Das FAZ-Feuilletonteam denkt in Notizen über das Lesen im Wandel nach. Kira Kramer etwa singt ein Loblied auf die Drangsal des am materiellen Gegenstand sich abarbeitenden Lesens von Texten, für die es neben Hirnschmalz auch körperlichen Einsatz braucht: "Wir müssen den Text aufbrechen mit Kringeln, Unterstreichungen, Klammern, Blitzen, Herzchen und Ausrufezeichen, die uns daran erinnern, was wir bereits verstanden haben und worauf wir zurückkommen wollen, wenn wir uns in den folgenden Absätzen wieder verlieren. Auch vor Eselsohren und Kaffeeflecken muss ein Aspirant auf die in den Wörtern codierten Essenzen nicht zurückschrecken, wenn es heißt, das Gegenüber gefügig zu machen. In einem solchen Kampf wird die Materialität des Textes zu unserem stärksten Verbündeten gegen das immaterielle Widerspenstige, denn sie ist das Einzige, woran wir uns festhalten können. Solch ein Zweikampf um den Inhalt eines Textes, den wir gemeinhin Lesen nennen, wird jeden Kämpfer Demut lehren vor der Gewalt der Sprache."
Weiteres: In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Jan Röhnert an ein handgreifliches Scharmützel zwischen OssipMandelstam und AlexejTolstoi. Besprochen werden unter anderem ClemensBöckmanns "Was du kriegen kannst" (FR), Adelheid Duvanels "Nah bei Dir. Briefe 1978-1996" (NZZ), AnuschkaRoshanis "Truboy. Mein Sommer mit Truman Capote" (FAZ) und SiegfriedLenz' Erzählungsband "Dringende Durchsage" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Jürgen Becker, 1932-2024. (Bild: HP Schaefer, CC BY-SA 3.0)Der Lyriker und langjährige Rundfunk- und HörspielredakteurJürgenBecker ist tot. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt er 2014 den Georg-Büchner-Preis. Er war "Bewusstseins-Topograf, Chronist deutscher Verhältnisse und Befindlichkeiten, lyrische Stimme der 'skeptischenGeneration'", schreibt Andreas Nentwich in der NZZ. Als Teil dieser skeptischen Generation, "die den Nationalsozialismus und den Krieg in der Kindheit oder Jugend erlebte und danach Ideologien nur noch mit Vorsicht begegnete", kommt Becker "tatsächlich ohne starke Überzeugungen oder gar Glaubenssätze und überhaupt ohne Aufwallungen aus", schreibt Dirk von Petersdorff in der FAZ. Aber bei aller Skepsis auch gegenüber Formen und lyrischem Pathos zeigen seine Gedichte "doch eine Rhythmik des Satzbaus, und ihre Besonderheit liegt im genauen Sehen und im Festhalten des Beobachteten. Becker war Realist, aber wie alle ästhetischen Realisten bildete er nicht einfach ab, sondern wählte aus der Wirklichkeit aus."
Becker war einer der "herausragenden Autoren der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit", hält Martin Oehlen in der FR fest. "Legendär sind die frühen Prosaexperimente 'Felder' (1964) und 'Ränder' (1968), mit denen sich Jürgen Becker gegen den etablierten Roman und seinen auktorialen Erzähler wandte. Zeitlebens verwies er darauf, sich keinen Plot ausdenken können. Seine Sache war dasErleben, dasErfahrenunddasErinnern. Zunehmend wurde sein Werk geprägt von der Form des Journals. ... Dabei handelt es sich oft um Beobachtungen des Tages, die verwoben werden mit Erinnerungen an zum Teil weit zurückliegende Begebenheiten. Variationen gehören zu seiner Poetik. Denn auch die Erinnerung wandelt sich."
"Spätestens seit dem Fall der Mauer", schreibt Inse Wilke in der SZ, "arbeitete Jürgen Becker zunehmend beharrlich an einer Poetik, die Kriegskindheit und Gegenwart ineinander blendet. Eine Poetik der Gleichzeitigkeit, die im einzelnen Leben das kollektive wahrnimmt und innere und äußere Räume verbindet. ... Nicht umsonst nannte Jürgen Becker seine Dankesrede zum Georg-Büchner-Preis 2014 'Vom Mitschreiben der Wirklichkeit' und bezeichnete sein Werk als eine 'ChronikderAugenblicke'." In der Weltschreibt Thomas Schmid.
Weitere Artikel: Ekkehard Knörer berichtet in der taz vom OpenMikein Berlin. Der SchriftstellerMichailSchischkinerinnert in einer von der Welt dokumentierten, in Marbach gehaltenen Rede an den russischen Literaturprofessor FranzSchiller, dem seine Liebe zu seinem deutschen Namensvetter unter Sowjetbedingungen zum tödlichen Verhängnis wurde. Beatrice Segal erzählt im Standard von ihren Besuchen in Wien, wo sie sich auf die Spuren ihrer Mutter, der im Februar in New York verstorbenen Exil-SchriftstellerinLoreSegal, begab. Manfred Rebhandl spricht für den Standard mit dem österreichischen Schriftsteller ReinholdBilgeri. Johanna Awad-Geissler erinnert im Standard an die vor 110 Jahren in Wien geborene SchriftstellerinAnnemarieSelinko.
Besprochen werden unter anderem TobiDahmens Comic "Columbusstraße" (taz), Elizabeth Gravers "Kantinka" (Standard), Ulrike Edschmids "Die letzte Patientin" (Standard), Oskar Kroons Kinderbuch "Gurke und die Unendlichkeit" (online nachgereicht von der FAZ) und JonathanGuggenbergers "Opferkunst" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über AndreasTschernings "Ein Baum redet den Menschen an":
"Was mir hat der Herbst genommen, Kann ich wieder neu bekommen, Wann des Frühlings Vater bläst ..."
"Bilder und Zeiten" in der FAZ sammelt anlässlich des 9. November Stimmen zum Antisemitismus im Literaturbetrieb. "Fast unerträglich peinlich" fand es etwa BorisSchumatsky wie DinçerGüçyeter auf Facebook von einem "israelischen Völkermord" schwadronierte und sämtliche Gegenstimmen per Löschbutton in den Orkus beförderte. "Widerspruch ist mühsam. Als mehrere Mitglieder von PEN Berlin wegen einseitiger Israelkritik aus der Autorenvereinigung austraten, warf ihnen deren Sprecherin EvaMenasse 'Hysterie' und Gier nach '15 minutes of fame' vor. Sie selbst halte 'sehr viele Varianten von Antisemitismus' nämlich für 'harmlos'. Ich wiederum halte die Verharmlosung des Antisemitismus für noch gefährlicher als den Antisemitismus selbst", denn "so wird der Antisemitismus wohl am häufigsten normalisiert. Deborah Feldman sagt, dass sie wegen des deutschen 'Judenfetischs' nicht ihre Meinung sagen dürfe. Sie sagt das in Zeitungen, auf Podien, im Fernsehen, in meinem Küchenradio. ... Ausgerechnet der zweite Sprecher von PEN Berlin, DenizYücel, bezeichnet den Antisemitismus im Kulturbetrieb als 'falscheBehauptung', und das ist schon die Verharmlosung der Verharmlosenden. Genug ist genug."
In der FAS erzählt die SchriftstellerinRonyaOthmann von ihrer Reise zum Ukrainischen LiteraturfestivalMeridian, das nicht mehr nur in Czernowitz stattfindet, sondern auch in Städten, in denen die App mehrmals täglich Luftalarm gibt. Sie trifft auf ukrainische Autoren, die sich enttäuscht zeigen von deutschen Intellektuellen, und auf Lyrikerinnen, die an die Front gehen - YarynaChornohuz etwa. "Nachdem ihr Partner getötet wurde, trat sie den ukrainischen Streitkräften bei. Sie erzählt von einer Situation im Gefecht, sie hatten Verwundete und wurden abermals angegriffen. Einen Kameraden, der so schwer verletzt war, dass er nicht überleben würde, mussten sie zurücklassen, um sich und andere zu retten. Danach dachte sie, sie würde nie wieder Gedichte schreiben. Sie schrieb doch. Kriegsliteratur, sagt Yaryna. Vielleicht bleibt nur die kurze Form, um die Realität des Krieges zu fassen, denke ich. Für einen groß angelegten Roman sind die Gefechtspausen zu kurz, ist die Stille zu atemlos zwischen einer Sirene und der nächsten. Und ungewiss ist, ob man ihn überhaupt beenden kann."
Weitere Artikel: Der SchriftstellerDursGrünbein schreibt in der FAZ über seinen Ausflug zum Reichtsparteitagsgelände in Nürnberg, das auf ihn den irritierenden Eindruck "eines Remakes des Kolosseums im Stil einer Filmkulisse" macht. Sehr befremdlich findet es Paul Jandl in der NZZ, wie routiniert und achselzuckend sich der HanserVerlag seiner langjährigen Literaturzeitschrift Akzente entledigt. Marc Reichwein porträtiert für die Welt den italienischen SchriftstellerAntonioScurati, der mit seinem Romanzyklus über Mussolini die italienische Gegenwart über die Wurzeln des Faschismus aufklären will - und darüber in den Augen der Meloni-Regierung zur Persona Non Grata geworden ist. Gerrit Bartels kommentiert im Tagesspiegel den BayerischenBuchpreis für Clemens Meyers"Die Projektoren". Leider hat es das Feuilleton bei der Buchpreis-Debatte um Clemens Meyer versäumt, über "die Ökonomie der Poesie" zu diskutieren und hat stattdessen mit dem Abwägen der "individuellen Schattierungen von Eitelkeit" vorlieb genommen, seufzen KlausZeyringer und IlijaTrojanow im Literarischen Leben der FAZ. Die NZZdokumentiert Paul Jandls Laudatio auf Oswald Egger zur Auszeichnung mit dem Büchnerpreis.
Besprochen werden unter anderem NavidKermanis Reiseerzählungsband "In die andere Richtung jetzt" (Standard), MaddalenaVaglioTanets "In den Wald" (Zeit Online), RichardPowers' "Das große Spiel" (FR), MariaStepanovas "Der Absprung" (taz), SabinePeters "Die dritte Hälfte" (taz), FranzDodels Langgedicht "Nicht bei Trost - Sondagen" (FAZ) und AmirHassanCheheltans "Die Rose von Nischapur" (SZ).
"Eine KI, die in Sekundenschnelle das 'Ulysses'-Manuskript von James Joyce auf Verkaufbarkeit prüfen würde, um es dann von den Lektoratsschreibtischen zu fegen, ist eine horribleVorstellung", gruselt sich Paul Jandl in der NZZ angesichts dessen, dass Media Control den großen Verlagshäusern nächstes Jahr mit Demand-Sens ein Analysetool anbietet mit dem sich Bücher schon frühzeitig im Hinblick auf ihren Markterfolg durchleuchten lassen (mehr dazu bereits hier). "Mit voller Wucht könnten die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz ein kulturelles Segment treffen, das bisher vor allem auf seine natürlichen Ressourcen stolz war. Auf die klugen Köpfe hinter den Büchern und in den Verlagen. Werden Autoren, Lektoren und Talent-Scouts von einer Software entmachtet und entmündigt, die alles besser und schneller weiß? "
Besprochen werden unter anderem ein Abend in Wien mit der New Yorker EssayistinFranLebowitz (Standard), MaricaBodrožićs "Das Herzflorett" (Tell), JoachimMeyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (Welt) und GabrieleTergits Reportagensammlung "Im Schnellzug nach Haifa" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Mit der Trennung von der Literaturzeitschrift Akzente trennt sich der HanserVerlag auch "von der eigenen Geschichte", seufzt Thomas Steinfeld in der SZ und blickt mit sichtlicher Wehmut zurück auf die Zeit, als große Verlagshäuser sich noch selbstverständlich Literaturzeitschriften hielten. "Diese Zeitschriften waren - und sind, soweit sie noch existieren - fortlaufende Manifeste zur eigenen Arbeit. Sie waren Mitschriften aus dem Lektorat, in ihnen formten sich Programm und Anspruch in einer Weise, für die es unter den Voraussetzungen einer digitalisierten Öffentlichkeit kein Komplement gibt. ... Was den Hanser-Verlag betrifft: Er wurde über die Akzente überhaupt erst zu einem literarischen Verlag."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Schriftsteller Robert Harris erzählt im Welt-Interview mit Wieland Freund die Hintergrundgeschichte zu seinem neuen Roman "Abgrund". Es geht um die wahre Geschichte des britischen Premierministers Herbert Asquiths, der an seine Geliebte unzählige Briefe schickte - und in ihnen Militärgeheimnisse verriet: "Die Briefe wurde nach Venetia Stanleys Tod im Jahr 1948 von ihrer Tochter entdeckt. Zehn Jahre später hat sie sie Asquiths Enkel, einem Verleger, gezeigt. Dessen Mutter, Violet Asquith, war in ihrer Jugend Venetia Stanleys beste Freundin gewesen, und sie ließ sich überreden, sie teilweise zuveröffentlichen. Etwa die Hälfte von ihnen ist frei verfügbar. Allerdings hat Asquith die Briefe, die Venetia ihm geschrieben hat, vernichtet. Das macht diese Liebesgeschichte sehr einseitig. Also habe ich mich entschieden, ihre Antworten zu schreiben. Erst damit wurde die Affäre lebendig."
Besprochen werden unter anderem OlgaGrjasnowas "Juli, August, September" (Welt), Craig Thompsons Comic "Ginsengwurzeln" (FAZ.net), Jul und Achdés neues Lucky-Luke-Abenteuer "Letze Runde für die Daltons" (Standard), TommyOranges "Verlorene Sterne" (taz), MariaStepanovas "Der Absprung" (FAZ) und JoachimMeyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Offizielles KGB-Foto von Wassyl Stus nach seiner Verhaftung 1972. Foto: National Archiv der Ukraine, public domain
Eine von Eva Yakubovska kuratierte Ausstellung in Berlin erinnert an den hierzulande kaum bekannten ukrainischen Dichter WassylStus, der als Dissident in der Sowjetunion so lange gequält wurde, bis er 1985 an den Folgen desaströser Haftbedingungen starb. "Das Beiheft zur Ausstellung enthält von Irina Bondas neu ins Deutsche übersetzte Gedichte, die das poetische Wort wie einen Vogel begrüßen, der das Herz erblühen lässt, von Anfang an aber auch um den Imperativ der Leidensbereitschaft kreisen", schreibt Kerstin Holm in der FAZ. "'Du lebst - so harre. Wirst geboren - harre. Harre aufs Ende. Harre bis ins Grab' heißt es in den 'Winterbäumen'. Aus dem Straflager schreibt er an den kleinen Sohn über Helden, die immer dann aufträten und gebraucht würden, wenn nicht alle Menschen gut seien. ... Seiner Frau schärft er aus der Verbannung ein, sie und er sollten das Schicksal akzeptieren, das sowohl große Freude als auch große Trauer bedeute und zugleich der 'Stratege' sei, dem Herz und Verstand sich unterzuordnen hätten."
Der belgische Verlag Dupuis hat das bereits vor einem Jahr erschienene Comic-Abenteuer "Spirou und die blaue Gorgone" vom Markt genommen, nachdem der Unmut über die aus der Zeit gefallene Darstellung von Frauen und Schwarzen darin zu laut geworden war, meldet Josef Kelnberger in der SZ: "Die schwarzen Menschen seien gezeichnet wie Affen, sagt eine Influencerin, die Frauen seien hypersexualisiert. ... Wie mittlerweile bekannt wurde, hatte der Dupuis-Verlag den Zeichner schon kurz vor Veröffentlichung gebeten, die Lippen der schwarzen Menschen ein klein wenig zu verändern. Das wäre typisch für den belgischen Umgang mit der Kolonialgeschichte: ein bisschen Kosmetik, aber keine grundlegende Auseinandersetzung."
Weitere Artikel: Die Geschichte der Sklaverei in den USA und deren Folgen für die Gegenwart sind ein zentrales Thema in der Gegenwartsliteratur, stellt Thomas Hummitzsch auf Intellectures fest. Marie Schmidt ist gespannt auf die (auch live im Bayern2 übertragene) Verleihung des Bayerischen Buchpreises, für den erneut auch ClemensMeyer und Martina Hefter nominiert sind und bei dem vorgesehen ist, dass die Jury ihre Entscheidung live vor Publikum und den anwesenden Nominierten trifft: "Es sind schon literarische Entscheidungen unter weniger Druck getroffen worden." Julia Rothhaas unterhält sich für die SZ mit dem Schriftsteller und Schauspieler JoachimMeyerhoff.
Besprochen werden Juls und Achdés neues Lucky-Luke-Abenteuer "Letzte Runde für die Daltons" (taz), SaschaHommers Comicadaption von WilhelmHauffs Märchen "Das kalte Herz" (Intellectures), Christine de Pizanas "Ich, Christine" (FR), ThomasKorsgaards "Hof" (NZZ), FabioLanz' Kriminalroman "Ikarus" (NZZ) und KamelDaouds eben mit dem PrixGoncourtausgezeichneter Roman "Houris" (FAZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der PrixGoncourt geht 2024 an KamelDaoud für dessen Roman "Houris" (mehr zu diesem Roman hier). Diese Entscheidung "entspricht der Funktion des Literaturbetriebs in der französischen Gesellschaft: Ein Gegengewicht zu bilden, wenn Staat und Gesellschaft ins Schlingern geraten", denkt sich Nils Minkmar in der SZ, sie "ist ein Segen für Frankreich und darüber hinaus." Denn Daoud "schreibt seit vielen Jahren die präzisesten politischen Analysen der frankophonen Welt." Mit seinem Roman gibt er "den Opfern des algerischen Bürgerkriegs der Neunzigerjahre eine Stimme. .. Die Erfahrungen, die Daoud als politischer Beobachter in Algerien gemacht hat, bewegen ihn zu deutlichen Warnungen an das europäische Publikum. Reaktionäre und islamistische oder allzu tolerante Kräfte arbeiten Hand in Hand, um die offene Gesellschaft zu bedrohen." Er "warnt vor der 'Zange', in die sich eine westliche Gesellschaft naiverweise hinein manövriert. Damit nervt er rechte und ideologische, angeblich postkoloniale Kreise gleichermaßen."
Weitere Artikel: Irritierend stillos findet Andreas Platthaus von der FAZ das Schreiben, mit dem der HanserVerlag die ja nicht unwesentliche siebzig Jahre umfassende Zusammenarbeit mit der LiteraturzeitschriftAkzente für beendet erklärt: Jo Lendles "Verlautbarung benutzt den wohlbekannten Sound von Arbeitgeber-Beurteilungen beim Ausscheiden ungeliebter Mitstreiter".
Besprochen werden unter anderem JulianVolojs und JörgHartmanns Comic "Liberty" (JungleWorld), MartinBeckers und TabeaSoergels Krimi "Die Schatten von Prag" (online nachgereicht von der Welt), UnaMannions "Sag mir, was ich bin" (FR), AndreaKöhlers Essay "Vom Antlitz zum Cyberface. Das Gesicht im Zeitalter seiner technischen Manipulierbarkeit" (NZZ), TineMelzers "Do Re Mi Fa So" (FAZ) und eine Neuauflage von ArnoldZweigs "De Vriendt kehrt heim" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Festakt im Darmstädter Stadttheater: Ingo Schulze überreicht Oswald Egger den Büchner-Preis. Foto: Anja Seeliger
Am Samstag abend wurden in Darmstadt die Preise der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verliehen: Der Büchner-Preis an Oswald Egger, der Merck-Preis für Essayistik an die Essayistin und ÜbersetzerinMarie Luise Knott (die für den Perlentaucher die Lyrikkolumne Tagtigall schreibt) und der Freud-Preis an den EthnologenKarl-Heinz Kohl. Die Laudatio auf Egger hielt der NZZ-Kritiker Paul Jandl. Sein "Lektüreschlüssel" für das Werk Eggers "war bewundernswert wohlsortiert", lobt Marie Schmidt in der SZ und zitiert Jandl: "Wir sehen etwas und alles zugleich. Den Wald voller Bäume und das Sein, das sich zur Eins hindreht: hyperrealistisch und überlebensgroß den einzelnen Baum, das einzelne Blatt." Auch Judith von Sternburg lobt in der Berliner Zeitung Paul Jandls "glanzvolle Laudatio" auf Egger, die dann von der Dankesrede des Preisträgers getoppt wurde: Vor einer Leinwand wabernder Zellen, "steigerte sich Egger in einen Rollenspiel-Furor hinein, in dem er Woyzeck und Lenz und vielleicht auch sich zu einem eindringlich auf die Möglichkeiten und Rechte der Poesie insistierenden Sprecher verdichtete. Die Erbsen, die Woyzeck zu essen Befehl hat, das Linzen und Lunzen, hinter dem sich Lenz zuweilen verbarg, und der Mississippi aus Eggers 'Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt'. Selbstverständlich kommt der Dichter in seinen eigenen Texten auch vor. Falls es so ist."
Die FAZ druckt heute Eggers Büchner-Preisrede in Gänze. Hier der Anfang: "Wer das lesen könnt - Etwas, das in sich selbst existiert und nur durch sich selbst erkannt werden kann, unquellbare, Ton-in-Ton-zer- talte Hochkoch-Konvektionszellen-Köcherchen, die tief im Aufsplitterungsschlick zerfalzt versiegen: ganz rasch unerstarrte, veraschte Schraffen und Grate, pastose, apart in sich separierende Oszillationen davon, diese causa sui, als Zirkel-Witz, und die Wirbel und Verwirbelungen fast unverursacht, so untief unorientiert rotierende Muster ohne Grund, Brodelböden, bültige, die unter Stampfen offenbarbar quollen, stanzen und verdampften, sich auffalzen, umgraben und zerfallen. Hohl, hörst Du? Alles hohl da unten! Herde der Verkehrung, ein Wurmloch zu den Wolken, die verkochten nach oben - wer das lesen könnt - und viel früher als gedacht verspiegelte, hohlknollig vortorkelnde, peristaltische Ungestalten."
Hier ein Video des ganzen Abends: ab 40:15 die Laudatio von Cécile Wajsbrot auf Marie-Luise Knott, ab 55:15 Knotts Dankesrede, ab 1:12:05 Aleida Assmanns Laudatio auf Karl-Heinz Kohl, ab 1:29:15 Kohls Dankesrede, ab 1:47:20 Paul Jandls Laudatio auf Oswald Egger und ab 2:11:12 dann Eggers Dankesrede, auf die wir mal vorgespult haben:
Am Abend zuvor feierte die Akademie außerdem ihren 75. Geburtstag mit einer Erinnerungsrevue, begleitet vom Ensemble Modern. Alles sehr würdig (wenn auch sehr protestantisch im Ambiente), und doch ist FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen leicht enttäuscht: "Mit ihren Preisentscheidungen zog sich die Akademie keinen großen Tadel zu, aber bei so viel Rückschau hätte man doch gern mehr darüber erfahren, wie sich die Institution in Zukunft sieht, angesichts einer Welt, die mit der von 1949 nicht mehr viel gemein hat."
Weitere Artikel: Dieter Borchmeyer analysiert in einem Essay in der NZZ das - literarische - Verhältnis von Thomas Mann und Franz Kafka. Der Standard bringt einen Vorabdruck von Joachim Meyerhoffs neuem Roman "Man kann auch in die Höhe fallen". Cornelia Geißler gratuliert in der Berliner ZeitungVoland & Quist zum Großen Berliner Verlagspreis. In der SZ berichtet Till Briegleb leicht enttäuscht von einer Tagung des PEN Berlin in Hamburg, wo es viele Panels gab, aber keinen Skandal.
Besprochen werden u.a. Maria Stepanovas Roman "Der Absprung" (FR), Olga Grjasnowas "Juli, August, September" (taz), Burak Caniperks Buch über seine Sozialarbeit in Berlin "Auf Augenhöhe" (taz), Hannelore Cayres Roman "Finger ab" (FAZ), James McBrides Krimi "Himmel und Erde" (FAZ) und Viveca Stens "Blutbuße" (FAZ).
Der in Berlin lebende, israelische SchriftstellerRonSegal steht in der FAZ völlig fassungslos vor dem breiten literarischen Bündnis, das zum Boykott israelischer Kulturinstitutionen aufruft und sich fernerhin dazu verpflichtet, die eigenen Werke nicht mehr ins Hebräische übersetzen zu lassen. "Ein Schriftsteller, der das literarische Sprechen boykottiert, ist wie ein Musiker, der die Musik boykottiert. ... Wie können Schriftsteller, deren Leidenschaft und Berufung es ist, die Grenzen der Sprache herauszufordern und zu erweitern, sich dafür entscheiden, sie zu boykottieren? Sie können die Sprache nutzen, um ein scharfes politisches Buch zu schreiben, um Lärm zu machen. Stattdessen entscheiden sie sich fürs Schweigen. Würden Sie Ihre eigene Sprache oder eine Übersetzung, mit der Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen, boykottieren? Der hebräische Markt ist klein und daher ökonomisch zu vernachlässigen. Die hebräische Kultur jedoch ist reich, weit über ihre Politik hinaus. Indem sie ihre Werke der israelischen Leserschaft vorenthalten, reduzieren die Autoren, die den Brief unterzeichnet haben, ihre Leser im Wesentlichen auf deren Nationalität - eine Schande, vor allem wenn es sich um Frauen und Männer der Literatur handelt."
Weitere Artikel: FranzKafka und ThomasMann hätten sich gut verstanden, glaubt Dieter Borchmeyer in der NZZ. Fürs Literarische Leben der FAZ hat Thomas David mit dem LiteraturnobelpreisträgerKazuoIshiguro gesprochen, der in diesem Monat 70 Jahre alt wird. Dlf Kultur hat aus diesem Anlass ein Feature von David über Ishiguro aus dem Archiv geholt. Martin Zips berichtet in der SZ von seinem Besuch im Atelier des ComiczeichnersJul, der den neuen Lucky-Luke-Band "Letzte Runde für die Daltons" gestaltet hat. Marie-Luise Goldmann spricht für die WamS mit dem Beststeller-Autor John Strelecky. Außerdem kürt die Welt die besten Sachbücher des Monats. Auf Platz Eins: AndreasReckwitz' "Verlust. Ein Grundproblem der Modern" (Dlf Kultur hat mit dem Soziologen ausführlich über seine Thesen gesprochen).
Besprochen werden unter anderem DoganAkhanlis "Sankofa" (FR), RobertFranks neuaufgelegte Fotoreportage "The Americans" (NZZ), AlexejNawalnys Memoiren "Patriot. Meine Geschichte" (NZZ), JustinSteinfelds "Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin" (FAZ), JoachimMeyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (LitWelt) und ClemensBöckmanns "Was du kriegen kannst" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Lars von Törne freut sich im Tagesspiegel, dass die Berliner Staatsbibliothek die umfangreiche Comicsammlung des 2022 verstorbenen Vorsitzenden des Deutschen Comicvereins, StefanNeuhaus, übernimmt. Besprochen werden unter anderem KatjaOskamps "Die vorletzte Frau" (TA), ManfredKrugs "Ich beginne wieder von vorn. Tagebücher 2000-2001" (FR), DoğanAkhanlıs posthumer Roman "Sankofa" (54books), Won-pyungSohns "Mandel" (Freitag), LucieRicos "Die Ballade vom vakuumverpackten Hähnchen" (Freitag), JeremyEichlers "Das Echo der Zeit" (taz), KeanuReeves' und ChinaMievilles "Das Buch Anderswo" (Freitag) und neue Sachbücher, darunter TatjanaTönsmeyers "Unter deutscher Besatzung. Europa 1939-1945" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.