZ fest - und holt Kristofferson aus dem Schattendasein des andere Interpreten beliefernden Songwriters, dessen eigenes Werk dabei zurücksteht, ein Stück weit heraus: "Wenn man sich die schwermütige Schönheit vergegenwärtigt, die Kris Kristofferson mit seinem oft in den Bass abgleitenden Bariton und mit seiner wunderbaren Lyrik ... verströmte, dann mag man ihn nur bedingt dazu zählen." Dass er eher als Hitlieferant Erfolg hatte, "mag daran liegen, dass Kristoffersons Stimme ein wenig dünn und uncharakteristisch klang", meint wiederum Detlef Diederichsen in der taz.



Kristofferson war, seufzt Kurt Kister in der SZ, "einer jener wenigen fernen Freunde, jener singenden Dichterinnen, Gebrauchslyriker und Alltagsphilosophen, von denen man 1972 dachte, sie würden niemals alt werden." Mit der Zeile "Freedom's just another word for nothing left to lose" in "Bobby McGee" hat er "nicht nur das Lebensgefühl von Kristoffersons Generation ausdrückt. Sie wird gültig bleiben für alle skeptischen, um ihre Fehler wissenden Menschen, die großen Worten misstrauen." Seine Biografie würde einen ziemlich unglaublichen "Roman über ein amerikanisches Männerleben" abgeben, glaubt André Boße auf Zeit Online und wirft Schlaglichter auf Kristoffersons bewegtes Leben. "Natürlich war er ein Fake", schreibt Alan Posener in der Welt: "Drei Akkorde und die Wahrheit, so definiert sich die Countrymusik selbst, und weiß doch, dass diese Aufrichtigkeit die größte Lüge ist: Musiker mit Cowboyhüten und Fransenhemden, die sehr viel mehr als nur drei Akkorde können und sich als Lkw-Fahrer und Quartalssäufer imaginieren, Millionäre, die sich als Sprecher des kleinen Mannes ausgeben."

Als "Repräsentant der sogenannten Outlaw-Bewegung, die das Genre von seinem reaktionären Image und aus den Fängen einer korrupten Musikindustrie zu befreien versuchte, wurde seine schauspielerische Karriere eher als Nebenprodukt des Musikers aufgefasst", meint Harry Nutt in der FR. Das gleicht Christoph Amend auf Zeit Online mit einem Blick auf Kristoffersons schauspielerisches Schaffen aus: "Die Kamera liebte sein zerknittertes Gesicht, seinen melancholischen Blick." Mit Sam Peckinpahs "Pat Garrett jagt Billy the Kid", in dem Kristofferson letzteren spielte, gelang ihm 1972 ein frühes Glanzstück: "Die Rolle des Cowboy-Außenseiters verkörperte Kris Kristofferson mühelos. Sie passte zu seinem Wesen und zu seinem Look, lange Haare, Cowboystiefel, die so alt waren, dass sie Western-von-Gestern-Geschichten hätten erzählen können."

Und hier tanzt er noch einmal mit Isabelle Huppert in Michael Ciminos "Heaven's Gate":



Weitere Artikel: Christian Werthschulte resümiert in der taz das Avantgarde-Festival "Wildwechsel" in Duisburg. Helmut Mauró spricht für die SZ mit dem Pianisten Daniil Trifonov, der auf seinem neuen Album "My American Story - North" nordamerikanische Kompositionen einspielt.



Besprochen werden Nick Caves großes Konzert in der Berliner Mehrzweckhalle am Ostbahnhof (FAZ, Welt), ein Aufritt der Sopranistin Golda Schultz mit dem von Paavo Järvi dirigierten Tonhalle-Orchester in Zürich (NZZ), der Saisonauftakt der Wiener Philharmoniker (Standard), ein Konzert der Bamberger Symphoniker in Frankfurt (FR) und neue Jazz- und Klassikveröffentlichungen, darunter "A New Day" von Giovanni Guidi ("Sein poetisch-entschleunigter Stil taucht ab in abstrakte harmonische Tiefen", schreibt Standard-Kritiker Ljubiša Tošić).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2024 - Musik

Die Agenturen melden: Kris Kristofferson ist tot! Während wir auf die Nachrufe warten, hier schon mal einer seiner schönsten Songs:



Wer nachvollziehen will, wie wichtig Kristofferson für die Country-Musik war, dem sei Ken Burns' großartige neunteilige Dokumentation über das Genre empfohlen, besonders natürlich Teil 5 und 6 - nachzusehen in der Arte-Mediathek.

Jan Brachmann führt für die FAZ ein großes, inhaltlich sehr dichtes Gespräch mit Dmitry Ablogin über dessen Chopin-Aufnahmen, für die der Pianist die rechte und die linke Hand teils auseinander spielen ließ, was seit dem Zweiten Weltkrieg eigentlich als verpönt gilt, früheren Aufführungspraxen aber durchaus entspricht: "Diese Trennung der Hände hat, wie andere Aspekte des romantischen Klavierspiels, praktische und ästhetische Gründe. Ästhetisch: Es ist einfach schön und poetisch! Dadurch kann man auch bestimmte Töne besser hervorheben und mit feinerem Ausdruck spielen als beim strengen Zusammenklang. ... Die praktischen Gründe liegen in der Bauart der historischen Flügel: Die Hammerflügel bis grob gesagt Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren alle parallel besaitet, nicht überkreuzt wie heute. Das hatte großen Einfluss auf die Register: Sie hatten eine unterschiedliche Dynamik und unterschiedlichen Ausdruck. Je höher die Töne wurden, desto schwächer wurden sie, weil die Saitenlänge sich verkürzt und durch die Parallelbespannung die Resonanzanregung tieferer Saiten vermieden ist. Wenn man dann einen tiefen Basston mit einem hohen Melodieton gleichzeitig - wie notiert - anschlägt, hat der hohe Ton nicht so viele Chancen wie der tiefe. Also liegt die Zeitversetzung zwischen den Händen nahe."



Weitere Artikel: Hilmar Klute freut sich in der SZ über Taylor Swifts Erfolg: Sie "schreibt Texte wie Sylvia Plath" und "ist genauso klug und genauso poetisch wie Bob Dylan". Jakob Biazza porträtiert für die SZ den Musiker und DJ Jamie XX, der mit "In Waves" gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Elmar Krekeler wirft für die Welt einen Blick ins neue Köchelverzeichnis, das den Überblick über Mozarts Werke auf den neuesten Stand bringt (mehr dazu bereits hier). Nick Joyce berichtet im Tagesanzeiger von einem Abend für Udo Jürgens, der heute 90 Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden Jeremy Eichlers Buch "Das Echo der Zeit" über Komponisten nach dem Zweiten Weltkrieg (NZZ), der Saisonauftakt der Wiener Philharmoniker unter Daniele Gatti (Presse), ein Konzert von John Mau in Frankfurt (FR), Maxim Billers Album "Studio" (FAZ), Jordi Savalls und Alfia Bakievas Aufnahme von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" (FAZ), ein postumes Album der 2021 bei einem Unfall verstorbenen Musikerin Sophie ("Was den neuen Stücken fehlt, ist die Energie der Künstlerin selbst", seufzt Zeit-Online-Kritikerin Annett Scheffel) und ein neues Album von David Gilmour, der solo eigentlich nicht mehr nach Pink Floyd klingen will ("Zum Glück gelingt ihm das auch diesmal nicht wirklich", freut sich Wolfgang Schneider in der FAZ), sowie dessen erstes von insgesamt sechs Konzerten in Rom (ein "zutiefst magischer Abend", schwärmt Joachim Hentschel in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2024 - Musik

Felix Lill stellt uns im Tagesspiegel die myanmarische Punkband The Rebel Riot vor. "In ihrer Musik gehe es um Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, sagt Sänger und Gründer der Band, Kyaw Thu Win", der unter anderem The Clash als sein Vorbild nennt, weil sie "Kämpfer" waren. Das ist vielleicht etwas übertrieben, wie Kyaw Thu Win musste Joe Strummer wohl nie kämpfen. Win wurde mit seiner Musik "zu einer gefeierten Stimme der myanmarischen Demokratiebewegung, die seit dem Putsch um die noch junge Demokratie des 54-Millionen-Landes kämpft. ... Seit 2021 ist es für The Rebel Riot besonders gefährlich geworden. 'Unsere Band musste sich immer wieder verändern', sagt Kyaw Thu Win. Mal hat sie drei, mal sechs Mitglieder. Erst ging der Schlagzeuger in den bewaffneten Widerstand, dann floh dessen Ersatz mit dem Bassisten nach Thailand. 'Sie waren hier nicht mehr sicher, als das Militär sie einziehen wollte.' Mit neuen Mitgliedern veränderte sich auch der Sound der Band, mittlerweile leben alle im Untergrund und kochen stattdessen wöchentlich für obdachlose Personen. Nur vorübergehend, versichert Kyaw Thu Win, der bald wieder Songs aufnehmen will."

Für "dear comrade":



Weitere Artikel: Joachim Hentschel unterhält sich für die SZ mit dem Schauspieler Charly Hübner über dessen "Element Of Crime"-Doku (auch im Theater wird Hübner demnächst Regie führen). Ein sehr sehr langes Gespräch mit Hübner führt auch die taz. In der Zeit freut sich Berit Dießelkämper, dass Musikerinnen wie Chappell Roan die heterosexuellen Männer verdrängen und den Spaß in die Popmusik zurückbringen. Christina Pausackl unterhält sich für Zeit online mit Franz Adrian Wenzl alias Austrofred über seine Kunstfigur, seine Buch "Gänsehaut" und die FPÖ. Johanna Schmidt stellt in der taz die HipHop-Musikerin Ebru Düzgün alias Ebow vor.

Besprochen werden Lady Gagas Album zu ihrem Film "Joker: Folie à deux" (taz, SZ) und ein Konzert des Jerusalem Symphony Orchestras in der Synagoge Rykestraße (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2024 - Musik

Wer wusste schon, dass Peter Thomas, bekannt vor allem als Komponist der Titelmelodie von "Der Alte" oder von diversen Edgar-Wallace-Verfilmungen, einen schier unendlichen "Schatz" an Library Music, also meist GEMA-freie Gebrauchsmusik für die Nutzung in Filmen und im TV, komponiert hat, fragt Detlev Dietrichsen in der taz. Zum Glück wird dieser Schatz jetzt auf dem Album "The Tape Masters Vol. 1 - Library Music" zugänglich gemacht, freut sich der Kritiker. Viele Musiker nutzen das Komponieren von Library Music nicht nur als Zubrot, sondern auch als Möglichkeit, ihre "kühnsten avantgardistischen Ideen zu verwirklichen", klärt Diedrichsen auf - so auch Thomas: "Bei Peter Thomas war es von jedem etwas. 'Hammond A Lolo' wirkt zunächst wie ein handelsübliches Instrumental an der Hammond-Orgel, wird aber durch gewagten Effekteinsatz eher zum Fall von uneasy Listening; 'Lazer' ist eigentlich nur ein mörderisch verzerrtes Gitarrensolo auf einem Schlagzeug-Groove, 'Evening Air A' ist ein funky Jam auf Basis des 'Come Together'-Bass-Riffs der Beatles. 'Electric Cats' ist eine Noise-Forschungsreise auf funky Beat, während 'Galaxy Fall Out' und 'Nightmare On LSD' komplett abstrakte Klangabenteuer sind." Auf das Abenteuer lassen wir uns natürlich ein:



Nach 16 Jahren erscheint mit "Songs of a Lost World" im November ein neues Album von The Cure, die Single "Alone" war bereits immer mal wieder auf Konzerten zu hören, für den Standard hat Christian Schachinger reingehört und festgestellt: "Mit dem schleppenden Trauermarschduktus der siebenminütigen Ballade Alone hat Robert Smith als alte, etwas aus der Form geratene Nebelkrähe des fröhlich im Herbstnebel tänzelnden und torkelnden und mit erstickter Stimme vorgetragenen Gruftiepop zwar textlich und musikalisch nicht seinen Themenpark erweitert. Weltschmerz und Daseinsüberdruss gehen immer noch mit romantischer, aber letztlich immer in die Grube fahrender Liebe einher." Aber: "So gut, weil schlecht drauf, werden wir uns schon lange nicht mehr gefühlt haben." Auf Zeit online bespricht Christoph Schröder den Song. Wir hören rein:



Weitere Artikel: In der NZZ hätte Ueli Bernays hingegen gern auf jüngste Comebacks von Oasis, Manu Chao, Katy Perry oder Nelly Furtado verzichtet. Besprochen werden das Fratopia-Festival in der Alten Oper Frankfurt (FR), ein Gedenkkonzert des polnischen Geigers Adam Baldych zur Erinnerung an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Berliner St.-Elisabeth-Kirche (taz) und das Festival "Störenfriede: Jazz, Protest + Revolution" in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, bei dem über die subversive Kraft des DDR-Jazz diskutiert wurde (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2024 - Musik

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Der Lyriker und Musiker Michael Lentz hat ein Buch über Herbert Grönemeyer geschrieben. Dass es sich hierbei keineswegs um eine (Werk-)Biografie handeln dürfte, wird im Zeit-Gespräch mit Jens Balzer klar, in dem er das Lautmalerische, Unverständliche in Grönemeyers Texten erläutert. Zum einen komme das noch aus jener Zeit, als Grönemeyer ohne Englischkenntnisse Texte von Bob Dylan oder Leonard Cohen nachsang, zum anderen spiele der spezifische Ethnolekt des Ruhrgebiets eine Rolle: "Für diesen ist die Verknappung typisch, das Kompakte, das Formelhafte - das nicht ganz vollständig scheinende Deutsch, das aber zur Kommunikation völlig genügt. Die Genese dieses Ethnolekts kann man sicherlich in die Kumpelsprache zurückverfolgen, in diesen Morsecode, mit dem man sich unter Tage verständigt, oft auch noch bei großem Lärm. Da ist es wichtig, mit möglichst einfachen Zeichen zu kommunizieren, aber noch wichtiger ist es, über Signale zu verfügen, die den eingewöhnten Ablauf zu stören vermögen, in Momenten der Gefahr, bei schlagenden Wettern oder Ähnlichem. Das findet man bei Grönemeyer immer wieder: Störsignale, die irritieren sollen oder die Aufmerksamkeit auf etwas lenken, von dem man oft erst mal gar nicht weiß, was es ist."

Die Klimakatastrophe wird in der Popmusik selten thematisiert, und wenn, dann so subtil wie auf dem neusten Album "Lemons, Limes and Orchids" von Joan As A Police Woman, atmet Nadine Lange im Tagesspiegel auf. Zwar gibt es Formulierungen, die man aus dem "Klimavokabular" kennt, aber die 54-Jährige wird "nie appellativ, meist fallen diese Sätze kaum auf oder können auch auf einer allgemeineren Ebene verstanden werden. Besonders deutlich wird das bei den ersten Zeilen des Midtempo-Songs 'Long For Ruin': 'It's clear to me we got the mind/ To slow this slide to Babylon/ It's hesitation we can't afford/ Unless we secretly long for ruin'. Die angesprochene Zögerlichkeit könnte auf den Umgang mit den Folgen des Klimawandels gemünzt sein, aber auch auf Kriege oder Beziehungen. (…) Der Sound zu dieser niederschmetternden Analyse ist zwar melancholisch, aber keineswegs pessimistisch." Dann hören wir gerne rein:



Weitere Artikel: In der Zeit arbeitet Antonia Baum die ganze Anklageschrift gegen Sean Combs, besser bekannt als "P. Diddy" durch, in der, obwohl fast kein Satz ohne die Erwähnung sexueller Gewalt auskommt, nicht primär sexuelle Straftaten sondern "Erpressungsverschwörung" und "Menschenhandel" angeklagt werden. Flankiert von einem Offenen Brief des Bühnenvereins Berlin protestieren die Berliner Opern- und Konzerthäuser, Orchester und Chöre sowie das Staatsballett gegen die geplanten Einsparziele im Haushalt, meldet die Berliner Zeitung. Besprochen wird außerdem das Album "Manning Fireworks" von MJ Lenderman (FR).