Marlene Dietrich, fotografiert von Cecil Beaton, 1932. Bild: Helmut Newton Foundation. In der Newton-Stiftung kann Bernhard Schulz (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Chronorama. Photographic Treasures of the 20. Century" das fotografische Archiv des Verlags Condé Nastkennenlernen, der unter anderem die Vogue herausgegeben hat, hier aber gar nicht nur das Perfekte, Hochstilisierte zeigt: "Es ist viel mehr von den Zeitläuften zu sehen, als man unter dem Signum 'Modefotografie' erwarten würde. (…) Jahrzehnt für Jahrzehnt geht die Ausstellung durch, immerzu akzentuiert von Porträtfotos der Größen der Zeit, von Charlie Chaplin bis James Joyce, aber früh auch schon Paul Robeson und später James Baldwin. 'Die kostbaren Artefakte repräsentieren ein spezifisches und subjektives Geschichtsbild, das die westliche Kultur- und Wirtschaftselite widerspiegelt', heißt es im Einführungstext der in Berlin von Matthias Harder kuratierten Ausstellung, und das soll wohl der erwartbaren Kritik an der Einseitigkeit der Vogue-Fotografie entgegnen. Aber es gilt doch festzuhalten, dass die ungeschminkte Realität immer wieder hervorlugt, gerne als architektonischer Meilenstein wie dem Empire State Building 1930, aber auch in Gestalt Stalins auf dem Roten Platz, übernommen von der offiziellen Agentur 'Sovfoto', die mit Mode nun wahrlich nichts am Hut hatte."
Judy Chicago. Bild: judychicago.com Die feministische Künstlerin Judy Chicago, "mit 84 eine Titanin in einer Welt, die immer noch von Titanen dominiert wird", bekommt mit "Herstory" im New Yorker New Museum eine erste Retrospektive, die Andrian Kreye für die SZ besucht hat: "Die Subversion männlicher Domänen und Sexualisierung der Formen sind in der Retrospektive als einzige wahrnehmbare rote Fäden in ihrer Arbeit zu erkennen. Mal sanft, mal humorvoll, oft auch aggressiv. Auf dem Foto 'Gunsmoke' zum Beispiel, einer Art Randnotiz zu ihren 'Atmospheres', auf dem ein Mann zu sehen ist, dem jemand mit der Brutalität einer oralen Vergewaltigung einen Pistolenlauf in den Mund zwingt. Da stimmt sie mit der Musik ihrer Zeit überein, als in den Siebzigerjahren statt Genre-Traditionen und handwerklicher Formalismen Haltung und Gestus zu den entscheidenden Stilmitteln des Punk und des Avantgardejazz gehörten. Wobei man gerade das Handwerk in ihrem Gesamtwerk nicht unterschätzen darf. Egal, ob Gemälde, Performance, Skulpturen aus Glas, Kunststoff oder Metall, Schwäche zeigte Chicago in keiner Phase."
In der FR bewundert Sylvia Staude die Fotografien von Laura J. Padgett, die sich intensiv mit dem Frankfurter IG-Farben-Haus auseinandergesetzt hat. Sie sind in der Galerie Peter Sillem ausgestellt: "Dass die Details ihr wichtig sind, der Blick auf die Formen, die Spiegelung der einen in einer anderen Form, auch wenn die Größenverhältnisse sehr unterschiedlich sind, das zeigen die Fotografien, die Padgett jeweils als Diptychen zusammengestellt hat. (...) Etwa wenn Padgett einen Blick aus dem Fenster zusammenstellt mit dem Detail einer längst nicht mehr genutzten Heizungsanlage, einer Schaltzentrale, wo kleine rote Lämpchen auf mittlerweile rissigem, Raum-Umrisse nachzeichnendem Untergrund einst aufleuchteten. Es gibt sehr bedachte Ausschnitte des Gebäudes zu sehen - aber, das mag vielleicht verwundern, keine Gesamtaufnahme aus der Entfernung. Solche Abbildungen des IG-Farben-Gebäudes gibt es allerdings bereits in Menge - und diese Bilder haben nicht im Mindesten die Aura der Fotografien Laura Padgetts. Auf ihren Aufnahmen sieht man die Zeichnung des Steins, manchmal darauf auch Moos-Bewuchs, innen die feinen Linien im Marmor, den glänzenden Boden der menschenleeren Gänge."
Besprochen werden: Kroatische Protestkunst in "Komm zu Bewusstsein! Halte stand! Reagiere! Performance und Politik im postjugoslawischen Kontext der Neunziger" im Muzej suvremene umjetnosti in Zagreb (FAZ), "Zwölf Variationen zur Auferstehung" im Kunstraum Parochial (Berliner Zeitung) und die Retrospektive zu Frans Hals, die im Sommer aus dem Rijksmuseum Amsterdam nach Berlin kommt (Tagesspiegel).
Bild: Yoko Ono: Fly 1970-1. Directed by Yoko Ono & John Lennon, Film Still. Pünktlich zum Neunzigsten widmet die Londoner Tate ModernYoko Ono unter dem Titel "Music of the Mind" eine große Retrospektive, die ab September auch im Düsseldorfer K20 zu sehen sein wird. Wie man zu den Arbeiten der japanisch-amerikanischen Konzeptkünstlerin steht, bleibt dem Betrachter selbst überlassen, meint Alexander Menden in der SZ: "Man kann die Instruktionen der Künstlerin als poetische Einladung zur Teilnahme oder als groteske Vorschrift empfinden. ... Unter dem Motto 'My Mommy Is Beautiful' lädt Ono die Besucher etwa ein, Gedanken über ihre Mutter auf einen Zettel zu schreiben und diesen (oder alternativ ein Bild der Mutter) auf eine von 15 leeren Leinwänden zu kleben. Ermöglicht das rührende öffentliche Liebesgesten? Oder ist es ein süßliches, infantilisierendes Grundschulprojekt? 'Add Colour (Refugee Boat)' macht ein weißes Boot und die umgebenden Wände wiederum zur leeren Leinwand für die Friedensgedanken der Besucher. Ist das ein gemeinsames, vielleicht sogar wirksames Friedensfanal? Oder Erstarrung in einer selbstzufriedenen Aktivismus-Geste?" Als "Ehrenrettung" der Künstlerin erlebt Sebastian Borger im Standard die Schau: "Der Retrospektive gelingt es, Respekt, ja Bewunderung zu schaffen für eine Avantgardekünstlerin, eine Wanderin zwischen kulturellen Welten, die ihrer Zeit voraus war. Freilich bleibt auch die Skepsis gegenüber ihren einfachen Parolen." In der FR bespricht Susanne Ebner die Ausstellung.
"Es ist ein linksliberales Missverständnis, wenn man glaubt, den offenen Dialog zu verteidigen, indem man ihn sperrangelweit aufmacht. Auch für die Brüller und die Extremisten", kommentiert Peter Neumann in der Zeit den Vorfall bei der Bruguera-Lesung. Vorbildlich habe sich etwa der Neue Berliner Kunstverein verhalten: "Weil der Verein nicht ihre politische Meinung zum Gaza-Krieg teilt, wollten die beiden Künstlerinnen Banu Cennetoğlu und Pilvi Takala dort nicht mehr ausstellen. Der Kunstverein ließ die beiden ohne Worte des Bedauerns ziehen. Man sehe vermehrt Versuche einer Instrumentalisierung von Konflikten für die persönliche Agenda und lehne die Übernahme vorgegebener politischer Einstellungen ab, schrieb der Verein in einem Statement. Auch so lassen sich Räume schützen: mit klaren Grenzen und offenem Visier."
Weitere Artikel: In der Zeit widerlegt Hanno Rauterberg das "Klischee von der christlichen Lustfeindlichkeit" - zumindest mit Blick auf sinnliche Jesus-Darstellungen in der Kunstgeschichte. Ebenfalls in der Zeit porträtiert Lara Huck die bolivianische Fotografin Marisol Mendez, die in ihrer Fotoserie "Madre" Frauen als Heilige inszeniert. Der russische Künstler Andrej Molodkin droht damit, in einer Aktion 16 Kunstwerke, unter anderem von Rembrandt, Picasso und Warhol mit einem Gesamtwert von mehr als 40 Millionen US-Dollar zu zerstören, sollte Julian Assange im Gefängnis sterben, meldet Timo Feldhaus in der Berliner Zeitung.
Besprochen werden die Ausstellung "Heute" mit Werken der in Jerusalem geborenen Künstlerin Elinor Sahm in der Galerie Wannsee Contemporary (taz), die Ausstellung "Von Odessa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Berliner Gemäldegalerie (FAZ) und die Ausstellung "Lacan, l'exposition" im Centre Pompidou in Metz, die sich nicht nur Lacans Sammlung widmet, sondern auch der Frage nachgeht, "inwiefern Kunstwerke Lacans psychoanalytische Theorie auf den Weg gebracht haben, aber auch als deren reflektierender Spiegel funktionieren", wie Bettina Wohlfarth in der FAZ schreibt.
Nach der Störung der Lesung von Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof (unser Resümees hier und hier), infolge der sich die kubanische Künstlerin entschloss, die Performance abzubrechen, hat Bruguera selbst ein Statement auf Instagram abgegeben. Sie stellte darin klar, dass es eine Verwechslung gegeben habe: die erste Unterbrechung durch Aktivisten (die am Samstagnachmittag stattfand) sei auf ihre Einladung hin erfolgt. Die zweite Störung sei "ein Protest gewesen", zwar verurteile sie die verbalen Angriffe auf den Direktor des Museums und das Publikum, trotzdem habe sie Verständnis für die Protestierenden: "Ich möchte betonen, dass ich jede Form von Gewalt oder Diskriminierung ablehne. Aber, war es ein gewalttätiges Ereignis? Nein. War es intensiv? Ja. Haben sie die Veranstaltung gestört? Ja, das war der Hauptzweck. Wurde ich durch die Störung beleidigt? Nein. Gab es irgendwelche körperlichen Angriffe? Nein. War es eine Konfrontation? Ja, aber was ist das Problem dabei?"
"Beschämend" findet Marcus Woeller in der Welt Brugueras Reaktion, sich "nach dieser Eskalation dennoch auf die Seite der 'Aktivisten' zu stellen." Mit dem Abbruch der Lesung habe sie die eigentliche Botschaft ihrer Performance untergraben: "Opfer dieses Abends, so muss man Tania Brugueras auf Instagram kontrovers diskutierte Mitteilung lesen, ist vor allem Tania Bruguera. An ihrem Anspruch auf einen Dialog, ja darauf, für die in der Kunst so häufig beschworene Heilung zu sorgen, ist sie gescheitert." Auch merkt Woeller an, dass Bruguera den antisemitischen Dimensionen des Protests in ihrem Statement keinerlei Rechnung getragen hatte. Bei Spon fragt Ulrike Knöfel, inweit Bruguera gar selbst in die Aktion involviert sein könnte: "War diese Störung am Nachmittag eine geplante Intervention, wer war im Vorfeld informiert worden? Till Fellrath, der andere Chef des Hamburger Bahnhofs, lässt über eine Sprecherin dieses ausrichten: Bruguera habe 'mit uns' - über 'Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Wissenschaft gesprochen, von denen auch einige vorab eingeladen wurden'. Klingt also durchaus inszeniert. Bei der zweiten Störung waren offenbar zum Teil dieselben Personen involviert, denen Bruguera jetzt mit so viel Nachsicht begegnet."
Der Historiker Volker Weiß zeichnet in der SZ noch einmal nach, wie Bruguera selbst die Lesung um ein Plädoyer für Redefreiheit in Sachen Israelkritik erweitert hatte. Ein Manöver, das nach hinten los ging, insbesondere als Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, Ziel der Attacken wurde: "Die Filmaufnahmen offenbaren einerseits einen bemerkenswert autoritären Gestus, in dem sich moralische Selbstgewissheit mit massiver Aggression paart, andererseits dokumentieren sie die völlige Hilflosigkeit eines eigentlich wohlmeinenden und diskussionsbereiten Publikums. Die deutsch-englisch brüllenden Störerinnen duldeten nur ihre eigenen Stimmen. Sie trugen einen sektenhaften Vorbeter-Nachbeter-Singsang von Palästina und 'from the river to the sea' vor und schrien dem Publikum ein 'Shame on you' entgegen. Einer Besucherin, die sich grundsätzlich solidarisierte, aber die Form des Auftritts kritisierte, wurde rabiat der Mund verboten: 'Wenn du inhaltlich auf unserer Seite wärst, dann wärst du ruhig!'" Weiß meint: "In dieser 'Intervention' zeigt sich der ganze Widerspruch der BDS-Bewegung. Redefreiheit wird reklamiert, um anderen den Mund zu verbieten."
Eine echte Solidaraktion ist derzeit in der Berliner Gemäldegalerie zu bewundern: 12 Bilder von Künstlern wie Cornelis de Heem oder Francesco Granacci werden dort derzeit ausgestellt, eine Auswahl aus insgesamt 74 Werken, die die Gemäldegalerie aus dem vom russischen Angriffskrieg bedrohten Museum für östliche und westliche Kunst in Odessa aufgenommen hat. Sophie Jung schreibt in der taz: "Alle zwölf Gemälde aus dem 16. bis 19. Jahrhundert im Berliner Saal stammen aus der 1923 in Odessa gegründeten Institution. Prado, Rijksmuseum oder Gemäldegalerie - ihr Sammlungsbestand lässt sich mit dem großer Häuser vergleichen. Nur weiß es kaum jemand. Viele der Werke gehörten einst denjenigen mit Westeuropa vernetzten wohlhabenden Familien, die in den Wirren nach Gründung der Sowjetunion 1917 fliehen mussten und ihren Besitz zurückließen (...)." In der SZ begrüßt Peter Richter, dass die Ausstellung zu einer Zeit komme," in der das Thema von anderen Krisenherden einerseits überschattet zu werden droht, andererseits zur Unterstützung der Ukraine von der Bundesregierung in der Regel noch dringlicher Waffen und Munition gefordert werden als Bilderrahmen. Eine Präsentation altmeisterlicher Gemälde hat unter diesen Umständen vor allem symbolpolitische Bedeutung." Für den Tagesspiegelberichtet Bernhard Schulz.
Weitere Artikel: In Italien heißt die Letzte Generation "Ultima Generazione"; in den Florenzer Uffizien hat sie nun Botticellis "Geburt der Venus" mit Bildern von Überschwemmungen überklebt, berichtet die Welt. Peter Kropmanns blickt in der NZZ auf den französischen Impressionismus zurück, dem derzeit international mehrere Ausstellungen gewidmet sind.
Besprochen werden die Ausstellung "À la cour du prince Genji - Mille ans d'imaginaire japonais" zum Genji monogarari im Musée national des arts asiatiques - Guimet, Paris (FAZ), die Ausstellung "Die gerettete Moderne. Meisterwerke von Kirchner bis Picasso" im Berliner Kupferstichkabinett (FR) und Karolina Jabłońskas Soloschau "How to be invisible" in der Berliner Galerie Esther Schipper (taz).
Vanessa Vu war dabei als pro-palästinensische Aktivisten am Samstagabend eine Performance der Künstlerin Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof störten. (Unser Resümee) Sie beschreibt die Szene auf Zeit Online. Nachdem ein Protest am Nachmittag friedlich verlaufen war, kamen Teile der Gruppe abends zurück und brüllten eine Lesung der Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirjam Wenzel, unter anderem mit "From the river to the sea"-Rufen nieder: "Was aus der Ferne kaum zu erkennen war und dafür auf einem Handy-Video aus der Mitte der Protestierenden deutlich wird: Immer wieder versuchte auch die Künstlerin Tania Bruguera mit wedelnden Armen einzuschreiten. 'Ihr wisst nichts über mich, ihr wisst nichts über meine Geschichte und was ich für die Palästinenser getan habe', sagt Bruguera in dem Video, sichtlich aufgewühlt. 'Du bist immer noch eine weiße Person!', schrie eine Frau zurück. Brugueras Solidarität mit Palästinensern sei 'performativ'." Vu findet, das Museum hätte durchgreifen müssen: "Am Ende liegt es jedoch in der Verantwortung des Museums, Prioritäten zu setzen und die Sicherheit seiner Gäste zu gewährleisten. (...) Der Wunsch nach Inklusion findet dort seine Grenzen, wo Menschen ebenjenes Prinzip missachten und nur sich selbst hören wollen."
Im Spon-Interview mit Tobias Rapp beschreibt Mirjam Wenzel ihre Erfahrung während der Störaktion. Für sie besteht kein Zweifel, dass gerade ihre Lesung gestört wurde, weil sie Jüdin ist: "Die Ankündigung, wer wann spricht, kam kurzfristig über Tania Brugueras Instagram-Account. Hinter meinem Namen hieß es 'Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt'. Ich war die einzige Teilnehmerin, bei der 'Jüdisch' dabeistand." Sie mache sich "Sorgen, welche Signalwirkung von solchen Aktionen auf in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden ausgeht. Offenbar können sie in öffentlichen Räumen nicht darüber sprechen, was das Massaker der Hamas und der Krieg in Gaza für sie psychologisch und biografisch bedeutet. Auch nicht darüber, was es heißen würde, wenn der Staat Israel nicht mehr als Lebensversicherung wahrgenommen werden kann."
In einem kurzen Interview auf Zeit Online, geführt von Peter Neumann, meldet sich einer der Direktoren des Museums, Till Fellrath zu Wort: "Es war uns zu jedem Zeitpunkt wichtig, dass wir die Lage in der Halle unter Kontrolle behalten, wir waren an dem Abend bis Mitternacht vor Ort. Wir mussten die Ereignisse offen gestanden auch erst einmal einordnen und mit der Künstlerin besprechen können. Es gab ja auch direkte Verbalattacken gegen uns persönlich und das Museum. Sam Bardaouil (neben Fellrath der zweite Direktor des Museums, Anm. d. Red.) wurde direkt rassistisch beschimpft und angespuckt. Am Sonntagmorgen haben wir schließlich dem Wunsch von Tania Bruguera entsprochen, die Performance abzubrechen."
Schon das "Übergewicht antiisraelischer Stimmen unter den Prominenteren auf der Redner:innenlisten" ließ bei Jens Winter Zweifel aufkommen, ob hier Raum zur offenen Diskussion bestand, wie er in der tazschreibt. "Gegenüber Mirjam Wenzel, deren Engagement für Israel darin besteht, dass sie am 11. Oktober 'fehlende Empathie' mit Juden im Kulturbetrieb attestierte, stand eine Vielzahl bekannter Gegner Israels, wie Masha Gessen, Deborah Feldman und Tomer Dotan-Dreyfus."
In der Welt möchte Christian Meier die Aktion als das bezeichnet wissen, was sie war, "eine offene Proklamation von Antisemitismus". Denn den Aktivisten geht es nicht darum "für" etwas zu sein, sie positionierten sich "gegen einen offenen Dialog, der geplant war, gegen die Künstlerin, gegen Israel."
Weiteres: Auch im MoMa in New York gab es am Wochenede antisemitische Proteste, meldet Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Neben den üblichen Parolen "nannten die Aktivisten auch fünf Mitglieder des Aufsichtsrates des MoMA, denen sie wirtschaftliche Beteiligung insbesondere an israelischer Rüstungsindustrie vorwerfen. Es handelt sich ausnahmslos um jüdische oder familiär verbundene Mäzene, unter ihnen Ronald Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses."
Besprochen werdem die Ausstellung "Frank Auerbach. The Charcoal Heads" in der Courtauld Gallery in London (FAZ), die Installation "Alreadymade" im Kunsthaus Zürich (NZZ) und eine Ausstellung der Multimedia-Künstlerin Emilija Škarnulytė im Kunsthaus Göttingen (taz).
Die Kritiker trauern um den im Alter von 85 Jahren verstorbenen Aktionskünstler und Maler Günter Brus. Stefan Trinks erinnert sich in der FAZ an die legendären Auftritte vom "Erfinder des Ganzkörperaktionismus": "Alle denkbaren sexuellen Tabus, ein virulentes Thema der Sechziger- und Siebzigerjahre, führte Brus rücksichtslos vor, indem er etwa nackt als 'Bild' durch die Stadt spazierte oder bei Aktionen jenen Teil seines Körpers involvierte, den bereits manche Renaissancekünstler als besonderen Pinsel bezeichnet und mehr oder weniger subtil in ihre Malerei eingebracht hatten."
Die Performance der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera (Unser Resümee) im Hamburger Bahnhof, bei der die Künstlerin hundert Stunden lang aus Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge des Totalitarismus" lesen wollte, wurde von pro-palästinensischen Aktivisten gestört und musste abgebrochen werden, melden SZ und Spon. Schon mittags wurde die Performance von Aktivisten besucht, die allerdings nicht eingriffen, hingegen "seien die Störer am Abend nach Angaben der Veranstalter deutlich aggressiver aufgetreten. Sie beschimpften die Künstlerin, die Lesenden, unter denen jüdische Teilnehmende waren, und bespuckten den libanesisch-stämmigen Direktor des Hamburger Bahnhofs, Sam Bardaouil", berichtet Sonja Zekri in der SZ. Die Ironie dabei: Bruguera selbst hatte zu Beginn ihrer Lesung beklagt, israelkritische Stimmen würden in Deutschland zensiert.
Weiteres: In der FAZverweist Florian Keisinger auf eine für das Frühjahr angekündigte Neuedition der Tagebücher von Max Beckmann. Besprochen werden die Ausstellung "Manchmal halte ich mich an der Luft fest. Belarusische Künstler:innen im Exil" in der Galerie im Körnerpark Berlin (taz) sowie die Solo-Schauen von Jana Bliss und Carol Rhodes im Haus am Waldsee in Berlin (tsp).
Die türkische Malerin Melek Celal hat nicht viele Bilder gemalt, kann taz-Kritiker Ingo Arend im Sakıp Sabancı Müzesi in Istanbul beobachten, aber ihr Werk hat es in sich. Die "historischen Umbrüche" der Türkei spiegeln sich in ihm wider und vor allem der türkische Kampf für Frauenrechte. Celal malte, schrieb und entwarf immer im Sinne der Frauen und war 1935 die erste Künsterlin mit einer Solo-Ausstellung. Das ist natürlich, so Arend, auch ein politisches Zeichen in der heutigen Türkei: "Die Schau betont ihre 'hidden agenda' nicht demonstrativ. Auf die Präsentation eines ihrer zwanzig Aktbilder, die Melek Celâl in der Galatasary-Ausstellung des Jahres 1922 gezeigt hatte und mit denen sie zu einer der ersten türkischen Künstlerinnen aufstieg, die dieses Genre in ihrem Land ausstellten, verzichtet die Schau. Deren Botschaft teilt sich freilich auch ohne 'nudes' oder feministische Parolen klar genug mit. Mögen Celâls Lebenswerk und Kunst auch ein bourgeoises Exempel abgeben. In ihnen spiegelt sich eines der, wenn nicht das zentrale Emanzipationsversprechen der türkischen Republik und ihres Gründers, das in der Türkei des gegenwärtigen Präsidenten, nicht zuletzt nach dessen 2021 erfolgtem Austritt aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor Gewalt, ausradiert zu werden droht."
Weiteres: Stefan Trinks schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Neoexpressionisten Karl Horst Hödicke. Der "Birkenau-Zyklus" von Gerhard Richter wird dauerhaft in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz ausgestellt, berichtet Viktoria Grossmann in der SZ. Ann-Kathrin Nezik schildert ebenfalls in der SZ den juristischen Kampf der amerikanischen Künstlerin Karla Ortiz gegen das KI-Unternehmen Stability AI. In der FAS schreibt Katja Petrowskaja über die Fotografin Marta Syrko aus Lemberg, die in ihrer Foto-Serie "Skulpturen" Kriegsversehrte aus der Ukraine zeigt. Phillipp Meier nimmt für die NZZ die apokalyptischen Bilder des Malers John Martin unter die Lupe.
Besprochen werden die Valie Export-Retrospektive im C/O Berlin (FAS) und die Ausstellung "Sehnsuchtsblaue Ferne! Der Münchner Landschaftsmaler August Seidel (1820-1904) und Weggefährten" in der Städtischen Galerie Rosenheim (FAZ).
Erich Büttner: Porträt Willy Kurth, 1917. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett.In der Berliner Zeitungfreut sich Ingeborg Ruthe, mit der Ausstellung "Die gerettete Moderne" im Berliner Kupferstichkabinett nicht nur wichtige von den Nazis als "entartet" gebrandmarkte Werke der Moderne zu sehen, sondern auch die Geschichte ihrer Rettung kennenzulernen. Willy Kurth war 1937 der zuständige Mitarbeiter für Druckgrafiken: "700 Blätter des Kupferstichkabinetts wurden beschlagnahmt. Der Museumsmann Kurth versuchte, noch Schlimmeres zu verhindern. Er selbst hatte (gegen den Willen seines den Nazis willfährigen Direktors Friedrich Winkler, der die Moderne ablehnte) noch Anfang 1937 Grafiken von Otto Mueller, Wassili Kandinsky, Otto Dix, George Grosz und auch Ernst Barlachs 'Totentanz' erworben. Kurth riskierte Kopf und Kragen, als er klammheimlich aus den Sammlungsbeständen solche vom Stigma bedrohten, meist farbgrafischen Meisterblätter und kostbaren Mappenwerke herausnahm. Er schaffte sie trickreich beiseite, versteckte sie raffiniert in Schüben mit alten, unbedeutenden, vergessenen Grafiken, die eh nie hervorgeholt wurden. Wer von den NS-Inquisitoren hätte schon die zumeist von Kurths Vorgänger Curt Glaser angeschafften Holzschnitte Kirchners und seiner Gefährten Heckel, Schmidt-Rottluff, Pechstein, die auf Blatt 4 den Rosa-Luxemburg-Mord darstellende 'Höllen'-Mappe Max Beckmanns (...) von 1904 unter Stapeln von uninteressanten Drucken vermutet?"
Frans Hals: Malle Babbe, um 1640. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie.Nach 35 Jahren gibt es endlich wieder eine Frans Hals-Retrospektive, freut sich Bernhard Schulz für monopol, in der Londoner National Gallery wurde sie zuerst gezeigt, jetzt im Amsterdamer Rijksmuseum, ab dem Sommer ist sie in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen. Hals hatte insbesondere um 1900 einen Hype erfahren: "Warum gerade Hals?", fragt er sich. "Frans Hals war vor allem Porträtmaler, (...) Hals malte alle: beileibe nicht nur die wohlhabenden Bürger der Handelsnation Holland, die sich mit teurer Kleidung und rosigen Wangen im Zenit ihres Erfolgs abbilden ließen. Sondern ebenso Kinder, Trinker, Musikanten und eine ganze Anzahl von Außenseitern, Ausgestoßenen, mental Geschädigten. Berlin besitzt das berühmteste dieser Porträts, die Hals ohne Auftrag, aber mit größtem künstlerischen Einsatz gemalt hat, die 'Malle Babbe' von 1640, eine in eine Anstalt eingewiesene, gleichwohl lebensfrohe Frau mit Bierkrug und Eule auf der Schulter." Die Begeisterung für ihn hing auch mit seiner Malweise zusammen: "Die Berliner 'Malle Babbe' ist auch in dieser Hinsicht ein absolutes Meisterwerk. Der Kopf ist mit wenigen Pinselstrichen umrissen, die Kleidung aber ist mit Pinselhieben von links und rechts, oben und unten buchstäblich hingehauen. Die Pinselstriche vermitteln, was der Moderne so wichtig wurde: Unmittelbarkeit, Bewegung, Augenblick. Und sind im Augenblick zugleich zeitlos gültig."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Seit gestern Abend liest die kubanische Aktivistin und Künstlerin Tania Bruguera abwechselnd mit anderen Lesenden im Hamburger Bahnhof hundert Stunden lang aus Hannah Arendts "Element und Ursprünge totalitärer Herrschaft", berichtet Birgit Rieger im Tagesspiegel: "Ihr Ziel ist es, einen politischen Raum mittels Kunst herzustellen. Vielleicht jene Polis, die Hannah Arendt in ihren Schriften so leidenschaftlich verteidigte, ein öffentlicher Raum, in dem es weder Herrscher noch Beherrschte gibt und ein freies Spiel der Meinungen möglich ist." Vor zehn Jahren wurde sie wegen der Performance in Kuba inhaftiert, erinnert Peter Neumann, der sich für die Zeit mit Bruguera getroffen hat: "'Für einige Linke mag Kuba immer noch ein sozialistisches Paradies sein. Aber dem ist nicht so.' Tania Bruguera wird unter Hausarrest gestellt und von der Biennale in Havanna 2015 ausgeschlossen. Sie ist jetzt ganz offiziell ins Visier der kubanischen Staatsgewalt geraten. Anonyme Kräfte, die sich vorher unsichtbar im Hintergrund hielten, laden sie vor. Sie wird verhört. ... Inzwischen könne sie fast darüber lachen, sagt sie. Aber nur fast. Was sieht man, wenn man der Repression, dem Vernehmer ins Gesicht schaut? 'Angst', sagt Tania Bruguera. 'In den Augen der Regierung sind Menschen wie ich gefährlich, man nennt uns kulturelle Terroristen.'"
Auch die Meinungsfreiheit in Deutschland sieht Bruguera bedroht, bemerkt Sören Kittel, der für die Berliner Zeitung den ersten Stunden der Lesung beiwohnte. Kurz nach Beginn liest die Künstlerin Namen von Menschen vor, "die in den vergangenen Tagen gecancelt wurden. Sie liest die Namen von Candice Breitz vor, die ebenfalls im Publikum ist, aber auch Deborah Feldmann und Nura Habib Omer, hinter der sich die Sängerin Nura verbirgt. Sie postete nach dem Attentat der Hamas auf Israel: Free Palestine. Die Sängerin wurde anschließend von Pro Sieben gecancelt. Candice Breitz wiederum lässt gerade ihre Mitgliedschaft in der Akademie der Künste ruhen, nachdem ein Statement der Akademie ihr nicht weit genug ging. (...) Bruguera nimmt kurz darauf in ihrer Lesung das Thema Meinungsfreiheit auf. Sie sagt, dass sie in Kuba immer wieder Zensur erfahren habe. 'Der Staat will uns Künstler immer dazu bringen, dass wir uns selbst zensieren.' Es könne auch dazu führen, dass man es gar nicht merke, dass es passiere. Genau das erlebe sie derzeit in Deutschland."
Schon im Frühjahr 2022 wurden insgesamt drei Bilder von Andy Warhol und Cy Twombly an die Erben von Erich Marx zurückgegeben, der Sammler selbst hatte verfügt, dass seine Sammlung als Einheit im Hamburger Bahnhof zusammengehalten werden sollte. SPK-Präsident Hermann Parzinger hatte die Rückgabe genehmigt, aber anderthalb Jahre verheimlicht, resümiert Hubertus Butin, der in der FAZ bei den Verantwortlichen auf eine "Mauer des Schweigens" trifft und Rechenschaft der SPK fordert: "Die SPK spielt den Verlust herunter, indem sie darauf verweist, dass es immer noch einen 'sehr umfangreichen Kernbestand' gebe. Das ist in etwa so, als würde der Louvre dem Verkauf der Mona Lisa zustimmen und dies dann mit folgenden Worten kommentieren: Stellt euch nicht so an, wir haben ja noch viele andere schöne Bilder. Des Weiteren wird in der Presseerklärung behauptet, bei dem im Bau befindlichen Museum der Moderne 'Berlin modern' am Berliner Kulturforum handele es sich 'nicht um ein Sammlermuseum'. Das ist Augenwischerei, denn das neue Museum, in das die Sammlung Marx einziehen soll, wird nicht nur für Bestände der Nationalgalerie und des Kupferstichkabinetts errichtet… Speziell für die Werke von Erich Marx sind vertraglich mindestens 2000 Quadratmeter reserviert."
In der tazschreibt Annett Gröschner einen Nachruf auf die im Alter von 85 Jahren verstorbene Fotografien Helga Paris. In der SZ erinnert Peter Richter, in der FR Ingeborg Ruthe. (Mehr in unserem gestrigen Efeu) Freddy Langner gratuliert dem Fotografen Sebastiao Salgado in der FAZ zum Achtzigsten. Besprochen wird die große Valie-Export-Retrospektive im C/O Berlin (taz).
Die Attacken der Letzten Generation und anderer Klimaaktivisten auf berühmte Kunstwerke haben sich totgelaufen, moniert Giovanni Aloi im Guardian. Selbst Tomatensoßeangriffe auf die Mona Lisa locken medial kaum noch jemand hinter dem Ofen hervor. Aloi empfielt der Gruppierung, sich an erfolgreicheren aktivistischen Aktionen im Kunstbereich ein Beispiel zu nehmen: "Heutzutage manipulieren aktivistische Gruppierungen die Aufmerksamkeit der Medien, anstatt sich von den Medien in die Ecke drängen zu lassen. Im Jahr 2016 beendeten Anti-Öl-Aktivisten das 26 Jahre währende Sponsoring von BP bei den Tate Gallerien, indem sie eine Reihe hochgradig einfallsreiche Performances, Veranstaltungen und Sit-ins in Tate Modern und Tate Britain organisierten. Nan Goldins Kampagne gegen die in die Pharmaindustrie involvierte Sackler-Familie war ebenfalls außergewöhnlich erfolgreich, mehrere Institutionen haben ihre Verbindungen zur Familie gekappt und den Namen der Sacklers von ihren Ausstellungswänden entfernt. Diese Demonstrationen waren erfolgreich, weil sie fokussiert und spezifisch waren; die Forderungen waren auf die Zielorganisationen abgestimmt und auch auf die jeweiligen ethischen Probleme."
Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe schreibt in der FR über das neu eröffnete Otto-Dix-Archiv in der Berliner Akademie der Künste. In Gmunden sorgen Plakate mit kontroversen Motiven, die der Künstler Gottfried Helnwein seit letzter Woche im Rahmen der Salzkammergut-Festwochen im öffentlichen Raum plakatiert, für Aufregung, berichtet Olga Kronsteiger im Standard. Eine weitere Meldung aus Österreich (via Standard): Mann will Marmortisch umwerfen - und scheitert. Besprochen wird Zhao Gangs Ausstellung "China Stories" in der Galerie Nagel Draxler in Berlin (taz).
Weiteres: Die kubanische Künstlerin Tania Brugueraunterhält sich mit Tom Mustroph in der taz über ihre einhundertstündige Lesung von Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge des Totalitarismus" ("Where Your Ideas Become Civic Actions"), die im Februar im Hamburger Bahnhof in Berlin stattfinden wird. Andreas Hergeth spricht, ebenfalls in der taz, mit den beiden neuen berliner Atelierbeauftragten Lennart Siebert und Julia Brodauf über die prekäre Lage der KünstlerInnen in der Hauptstadt. In der FAZ erinnert Peter Kropmanns an den Ausstellungsraum "Galerie Montaigne" in Paris, wo Auguste Rodin, Modigliani und viele andere ihre Kunst zeigten.
Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken von Honoré Daumier im Städel Museum in Frankfurt (tsp), die Ausstellung "Günter Fruhtrunk. Retrospektive 1952-1982" im Kunstmuseum Bonn (FAZ), zwei Ausstellungen mit Werken der Fotografin Gundula Schulze Eldowy: "Halt die Ohren steif!" in der Berliner Akademie der Künste und "Berlin in einer Hundenacht" im Bröhan Museum (FAZ), die Ausstellung "Die gerettete Moderne. Meisterwerke von Kirchner bis Picasso" im Kupferstichkabinett am Kulturforum (tsp).