Martina Meister behält für die Welt die aktuellen Ereignisse in der französischenLiteratur im Blick: BoualemSansal wurde offenbar vom algerischen Geheimdienst verhaftet, der aktuelle Goncourt-Preisträger Kamel Daoud wird derweil von Algerien aus mit einer Hetzkampagne belegt (unser erstes Resümee). Gegen Daoud liegt neben der Anzeige einer Frau, die behauptet, Daoud habe ihre Lebensgeschichte für seinen aktuellen Roman ausgeschlachtet, auch eine weitere vor. Hinter beiden Anzeigen steckt die Anwältin FatimaBenbraham, die das algerischeRegimeunterstützt. Sie wirft Daoud vor, "mit seinem Roman gegen das Gesetz der 'nationalen Versöhnung' verstoßen zu haben", und spielt damit an "auf die 2005 verabschiedetet 'Charta für den Frieden und die nationale Versöhnung'. Damals wurden den Terroristen die Rückkehr in die Zivilgesellschaft zugesichert und die Opfer verpflichteten sich, die Täter juristisch nicht zu verfolgen. 'Das schwarzeJahrzehnt ist historisch noch nicht aufgearbeitet worden, es gibt keine für jedermann wahrnehmbare Erzählung', analysiert die Historikerin KarimaDirèche in der französischen Tageszeitung La Croix ... 'Die einzige autorisierte Erzählung ist die des Staates, in der die Ereignisse auf den Begriff nationale Tragödie reduziert werden, was der Versuch ist, sie als schicksalhaft hinzustellen, ohne einen Kontext herzustellen und Verantwortliche zu benennen.'"
Eine Studie über Lyrik und KI sorgte vor kurzem in der schreibenden Zunft für Irritation und Sorge: KI schreibe die besseren Gedichte, hieß es. Das ist aber sehr zugespitzt, entgegnet Michael Wurmitzer ausgeruht im Standard: Die KI-Gedichte wurden von Laien-Probanden in der Tendenz lediglich als "leichterverständlich" bewertet - was ja noch nicht "besser" heißt. Für die Kunst ist die Studie eigentlich sogar ein positives Signal: "Was schließen wir nun daraus? Einerseits, dass der Mensch seinen Artgenossen Kommunikationsfähigkeit zutraut, was erfreulich ist. ... Menschen mögen dieses Erwartbare, weil jenes dem Gehirn erleichtert, sich in der Welt zurechtzufinden. Man kennt das Phänomen von anderen Anwendungen. Etwa finden Menschen künstlich generierte Gesichter in Untersuchungen hübscher als reale, weil sie gleichmäßiger sind. Was daraus folgen muss, ist aber Durchschnitt, und sei es der Durchschnitt eines Shakespeare. Kunst jedoch lebt vom Regelbruch genauso sehr wie von der Regel. Überraschung als Erfolgsrezept. Sonst hat man Fahrstuhlmusik. Oder, wie George Bernard Shaw schrieb: Es 'hängt aller Fortschritt vom unvernünftigen Menschen ab'."
Weitere Artikel: "Frauen sind die geborenen Erzählerinnen, und es ist ein Zufall, dass ein paar Männer dies ebenfalls können", findet die Schriftstellerin AnnaBrüggemann auf Zeit Online. Michael Hesse spricht für die FR mit FridoMann über hundert Jahre "Der Zauberberg" (mehr zum Jubiläum bereits hier). Carolin Gasteiger plaudert für die SZ mit der Bestseller-AutorinDonnaLeon über ihre wichtigste literarische Figur, den italienischen Ermittler Brunetti, dessen Fälle in aller Welt erscheinen - nur (auf eigenen Wunsch) nicht in Italien: "Ich bin ein Niemand in Italien und möchte das auch bleiben." Die Comicszene sorgt sich um den Fortbestand der Comicförderung, berichtet Lars von Törne im Tagesspiegel. Im "Literarischen Leben" der FAZ erkennt Mathias Mayer in EduardMörikes originellem Verhältnis zur Wahrheit die heutige Debattenkultur wieder. Franz Kafkas Handschrift "Erstes Leid" aus dem Jahr 1922 wird versteigert, meldet Sandra Kegel in der FAZ.
Besprochen werden unter anderem Olga Grjasnowas "Juni, Juli, August" (Intellectures), SamanthaHarveys mit dem Booker-Prize ausgezeichneter Roman "Umlaufbahnen" (taz, FAS), AnneTylers "Drei Tage im Juni" (FR), UlrichFischers "'Alles . . . restlos und ungelesen zu verbrennen'. Kafkas letzter Wille - eine juristische Analyse" (NZZ), LilliPolanskys "Gratulieren müsst ihr nicht" (FAZ) und AmorTowles' im Hollywood der Dreißigerjahre angesiedelter Krimi "Eve" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Ereignisse überstürzen sich in Algerien und in Frankreich, und sie betreffen zwei der bekanntesten Schriftsteller des Landes, den Friedenspreisträger Boualem Sansal und Kamel Daoud, der für seinen jüngsten Roman "Houris" den Prix Goncourt erhalten hat. "Er ist 'verschwunden worden'", schreibt Daoud in seiner Kolumne für Le Point über seinen Freund und Kollegen Sansal, von dem man heute weiß, dass er seit 16. November keinerlei Kontakt mehr mit Freunden und Familien hat. Man nimmt an, dass er, der darauf beharrte, weiterhin in Algerien zu leben, festgenommen wurde. "Wirklich festgenommen? Ich frage herum. Niemand weiß etwas, aber alle wissen sie es. Er ist am Samstag nach Algier zurückgekommen, dann war sein Telefon 'tot'. In der Polizeisprache deutet das auf willkürliche, nicht rechtlich begründete Festnahmen hin. Die Formel lähmt die Solidarität und die Medien: Da sie nichts verifizieren können, zögern sie, die Information zu verbreiten, was dem Gefängnis mehr Zeit gibt."
Besteht ein Zusammenhang zu jüngsten Verstimmungen zwischen Algerien und Frankreich? Das fragt Ferghane Azihari, ebenfalls Kolumnist bei Le Point, denn Frankreich hat vor kurzem Marokkos Ansprüche auf die Westsahara anerkannt und damit den Zorn des algerischen Regimes ausgelöst. "Koinzidenz oder nicht, die Entführung Boualem Sansals geschieht nach dieser Ohrfeige, die Algerien von der französischen Außenpolitik verpasst wurde… Die algerische Diktatur hatte verlauten lassen, dass sie das nicht auf sich beruhen lassen würde. Man kann sich ihre Verärgerung ausmalen, als ein anderer Regimekritiker die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs erhielt."
Unterdessen ist auch Daoud nach seinem Roman "Houris" schwersten Angriffen ausgesetzt. Eine Patientin seiner Frau behauptet, er habe "ihre Geschichte" gestohlen. Daouds Frau ist Psychotherapeutin. Der Patientin ist widerfahren, was auch der Heldin aus "Houris" widerfuhr: Als sie Kind war, haben Islamisten versucht, ihr die Kehle durchzuschneiden. Sie hat überlebt, ihre Stimmbänder sind geschädigt, sie braucht eine Kanüle, um besser atmen zu können - ihre private Geschichte ist allerdings eine ganz andere als die der Heldin von Daoud. Dass ein Schriftsteller seine Vorbilder in der Realität findet, ist allerdings nichts Neues, schreibt Adlène Meddi in Le Point. "Der Beispiele gibt es viele in Algerien, angefangen mit Albert Camus, der sich für 'Der Fremde' an einem Verbrechen orientierte, das tatsächlich stattgefunden hatte. Andere sagen, dass die Kampagne gegen Daoud eine Verbindung mit der staatlichen Erinnerungspolitik bezüglich der neunziger Jahre und ihrer Schrecken hat. Achour, ein ehemaliger leitender Angestellter im Bildungswesen, sagt auf Facebook: 'Der Medienauftritt dieser Frau ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die nicht wollen, dass die Schrecken des Jahrzehnts ans Licht kommen. Diese Angriffe auf ein Buch, das an ein so schmerzhaftes Jahrzehnt erinnert, entsprächen nicht dem Geist der von Bouteflika einseitig beschlossenen Charta der nationalen Versöhnung, die die Islam-Terroristen von ihren Schandtaten während der 1990er Jahre freispricht.'" In den Neunzigern hatten sowohl die Islamisten als auch das Regime die Bevölkerung terrorisiert - mit mindestens 150.000 Toten. Nun herrscht ein Gesetz des Schweigens, das Daoud in seinem Roman attackiert hat.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die "Amadoka"-Trilogie der ukrainischen SchriftstellerinSofiaAndruchowytsch liegt mit dem Band "Die Geschichte von Sofia" nun auch auf Deutsch abgeschlossen vor. Die beiden romantisch verwobenen Hauptfiguren ergeben in Summe verklausuliert die Ukraine, schreibt Bert Rebhandl im Standard. "Nationale Identität ist niemals eine Tatsache, sondern immer eine Erzählung. Die Ukraine hat nun aus den Händen einer 1982 geborenen Frau einen Text, der eine Nation gewissermaßen auch erst konstituiert." Aber "könnte man das Amadoka-Epos vielleicht als einen Versuch über die Unmöglichkeit aller identitätsstiftenden Großerzählungen lesen? 'Ich würde nicht von Unmöglichkeit sprechen', antwortet Sofia Andruchowytsch in einer Videoschaltung. 'Aber Identität ist eine komplizierte Verbindung vieler Punkte. Für die Ukraine noch schwieriger wegen der Sowjetunion und wegen der imperialenGeschichte davor. Selbst für Ukrainer gibt es kein klares Bild. Meine Version geht von einem persönlichen Standpunkt aus, von einigen konkreten Figuren."
Weitere Artikel: Bernd Eilert hat in der FAZ begründete Zweifel daran, ob ein insbesondere auch von der lokalen Tourismusbranche immer wieder gerne herangezogener Text von Kafka über Helgoland - für Eilert bloß "Geschreibsel" - auch tatsächlich von ihm verfasst wurde.
Besprochen werden unter anderem ThomasMeineckes "Odenwald" (online nachgereicht von der FAS), Christiane Ohaus' NDR-Hörspielbearbeitung von JohnSteinbecks "Früchte des Zorns" (taz), eine Neuausgabe von ArnoldZweigs "De Vriendt kehr heim" aus dem Jahr 1932 (TA), BrunoFranks "Lüge als Staatsprinzip. Zwei Essays." (online nachgereicht von der Welt), JensBalzers Essay "After Woke" (FR), Romy Hausmanns multimedialer Lyrikband "Princess Standard" (FR) und neue Sachbücher, darunter KarlheinzMuschelers "Das Recht des Todes. Grundlegung einer juristischen Thanatologie" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Seit einem halben Jahr ist SerhijZhadan beim ukrainischen Militär. Simon Brunner hat für die Zeit mit dem Schriftsteller gesprochen, der nach einer Grundausbildung allerdings nicht im Fronteinsatz dient, sondern in der Kommunikation arbeitet und mit seiner Brigade in Charkiw stationiert ist. Mit einem Radioprogramm erzählt er die Geschichten der Soldaten an der Front und arbeitet damit an einer "Chronik des Krieges", sagt er. "Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte. Früher waren sie Geschäftsmänner, Programmierer oder Künstler. Und jetzt sind sie Soldaten und leben in einer völlig neuen Realität." Das literarische Schreiben selbst fällt ihm allerdings weiterhin schwer: "Es ist keine gute Idee, den Krieg als literarischen Stoff zu verwenden. Man ist gezwungen, zu viel Schmerz, zu viel Blut, zu viel Grausamkeit zu sehen, jeden Tag. Jede Nacht hörst du die Einschläge der Raketen. Und am Morgen wachst du dann auf und liest die Chronik der Getöteten. Das sind keine guten Zeiten für Gedichte." Eben ist Zhadans Gedichtband "Chronik des eigenen Atems" auf Deutsch erschienen.
Besprochen werden unter anderem neue Lyrikbände von AbdalrahmanAlqalaq und AgiMishol (Perlentaucher), JagodaMarinićs "Sanfte Radikalität" (online nachgereicht von der FAZ), Achdés und Juls neuer Lucky-Luke-Band "Letzte Runde für die Daltons" (FAZ.net), eine Zürcher Lesung der New Yorker Spoken-Word-Poetin AjaMonet (NZZ), CaRoses Bilderbuch "Und jetzt sei fröhlich, Knochenmann!" (FR) und MonikaRincks Gedichtband "Höllenfahrt & Entenstaat" (FAZ).
Außerdem bringt die Zeit heute eine zehnseitige Literaturbeilage zu Weihnachten, unter anderem bespricht darin ClemensJ. Setz mit großer Euphorie IvyCompton-Burnetts"Ein Haus und seine Hüter".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Vor hundert Jahren erschien ThomasManns "Der Zauberberg" und damit "einer der wenigen großen komischen Romane deutscher Sprache", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ, der als idealtypische Rezeptionsvoraussetzung für dieses Diskursgewimmel von einem Buch eine leicht fiebrige Erkältung identifiziert hat. "Der physiologische Materialismus und die Spätromantik haben ihren Einsatz, die Psychoanalyse und die aufklärerische Pädagogik, der Kommunismus, der Nationalismus und die Politische Theologie. Alle diese Ideologien umwerben das Weltkind Castorp, keine führt jedoch zu etwas anderem als zu ihrem Gegenteil. Irgendwann sind wir vom Diskurs zu benebelt, als dass wir noch unterscheiden könnten, wer im Streit um 'Geist und Natur' was vertreten hat. Es bleibt eine gewaltige Konfusion in unserem fiebrigen Kopf. ... Alles, was gesagt wird, ist maßlos übertrieben, alles lebt vom rhetorischen Schwung. Krankheit und Tod machen die Sprecher nicht ernst, sondern exaltiert."
Die SZ hat derweil JoannaBator, GeorgiGospodinov und NellZink um Notizen zum "Zauberberg" gefragt. Dass Mann die Schuld an seiner bösen Persiflage auf Gerhart Hauptmann (in der Figur des Mynheer Pepperkorn) jenem gegenüber auf den beim Verfassen offenbar reichlich genossenen Wein schob, macht Zinks Mann-Begeisterung zumindest ambivalent. Bator gesteht, dass sie bei ihrer ersten Lektüre Hans Castorp sein wollte, ein "starker Charakter" und "im Werden begriffen. Er war einzig und allein an diesem Ort, um sieben Jahre lang reifen zu können." Für Gospodinov ist Manns Roman "die Relativitätstheorie auf dem Feld der Literatur. Ich ziehe es vor, sie genauso zu denken, gemeinsam, im Zusammenschluss - Einstein und Mann, Wissenschaft und Literatur, Physik und Roman."
Weitere Artikel: Michael Wurmitzer spricht für den Standard mit dem Schriftsteller und Landwirt ReinhardKaiser-Mühllecker, der eben mit dem ÖsterreichischenBuchpreis ausgezeichnet wurde und den Wurmitzer außerdem hier porträtiert. "Die Bücher dieses Autors sind brillante Beispiele der Landwirtschaftskunde", schreibt außerdem Ronald Pohl ebenfalls im Standard. Patrick Straumann freut sich in der NZZ, dass Paris mit dem Geschäft von SophieSemin-Handke in der Nähe des Jardin du Luxembourg wieder eine deutscheBuchhandlung hat.
Besprochen werden unter anderem HengamehYaghoobifarahs "Schwindel" (FR), SebastianMolls "Das Würfelhaus" (FR), der von DanavonSuffrin herausgegebene Band "Wir schon wieder" mit sechzehn jüdischen Erzählungen (FAZ) und die deutsche Gesamtausgabe des "Zibaldone" von GiacomoLeopardi (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der NZZspricht die jesidisch-deutsche SchriftstellerinRonyaOthmann unter anderem darüber, dass sie von einem Literaturfestival in Pakistan kurzfristig ausgeladen wurde, nachdem ein Offener Brief ihr vorgeworfen hatte, angeblich zionistische Lügen über den 7. Oktober zu verbreiten. "Es gibt sehr viele Islamisten in Pakistan, das kann schnell gefährlich werden. Als der offene Brief publiziert wurde, musste ich auch sofort aus dem Hotel weg. ... Ich frage mich, was diese Entwicklung für Autorinnen, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen bedeutet. Vor allem, wenn sie jüdisch, israelisch und nicht antizionistisch sind. Ich fürchte, Diskussionen, in denen verschiedene Perspektiven aufeinanderknallen, wo man sich aber auch treffen kann, werden nicht mehr stattfinden. Darum halte ich Boykottkampagnen wie beispielsweise BDS für eine große Gefahr für die Meinungs- und Kunstfreiheit. ... Für keine Nation der Welt gibt es vergleichbare Boykottaufrufe. Generell finde ich es gefährlich, in einer Welt zu leben, in der nicht die Haltung, sondern die Herkunft darüber entscheidet, wo man mitmachen darf."
Weitere Artikel: Mladen Gladić berichtet in der Welt von einer Marbacher Tagung zum Verhältnis des Literaturbetriebs zum Populären. In der Weltfreut sich Axel Rüth über die Ehrendoktorwürde, die die Universität Duisburg-Essen der SchriftstellerinCécileWajsbrot zuteil hat werden lassen. Der ÖsterreichischeBuchpreis geht in diesem Jahr an ReinhardKaiser-Mühlecker für den Roman "Brennende Felder", meldet Michael Wurmitzer im Standard.
Besprochen werden unter anderem HanifKureishis "Shattered" (NZZ), Samantha Harveys eben mit dem Booker Prize ausgezeichneter Raumfahrt-Roman "Umlaufbahnen" (Standard), Craig Thompsons Comic "Ginsengwurzeln" (Standard), das aktuelle Lustige Taschenbuch mit einem erstmaligen Joint Venture zwischen Marvel und Entenhausen (Tsp), das von ChristianBrückner eingelesene Hörbüch von OscarWildes "Gespenst von Canterville" (online nachgereicht von der FAZ), RomanGrafs "Leben ohne Folgen" (FAZ) und JoshuaGroß' "Plasmatropfen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Katrin Hillgruber spricht für den Tagesspiegel mit der ukrainischen AutorinSofiaAndruchowytsch über ihren kommenden Roman "Catananche", wie die blaue Rasselbume auf griechisch heißt. "Beete mit solchen Zierblumen werden in der Ukraine oft neben Hochhaussiedlungen aus Beton angelegt und von Gruppen älterer Damen betreut. Dieser Titel symbolisiert für mich, dass auch im Krieg ein normales Leben weitergeht." Die Rückkehr zur Fiktion unter Kriegsbedingungen "war eine Herausforderung für mich, weil ich das Gefühl hatte, dafür die passende Sprache verloren zu haben. Diese Fähigkeit musste ich mir neu erschaffen, auch um der aktuellen Situation so gerecht wie möglich zu werden." Mein Roman "imaginiert die Zeit, in der dieser Krieg vorbei sein wird und erzählt vom Alltag und den Beziehungen gewöhnlicher Menschen in meinem Viertel in Kiew. Sie alle haben ihr persönliches Trauma durch den Krieg erlitten, den ich aber nicht direkt erwähne."
Im Standard-Essay beklagt der SchriftstellerKarl-MarkusGauß, welchen schweren Stand Büchersammlungen heute nach dem Ableben des Sammlers haben: Es will sie schlicht niemand übernehmen und kaum jemand plündern - zumal etwa Universitätsbibliotheken eher angewiesen sind, Bestände zu digitalisieren statt Neuanschaffungen zu planen. "Tatsächlich", dämmert ihm nach beschwerlicher Auflösung der Sammlung eines verstorbenen Freundes, "leben wir in einer Epoche des Librizids. ... Man kann davon ausgehen, dass gleich viel Bücher vernichtet wie gekauft, gelesen, in Bibliotheken, privaten wie öffentlichen, aufgenommen werden." Es ist vor allem "der anonyme Markt, der Millionen Büchern das Todesurteil spricht", da es weniger Geld kostet, "Bücher, die zu wenig Käufer finden, periodisch zu Pappmaschee verarbeiten zu lassen, als sie in Lagerhallen aufzubewahren." Keiner will sich dazu "bekennen: die Verlage nicht, weil sie den Ruf scheuen, Bücher nicht nur zu veröffentlichen, sondern gegebenenfalls auch zu vernichten; die Autoren nicht, weil es sie im Innersten verletzt, dass aus dem, was sie geschaffen haben, kein bleibendes Kulturgut wird, sondern ein Reduktionsstoff, der gleichermaßen zur Herstellung von Klopapier wie von Dachpappe taugt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: In der NZZ gratuliert Roman Bucheli ZoradelBuono zur Auszeichnung mit dem SchweizerBuchpreis für ihr Buch "Seinetwegen", das "die verbreitete Erinnerungsliteratur gegen den Strich bürstet". Michael Wurmitzer spricht für den Standard mit KatrinS. Wozonig über die Schriftstellerin BettyPaoli, über die sie eine (im Standard auch rezensierte) Biografie verfasst hat. Karl Heinz Gruber erinnert sich im Standard an den Schriftsteller Bodo Hell, der seit dem Sommer in den Alpen vermisst wird. Richard Kämmerlings zelebriert in der Welt den Herbst mit den Gedichten von GeorgTrakl. Der Standardveröffentlicht ein Gedicht von ClemensJ. Setz und außerdem den Text, mit dem Nina Heller den FM4-Literaturpreis "Wortlaut" gewonnen hat.
Besprochen werden unter anderem TexRubinowitz' "Dreh den Mond um" (Standard), SelmaKayMatters "Muskeln aus Plastik" (Standard), PeterKurzecks postumer Roman "Frankfurt Paris Frankfurt" (NZZ), neue Kriminalromane (Freitag) und neue Hörbücher, darunter HardyKrügers Lesung von RobertJamesWallers "Die Brücke am Fluss" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
"Was Sally Rooney, Rachel Kushner und Co machen, liegt nicht so weit entfernt von der Kollaterallogik eines Benjamin Netanjahu", sagt der SchriftstellerEtgarKeret im taz-Gespräch mit Chris Schinke mit Blick auf den literarisch breit aufgestellen Kulturboykott gegenüber Israel. "Weil die Hamas am 7. Oktober Israel angriff, lässt er Unschuldige bombardieren, darunter Frauen und Kinder. Die Logik der Sally Rooneys und Rachel Kushners dieser Welt lautet: Beenden wir den Krieg in Gaza, indem wir den Verleger von David Grossman boykottieren! Wenn David Grossman nicht mehr publiziert wird, wird der Krieg enden und wir retten die Bevölkerung von Gaza. ... Diese Logik entspringt einer Faulheit, sich das eigentliche Ziel vorzunehmen. Man könnte stattdessen zum Boykott von Waffenexporteuren aufrufen. Weil man aber an sein eigentliches Ziel nicht herankommt, nimmt man sich ein naheliegendes vor und den Kollateralschaden bewusst in Kauf. Wir erleben gerade eine Dummheit, durch die Bank, quer durch alle politischen Zugehörigkeiten." Außerdem dokumentiert die SZ Kerets beim PEN Berlin gehaltene Rede. Keret erzählt in dem taz-Gespräch auch, dass er den Boykott durchaus am eigenen Leib verspürt: "Hier ist erst das zweite Mal seit Kriegsbeginn, dass ich außerhalb Israels spreche. Für gewöhnlich bekomme ich pro Jahr 15 bis 20 Einladungen aus Ländern in Europa."
Vor hundert Jahren erschien der "Zauberberg", den Andreas Platthaus neben Franz Kafkas "Prozess", Günter Grass' "Blechtrommel" und Uwe Johnsons "Jahrestagen" zu den vier deutschsprachigen Jahrhundertromanen zählt. Im Leitartikel der FAZ fragt Platthaus: "Was macht den weltweiten Nachruhm des 'Zauberbergs' und der anderen drei genannten Bücher aus? Und warum hat es seit 1983, als der Abschlussband der 'Jahrestage'-Tetralogie erschien, keinen weiteren deutschsprachigen Roman mit derartiger Wirkung mehr gegeben? Nicht dass die deutschsprachige Literatur keine jüngeren internationalen Erfolge zu verzeichnen gehabt hätte: Daniel Kehlmanns 'Vermessung der Welt', Bernhard Schlinks 'Der Vorleser', Patrick Süskinds 'Das Parfum'. Aber keiner dieser Romane taugt zur Epochenerklärung, wie es die genannten vier jeweils tun." Eine Antwort auf seine Frage gibt Platthaus leider nicht.
Weitere Artikel: Jana Petersen spricht für die taz mit dem Schriftsteller SelmaKayMatter über Transness und Literatur. Starkoch JamieOliver nimmt sein Kinderbuch "Billy and the Epic Escape" nach Protesten von Aborigines vom Markt, die ihre Kultur in dem Buch stereotypisiert dargestellt sehen, berichtet Carlo Mariani in der NZZ. Fürs Literarische Leben der FAZ spricht Gina Thomas mit dem britischen Schriftsteller A. N. Wilson über Goethe. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert Saša Stanišićs Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Wilhelm-Raabe-Preis. Der SchriftstellerJanRöhnert singt in "Bilder und Zeiten" der FAZ ein Loblied auf die Ulme. Tilman Spreckelsen erinnert in der FAZ an Kafkas Aufenthalt im nordböhmischen Dorf Zürau.
Besprochen werden unter anderem SerhijZhadans Gedichtband "Chronik des eigenen Atems" (taz), DieterBorchmeyers Studie "Ein Strahl zugleich von zwei Sonnen. Musik und Literatur in wiederholten Spiegelungen" (NZZ), die NDR-Hörspieladaption von JohnSteinbecks "Die Früchte des Zorns" (FAZ), JohannesSiegmunds Essay "Tausend Archen" (taz), TheresaHannigs "Parts Per Million" (Freitag), LizaCodys Krimi "Die Schnellimbissdetektivin" (taz), SaschaRehs "Biotopia" (FR), VincentLemires und ChristopheGaultiers Comic "Jerusalem". Die Geschichte einer Stadt" (FAZ), BarbraStreisands Autobiografie "Mein Name ist Barbra" (WamS) und Tove Ditlevsens "Vilhems Zimmer" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Stefan Fischer ist in der SZ begeistert von den "opulenten" Hörspiel-Adaptionen von JohnSteinbecks "Die Früchte des Zorns" (NDR, Regie: Christiane Ohaus) und BernardineEvaristos "Mädchen, Frau, etc." (HR, Regie: Laura Laabs). Beiden Mehrteilern "gelingt es, die Multiperspektivität der Geschichten noch zu verstärken durch die Übertragung ins Akustische. Beide Regisseurinnen erschaffen eine Vielzahl von Klang- und Resonanzräumen, die sie in der Montage, sei es durch harte Schnitte oder durch Überblendungen, geschickt neben-, teilweise auch ineinander stellen." Auch Musik und Sound sind "keine Untermalung, keine Verstärkung des Erzählten, sondern eine Kommentierung, eine Ergänzung, manchmal auch eine Aufforderung, das Gesagte infrage zu stellen." Die Hörspiele sind hier, bzw. dort in der ARD Audiothek zu finden.
Weitere Artikel: Josef Wirnshofer und Friedrich Bungert erzählen auf Seite Drei der SZ die Geschichte des 83-jährigen AntiquarsKlausWillbrand, der sein Geschäft vor einem Jahr um ein Haar hätte schließen müssen - wenn er mit seinen Erklärvideos nicht zum Social-Media-Star geworden wäre, weshalb er nun mit den Bestellungen kaum nachkommt. Petra Ahne berichtet in der FAZ von einer Veranstaltung im Berliner Brecht-Haus, bei der die SchriftstellerinJudithSchalansky als Expertin über Ephemeres über die Materialität und Kulturgeschichte von Nebel referierte. Bei einem im antiken Teos gefundenen Fragment könnte es sich um ein Gedicht von Anakreon handeln, schreibt Thomas Ribi in der NZZ. Nora Zukker und Martin Ebel stellen im Tagesanzeiger die Shortlist für den SchweizerBuchpreis vor.
Besprochen werden unter anderem SebastianDomschs "Brooklyn: Ort der Literatur" (online nachgereicht von der FAS), Marc-UwesKlings "Der Spurenfinder" (54books) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter TorbenKuhlmanns "Earhart. Der abenteuerliche Flug einer Wühlmaus um die Welt" (SZ).
Peter Laudenbach kommt in der SZ auf den "Refusing Complicity"-Aufruf von Sally Rooney und Co. zurück, der inzwischen von 6.000 Autoren unterschrieben wurde und im Sinne von BDS einen kompletten Boykott israelischer Kulturinstitutionen fordert (unsere Resümees). Zustimmen kann er ihm ganz und gar nicht, zumal da gerade Menschen des geschriebenen Wortes sich im "moralischen Furor" derart kunstfeindlich zeigen und der liberalen Gesellschaft und dem Diskurs eine Absage erteilen. Und wie verhalten sich die zu großen Teilen us-amerikanischen Schriftsteller wohl, wenn Trump ab Januar mit Netanjahu den Schulterschluss sucht und "seine Ankündigungen wahr machen sollte, in den USA Militär gegen Demonstranten einzusetzen und Millionen Migranten in Lagern zu internieren? Wollen die Schriftsteller dann aufhören zu publizieren und zu schreiben, wollen sie ihre internationalen Kollegen und Kolleginnen auffordern, dem Muster ihres antiisraelischen Boykotts zu folgen und aus Protest gegen die Politik der Trump-Administration den Kontakt zu amerikanischen Verlagen und Kulturinstitutionen abzubrechen? Wird der gesamte US-Kunstbetrieb in ihren Augen unter Trump zu einer zynischen Art-Washing-Veranstaltung? Oder gelten in den Augen der 6.000 Schriftsteller für die USA andereKulturboykott-Maßstäbe als für den jüdischen Staat?"
Weiteres: Die SchriftstellerinSamanthaHarvey erhält in diesem Jahr für ihren Roman "Orbital" den Booker Prize - Näheres dazu im Guardian. Besprochen werden unter anderem DomenicoMüllensiefens "Schnall dich an, es geht los" (FR), AndréGides "Art bitraire. Die Kunst der Willkür" (online nachgereicht von der FAZ), MichaelaMariaMüllers "Zonen der Zeit" (FAZ), eine Ausstellung zu HugovonHofmannsthalim Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt (FAZ) und ThomasMeineckes "Odenwald" (SZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!SamanthaHarveys frisch mit dem BookerPrize ausgezeichneter Roman "Orbital" (der morgen unter dem Titel "Umlaufbahnen" auf Deutsch erscheint) ist für Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels "der ultimative Kommentar zu unserer Gegenwart, zu unserem Umgang mit der Erde", denn die Autorin betrachtet darin "die Welt von oben, aus einer Raumstation heraus": Vier Astronautinnen und zwei Astronauten stürzen in einer solchen monatelang um den Globus - und geraten dabei ins Philosophieren: "Was die sechs Menschen der Raumstation genau so wissen: Dass es diese Kraft war, die sie hierhergeführt hat, dass es zum Wesen der Menschheit gehört, immer weiter zu wollen, neue Räume zu erschließen, gerade wenn die alten auf der Erde für die vielen Milliarden Menschen darauf nicht mehr ausreichen. Und dann wieder die Erkenntnis, als Mensch, als Individuum allein zu sein, unbedeutend, durchschnittlich, so wie der Planet Erde, der sich um die Sonne dreht und sich in einer unfassbaren Zahl von Galaxien befindet, 'und dass diese ganze Chose irgendwann explodieren oder kollabieren wird.'"
Die Autorin begreift ihren Roman "als eine Form des Nature Writing über die Schönheit des Weltalls", schreibt Erwin Uhrmann in der Presse. "Sie schaut dabei in der Vogelperspektive auf die fragile Welt, changiert zwischen der Innenperspektive der Raumstation und dem schier unbeschreiblichen Blick nach draußen."
Für MaximBiller (Zeit) grenzt der Furor, mit dem eine von SallyRooney angeführte "Armada von tausend Schriftstellern" bekundet, "den israelischen Buchmarkt wie eine hochinfektiöse Leprastation zu meiden" fast schon an eine Psychose. "Wie sonst ließe sich erklären, dass sie ausgerechnet den live gefilmten Pogromporno in der Negevwüste dafür nutzten, die Auslöschung des einzigen jüdischen Staats auf der Welt seit 2.000 Jahren zu fordern - statt der Entwaffnung der Hamas zum Beispiel? ... Da die tapferen Tausend dann auch noch erklärten, 'dass dies der größte Krieg gegen Kinder in diesem Jahrhundert ist', zeigte ihre extreme Verwirrung. Wären sie bei Sinnen gewesen, hätten sie auf ihrer internenKindermord-Hitliste bestimmt nicht das viel grausamere, massivere Töten von Kindern in Syrien, im Sudan, im Sindschar-Gebirge und in der Ukraine weggelassen. Kam hier also die alte antisemitischeRitualmordlüge bei meinen sonst so klugen Kollegen hoch, das mittelalterliche QAnon-Märchen vom christlichen Kinderblut, das die Juden angeblich für ihre Matzes brauchten?"
Besprochen werden unter anderem MirceaCărtărescus "Theodoros" (taz), LivStrömquists Comic "Das Orakel spricht" (taz) sowie Neuübersetzungen von CurzioMalapartes "Die Haut" und ElsaMorantes "La Storia" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.