Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.09.2024 - Musik

Axel Brüggemann widmet sich auf Backstage Classical den jüngsten Aktivitäten von John Eliot Gardiner und dessen neuem Constellation Orchestra, die manche Augenbraue nach oben gehen lassen: "Vieles erinnert an einen kompromisslosen Rachefeldzug des Dirigenten gegen sein altes Ensemble, den Monteverdi Choir und Orchestra (MCO), beziehungsweise die English Baroque Soloists, die er nach seinem Ohrfeigen-Skandal verlassen hatte." So stechen einige Terminungereimtheiten ins Auge, die mitunter wie Duelle mit dem alten Orchester wirken - und mitunter kurzzeitig anberaumt wurden, etwa in der Elbphilharmonie, wo man eigentlich notorisch um Slots kämpfen muss. "Welcher Zusammenhang besteht, dass ausgerechnet auch Wien, Dortmund und Luxemburg ebenfalls schnell Termine für Gardiner gefunden haben?"

Auf ihrem neuen Album "Wir waren hier" nehmen Die Nerven erneut die Pole Position unter den Apokalyptikern des deutschsprachigen Indierocks ein, schreibt Thore Rausch in der SZ. Zu hören ist "Sound für übergroße Kathedralen, wie eine akustische Täuschung, glühende Wände aus Klang. Musik, die vor lauter Dringlichkeit geradezu aus den Kopfhörern platzt. Sehr kompromisslos in ihrer düsteren Vision." Es "ist ein Album zum Doomscrollen durch Nachrichtenapps, für einsame Momente in der Straßenbahn, durchzogen von universellem Unbehagen im endlosen Content-Fluss zwischen ETF-Spartipps, süßen Hundevideos und zerbombten Städten. Flughöhe: 'Ich bin mir ziemlich sicher, man kann hier noch ein paar Prozesse optimieren.'"



Weitere Artikel: In der taz spricht Dagmar Leischow mit der US-Musikerin Joan As Police Woman über deren neues Album. Christiane Peitz blickt im Tagesspiegel auf die Krisenlage der Berliner Musikhochschulen. Arno Lücker schreibt in VAN ausführlich über den Komponisten Charles Ives, den das Musikfest Berlin in diesem Jahrgang mit einem Schwerpunkt würdigt (hier außerdem Albrecht Selges VAN-Resümee der zweiten Woche des Festivals). In der FAZ spricht Max Nyffeler mit Nuria Schönberg Nono über deren Vater Arnold Schönberg, der heute vor 150 Jahren auf die Welt kam (hier Axel Brüggemann auf Backstage Classical mit einer Würdigung). Für die NMZ hat Ralf-Thomas Lindner Lemgo besucht, wo seit dem letzten Jahr in der Heilig-Geist-Kirche eine Wurlitzer-Kirchenorgel steht. Weitere Nachrufe auf Caterina Valente (unser Resümee) schreiben Georg Seeßlen (Zeit Online) und Paul Jandl (NZZ).

Besprochen werden ein Gastspiel des Cleveland Orchestras in Wien (Standard) und der Retro-Soul auf dem Album "Perak" des indonesischen Trios Thee Marloes ("Musik aus Träumen über verlorene Träume. Ihre Schönheit lässt einen nicht los", schwärmt Oliver Tepel in der taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2024 - Musik

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Taylor Swift unterstützt Kamala Harris - das lange erwartete Endorsement schlägt ein, auch wenn es niemanden ernsthaft überrascht haben kann. Ihr Instagram-Posting dazu (hier mit Text zum Nachlesen) hat mittlerweile über zehn Millionen Likes, zu sehen gibt's "ein autorisiertes Bild der Abgöttin, mit Katze, als Ellenbogenknuff in Richtung des Trump-Vizekandidaten J. D. Vance, der immer wieder als lautstarker Dummenfänger bei Männern mit ranzigen Ressentiments gegen kinderlose Kuscheltierhalterinnen aufzufallen versucht", schreibt Dietmar Dath in der FAZ. Aber "Swift begründet fast schon analytisch genau die Hintergründe ihrer Entscheidung", ergänzt Julian Weber in der taz. Swifts Posting könnte die Wahl durchaus beeinflussen, glaubt Jakob Biazza in der SZ, denn "wenn Taylor Swift sich heute äußert, erreicht das, anders als bei vielen anderen (US-)Künstlern, gerade nicht nur ein urbanes, städtisches, tendenziell an den Küsten der USA angesiedeltes Publikum. Es erreicht auch den Mittleren Westen, den Rust Belt, die fly-over states. Republikaner-Kernland. Deshalb ist Taylor Swift für Donald Trump so gefährlich."
 
Zeit Online hat ein ganzes Expertenteam auf das Instagram-Posting angesetzt. Unter anderem geht es um den auf dem Foto ebenfalls prominent platzierten Kater Benjamin Button, der "offenbar sehr begabt ist in Gesichtsausdrücken, auch weil seine Augen wie antike Fischerkugeln aussehen, im Blau eines Bergsees des niederländischen Malers Jacob van Ruisdael. In dem nun kursierenden Instagram-Post guckt Benjamin Button damit ostentativ desinteressiert, obwohl unklar ist, woran. Am US-Wahlkampf, an der Musik seiner Mitbewohnerin oder am Internet? Es wäre alles verständlich. Der Kater jedenfalls verschränkt 'die Arme' dabei wie ein genäschiger Kaufmann aus dem 19. Jahrhundert, dem die Tochter gerade beichtet, dass sie sich in einen niederen Soldaten verliebt habe. Nach dem resting bitch face kommt nun das resting cat face." Soweit zum Cat Content.

Caterina Valente ist tot. In den Jahrzehnten nach dem Krieg war sie "eine singende, albernde, tanzende, performende, sich (und anderen) ständig Perfektion abverlangende Sängerin", schwärmt Jan Feddersen in der taz. "Eine Berühmtheit, wie sie heutzutage nicht mehr ermessen werden kann. Sie war von den mittleren 50er- bis in die frühen 70er-Jahre eine Sängerin von Weltklasse, von multikulturellster Delikatesse, wie man es heutigen Sängerinnen kaum nachsagen würde: Die Valente, das war die Beyoncé ihrer Zeit, allerdings ohne den Social-Media-Rummel. ... Stimmlich über mehrere Oktaven sicher, jazzy in jeder Hinsicht, versiert Valente auch in der Kunst japanischer oder brasilianischer Phrasierungen, konnte beinah alles - ihre Professionalität speiste sich wahrscheinlich aus stupendem Talent, möglicherweise auch aber auch aus der Selbstdisziplin, jedes noch so triviale Lied perfekt einzuüben." Ein schönes Beispiel bietet dieses Duett mit Dean Martin:



Sie war die "beschwingte Reiseführerin der Herzen, mit der es mal nach 'Granada' und mal nach 'Ipanema' geht", hält Gunda Bartels im Tagesspiegel fest. Fernerhin hatte sie, wie viele deutschsprachige Divas, "das Pech, dass all ihr Talent auf einmal nicht mehr viel galt, als sie ihrem Publikum untreu wurde, so nach ihrem endgültigen internationalen Durchbruch 1959 mit sieben Konzerten im Pariser Olympia, nach ebensolchen beim Londoner Talk Of The Town und ihren vielen Gastspielen in Amerika, wo sie schon 1956, in New York, ihre erste Jazzplatte aufnahm", schreibt Edo Reents in der FAZ. Dabei war sie "als europäische Jazzsängerin in den 50er- und 60er-Jahren einsame Spitze".



Wenn SZ-Kritiker Gerhard Matzig an Caterina Valente zurückdenkt, dann hat er nicht die Schlagersängerin vor dem geistigen Auge, sondern er sieht "die junge Valente" in New York, "im weißen, knielangen Kleid, die Einkaufstüten in der Hand, wie sie sich ein Taxi ruft" und dann "gleich ins berühmte Decca-Studio fährt, wo man ihr - denn sie hat eine sensationell wandlungsfähige Stimme, die nicht dem Schlager allein gehört - das Angebot macht, ein Album mit dem Jazz-Arrangeur Sy Oliver einzuspielen. ... Oliver stellte seinem Orchester die Sängerin so vor: "This young lady is swinging, you'd better swing too." Caterina Valente eroberte New York und den Jazz Cole Porters auf so bezaubernde wie logische Weise. Denn eigentlich konnte sie alles singen." Weitere Nachrufe in FR und Presse.

Weitere Artikel: Christian Wildhagen (hier) und Dorothea Walchshäusl (dort) erinnern in er NZZ an Arnold Schönberg, der vor 150 Jahren geboren wurde. Joachim Hentschel erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit der Antilopen Gang, die nach der Solokarriere von Danger Dan ein großes Comeback mit neuem Album feiern. Michael Stallknecht schreibt in der SZ über Petr Popelka, der Leiter der Wiener Symphoniker wird. Christoph Forsthoff porträtiert für die NZZ die Cellistin Sol Gabetta. In der FAZ schreibt Wolfgang Sandner zum 80. Geburtstag des Geigers, Dirigenten und Kulturfunktionärs Wladimir Spiwakow. Besprochen wird Jack Whites neues Album "No Name" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2024 - Musik

Benjamin Moldenhauer resümiert im ND das auf Düstermetal aller Sorten spezialiste Hellseatic-Festival in Bremen. Michael Jäger berichtet im Freitag vom Lausitz Festival. Ueli Bernays erinnert in der NZZ an die Zeit, als Gitarristen der Rockmusik noch als Götter galten. Besprochen wird die Benefiz-Compilation "Drones for Drones Vol. 3" mit experimentellem Krach zugunsten der Ukraine (taz).

Und das hat popkulturelles Gewicht: Nach dem TV-Duell zwischen Kamala Harris und Donald Trump hat Taylor Swift auf Instagram verkündet, Harris zu wählen - und sich dabei auch als "childless cat lady" in Pose gesetzt, als die Trumps Vize-Kandidat J.D. Vance Harris in Misskredit zu bringen versucht hatte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.09.2024 - Musik

Beim Lucerne Festival kam es zu einem inoffiziellen Orchesterwettstreit der besonderen Art, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ: Während die Berliner Staatskapelle sich zu einem von Susanna Mälkki dirigierten Gastspiel bei den Eidgenossen einfand, dirigierte deren neuer Leiter ab der kommenden Saison, Christian Thielemann, die Wiener Philharmoniker. Aber das Berliner Orchester wirkte mit seinem Mahler-Programm "derart wach, auf den Punkt konzentriert und im Einvernehmen mit ihrer Dirigentin, dass das Spiel der Philharmoniker im Vergleich dazu lediglich routiniert erschien." Berlin hingegen ging mit "viel mehr Innovationsgeist" zu Werke und das "schon in dem frühen, aber visionären Sinfoniesatz 'Blumine', den Mahler nachträglich aus seiner Ersten entfernt hat. Mälkki überträgt diesen kalligrafisch genauen Zugriff dann auf dessen spätes "Lied von der Erde", das hier so radikal fortschrittlich wirkt wie selten. Doch gleichzeitig brennt und glüht die Musik in jedem Ton. ... Am Ende des existenziell aufwühlenden 'Abschieds' mit seiner Jenseitsvision herrscht auch im Saal eine kleine Ewigkeit lang Stille, ein vibrierendes Nachleuchten der Musik, wie man es nur ganz selten erlebt. Dann bricht sich Jubel Bahn, das sichtlich mitgenommene Orchester kann sein Glück anfangs kaum fassen."

Der altehrwürdige "Preis der deutschen Schallplattenkritik" wird 60 Jahre alt - eine Bastion der Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit, schreibt Jurymitglied Max Nyffeler in der FAZ. Dem Rest der Zunft liest er aus diesem Anlass aber kräftig die Leviten: "Der musikalische Diskurs entfaltete sich einst im geschützten Bereich der Hochkultur. ... Unter dem Ansturm der Popkultur, der durch das Internet eine ungeahnte Explosivkraft erhielt, geriet die Musikkritik alten Stils in die Defensive. Die um sich greifende Verunsicherung hat heute Züge von Desorientierung angenommen. Aus Angst, als rückständig zu gelten, unterstützen die einen die opportunistischen Versuche der Veranstalter, das traditionelle Repertoire durch populistische Effekte einem klassikfernen Publikum schmackhaft zu machen", alldieweil "die anderen das Kind gleich mit dem Bade ausschütten: Sie verstehen Musikkritik als Dekonstruktion des tradierten Musikbegriffs und sympathisieren mit den politischen Aktivisten, die den verachteten bürgerlichen Musikbetrieb zum kulturellen Kampfplatz für Antikolonialismus, Umweltfragen und die Kritik am alten weißen Mann machen möchten."

Weiteres: Klaus Walter denkt in der FR über den Erfolg von Coverbands nach, die bis ins Bühnen-Outfit hinein die Konzerte ihrer Lieblinge nachstellen. Stefan Ender freut sich im Standard auf das in wenigen Tagen in Eisenstadt beginnende Musikfestival Herbstgold. Besprochen wird der Saisonauftakt im Wiener Konzerthaus mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2024 - Musik

Axel Brüggemann wirft für Backstage Classical einen Blick hinter die Kulissen des SWR-Symphonieorchesters, dessen Mitglieder nicht zur Ruhe kommen. Nach turbulenten Ereignissen - erst eine Fusion, dann die Causa Currentzis - ist es nun der Skandal um den neuen Leiter François-Xavier Roth, an dem die Chefetage nach einem MeToo-Skandal festhalten will, der das Orchester beschäftigt. 48 Mitglieder verwehrten sich nach erfolgloser interner Ansprache auch in Form eines Offenen Briefes "dagegen, dass in der Öffentlichkeit das Bild der Einstimmigkeit entstehe. ... In der aktuellen Krisen-Schalte gingen Anke Mai und Sabrina Haane nun kaum auf die Kritik an ihnen ein. Stattdessen starteten sie einen Gegenangriff und beschuldigten die 48 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner kollektiv, dem Image des SWR zu schaden, indem sie sich (oder einer von ihnen) an die Öffentlichkeit gewendet hätten. Für diese Unterstellung ernteten sie postwendend Protest."

Die Musikkritiker verabschieden sich von Bossa-Nova- und Samba-Musiker Sergio Mendes, der im Alter von 83 Jahren in Los Angeles gestorben ist. "Sein Album 'Sergio Mendes & Brasil '66' ist noch heute ein zeitloser Klassiker des Bossa, reicht aber weit darüber hinaus", schreibt Bodo Mrozek auf Zeit Online. Hier "finden sich zahlreiche ikonische Arrangements: 'One Note Samba' schraubt sich mit halsbrecherisch-komplexen Scatkaskaden in schwindelerregende Höhen, 'Day Tripper' wird mit einem weit in den Diskant der Klaviatur ausgreifenden Pianosolo verjazzt, in 'Água de beber' liefern sich portugiesischer Chorus und gestopfte Trompete ein Duell, und 'Slow Hot Wind' legt die tanzbare Melange zwischendurch in die Hängematte einer radikalen Entschleunigungskur. ... Mit der Kanonisierung seiner Titel zu sogenannten Jazzstandards geht allerdings auch eine gewisse Übersättigung einher. Die beschwingten, kristallinen Klangkaskaden klimpern so unaufdringlich wie ein wohltemperierter Zimmerspringbrunnen. Jahrzehntelang geben sie in Hotellobbys und Cocktailbars, auf kaum hörbare Lautstärke heruntergeregelt, fast mehr ein exklusives Hintergrundgeräusch für diskrete Gespräche bei gedimmtem Licht ab, als dass man ihnen noch bewusst zuhörte."



Was war nun Mendes' Erfolgsformel, fragt Detlef Diederichsen in der taz. Denn "außer in seinem Erfolg war er mit nichts besonders herausragend. Guter, aber unauffälliger Pianist, selten als Komponist aktiv, keine wirklich identifizierbare musikalische Handschrift. Sein Talent bestand eher darin, das brasilianische Element - in unterschiedlichen Momenten und Situationen - stets sinnvoll ins Spiel zu bringen. Er castete fleißig aufstrebende Talente, so sie irgend in sein Konzept passten, und führte so der eigentlich nicht gerade für Neugier oder gar Experimentierfreude bekannten Chartswelt immer wieder unerwartete, innovative Ingredienzien zu. Natürlich in milder, gaumenfreundlicher Dosierung." Stimmt schon, meint auch Wolfgang Sandner in der FAZ, doch Mendes' "von der Phrasierung der portugiesischen Sprache geprägter Sound mit zwei weiblichen Vokalpartien, sein unaufgeregt swingender Latin-Rhythmus, das unprätentiöse Melos, mit dem er viele Cover-Versionen ausstattete, all das besaß zwingenden Charme."

Weitere Artikel: Christoph Irrgeher spricht für den Standard mit dem Pianisten Vikingur Ólafsson. Manuel Brug berichtet in der Welt vom Musikfest Berlin. Für die SZ plaudert Jakob Biazza mit LL Cool J über dessen Comeback. In der FAS macht sich Susanne Romanowski (online nachgereicht) Gedanken über die Oasis-Nostalgie der letzten Tage. Patrick Bahners resümiert in der FAZ den Auftakt des Beethovenfestes in Bonn.

Besprochen werden ein von Franz Welser-Möst dirigiertes Konzert des Cleveland Orchestras (Standard), ein Konzert der Einstürzenden Neubauten in München (SZ), neue Aufnahmen alter deutscher Lieder von Andrè Schuen, Julian Prégardien, Konstantin Krimmel und Samuel Hasselhorn (FAZ) sowie Laurie Andersons neues Album "Amnelia" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.09.2024 - Musik

Völlig begeistert ist NZZ-Konzert Christian Wildhagen vom Mahler-Konzert des BR-Symphonieorchesters unter Simon Rattle beim Lucerne Festival. Rattle dirigiert die Symphoniker luftiger als sein Vorgänger Mariss Jansons, beobachtet er. "Mahlers grimmig-grandioser sechster Sinfonie kommt der gelassenere Zugriff ebenso zugute wie Rattles jahrzehntelange Erfahrung mit diesem Ritt durch Himmel und Hölle. Wie eine Tragödie in vier Akten entwickelt er die vier Sätze, und innerhalb dieser packenden Dramaturgie ergibt auch der auf die zweite Position vorgezogene langsame Satz Sinn: als letzter Hoffnungsschimmer, bevor die Musik exzessiv den eigenen Untergang zelebriert. Dennoch behält Rattle stets die Kontrolle über die gewaltigen Energieströme, immer wieder bricht er den fatalistischen Sog mit fein herausgearbeiteten Details auf. So behauptet das Individuum seine Stimme selbst noch inmitten des pessimistischen Taumels. Ein geradezu symbolischer Akt - und eine dirigentische Meisterleistung."

Weitere Artikel: Für die WamS porträtiert Manuel Brug die Sopranistin Anna Prohaska. Im Tagesspiegel-Gespräch gibt Anne-Sophie Mutter Frederik Hanssen darüber Auskunft, warum sie ein Benefizkonzert für die Deutsche Krebshilfe spielt. Marlene Knobloch erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit Moon Unit Zappa, die gerade ein Buch über ihr Leben als Tochter von Frank Zappa veröffentlicht hat. Die Vorstellung, dass Musik die Menschen einander näher bringt, hält Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne für ausgemachten Quatsch. Karl Fluch schreibt im Standard über Emily Armstrong, die neue Sängerin von Linkin Park. Weiterhin erinnert Fluch im Standard an die ersten beiden Alben von Robert Palmer, die vor 50 Jahren erschienen sind. Und die Agenturen melden, dass die brasilianische Samba- und Bossa-Nova-Legende Sérgio Mendes gestorben ist.



Besprochen werden MJ Lendermans Album "Manning Fireworks" (Zeit Online), ein neues Album der Suuns (Jungle World), ein Frankfurter Konzert von The Vampires (FR), Paris Hiltons Pop-Comeback (Standard) und ein Album von Robert Stadlober mit Tucholsky-Liedern (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2024 - Musik

Wenn Lahav Shani mit den Münchner Philharmonikern Anton Bruckners Neunte spielt, dann lässt dies SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck auch deshalb aufmerken, weil Shani ab übernächster Spielzeit die Leitung der Philharmoniker übernimmt. Es ist, wie sich Brembeck auch im anschließenden Bach-Teil zeigt, ein eher konservativer Abend. "Shani hat einen ungezwungen natürlichen Zugang zu romantischer Musik. Er lässt Bruckner dahinströmen, er verkünstelt sich nie, sucht nicht nach neuen Lösungen, Überraschungen, Spekulationen. So kommen die leisen Streicherwirbel und die tastend einsetzenden Bläser nicht etwa überirdisch geheimnisvoll - oder, wie Bruckner schreibt: 'feierlich; misterioso' -, sondern ganz diesseitig, als ein in Klang gefasstes Unbehagen aus den Tiefen der Erde." Der Dirigent "treibt die Musik unerbittlich an, immer wieder zeichnen die Bläser dazu fahle Albträume. Das Ganze ist ein überreizter und hohnlachender Walzer, der ganz dezidiert nur ein Ziel kennt: Untergang und Tod. ... Da lauschen und schauen Publikum wie Musiker in einen grausigen Abgrund, der bei Shani nichts Metaphysisches hat, sondern alle Kriege, Ausbeutungen, Foltern dieser Welt meint."

Weitere Artikel: Hanspeter Künzler spricht für die NZZ mit der Experimentalmusikerin Laurie Anderson über deren neues Album "Amelia". Axel Brüggemann spricht für Backstage Classical mit Petr Popelka, der in dieser Saison seine Position als Chefdirigent der Wiener Symphoniker antritt. Wie bereits Johanna Adorján in der SZ (hier unser Resümee) feiert auch Antonia Baum in der Zeit den Irrsinn im neuen Musikvideo "Tailor Swif" von A$AP Rocky. Stefan Ender resümiert im Standard den Saisonauftakt im Wiener Musikverein. Stefan Weiss plädiert im Standard für mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Oasis-Comeback. Im Standard freut sich Christian Schachinger auf die österreichischen Konzerte des Schweizers Manuel Gagneux, der mit seinem Projekt Zeal & Ardor Gospel mit Black Metal vermählt. Das klingt dann so:



Besprochen werden das neue Album des Joachim Kühn French Trios (FR), das neue Album von Nick Cave (taz, mehr dazu bereits hier) und ein Konzert der Band Tinariwen in Frankfurt (FR).

In der Frankfurter Pop-Anthologie befasst sich Thomas Combrink mit John Cales Song "Paris 1919":

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2024 - Musik

Antonia Munding macht sich auf Backstage Classical Sorgen um Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra - nicht nur, weil Barenboim seine letzten Auftritte gesundheitlich sichtlich angeschlagen absolvierte, sondern vor allem auch, was die Friedensbotschaft des aus israelischen und palästinensischen Musikern zusammengesetzten Orchesters betrifft: Zuletzt waren diesbezüglich nur Floskeln aus dem Repertoire zu hören, aufgesagt von Gastmusikerin Anne-Sophie Mutter, die, anders als die Musiker hinter ihr, allerdings kaum persönlich von den Entwicklungen in Nahost betroffen ist. "Kann es sein, dass zu viel Routine eingekehrt ist in die musikalischen Friedens-und Freiheits-Appelle? Ein Orchester kann und darf nicht zur moralischen Institution erstarren, sondern bleibt nur aussage- und ausdrucksstark, wenn es weiterhin Neugierde weckt, das Interesse an einem komplexen Hören und damit das Ringen um Balance, um die Zwischentöne." Doch klar ist Munding auch: "Das Massaker, das die Hamas am 7. Oktober in Israel verübte, die Verschleppung der Geiseln und der seitdem immer blutiger geführte Krieg mit zehntausenden palästinensischen Opfern rüttelt auch am Selbstverständnis des West-Eastern Divan Orchestra."

Johanna Adorján ist in der SZ ziemlich umgehauen von Vania Heymanns und Gal Muggias zwei Monate vor der russischen Invasionin Kiew entstandenem Musikvideo zu A$AP Rockys "Tailor Swif", das "visuell so aufregend und neu ist, dass man sich noch lange daran erinnern wird. ... In hyperrealistisch schönen Bildern bewegt sich die Kamera durch einzelne Tableaus, und zwar so, als blicke jemand unruhig immer woandershin - und überall, wirklich überall ist im Hintergrund gerade etwas Interessantes zu sehen. ... Nichts ist plausibel, und doch fügt sich alles zu einer Welt, die in sich vollkommen stimmig wirkt, und das so unaufgeregt, als wäre gar nichts Auffälliges zu sehen. Dabei fällt ständig irgendwas vom Himmel - ein Traktor, ein Toilettenhäuschen -, Raketen steigen auf, ein Sofa brennt und in einem Hochhaus steckt auf halber Höhe ein Auto, das da irgendwie reingedonnert sein muss."



Weitere Artikel: Der Kulturmanager Hans-Joachim Frey (mehr zu ihm hier) hat in St. Petersburg den Petrovsky-Ball organisiert, bei dem sich - neben Valery Gergiev - auch allerlei Prominenz aus dem Putinzirkel ein Stelldichein gegegeben hat, meldet Backstage Classical - und verweist darauf, dass Frey beim Opernball in Dubai offenbar neben Sonya Yoncheva auch Placido Domingo auftreten lassen will. Im VAN-Gespräch mit Merle Krefeld gibt die Klima-Aktivistin Luisa Neubauer Auskunft darüber, warum sie nun auch mit den Musikern vom Ensemble Resonanz Stücke wie "Rede in Es-Dur" entwickelt und damit im Klassikbetrieb reüssiert. Hannah Schmidt blickt für VAN auf die prekäre Lage freier Ensembles in Deutschland insbesondere nach Auslaufen des Förderprogramms "Neustart Kultur". Regine Müller führt in der NZZ durch den Programmschwerpunkt des Lucerne Festivals zu Ehren des Komponisten Beat Furrer. Albrecht Selge berichtet für VAN vom Musikfest Berlin. Lars Fleischmann berichtet in der taz vom belgischen Musikfestival Meakusma. Eleonore Büning befasst sich in einem VAN-Essay mit der Geschichte des vor 60 Jahren erstmals verliehenen "Preises der deutschen Schallplattenkritik". Holger Noltze erinnert sich in VAN an die Pionierzeit des Kölner Studios für Elektronische Musik, wie sie auch in diesem Buch erzählt wird. Ronald Pohl schreibt im Standard über Anton Bruckner, der vor 200 Jahren geboren wurde (mehr zum Ehrentag hier). Besprochen wird International Musics drittes Album "Endless Rüttenscheid" (Tsp). Und die VAN-Autoren blicken erwartungsvoll auf die kommende Klassik-Saison.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2024 - Musik

Heute vor 200 Jahren wurde Anton Bruckner geboren. Berthold Seliger liefert dazu im Neuen Deutschland einen epischen Longread, der dem "geradezu besessenen Katholiken" allerdings nicht immer ganz zur Glorie gereicht: In seinen Sinfonien "baut er eigene Welten, imposant wie Kathedralen, mit denen sie oft verglichen wurden. In ihnen kann sich der verklemmte Kleinbürger ohne Weiteres zurechtfinden und zum Großmeister, zum Magister Ludi mutieren. Was ist das Besondere an dieser Sinfonik? Zuvorderst die Maßlosigkeit. ... Häufig sind es immense Brocken, die der Komponist übereinanderstapelt, gigantische, dröhnende Steigerungswellen. ... Verstörend wirkt für viele, dass Bruckner hinter die bekannten kompositorischen Lösungen seiner Vorgänger zurückfiel. Auch Beethoven versuchte, die Konflikte ... einer Lösung zuzuführen. Doch während Beethovens Lösung 'Freiheit' und 'Revolution' oder doch zumindest 'Alle Menschen werden Brüder' lautet, nimmt Bruckner nach seinen kolossalen Anläufen alles wieder zurück. Es gab nach der Aufführung von Bruckner-Sinfonien, anders als bei Beethoven, keine Zuhörenden, die in Freiheitsrufe ausbrachen, und es wird keine Zuhörenden geben, die sich glücklich in den Armen liegen. Sie werden höchstens erschöpft sein, bei guten Aufführungen aber definitiv auf angenehme und anregende Weise erschöpft."

Die Bruckner-Einstünder "formieren ihren eigenen Kosmos", schreibt Gerald Felber in der FAZ, "und Bruckner wird dabei bald radikaler und schroffer als jeder, der vor und neben ihm Noten schrieb. ... Wenn etwa der Beginn von Bruckners 5. Sinfonie aus richtungslos ins Leere fallenden Tontropfen, dem fernen Dämmern starrer Akkordschichtungen und vulkanischen Blechbläsereruptionen einen kosmischen Urschrei baut; wenn jähe Dynamik- und Farbwechsel oder harmonische Rückungen die klangliche Tiefenschärfe einzelner Abschnitte herausmeißeln und Motive raumschaffend gegen flirrende Tremolohintergründe abgesetzt werden, entsteht daraus eine unmittelbar durchschlagende und in ihren Wirkmechanismen fast animalische Körperlichkeit. Keine dieser Techniken hat Bruckner erfunden, doch erst er hat sie so systematisch zum Einsatz gebracht."



Christoph Irrgeher erinnert im Standard daran, wie Bruckner von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde: Nach deren Ende "hatte die Welt das Bruckner-Faible der Nazis rasch vergessen. Überraschend? Ja, aber auch gerecht. Denn Bruckner selbst hatte die Nähe zu völkischen Geistern wohl nie gezielt gesucht." Wilhelm von Sternburg führt in der FR durch Bruckners Leben, Wilhelm Sinkovicz (Presse) und Berthold Seliger (ND) empfehlen Einspielungen. Vor allem Sergiu Celibidaches eigenwillige Bruckner-Interpretationen mit den Münchner Philharmonikern kann Seliger empfehlen und verspricht "breite Tempi und tiefes Eintauchen in die Brucknerschen Klangwelten samt aller Details. Toller Sound und Mystizismus." Eine davon haben wir oben eingebunden.

Weiteres: Ji-Hun Kim wirft für den Freitag einen Blick auf den Hype um das Oasis-Comeback. Karl Fluch porträtiert im Standard die austalische Soulband Teskey Brothers, die im September in Wien spielen wird..



Besprochen werden Nick Caves "Wild God" (NZZ, mehr dazu bereits hier), Giorgio Testis Konzertfilm "Paolo Conte alle Scala" (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter Mercury Revs "Horses" ("Sternenfahrermusik für Abonnenten von Esoterik-Podcasts", verspricht Christian Schachinger im Standard).

Stichwörter: Bruckner, Anton, Scala, Oasis

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2024 - Musik

Um den Dirigenten Klaus Mäkelä ist derzeit kaum ein Herumkommen - der gerade mal 28-jährige Finne ist aktuell der Shooting-Star der Klassikszene (unsere Resümees). Beim Gastspiel mit dem Oslo Philharmonic beim Musikfest Berlin beweist er "einmal mehr, dass er wirklich der beste Dirigent seiner Generation ist", jubelt Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "Mit einer in jeder Hinsicht überwältigenden Aufführung von Dmitri Schostakowitschs fünfter Sinfonie vermag er das Publikum in einen kollektiven Rauschzustand zu versetzen. ... Schnell, grell, brutal: Mäkelä beschönigt nichts, eröffnet die Möglichkeit, die Partitur politisch zu hören, als Ringen des Individuums um persönliche Freiheit in den Zeiten von Stalins Terrorregime. Da berührt es zutiefst, wenn sich nach endlosen Brutalitäten im Kopfsatz das Flötensoloin zartester Verletzlichkeit erhebt. Und der Dirigent vermag die Intensität noch zu steigern, im Allegretto erreicht sie Gänsehaut-Grade. Überwältigend auch, wie bei ihm das Finale aus dem Ende des langsamen dritten Satzes förmlich herausplatzt, wie er sich aus dem brachialen Prestissimo zwischendurch hineinfallen lässt in eine Passage des Verlorenseins, der bittersten Einsamkeit." Eine Aufzeichnung des Konzerts zum Nachhören soll es ab 6. September hier in der Mediathek des Festivals geben.

Weiteres: Wolfgang Sandner berichtet in der FAZ vom Musikfestival "Arcus Temporum" in der Benediktinerabtei Pannonhalma in Ungarn und von dessen Programmschwerpunkt mit Musik des Anfang des Jahres verstorbenen Komponisten Péter Eötvös. Besprochen werden die Leipziger Ausstellung "Die Stimmen der Frauen" über die Frauen in der Bach-Familie (taz) und das neue Album der Berliner Band Kafvka (taz).