Fasziniert berichtet der SchriftstellerUlf Erdmann Ziegler in der FAZ von Peyman Rahimis Installation "Schein" im Oldenburger Kunstverein. Die komplexe, vielschichtige Installation, führt der Kritiker aus, ist teilweise einem Gefängnis nachempfunden, obwohl der mit 22 Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflohene Rahimi die Geister eher auszutreiben suche als zu beschwören. Besonders ein Raum hat Ziegler beeindruckt: "Am Boden liegt ein in etwa 250 geometrische Stücke geschnittener riesiger Spiegel, als Rechteck perfekt in Form wie die Perversion eines Teppichs. Das unwirkliche, grün-blaue Licht kommt von gashaltigen Narva-Lampen, die wie übermächtige Stielaugen von der Decke abgehängt sind. Die Bildergalerie im Spiegel-Tempel ist knapp gehalten. Dominiert wird sie von einem größeren Siebdruck in Schwarz-Weiß, der eine geknebelte Figur mit ausgelöschten Augen zeigt, und zwar gedoppelt und über die Ohren miteinander verschmolzen, ein Hauch von Dada oder Cabaret. Die Figur erinnert an Formen, die der Rorschachtest hervorbringt. Zufällige Symmetrien - 'Schein' - werden von Patienten der Psychiatrie fabulös kommentiert. Es geht um die Schwelle, an der Vorstellungskraft umkippt in haltlose Imagination." Das Resümee: Hoffentlich wird Rahimi bald nicht nur in Oldenburg ausgestellt, sondern überall.
Tobias Timm befasst sich auf Zeit Online mit Spekulationen auf dem Kunstmarkt und dem damit zusammenhängenden Unsichtbarwerden vieler Kunstwerke. Ein besonders anschaulicher Fall ist die Sammlung des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch: "Bekannt war, dass Abramowitsch insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar für Gemälde von Francis Bacon und Lucian Freud ausgegeben hat", wie eine Recherche mehrerer Medienhäuser zeigt, die "geleakte Unterlagen des zypriotischen Finanzdienstleisters MeritServus analysieren und so bislang Unbekanntes über Abramowitschs Sammlung berichten [konnten]. Fast eine Milliarde US-Dollar sei die Sammlung mit über 300 Werken wert, so die Erkenntnis. Und sie wird - oder wurde - über Trusts mit Namen wie Harmony, Ermine oder Seline verwaltet, die in Zypern oder auf der Kanalinsel Jersey residieren. Die Abramowitsch-Sammlung ist Teil des globalen Offshore-Kunstsystems, und das, was man auf jenem Teil des Kunstmarkts, der sich auch sprachlich an den Aktienmärkten orientiert, eine Blue-Chip-Sammlung nennt. Sie besteht aus extrateuren Werken von den großen Namen der modernen wie der zeitgenössischen Kunst, darunter: Pablo Picasso, Lucian Freud, David Hockney, Kasimir Malewitsch, Peter Doig, Alberto Giacometti, Egon Schiele. Die auf dem Kunstmarkt besonders beliebten deutschen Künstler sind auch dabei, Maler wie Gerhard Richter und Daniel Richter, Fotografen wie Thomas Ruff oder bleischwer arbeitende Bildhauer wie Anselm Kiefer." Zu sehen bekam man die Werke kaum noch, nachdem Abramowitsch sie erworben hatte, was freilich auch daran liegt, dass sie seit dem Ukrainekrieg beschlagnahmt würden.
Weitere Artikel: FAZ-Kritikerin Gina Thomas freut sich im Schloss Windsor über Artemisa Gentileschis wiederentdecktes und frisch renoviertes Gemälde "Susanna im Bade". Ebenfalls in der FAZ schreibt Stefan Trinks über einen Fall von Kunstdiebstahl und -fälschung im Deutschen Museum München. Die Stiftung des Museums Langmatt verkauft drei Cézanne-Gemälde, um ihren Fortbestand zu sichern, schreibt Philipp Meier in der NZZ. In der FRmeldet sich Hans Eichel noch einmal, mit den bekannten Argumenten, in Sachen BDS, Israel und Kunstfreiheit zu Wort.
Besprochen werden die Ausstellungen "Raffael. Gold & Seide" im Kunsthistorischen Museum Wien (Standard), "Michelangelo und die Folgen" in der Wiener Albertina (Tsp), "History Tales. Fact and Fiction in History Paintings" in der Wiener Gemäldegalerie (Standard), die Immersions-Schau "In anderen Räumen. Environments von Künstler*innen 1956-1976" im Haus der Kunst München (Zeit Online), sowie eine weitere (nach "It's Pablo-matic") Picasso-Ausstellung in New York (Hyerallergic).
Edgar Degas, Absinthtrinkerin im Café, 1873. Foto: Musée d'Orsay, ParisEdouard Manet "Die Pflaume". Foto: National Gallery of Art, Washington D.C. Die Schau "Manet/Degas" am Metropolitan Museum of Art hat alles, was sich SZ-Kritiker Christian Zaschke von einer Ausstellung wünschen würde. Durch die hervorragende Kuration tritt die Kunst der beiden Maler, die eine nicht ganz ausgeglichene Freundschaft verband, in ein erhellendes Gespräch, so Zaschke. Der "laute, expressive Manet und der stillere, scharfsinnige Degas" beeinflussten sich künstlerisch gegenseitig, die Bewunderung war auf Seiten Degas jedoch größer als andersherum. Die künstlerische Verwandtschaft zeigt sich beispielsweise zwischen Manets Gemälde "Der tote Torero" und Degas Darstellung eines "bewusstlosen, womöglich toten Jockeys", beobachtet Zaschke: "Noch intensiver wird der Dialog zwischen Degas' 'Der Absinth' und Manets 'Die Pflaume'. Beide zeigen eine einsame Frau im Café, vor sich ein Glas Schnaps, die Gemälde ähneln einander wie Schwestern. Sie hängen direkt nebeneinander, und natürlich handelt es sich nicht um einen Wettbewerb oder gar ein Duell, aber beim Betrachten dieser Gemälde denkt man unwillkürlich: Punkt an Degas. Sein Bild hat mehr Tiefe, es ist eindringlicher, und: Er hat es ein Jahr vor Manets Version des gleichen Motivs gemalt."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelschaut sich Rilana Kubassa Edvard Munchs Drucke genauer an, die in "Edvard Munch. Zauber des Nordens" in der Berlinischen Galerie zu sehen sind.
Besprochen wird die Ausstellung "Michelangelo und die Folgen" in der Albertina in Wien (NZZ).
Portraits of the Qianlong Emperor and His Twelve Consorts (detail), 1736-70s. Giuseppe Castiglione (Italian, 1688-1766) and others (Chinese). Handscroll; ink and color on silk; painting: 53 x 688.3 cm. The Cleveland Museum of Art, John L. Severance Fund, 1969.31 FAZ-Kritiker Lothar Ledderose ist fasziniert von den Werken chinesischer Kunst, die er in der Ausstellung "China's Southern Paradise: Treasures from the Lower Yangzi Delta" im Cleveland Museum in Ohio sieht. Die These der Ausstellung lautet, so der Kritiker, dass vor allem die Gegend Jiangnan, südlich des Jangtse-Flusses, "über Jahrhunderte hinweg die Vorstellung von dem prägte", was chinesische Kunst ist: "Wesentlich für die Konzentration auf den Süden war die Kunstpolitik der chinesischen Kaiser. So ist eines der spektakulärsten Stücke der Ausstellung eine bisher kaum je gezeigte, 22 Meter lange Querrolle von 1698 aus einer Serie von zwölf solcher Rollen, die die Südreise des Kaisers Kangxi (1661-1722) illustrieren. Kangxi, einer der bedeutendsten Herrscher, die China je hatte, war ein Kaiser der fremdländischen Mandschu-Dynastie, die China 1644 erobert hatte. Er unternahm diese sogenannte Inspektionsreise, um die politische und kulturelle Integration des Südens, wo der Widerstand gegen die Mandschu besonders erbittert gewesen war, zu vollenden. Das Detail zeigt den Kaiser, noch in seinem Boot sitzend, das gerade in Suzhou anlandet. Er trägt einen einfachen roten runden Hut, wie auch all die vielen Untertanen, die zur Begrüßung gekommen sind. Der rote Teppich ist ausgerollt, gesäumt von der Leibwache. Die Männer halten Schwerter, Laternen und ein Weihrauchfass. Der Schimmel steht bereit. Alle Figuren sind detailliert gemalt, manche wohl auch mit porträthaften Zügen. Im Ganzen sind um die tausend Menschen auf dieser Rolle zu sehen."
Der russische Oligarch Roman Abramowitsch hat es durch die Überschreibung eines Großteils seiner riesigen Kunstkollektion an seine Ex-Frau Dascha Schukowa erfolgreich geschafft, sich vor internationalen Sanktionen zu schützen, berichtet Ursula Scheer in der FAZ. Die daraus zu ziehenden Schlüsse sind unerfreulich, so Scheer: "Das nach der russischen Invasion geschaffene internationale Sanktionssystem ist voller Schlupflöcher. Und obendrein gibt es genügend Länder, in denen es sowieso nicht gilt."
Weiteres: FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier besucht den Südtiroler Bildhauer Lois Anvidalfarei, der gleichzeitig auch Bergbauer ist. Im Tagesspiegel-Interview unterhält sich Stefanie Heckmann, Kuratorin der Ausstellung "Edvard Munch. Zauber des Nordens" in der Berlinischen Galerie, mit Uwe Badelt. In der FRschreibt Ingeborg Ruthe einen Nachruf auf den Fotografen Erwin Olaf K. Derya Türkmen besucht für die taz die Künstlerin Mila Panic in ihrem Atelier. FAZ-Kritiker Stefan Trinks gratuliert dem Kunsthistoriker Christoph Luitpold Frommel zum Neunzigsten.
Tobias-Rehberger, "Through the back side of my eyes" im GL Strand. Foto: David Stjernholm
Nicole Büsing und Heiko Klaas haben für den Tagesspiegel im GL Strand in Kopenhagen eine Ausstellung von Tobias Rehbergers eigenen Sammlungen besucht. Dazu gehören Kunst, Möbel, Kochbücher, Teekannen oder naturgetreue Pilzmodelle. Über allem steht dabei für die beiden Kritiker die Frage: "Wie kommen künstlerische Ideen überhaupt zustande? Über seine ganze Karriere hinweg hat sich Tobias Rehberger dabei nie als genialischer Einzelkünstler definiert. Bekannt ist er für seine Kollaborationen mit anderen Kunstproduzenten. So zeigt ihn eine Fotografie, die er hier als Wandtapete aufgezogen hat, im Kreise seiner Künstlerfreunde Not Vital, Richard Long und Rirkrit Tiravanija in der Sahara sitzend, während sie über gemeinsame Projekte sinnieren. Davor sind, in Rot, Gelb und Blau, drei große Skulpturen platziert, die aus eins zu eins - Abformungen von Termitenhügeln hervorgegangen sind. Die Frage der Formfindung hat er in diesem Fall komplett den Staaten bildenden Insekten überlassen. Er selbst fungierte, wie so oft, nur als Katalysator oder Einschleuser in die Wahrnehmungsmechanismen des Kunstbetriebs."
In der FAZ ist Stefan Trinks hin und weg von Thao Nguyen Phans erster großer Einzelschau in Mailands Hangar Bicocca: Endlich lernt er mehr über Vietnam, meint er, während er beobachtet, wie Phan ganz ohne zu moralisieren die Geschichte der über den Mekong miteinander verbundenen Völker in "Vietnam, Myanmar, Laos, Thailand und Kambodscha in atemnehmend formstarke Bilder ummünzt und mit aktuellen Fragen von Umweltzerstörung, Migration und Fortschrittsglauben versus Neunutzung alter Kulturtechniken gegenschneidet".
Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den Fotografen Erwin Olaf. Henning Kober besucht für die FAZ den Sohn des Fotografen Will McBride im Gutshaus von Bristow.
Besprochen werden die Retrospektive von Füsun Onur im Kölner Museum Ludwig (Tsp), die Ausstellung "Luc Tuymans - Edith Clever" in der Berliner Akademie der Künste (Tsp) und die Schau "General Idea" im Berliner Martin Gropius Bau (taz).
Irgendwie unspektakulär auf Entzauberung gerichtet ist die Kunst Alicja Kwades, die das Lehmbruck Museum in Duisburg gerade in der Ausstellung "In Agnosie" zeigt, notiert Max Florian Kühlem in der SZ. Angeregt wird er dennoch: "Agnosie bezeichnet als Krankheitsbild die Störung von Sinneswahrnehmungen oder ihrer Interpretation. Alicja Kwade ist allerdings nicht auf die perfekte Sinnestäuschung aus. Wenn die Besucher in der zum ersten Mal in Deutschland gezeigten Arbeit 'Superheavy Skies' schwere Steine an Mobiles schweben sehen oder in 'Between Glances' um ein Kabinett aus Spiegeln, Fenstern, leeren Rahmen kreisen und bald nicht mehr wissen, welche der darin stehenden Glühbirnen nun echt oder nur ein Spiegelbild, dann ist das Handwerk hinter der Illusion immer noch zu erkennen - und stiftet trotz aller Verwirrung, die die Künstlerin gerne auslöst, auch ein aufklärerisches Moment, ein Moment der Entzauberung eben."
Cornelis de Heem: "Frühstücksstillleben", 1660-1669. Kunsthistorisches Museum Wien
NZZ-Kritiker Philipp Meier erlebt eine Tour d'Horizon zum Zeitphänomen in einer Ausstellung des Kunsthauses Zürich zur "Zeit - von Dürer bis Bonvicini", von der Renaissance bis zur Gegenwart. "Dabei vergisst man gerne ausgerechnet die Zeit selber: etwa vor einem Bild mit Austern, das vor dreihundertsechzig Jahren gemalt wurde. Die Meeresfrüchte dienten damals dem niederländischen Stilllebenmaler Cornelis de Heem als Vorlage, bevor sie bald schon zu faulen und zu stinken begannen, um sich dann in nichts aufzulösen. Vergänglichkeit und Dauer treten hier in ein dialektisches Verhältnis."
Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Freddy Langer zum Tod des Fotografen Erwin Olaf.
Besprochen werden eine Ausstellung des malerischen Werks von Louise Bourgeois im Wiener Belvedere (Standard), eine Ausstellung Jakob Mattners in St. Matthäus am Kulturforum Berlin (BlZ), eine Ausstellung des Malers Michael Hegewald in der kommunalen Hohenschönhausener Galerie 100 in Berlin (FR) und die Gruppenausstellung "Image Ecology" im C/O Berlin (Tsp).
In der Zeit stellt Heinz-Peter Schwerfel den 1960 geborenen britischen Künstler Isaac Julien vor, dem die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf gerade eine Retrospektive widmet. Schwarz und schwul, ist Julien politisch, auch in seiner Kunst, aber Schönheit und Ästhetik sind ihm mindestens ebenso wichtig, was eine angemessene Würdigung bis jetzt verhindert hat, erklärt Schwerfel. "Unbeirrt setzt er seine Gratwanderungen zwischen Kino und Kunst, Malerei und Video, Politik und Ästhetik des Schönen fort, und er findet dafür 2007 in 'Western Union: Small Boats' [hier ein Eindruck] einen neuen, radikalen Ausdruck: Auf bis zu zehn Leinwände wird die Erzählung aufgeteilt und zerstückelt. Wortlos, nur mit sorgfältig komponierten Bildern sowie der Körpersprache des kanadischen Choreografen Russell Maliphant und seiner Truppe, zeigt Julien die Armut auf Sizilien, die Dekadenz der Adelspaläste, interessiert sich aber vor allem für die vielen unterschiedlichen Einflüsse, aus denen die sizilianische Kultur entstand. Das Kino Viscontis taucht bei ihm auf, und schließlich gelangt er nach Lampedusa, wo bis heute die Migranten, aus Afrika kommend, in ihren Nussschalen anlanden. Aus Platzgründen muss die Düsseldorfer Ausstellung auf einige der großen Multikanal-Arbeiten wie 'Western Union: Small Boat' oder 'Ten Thousand Waves' [hier ein Eindruck] verzichten, zeigt diese aber zumindest in Drei-Kanal-Versionen. Daneben gibt es die frühen Filme der Achtzigerjahre zu sehen und jüngere, das Thema der Blackness wieder aufgreifende Werke wie die Zehn-Kanal-Installation 'Lessons of the Hour'."
Weiteres: Sebastian Wells und Vsevolod Kazarin erhalten den Friedenspreis für Fotografie, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Besprochen wird eine archäologische Ausstellung über die Felsgräber bei Assuan "Geplündert - geschunden - gerettet (?). Die Gräber der Qubbet el-Hawa Nord" im Neuen Museum Berlin (FAZ).
Das Werk der türkischen Bildhauerin Füsun Onur kann man derweil im Kölner Museum Ludwig entdecken. Alexandra Wach stellt im Tagesspiegel das Werk der inzwischen 85-jährigen vor, die 1962 zum Studium nach Amerika ging. Dort entwickelt sie unter anderem einen eigenen Begriff von Konzeptkunst: "Sie stickte und nähte auf Leinwand und verwendete Leinenschläuche, die vom Publikum aufgeblasen werden konnten. Auch 'Die dritte Dimension in der Malerei - Tritt ein' lädt 1981 zum Mitmachen ein. In einem Raum aus blauen Wollfäden hängt eine mit Perlen geschmückte Himmelsdecke herab. Man muss nur Platz nehmen auf einem Kissen, um die Skulptur in Interaktion sinnlich zu erfahren, als würde man ein Bild betreten. Oder ein Buch: In der Installation 'Traum von alten Möbeln' von 1985 transportiert Onur Möbel, Stoffe und andere Dekorationsgegenstände in eine surreale Traumkulisse. Die Objekte verwandeln sich in imaginäre Wesen in einer Bilderwelt, die der von Alices fantastischer Reise durch das Wunderland ähnelt.
Weitere Artikel: In der Weltwürdigt Hans-Joachim Müller den verstorbenen Maler Fernando Botero. Katharina Rustler porträtiert im Standard den Belvedere-Art-Award-Preisträger Robert Gabris. Außerdem eine Nachricht zwischen Konzeptkunst und Gaunerstück: Leere Bilderrahmen als Kunst? Damit wollte der Künstler Jens Haaning ein Dänisches Museum abspeisen. Jetzt erhielt er die Rechnung: eine knappe halbe Million Kronen und damit den größten Teil des vereinbarten Honorars muss er zurückzahlen, melden SZ und Monopol.
Besprochen werden die Ausstellungen "human error. louisa clement" im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen (taz), "Das Queere Kinderzimmer" im Bielefelder Kunstraum Elsa (Monopol) und "Schlösser. Preußen. Kolonial" im Schloss Charlottenburg (Welt).
Die Gründungskommission für das Deutsche Fotoinstitut wurde festgelegt, meldet Alexander Menden in der SZ. Wegen des Streits zwischen Düsseldorf und Essen um den Standort des Instituts könnte die Wahl des Vorsitzenden für Konflikte sorgen, meint Menden: "Der Fotograf Moritz Wegwerth schließlich erscheint als Vorsitzender des 'Vereins zur Gründung und Förderung eines Deutschen Fotoinstituts' auf den ersten Blick auch als offensichtliche Wahl. Doch Kritiker, die befürchten, die Institution werde vor allem der Sicherung des Erbes einigen prominenten Fotografen der 'Düsseldorfer Schule' dienen, könnten sich an ihr reiben. Wegwerth ist ein ehemaliger Student von Andreas Gursky. Dieser hat unverdrossen Lobbyarbeit für den Standort Düsseldorf gemacht, und auch den Verein mitgegründet, dessen Vorsitzender Wegwerth ist."
FAZ-Kritiker Freddy Langer hielte es für sinnvoll, das Institut nicht nur als Archiv und Forschungsstätte, sondern vor allem als "Koordinationszentrale" zu planen: "Es könnten dort, statt ein weiteres Archiv zu bauen, nationale Richtlinien im Umgang mit Fotografien und Nachlässen entwickelt werden, die einen Austausch von Wissen und Material ermöglichen. Und man könnte von dort aus Hilfestellung geben, etwa wie finanzielle Mittel zu erhalten sind. Doch wird man den Gedanken nicht los, dass Düsseldorf sich nur allzu gern mit einem Prestigeprojekt schmückte."
Weiteres: Im Tagesspiegel resümiert Birgit Rieger die Berlin Art Week. Besprochen werden die Ausstellung "Michelangelo und die Folgen" in der Albertina Wien (FAZ) und eine Ausstellung der Künstlerin Klara Lidèn in der Galerie Neu in Berlin (BlZ).
Ausstellungsansicht "Universal Metabolism". Foto: Berlin Atonal. Wie in Trance fühlt sich Thomas Oberender (BlZ) in der Ausstellung "Universal Metabolism", die im Rahmen des Atonal-Festivals im Kraftwerk Berlin gezeigt wird. Die Objekte der Schau "warten hier nicht in scheinbarer Neutralität, sondern werden aktiv, erscheinen und verschwinden." Mit den Werken von fast dreißig Künstlern machen die Kuratoren die Veränderung von Körpern und Systemen nicht nur sicht-, sonder erfahrbar, so Oberender. Vor allem beeindruckt ihn eine Arbeit von Romeo Castellucci: "Am Rande einer Bühne bewegt sich im Dämmerlicht eine Figur, die eine Kerze entzündet. Ihre tänzerischen Bewegungen erstarren plötzlich in einer Geste des Lauschens in den Saal, worauf sich auf der Leinwand hinter der Figur die Sprache entzündet. Dieser Moment ist der Auftakt der Arbeit 'The Third Reich'... Es lässt auf einer riesigen Leinwand einen sich konstant beschleunigenden Strom aller Substantive eines Wörterbuchs erscheinen, also von allem, was in der Welt einen Namen hat. Dieser Fluss der Wörter folgt dem Takt der Musik Scott Gibbons und liegt pro Wort im Bereich einer Zwanzigstel Sekunde. Bald übersteigt das Tempo die Grenzen des menschlichen Wahrnehmungsvermögens und wird zum hypnotischen Rausch, eine Erfahrung, die Arthur Jaffa ähnlich eindringlich mit seinem Bilderstrom 'Apex' erzeugt hat."
Weitere Artikel: Welt und FAZ schreiben Nachrufe auf den Künstler Fernando Botero. In der Berliner Zeitungunterhält sich Tomasz Kurianowicz mit dem Chef des neuen Fotografiska-Museums Yoram Roth.
Besprochen werden die Ausstellung "Voicing Bethanien ein Ausstellungsort im Kontext" im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien (taz), die Ausstellung "Nachts" mit Fotos aus der Berghain-Szene im Veranstaltungsort AchtBerlin (taz), die Ausstellung "Luc Tuymans - Edith Clever" in der Akademie der Künste in Berlin (FAZ), die Ausstellung "Edvard Munch. Zauber des Nordens" in der Berlinischen Galerie (FAZ).
Oleksandr Bohomazow, "Schärfen der Sägen", 1927 Nationales Kunstmuseum der Ukraine
"Die Ausstellung 'Hier und Jetzt: Ukrainische Moderne, 1900 -1930' im Museum Ludwig in Köln ist ein Ereignis", ruft die SchriftstellerinKatja Petrowskaja in der FAZ. Und es geht dabei nicht einfach nur um Solidarität mit einem angegriffenen Staat. Und es geht auch nicht darum, "die ukrainische Avantgarde durchzusetzen, nach dem Muster der russischen Avantgarde, die zu einem technischen Marktbegriff geworden ist. Die Ausstellung zeigt unbekannte Phänomene, bringt vergessene Namen ans Licht, verändert den Blick auf bekannte Künstler. ... Wenn man vor dem Bild 'Schärfer der Sägen' von Alexander Bohomazov (1880 -1930), einem der wichtigsten ukrainischen Künstler, steht, wird einem unheimlich bei dem Gedanken, dass ein Künstler dieser Größe in Vergessenheit geraten konnte. Bohomazovs Werk hat kubofuturistische Züge, wurde durch finnische Kunst und italienische Futuristen beeinflusst. Er war Kunsttheoretiker, und auch in diesem Gemälde - das ein Lieblingswerk vieler Besucher zu sein scheint - kann man seine Klangexperimente erahnen. Das Überleben seiner Grafiken, die hier gezeigt werden, ist seiner Frau Wanda zu verdanken, die im Zweiten Weltkrieg alle seine Bilder versteckte und sie über alle schlechten Zeiten hinweg bewahrt hat."
Die iranische Künstlerin Sadaf Ahmadi (Webseite) ist vor den Mullahs nach Schweden geflohen. Doch dann wurde im Kulturhuset von Borås, wo Ahmadi jetzt lebt, eine Ausstellung zweier ihrer Bilder abgesagt: wegen Sicherheitsbedenken. Und weil man religiöse Gefühle schonen wollte. Ahmadi kann es immer noch nicht fassen, erzählt Alex Rühle, der sich mit ihr für die SZ unterhalten hat. Immerhin machte die Presse Druck: "Der Proteststurm wehte so scharf nach Borås, dass die Kuratorin nach einigen Tagen vorschlug, die Tschador-Frauen doch auszustellen, allerdings in einem absperrbaren Kellerraum. Ahmadi wird im Gespräch nie polemisch, sie spricht ruhig und klar, aber es ist doch deutlich herauszuhören, dass ihr dieser Kompromissvorschlag nicht sonderlich feinfühlig vorkam: 'Dieses Werk, in dem es darum geht, dass die iranischen Frauen weggesperrt werden, jetzt in einen engen Keller zu sperren …' Eine Ader unter ihrem linken Auge pulsiert, als sie schweigend mit den Schultern zuckt." Nun darf sie aber doch beide Werke zeigen, wenn auch Tschador erst im Oktober, in einem eigenen Raum, nicht im Eingang, so Rühle.
Weitere Artikel: Peter Richter besucht für die SZYoram Roths Fotokunsthalle "Fotografiska Berlin" und blickt zurück auf die Geschichte des Tacheles seit der Wende. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht Ai Weiwei noch einmal über Demokratie, Freiheit und den Ukrainekrieg, von dem er nicht weiß, wer ihn angefangen hat, aber weiß, wie man ihn beendet: indem keine Waffen mehr an die Ukraine geliefert werden. Zeit onlinemeldet den Tod des kolumbianischen Malers und Bildhauers Fernando Botero. In der NZZschreibt Philipp Meier den Nachruf.
Besprochen werden die Munch-Ausstellung in der Berlinischen Galerie (BlZ), die Ausstellung "Naples à Paris. Le Louvre invite le musée de Capodimonte" im Louvre (NZZ) und die Ausstellung "Jüdisch in der DDR" im Jüdischen Museum Berlin ("Die Ausstellung enthält sich jeder Wertung, aber auch kuratierender Einordnung. Das ist so respektvoll wie hilflos zugleich", kritisiert Raquel Erdtmann in der FAS).