Sally Rooney und Abdulrazak Gurnah auf der einen Seite (unser Resümee). Herta Müller und Ozzy Osbourne auf der anderen Seite. Aber sie sind nicht die einzigen prominenten Autoren und Künstler, die einen Gegenaufruf zu Rooney und Co. unterzeichnet haben. "Zu den Unterzeichnern des Briefes gehören Lee Child, der Schöpfer von Jack Reacher, der Philosoph Bernard Henri Lévy..., der Schauspieler Jeff Garlin, die Historiker Sir Simon Schama und Simon Sebag Montefiore, der Schriftsteller Howard Jacobson", berichtet der Jewish Chronicle. Der Text des Gegenaufrufs ist angesichts des äußerst aggressiven Rooney-Appells auffällig milde: "Wir glauben, dass Schriftsteller, Autoren und Bücher - zusammen mit den Festivals, die sie präsentieren - Menschen zusammenbringen, Grenzen überwinden, das Bewusstsein erweitern, den Dialog eröffnen und positive Veränderungen bewirken können." In der antiisraelischen britischen Zeitung The Guardian berichtet Nadia Khomami .
"Dass in politisch komplexen Zeiten besonders unterkomplexe Reaktionen ausgerechnet von Schriftstellern und Intellektuellen kommen, ist bekannt, ebenso dass die Bereitschaft von vielen von ihnen, Offene Briefe zu unterzeichnen, oft eher den Zweck der Selbstbestätigung erfüllt als durchdachte politische Einschätzungen und Forderungen zu verbreiten", schreibt Mara Delius in der Welt über den literarischen Boykott israelischer Kulturinstitutionen."Mit keinem einzigen Wort wird der Grund des aktuellen Gaza-Konflikts erwähnt, der 7. Oktober 2023. Angesichts dieser aggressivenRealitätsblindheit stellt sich die Frage, was von den genannten Schriftstellern zu halten ist, nicht als Schriftsteller, sondern als Denker."
Weitere Artikel: Klett-Cotta hat in letzter Zeit einen regelrechten Riecher dafür entwickelt, was auf dem Buchmarkt geht, staunt Paul Jandl in der NZZ. In der FAZgratuliert Patrick Bahners dem LiteraturkritikerLotharMüller zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem EmmanuelleGuattaris "New York, Little Poland" (NZZ), Willa Cathers "Der verwunschene Fels" (ZeitOnline), Hengameh Yaghoobifarahs "Schwindel" (online nachgereicht von der FAZ), Sandra Bayers Kinderbuch "Schrecklich geheime Geisterbahn-Geheimnisse" (FR), RainerMoritz' Neuübersetzung von GastonLeroux' "Das Phantom der Oper" (FAZ), MariaStepanovas "Der Absprung" (Zeit) und AntjeBabendererdes Kinderbuch "Triff mich im tiefen Blau" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Gestern kam die Meldung, dass Sally Rooney einen Aufruf zum Boykott israelischer Verlage und Kulturinstitutionen unterzeichnet hat - zusammen mit Rachel Kushner und Arundhati Roy (unser Resümee), so weit so gut, die üblichen Verdächtigen. Allerdings hat sich die Unterzeichnerliste inzwischen um einige sehr prominente Namen ergänzt, die man noch nicht so häufig im antiisraelischen Feld gesehen hatte: Dazu gehören "Nobelpreisträger, Booker-Preisträger, Pulitzerpreisträger", brüstet sich die Seite des Palestine Festival of Literature, von dem der Boykottaufruf unter dem titel "Refusing Complicity" ausgeht. Dies sei der "größte kulturelle Boykott gegen Israel in der Geschichte". Unterzeichnet haben Autoren wie Judith Butler, Amit Chaudhury, Anne Chisholm, Junot Díaz, Percival Everett, der Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah, Afua Hirsch, Ha Jin, Naomi Klein, Hari Kunzru, Rachel Kushner, Jhumpa Lahiri, Jonathan Lethem, Valeria Luiselli, Sally Rooney, Arundhati Roy, Sarah Schulman, Kamila Shamsie, Ocean Vuong. Ihr Aufruf enthält keinerlei Hinweis auf den 7. Oktober, alleiniger Schuldiger am Gazakrieg ist Israel: "Es handelt sich um einen Völkermord, wie führende Wissenschaftler und Institutionen bereits seit Monaten feststellen. Israelische Offizielle sprechen ganz offen über ihre Beweggründe, die Bevölkerung des Gazastreifens zu eliminieren, die palästinensische Staatlichkeit unmöglich zu machen und palästinensisches Land zu beschlagnahmen. Dies ist das Ergebnis von 75 Jahren Vertreibung, ethnischer Säuberung und Apartheid. Die Kultur hat eine wesentliche Rolle bei der Normalisierung dieser Ungerechtigkeiten gespielt. Israelische Kultureinrichtungen, die oft direkt mit dem Staat zusammenarbeiten, haben jahrzehntelang entscheidend dazu beigetragen, die Enteignung und Unterdrückung von Millionen von Palästinensern zu verschleiern, zu verbergen und durch 'Artwashing' zu übertünchen. Wir haben eine Rolle zu spielen. Wir können nicht mit gutem Gewissen mit israelischen Institutionen zusammenarbeiten, ohne ihre Beziehung zu Apartheid und Vertreibung zu hinterfragen." Zu den Institutionen zählen die Autoren ausdrücklich auch Verlage und Literaturagenturen.
Inzwischen hat es einige Reaktionen auf den Aufruf gegegeben. Fania Oz-Salzberger, Tochter des Autors und "Peace Now"-Gründers Amos Oz sagt lautNew York Sun, "dass ihr Vater 'traurig, angeekelt, aber auch stolz' gewesen wäre, unter den Bann dieser Autoren zu fallen." Und dass sie ihn canceln würden, ist sicher, postete sie auf Twitter, 'nicht, weil es ihm nicht um die Palästinenser ging, natürlich ging es ihm um sie, sondern weil er der erste wäre, der diesen Tugendwächtern sagen würde, dass sie historisch und politisch ignorant sind." Außerdem existieren ein Gegenaufruf der Organisation "Creative Community for Peace" (CCFPeace) sowie ein Brief der "UK Lawyers for Israel", die auch vor juristischen Konsequenzen von Boykottmaßnahmen warnen (mehr in der Times).
"Neben dem Schreiben einem normalen Broterwerb nachzugehen, hat viele Vorteile", schreibt die Musikerin und AutorinChristianeRösinger in ihrer taz-Glosse an die Adresse all jener, die mit ClemensMeyersWutausbruch die ökonomische Realität der Schriftsteller endlich öffentlich zur Diskussion gestellt sehen, wie auch jener, die auf Facebook bereits nachgerechnet haben, dass Meyer mit dem Preisgeld-Regen der letzten Jahre eigentlich ein Leben führen können müsste, von dem der Großteil der Autorinnen und Autoren hierzulande nicht einmal zu träumen wagt. "Milieustudien lassen sich prima mit Lohnarbeit kombinieren. Neue Eindrücke, fremde Szenerien und klassenübergreifende Begegnungen führen zu interessanteren Erzählungen und einer ganz anderen Welthaltigkeit des Stoffes. Man kommt mal aus dem Haus, hat Kollegen und das eigene Genie muss nicht immer wieder zwischen Selbstverachtung und Selbstbewusstsein am Schreibtisch versauern, sondern kann sich mit der Realität abgleichen. Vielleicht gewinnen dadurch sogar die Texte, die Literatur an sich."
Außerdem: Der Michael-Althen-Preis für Kulturkritik geht in diesem Jahr an Xaver von Cranach für seinen im Spiegel hinter einer Paywall veröffentlichten Text über die dänische SchriftstellerinToveDitlevsen. Besprochen werden unter anderem MarkoMartins "Und es geschieht jetzt. Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober" (Intellectures), PatriciaHempels "Verlassene Nester" (FR), CharlesLewinskys "Täuschend echt" (NZZ), SaraStridsbergs und SaraLundbergs Bilderbuch "Tauchsommer" (online nachgereicht von der FAZ) und SaskiaWarzechas Gedichtband "Farbleib" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
MediaControl verspricht den Verlagen, mit dem gegen Ende des Jahres ausgerollten Tool Demandsens, den Markterfolg eines Buches mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, um bei einem sich abzeichnenden Flop noch rechtzeitig den Absprung zu schaffen. SZ-Kritiker Felix Stephan packt bei dieser Meldung das nackte Grausen: "Die großen internationalen Verlagshäuser sind mitunter als Aktiengesellschaften organisiert und als solche den Anteilseignern zumindest in den USA schon rein gesetzlich zu Profitoptimierung verpflichtet. In diesem Umfeld Bücher zu veröffentlichen, für die man schon vorab mit 99-prozentiger Sicherheit ein Verlustgeschäft bescheinigt bekommt, verlangt einen verlegerischen Idealismus, für den es in vielen Medienkonzernen kaum mehr Anreizsysteme gibt. Immanuel Kants 'Kritik der reinen Vernunft' wäre unter diesen Bedingungen genauso wenig erschienen wie die Werke Annie Ernaux' oder Thomas Manns 'Buddenbrooks'. Außer Peter Handke und Kazuo Ishiguro, die sich von Anfang an gut verkauften, hätte keiner der Nobelpreisträger der vergangenen Jahre einen Demandsens-Score bekommen, der merkantil den Aufwand gerechtfertigt hätte, seine oder ihre Bücher zu publizieren."
Weitere Artikel: Ella Creamer und Lucy Knight melden im Guardian, dass SallyRooney, RachelKushner und ArundhatiRoy dazu aufrufen, israelischeKulturinstitutionen zu boykottieren, die "sich an der überwältigenden Unterdrückung der Palästinenser beteiligt oder diese als schweigende Beobachter" hingenommen haben. RobertMenasse hat in Tirana die albanische Übersetzung seines Romans "Die Erweiterung" vorgestellt, berichtet Matthias Meisner in der taz. In der FAZgratuliert Hannes Hintermeier ThrillerautorLeeChild zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem FrancescaMelandris "Kalte Füße" (TA), JulianVolojs Comic "Liberty" (Welt), Amor Towles' "Eve" (NZZ), IwaPesuaschwilis "Müllschlucker" (FAZ) und FrankSchätzings "Helden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In einem Standard-Essay umkreist die SchriftstellerinSabineScholl Fragen des Herkunftsmilieus im Hinblick auf Bildungsaufstieg, etwa auch im Literaturbetrieb. "Machen Menschen mit privilegierten Voraussetzungen den Großteil der darin Agierenden aus, bleiben die Perspektiven derjenigen, die sich aus anderen Zusammenhängen kommend darin bewegen, oft unberücksichtigt." Auch wenn Scholl anerkennt, dass sich hier in den letzten Jahren durchaus etwas getan hat. "Die Übergänge zwischen den Genres Essay, Fiktion, Autobiografie, Autofiktion, Autosoziobiografie verflüssigen sich. KarinPeschka entwickelt eine Kunstsprache, um von einfachen Leuten zu sprechen, die so einfach gar nicht sind. Ein an die Umgangssprache angelehntes Deutsch wird vermehrt von Autor:innen gesetzt, wann immer ländliche beziehungsweisebildungsferneMilieus dargestellt werden sollen. Für DincerGüyceter ergibt sich formale Vielfalt aus verschiedenen Sprecher:innenpositionen und -generationen, die von der Großmutter bis zu seinem Sohn reichen. In 'Unser Deutschlandmärchen' verbindet der Autor Poesie mit Prosa, Legenden mit Liedtexten, Briefen, Monologen, theatralischen Elementen. Autor:innen tragen damit auch Verantwortung für die Stimmen der in ihre literarische Arbeiten Eingebundenen und müssen sich mit dieser AneignungvonLebensinhalten derjenigen, die nicht für sich selbst sprechen, auseinandersetzen."
Mit der House Bill 1069 ist es in Florida rechten Cancel-Culture-Hetzern möglich, mit nur einer einzigen "besorgten" Beschwerde unliebsame Bücher bis auf Weiteres aus öffentlichenBibliotheken verschwinden zu lassen, schreibt Florian Illies völlig entgeistert auf Zeit Online. Betroffen sind alle möglichen Bücher, vom Kunstbuch (wegen Nacktheit) über Literatur nicht-weißer oder queerer Autoren bis zu Unterhaltungsliteratur von Stephen King. Bibliothekare, die sich dem nicht beugen, müssen damit rechnen, gekündigt zu werden. So wandeln sich die USA zusehends in ein "Paradies für jeden Blockwart und Denunzianten." Doch "die bisherigen Proteste vom PEN America verhallen ebenso ungehört wie die Warnrufe der drei größten Bibliotheken von New York, die gerade einen Tag des Widerstands gegen den galoppierenden Wahnsinn des book ban ausgerufen haben." Doch "das inquisitorische Treiben geht munter weiter, ohne Rücksicht auf Verluste, Woche um Woche fallen Dutzende Bücher der Zensur zum Opfer. Und man fragt sich, was wohl mit all den Hunderttausenden entfernten Exemplaren geschieht. Werden sie eingelagert? Oder vernichtet?"
Weiteres: Im Tagesspiegel-Fragebogen gibt der Comiczeichner JörgHartmann Auskunft über seine Arbeit. Besprochen werden unter anderem ClemensJ. Setz' "Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie" (online nachgereicht von der Zeit), Mithu Sanyals "Antichristie" (online nachgereicht von der Welt), Mikolaj Lozinskis "Stramer" (online nachgereicht von der Welt), Thomas Strässles "Fluchtnovelle" (vom TA online nachgereicht für die SZ), Christine Lavant und WernerBergs Briefwechsel "Über fallenden Sternen" (Standard) sowie neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Ole Nymoens und WolfgangM. Schmitts "Die kleinen Holzdiebe und das Rätsel des Juggernaut" über die Theorien von KarlMarx (FAZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Harro Stammerjohann über Ausias Marchs "Die Welt kann kaum geringres Mitleid zeigen":
"Die Welt kann kaum geringres Mitleid zeigen als sie zu dieser Zeit an mir erweist: man liebt heut niemand mehr als nur ..."
Die Literaturkritik lässt sich von ClemensMeyers Aufstampfen in Frankfurt und dem Großgeniegestus seines Romans "Die Projektoren" um den Finger wickeln, findet Daniel Stähr im Freitag. Denn: Große Literatur findet sich auch in den anderen Shortlist-Romanen, die den DeutschenBuchpreis ebenfalls nicht erhalten haben, aber nicht vor dieser Entscheidung verteidigt werden. Und im letzten Jahr hat auch niemand vergleichbar lautstark dagegen protestiert, dass Anne Rabe für "Die Möglichkeit von Glück" die Auszeichnung nicht erhalten hat. "Wenn es einen solchen Ausraster der Nominierten als Debattenanstoß braucht, dann ist das als Zeugnis für den Zustand des deutschen Feuilletons recht niederschmetternd." Die Debatte ist "am Ende vor allem eine misogyne. Weil sie eben kein Streit um die beste, dringlichste, gegenwärtigste Literatur - oder welche Superlative man sonst anbringen will - ist, sondern im Kern ein Kulturkampf um eine ganz bestimmte Autorenfigur: Die Verteidigung des großen, motzendenSchriftstellers, der auf die Benimmregeln des Betriebs scheißt und einsam und unnachgiebig um jedes Wort seines Textes ringt."
Hubert Winkels denkt in "Bilder und Zeiten" der FAZ anhand des Lebens und Schaffens von ThomasKling und PeterHandke über "die zwei Körper des Dichters" nach, wie also "ein intensives, heftiges Dichterleben in einen ewigen philologischen Textkörper" transformiert wird. Bei der Berliner Präsentation der technisch aufwändig aufbereiteten Digital-Edition von Peter Handkes Notizbüchern gab es dafür reichlich Anschauungsmaterial: "Die Datenpyramide, der digitale Handke der künftigen Jahrhunderte, wird im Hintergrund errichtet, der leibhaftige Dichter sitzt klein und wie geduckt in der ersten Reihe vor mir. Den Oberkörper leicht vorgebeugt, das schüttere graue Haar etwas wirr, folgt er mit leicht verschmitztem Lächeln den powerpointgestützten Ausführungen zur technischen Installation seiner Edition mit stoischer Miene. Der Gegenstand wird immer komplexer, für den Laien ein technischesTohuwabohu, der begleitende Diskurs von instrumenteller Funktionalität. ... Das leise schreiende Missverhältnis in der akademischen Installation von Medientechnik und Erleuchtung zieht diesen Abend ins Groteske."
Kathleen Hildebrand ärgert sich in der SZ über den "Gestus des Herabblickens" wenn es um Kinderbücher geht - sei es, wenn Friedrich Merz Robert Habeck hämisch als "Kinderbuchautor" bezeichnet, oder allgemein im Literaturbetrieb: "Wenn man halbwegs begabt ist, schreibt man so etwas eben auch in einer Stunde - so lautet der Trugschluss. Dass literarische, also formal anspruchsvolle, aber eben für eine junge Leserschaft zugängliche und anregende Texte sehr viel Zeit, besondere Mühe und eine Fähigkeit zur Einfühlung voraussetzen, damit fantastische Bücher wie die von Christine Nöstlinger, Bart Moeyaert, Andreas Steinhöfel, Nils Mohl oder Mirjam Pressler entstehen? Wird nicht gesehen."
Weitere Artikel: Der Standardbringt einen Essay von MarleneStreeruwitz über Vertrauen und Misstrauen. Der SchriftstellerMichaelKleeberg erzählt in "Bilder und Zeiten" der FAZ von seinem Besuch eines Konzerts von George Harrisons Sohn Dhani. Im "Literarischen Leben" der FAZ schreibt Marcus Bauer einen Nachruf auf den rumänischen Literaturkritiker NicolaeManolescu.
Besprochen werden CraigThompsons autobiografischer Comic "Ginsengwurzeln" (taz), UlrikeEdschmids "Die letzte Patientin" (FR), JohannesFranzens Essay "Wut und Wertung" (taz), YusefKomunyakaas Gedichtband "Der Gott der Landminen" (FAZ) und HuschJostens "Die Gleichzeitigkeit der Dinge" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Zwar "ist es nicht Kernaufgabe eines Buchpreises, die Kontoauszüge der Nominierten in Rechnung zu ziehen", schreibt Michael Wurmitzer im Standard zur Kontroverse um ClemensMeyer. Doch "weist Meyers Ausbruch auf etwas Wahres hin: Es geht doch immer ums Geld! So symbolisch und aufmerksamkeitsökonomisch wertvoll Auszeichnungen sind, sie werden auch in barer Münze gewogen", insbesondere im deutschsprachigen Raum, wo nach Ansicht der KultursoziologinCarolinAmlinger sogar zu viele Preise und Stipendien vergeben werden. Denn "während Autoren früher Brotberufen nachgingen und daneben schrieben, ist die Zahl hauptberuflich Schreibender in den letzten Jahrzehnten parallel zur Anzahl von Literaturpreisen geradezu explodiert. Das führt neben sehr vielen neuen Büchern jedes Jahr à la longue zum Problem eines Prekariats alternder Autoren, die im Preisreigen von jüngeren abgelöst werden, zugleich aber kaum Pension zu erwarten haben."
Weiteres: Max Florian Kühlem spricht für die SZ mit der ComicautorinLivStrömquist über die Ratgeberkultur auf Social Media, von der auch ihr neuer Comic handelt. Jens-Christian Rabe hat in der SZ viel Freude mit einem Tweet von BobDylan, dessen Frankfurter Auftritt mit der Buchmesse zusammenfiel und der, davon überrascht und irritiert, nun offenbar im Hotel Frankfurter Hof nachts nach dem auf Self-Publishing und Horrorschund spezialisieten Verlag Crystal Lake Publishing Ausschau hielt, um diesem zur Veröffentlichung einer Horrorgeschichte aus dem 19. Jahrhundert zu gratulieren.
Besprochen werden unter anderem Thomas Meineckes "Odenwald" (online nachgereicht von der Welt), Clemens Böckmanns "Was du kriegen kannst" (NZZ), Sebastian Molls "Das Würfelhaus. Mein Vater und die Architektur der Verdrängung" (taz), Sara Lundbergs Kinderbuch "Der Vogel in mir ..." (FR), Léonie d'Aunets "Reise einer Frau in die Arktis" (FAZ) und CemileSahins "Kommando Ajax" (SZ).
Außerdem bringt die FAZ ein Gedicht von ArnoRautenberg:
"dichter und betrüger sind die kristallisationspunkte der gesellschaft betrüger und dichter sind gute schauspieler ..."
Du Pham resümiert für die taz eine von Kevin Kader organisierte Veranstaltung in Köln mit Olivier David, Dinçer Güçyeter und Lea Braun über Literatur aus der Arbeiterklasse. "Güçyeter sieht wie David den Literaturbetrieb problematisch: Er baue Mauern auf. Das untermauert Kader im Vorabgespräch: Die Literatur sei ein Betrieb, der sich am aufgeklärtesten und progressivsten begreifen würde, doch berge er systemische Hürden und reproduziere eine bestimmte Klientel immer wieder. ... Güçyeter möchte sich als 45-Jähriger nicht mehr ständig mit der Vergangenheit beschäftigen und zitiert 'aus Frankreich': Die Scham müsse die Seite wechseln, die, die sich über die Gewalt auf den Straßen mokieren, die Straßen aber nicht kennen, das sind Menschen, die ihr eigenes Unvermögen hinter ihren Krawatten verstecken. Braun stimmt sehr angeregt zu und findet, auch Geld solle die Seiten wechseln."
Besprochen werden unter anderem NoëlleKrögers Werwolf-Comic "Meute" (FAZ.net), Zygmunt Baumans Memoir "Fragmente meines Lebens" (Jungle World), Jakob Wassermanns Autobiografie "Mein Weg als Deutscher und Jude" (FR), Monika Zeiners "Villa Sternbald" (FAZ) und Clemens J. Setz' "Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Was sein fragil selbstsüchtiges Ego betrifft, ist ClemensMeyer ein Wiederholungstäter", erinnert Paul Jandl in der NZZ und listet mehrere Ausfälle des Schriftstellers auf. Cornelius Pollmer möchte in der SZ hingegen die Aufmerksamkeit gerne wieder von Meyers Aufstampfen auf dessen Buch gerichtet wissen, einen "in fast allen denkbaren Dimensionen literarischen Schreibens komplex angelegten und fordernd grenzenlos erzählten Roman; ein nur selten komfortabel zu lesender, oft wahnhaft abfließender, zuweilen unheimlicher, dann wieder leichtfüßiger, geradezu brüllend lustiger Text - eine alles in allem schlicht schwer beeindruckende erzählerische Leistung" und ein Roman, "der sich seinen Lesern nicht unmittelbar preisgibt, sondern eher stolz über das verfügt, was als 'Rätselcharakter' der Kunst schon von Adorno attestiert wurde. Und vielleicht wusste ja wenigstens der einigermaßen Bescheid."
Besprochen werden unter anderem WilliWinklers "Kissinger & Unseld. Die Freundschaft zweier Überlebender - ein Doppelporträt" (taz), GinevraLambertis "Der Aufruhr unserer Herzen" (FAZ), Alexej Nawalnys postume Memoiren "Patriot. Meine Geschichte" (Welt) und KatjaOskamps "Die vorletzte Frau" (SZ).
Ja, ClemensMeyer hätte für "Die Projektoren" den DeutschenBuchpreis in der Tat verdient, findet Michael Hametner im Freitag. EshkolNevoschreibt im Freitag Kriegstagebuch aus Israel. Der Tagesanzeigerdokumentiert Stefan Zweifels Laudatio auf die Schweizer AutorinFleurJaeggy zur Auszeichnung mit dem Gottfried-Keller-Preis. David Hinzmann spricht für FAZ.net mit JosiWismer, die eben in Frankfurt als "#BookTok Autorin des Jahres" ausgezeichnet wurde. Zeit Onlinehat an dieser Stelle alle am Frankfurter Stand der Zeit geführten Autorengespräche als Videomitschnitte gesammelt.
Besprochen werden unter anderem Francesca Melandris "Kalte Füsse" (NZZ), MaxGross' "Das vergessene Schtetl" (online nachgereicht von der Welt), CarolinePeters' "Ein anderes Leben" (Standard), SashaFilipenkos "Der Schatten einer offenen Tür" (FAZ), CanXues Erzählungsband "Schattenvolk" (FAZ) und AgiMishols "Gedicht für den unvollkommenen Menschen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Der nach dem Spiegel-Interview (unser Resümee) nochmal befeuerte Buchpreis-Aufreger um ClemensMeyer zeigt "wie herrlichsimpel die seit langer Zeit gut eingeübten Mechanismen der Öffentlichkeit funktionieren", schreibt Adam Soboczynski auf Zeit Online. Das ist alles "schon ganz großes Kino und wie gemacht für die Erregungskurven der sozialen Medien", findet Dirk Knipphals in der taz. Wer auch immer wo auch immer welche Position auch immer vertritt: "Das klickt sich alles." In dem ganzen Disput verkörpert Meyer "das einsame, aus brachialer Schaffenskraft handelnde Originalgenie". Allerdings ist dieses "Autorenmodell zum Glück nicht mehr von sich aus hegemonial".
"Die lieben Resonanzorgane des Literaturbetriebes sind auf solche Ausraster, wie sich in den Tagen danach zeigte, nicht mehr recht eingestellt", stellt Hilmar Klute in der SZ fest. Dabei ist es doch "gut, erleichternd und erfrischend, wenn Autoren die Regeln brechen. Auch und vor allem die Regeln des Literaturbetriebes, der heute mehr denn je auf Konformität angelegt ist und auf eine Tugend, die freie Schriftsteller zu gefälligen Dienern jener Erwartungen macht, für deren Erfüllung es ebendiese Art von Preisen gibt: Dankbarkeit." Meyer hat hier nun die Rolle "des zorngetriebenen Systemsprengers" eingenommen: "Vergangene Zeiten kannten solche Typen zur Genüge, beim Film, weiß Gott bei den stolzen Zeitungen, und in den Buchverlagen hießen sie zum Beispiel Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Bernhard und Peter Handke - und man muss sagen: Ironischerweise haben alle Zeitungen, Verlage und Filmfirmen von ihnen auch merkantil in höchstem Maße profitiert."
Solche "Eitelkeit" und "zur Schau getragene Verletzung" lässt sich zwar gut kritisieren und verspotten, meint Nadine Brügger in der NZZ. "Gleichzeitig muss sich der Literaturbetrieb aber darüber im Klaren sein, dass man durchaus eine Mitverantwortung trägt." Die "Buchmesse mit ihren überlebensgroßen Postern von Autorinnen, den ausgebuchten Signierstunden und Türmen von Büchern ist das beste Beispiel dafür, wie sehr der Literaturbetrieb über großeNamen und deren Inszenierung funktioniert. ... Kein Wunder also, bauscht sich das Selbstbild auf, werden aus zaghaften Hoffnungen rasch große Erwartungen und aus Autoren - mindestens in der Selbstwahrnehmung - Stars. Man baut sie auf und hebt sie hoch, ist aber nicht bereit, ihnen beim Straucheln zur Seite zu stehen. Dann gilt: Pokerface und Bodenhaftung, alles andere ist Entgleisung."
Derweil ging die Frankfurter Buchmesse gestern Abend zu Ende. Julia Hubernagel berichtet in der taz von ihren Schlendereien übers Buchmessengelände. Kaum zu Gesicht bekommen und auch fast nicht gehört hat sie RobertoSaviano bei seinem Auftritt am Stand von PEN Berlin, wo sich die Massen um den italienischen Schriftsteller scharten. Dem Abhilfe verschaffen Marc Reichweins Resümee in der Welt und eine Video-Aufzeichnung bei Zeit Online von Savianos Auftritt zwar nicht beim PEN Berlin, wohl aber am Stand der Zeit.
Das GastlandItalien sorgte bei dieser Buchmesse für "Stirnrunzeln", stellt Moritz Post in der FR fest: Dass mit dem italienischen Kulturminister AlessandroGiuli ein dem "Spektrum des Neofaschismus" zurechenbarer Politiker anwesend war, führte im dialog- und diskursfreudigen Betrieb vor allem zu einfach noch mehr Dialog und Diskurs. "Doch niemandem ist mit der hundertsten Rede von Kulturstaatsministerinnen, Ministerpräsidentinnen und Oberbürgermeisterinnen geholfen, in der die Macht des Buches und die Freiheit des Wortes hervorgehoben werden." Man traute "sich offensichtlich nicht, sich den italienischen Regierungsvertreter an Ort und Stelle vorzuknöpfen und ihm klarzumachen, dass sein Faschismus in Frankfurt nicht willkommen ist. Es wäre ein simpler Akt des Antifaschismus. Stattdessen immer neue Betonung von Dialog. Doch was bringt das gegenüber einem, der nicht am Dialog interessiert ist?"
Der italienischeSäulenpavillon auf der Buchmesse wurde vielfach kommentiert, meist hämisch. (Obwohl die mitgebrachten Fresken aus Pompeji spektakulär waren!) "Das alles wirkt vergangenheitsbezogener als die Ausstellungen kosmopolitischer Berliner Künstler, mit denen das Goethe-Institut gerne Deutschland repräsentiert", schreibt Jannis Koltermann in der FAZ. "Muss es aber deswegen falsch sein? Vielfalt heißt schließlich auch, den traditionsbewussten Neigungen in der Bevölkerung ihren Platz einzuräumen - und ausweislich aller Umfragen und Wahlergebnisse sind diese derzeit besonders stark. So verließ man diesen Abend mit dem Gedanken, dass gerade ein konservatives Italien Europa womöglich etwas zu geben hat."
Melanie Mühl hat für die FAZ die eigens für "NewAdult"-Literatur eingerichtete Halle der Frankfurter Buchmesse besucht. Von der zur Frankfurter Buchmesse ausnahmsweise mit drei Schülerinnen besetzten Sondersendung des "LiterarischenQuartett" des ZDF dürfte es nach Ansicht von David Hinzmann (FAZ.net) künftig gerne mehr geben. Das Team von Zeit Onlinebringt kleinere und größere Eindrücke vom Buchmessen-Geschehen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Esther Kogelboom und Adrian Schulz sprechen für den Tagesspiegel mit MithuSanyal über deren Roman "Antichristie". Shirin Sojitrawalla spricht online nachgereicht von taz mit der Schauspielerin CarolinePeters, die mit "Ein anderes Leben" ihr Romandebüt verfasst hat. Der österreichische Schriftsteller und Regisseur DavidSchalkoschreibt in der Literarischen Welt (online nachgereicht) über die Bücher, die ihn geprägt haben.
Besprochen werden MirceaCărtărescus "Theodorus" (online nachgereicht von der LitWelt), KatjaLange-Müllers "Unser Ole" (online nachgereicht von der taz), Neige Sinnos "Trauriger Tiger" (online nachgereicht von der taz), Eckhart Nickels "Punk" (JungleWorld), Wolfram Eilenbergers "Geister der Gegenwart. Die letzten Jahre der Philosophie und der Beginn einer neuen Aufklärung 1948-1984" (Standard), Daniela Emmingers "Blut ist nicht dicker als Wasser" (Standard), Natalie Buchholz' "Grand-papa" (FR), Ada D'Adamos "Brief an mein Kind" (FR), die Memoiren von Boris Johnson (NZZ) und neue Hörbücher, darunter SaschaRotermunds Lesung von JonathanFranzens Essaysammlung "Anleitung zum Alleinsein" (FAZ).
In der online nachgereichten "Frankfurter Anthologie" schreibt Hans Maier über ElisabethLanggäsers "Frühling 1946":
"Holde Anemone, bist du wieder da und erscheinst mit heller Krone ..."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Antje Damm: Da ist besetzt! "Guten Morgen! Ist da noch frei?", fragt Drache Flux den miesepetrigen Herrn Schröder. Und so beginnt eine zaghafte Annäherung, bei der Herr Schröder lernt, dass es nie zu…
Christoph Bartmann: Attacke von rechts Anhand internationaler Beispiele zeigt Christoph Bartmann wie Rechtspopulisten die Kulturpolitik als Kampfplatz für ihre Ideologie nutzen. Museen, Theater und Bibliotheken…
J.R.R. Tolkien: Die Bovadium Fragmente Aus dem Englischen von Helmut W. Pesch. J.R.R. Tolkiens ganz persönlicher Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt. Nahe der alten Stadt Bovadium erfand einst ein Daemon die…
Sighard Neckel: Katastrophenzeit In seinem neuen Buch analysiert der Soziologe Sighard Neckel das große Dilemma unserer Zeit: Während der Klimawandel auf eine ökologische Katastrophenzeit zuläuft, stellen…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier