Annihilation Core, Inherited Lore ٩(͡๏̯͡๏)۶" von Noura Tafeche, 2024. Foto: Luca Girardini. Ganz schön düster, wie in der Ausstellung "This is perfect, perfect, perfect" im Kunstraum Kreuzberg die Welt der digitalen Medien reflektiert wird, findet Tilman Baumgärtel in der taz. Im Rahmen des Medienkunstfestival Transmediale zeigt die Ausstellung die hässliche Wirklichkeit hinter den aufgemöbelten Fassaden von Instagram, Tik Tok und Co. Baumgärtel schaut da in ziemliche Abgründe, allerdings sind die "mit Einhörnern und Glitter dekoriert": "Dass in der eskalierenden Überbietungslogik des Internets der Schlaf der Vernunft immer grausigere Netzmonster gebiert, zeigt die Videoinstallation 'Hardcore Fencing' von Luke van Gelderen. Erst sieht man Influencer flexen, tanzen, ihre durchtrainierten Körper und ihre perfekt geschminkten oder zurechtoperierten Gesichter präsentieren, schnell gefolgt von Meltdowns, Wutanfällen und Heulausbrüchen. Ein Gamer schreit in seinem Stream herum, wie sehr er die Videospiele hasst, die er online für Geld spielt; ein japanisches J-Pop-Idol weint, weil sie keine Matcha-Kekse essen darf; selbst dem zertifizierten YouTube-Widerling Jake Paul bricht kurz die Stimme, als er den Hass beschreibt, der sich im Netz über ihn ergießt. Dazwischen ziehen sich Fetischisten genüsslich Latexmasken über den Schädel, und der britische Kickboxer Andrew Tate - inzwischen in Rumänien wegen Zuhälterei vor Gericht - verbreitet toxische Maskulinität."
Weiteres: Die Berliner Zeitungmeldet mit dpa, dass der chinesische Künstler Ai Weiwei die Absage seiner Ausstellung in London mit "Maßnahmen während der Kulturrevolution in China unter Mao Tsetung" verglichen hat. Die Londoner Lisson Galerie hatte die Schau nach antisemitischen Tweets des Künstlers abgesagt: In verschwörungstheoretischer Manier beklagte er den "medialen Einfluss der 'jüdischen Community'". Im Tagesspiegel gratuliert Bernhard Schulz der Fotografin Candida Höfer zum Achtzigsten. In der FAZ meldet Tilman Spreckelsen, dass sich der schriftliche Nachlass des von den Nazis ins Exil getriebenen Malers Karl Schwesig nun im "Deutschen Exilarchiv 1933-1945" in Frankfurt befindet.
Besprochen wird eine "Lee Ufan"-Retrospektive im Hamburger Bahnhof Berlin (SZ).
Evan Roth, Since you were born, 2019 Size matters, auch in der Fotografie, lernttaz-Kritikerin Regine Müller beim Gang durch die gleichnamige Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast. "Historisch breitet die Schau den ganzen Kosmos des Mediums aus - von den experimentellen Anfängen über briefmarkengroße Medaillonfotos mit Lupen zur Vergrößerung bis zu privaten Familienfotoalben der mittleren Jahre des 20. Jahrhunderts - und beleuchtet intensiv den Aufstieg der Fotokunst, bis sie schließlich im Belanglosen des alles mitreißenden Bildertsunamis der Instagram-Gegenwart versickert. ... Wie wachsende Größe mit einer Bedeutungskarriere einhergehen kann, ist an einer Serie von Thomas Ruff zu studieren: 1984 fotografierte er seine Akademiekollegen: kleine Porträts, die nicht viel hermachten. Später zog er die Fotos hoch zu einem mittleren Format, das ästhetisch kaum Mehrwert hatte. Erst als er die Aufnahmen 1987 vor weißem Grund ins Riesenformat hochzog, entstand etwas ganz Neues: Gesichter wurden zu befremdlichen Großstrukturen, abweisend in ihrer bedrängenden Nähe, verstörend kühl trotz ihrer unperfekten Details, der Pickel, Härchen, Unreinheiten."
Wer kennt eigentlich Lucia Moholy? Bekannt ist eigentlich nur ihr Ehemann, der Maler László Moholy-Nagy. Aber Lucia Moholy war eine Fotografin erster Güte, versichert Stefan Locke in der FAZ (Bilder und Zeiten). Das zeigte sich auch, nachdem sie das Bauhaus (und ihren Ehemann) verlassen hatte und in Berlin als Porträtfotografin reüssierte: "Sie widmete sich der Aufgabe mit der gleichen Sachlichkeit, mit der sie sich in Dessau einen Namen gemacht hatte. 'Ich habe Menschen fotografiert wie Häuser', beschrieb sie ihre Herangehensweise. Zu einem ihrer eindrucksvollsten Porträts zählt das von Clara Zetkin, der KPD-Politikerin und Alterspräsidentin des Reichstags."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelerzählt Katrin Sohns in einem groben Abriss die Lebensgeschichte der Josephine Baker, der die Neue Nationalgalerie gerade eine Ausstellung widmet. Waltraud Schwab besucht für die taz den Astrophysiker Christophe Kotanyi, dessen Eltern sich in den 60ern den Situationisten anschlossen. In der NZZfreut sich Michael Fleischhacker über die Wiederauferstehung des Hamburger Kunstjahrmarkts "Luna Luna" in Los Angeles. In der FAZ berichtet Stefan Locke über die Freilegung eines Wandgemäldes von Gerhard Richter im Dresdner Hygiene-Museum. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Patrick Bahners der Fotografin Candida Höfer zum Achtzigsten.
Filmisch, aber ganz anders, arbeitet auch die äthiopische Fotografin Aïda Muluneh, mit starken Farben, die von der oft dahinterliegenden Grausamkeit ablenken können - wenn man das will, erklärt in der FR Lisa Berins, die Mulunehs Arbeiten im Fotografie Forum Frankfurt gesehen hat: "Eine Gruppe Äthiopier, die auf dem Weg zum Sehnsuchtsziel Europa gewesen sei, wurde von Islamisten gekidnappt und am Strand enthauptet - Videos davon kursierten im Netz. Das Werk 'Memory of Libya' von 2016 erzählt von diesem Massaker. Allerdings, sagt Muluneh, spreche es auf äthiopische Art, und das bedeute: nicht auf direkte, konfrontative Weise, sondern verpackt, mit doppeltem Boden. Zu sehen sind vor einem gelben Hintergrund einige Frauenköpfe, die über die Kante eines komplett über die Breite des Bildes gespannten, roten (blutroten) Tuchs hervorschauen. Die ästhetische Ebene, sagt Muluneh, spreche die europäischen Betrachtenden an, während die äthiopischen genau wüssten, was mit einer solchen Bildsprache gemeint sei." (Mehr über Muluneh bei lens culture)
Weiteres: Im Dresdner Hygienemuseum wurde ein altes Wandbild des damaligen Studenten Gerhard Richter freigelegt, "Lebensfreude" von 1956: "heitere, gesunde Menschen" bei Tanz und Picknick, wie Peter Richter in der SZ spöttisch bemerkt. In der Zeit berichtet darüber Linda Tutmann. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Jurte jetzt! Nomadisches Design neu gelebt" im Hamburger Markk (taz).
Der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye hat die 16 Säle des Genfer Musée de beaux arts neu zusammenstellen dürfen: Jetzt sitzen Anamorphosen zwischen den antiken Statuen, ein Alu-Reisekoffer steht in der Waffenkammer, Maschinen rattern und eine Murmelbahn fährt durch zwei Picassos. Stefan Trinks (FAZ) ist begeistert! "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, scheint Delvoyes von Schiller entlehntes Motto für Genf gewesen zu sein. Tatsächlich entstehen bei diesem 'zärtlichen Vandalismus', wie er den Ikonoklasmus im Interview benennt, getreu der Schumpeter'schen These der 'produktiven Zerstörung', aus alten aufgebrochenen neue recycelte Kunstwerke sowie erstaunliche Flashbacks in der Kombination mit anderen: Neben Hodlers Ausmalungen des Genfer Museums gibt es auch ein monumentales Foto der haushohen Schildvortriebmaschine vom Bau eines Schweizer Tunnels, auf dem die Bohrköpfe wie die schwarzen Löcher in den Piranesis erscheinen. Dass Delvoye einen großen Plan der Vermurmelung der Welt verfolgt, belegen die gezeigten anarchisch-uhrmacherpräzisen Videos 'Der Lauf der Dinge' der Schweizer Künstler Fischli/Weiss sowie ein Film über den New Yorker Altmeister gepflegt-kunstvoller Altbau-Penetrierung mittels Kettensäge, Gordon Matta-Clark."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelgibt Nicola Kuhn eine Vorschau auf die kommende Venedig-Biennale. In der SZ erzählt Jörg Häntzschel die Geschichte des russischen Milliardärs Dmitrij Rybolowlew, der auf dem Kunstmarkt nach allen Regeln der Kunst und mit Hilfe von Sotheby ausgenommen wurde. Das von der BASF gegründete Museum für Lackkunst in Münster schließt heute, meldet Andreas Platthaus in der FAZ. Nicht so schlimm, versichert er, denn die BASF verkaufe ihre Sammlung nicht, sondern überlasse sie dem LWL-Museum.
Besprochen werden die Ausstellungen Sarah Entwistle in der Berliner Galerie Barbara Thumm (BlZ), Dale Grant in der nüüd.berlin gallery (BlZ) und Karim Aïnouz' "Blast!" in der Kreuzberger DAAD Galerie (Tsp).
Ingeborg Ruthe durchstreift für die FR die Sammlungspräsentation "Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft 1945-2000" in der Berliner Neuen Nationalgalerie und bleibt an zwei Werken der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig hängen. Die "Patriotische Familie" aus dem Jahr 1963 hat es in sich: "Das Motiv steht wie ein Pinselhieb für den Diskurs über die Rollen der Frau in der geschichtsignorant und männerdominiert nach Wohlstand, Konsum, perfekter Glückserfüllung und heiler Familienwelt strebenden Nachkriegsgesellschaft und deren Kunstbetrieb. Geradezu boshaft, mit groben, zugleich virtuosen Farbzügen und Körper-Konturen malte die einstige Klosterschülerin den Geschlechterkampf auf grüner Wiese, vor blauem Himmel und Wasser. Eine verlogene Paradies-Illusion, in der die picassoartig hingereckt liegenden Weibchen makellos schön und brav bewacht werden von einem sexgesteuerten Musketier in militärischer Camouflage-Kluft. Rabiat verbeulte Lassnig ihre Figuren, als verachte sie ihre sich dem chauvinistischen Frauenbild anpassenden Geschlechtsgenossinnen - und macht aus dem Macho eine Karikatur."
"Helle Genitalpanik" ist derzeit, wie Jens Hinrichsen im Tagesspiegelberichtet, im C/O Berlin zu bewundern, und zwar in einer Ausstellung, die dem fotografischen Werk der Künstlerin und Filmemacherin Valie Export gewidmet ist. Das Kino ist ein wichtiger Referenzrahmen der Ausstellung: "Als 'erweitertes Kino' lässt sich (...) die Installation 'Fragmente der Bilder einer Berührung' von 1994 auffassen. 18 leuchtende Glühbirnen tauchen in mit Altöl, Milch oder Wasser gefüllte Zylinder ein. Das lässt an einen Schwarz-Weiß-Film denken, der am Lichtfenster eines Filmprojektors vorbeirattert. Doch die Bewegung ist entschleunigt und sanft - ein simulierter Liebesakt. Die 'Fragmente' verweisen auf Körper, auf Sexualität und zugleich auf die für Valie Export ungebrochene Faszinationskraft von Medien und Bildermaschinen, diese zwiespältigen Apparate der Erkenntnis und des Verkennens."
Weitere Artikel: Bernhard Schult bespricht im Tagesspiegel einen Sonderband zum juristischen Umgang mit in der DDR von staatlichen Stellen konfisziertem Kulturgut. Ärger hat derweil, wie unter anderem der Standardberichtet, Cecilie Hollberg, die deutsche Direktorin der Galleria dell'Accademia in Florenz, nach einem Interview, in dem sie sich über ihre aktuelle Wirkungsstätte folgendermaßen äußerte: "Wenn eine Stadt erst einmal zur Hure geworden ist, ist es für sie schwierig, wieder Jungfrau zu werden. Wenn jetzt nicht die absolute Bremse gezogen wird, gibt es keine Hoffnung mehr." Die italienische Politik ist empört.
Besprochen werden die Ausstellung "Evelyn Richter - Ein Fotografinnenleben" im Museum der bildenden Künste, Leipzig (FAZ), die Jeff-Wall-Ausstellung in der Fondation Beyerle bei Basel (Tagesspiegel), die Schau "Alte Meister que(e)r gelesen" im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe (taz), Leanne Shaptons Ausstellung "Nach Bildern - Painted from Pictures" in der Galerie Thomas Fischer (taz), Martin Roths Einzelausstellung "Was wir aus unserer Umwelt machen und wie wir sie 'gezähmt' haben" im Grazer Künstlerhaus (Standard) und die Schau "Joel Sternfeld - American Prospects", die in der Wiener Albertina und der Zander Galerie, Köln gezeigt wird (Monopol).
Provokation und Ironie bestimmen das Werk der feministischen Künstlerin Valie Export, das Jens Hinrichsen für den Tagesspiegel im C/O Berlingesehen hat. "Eindrucksvoll" findet er diese große Retrospektive, die Werke aus den späten 1960er- bis in die frühen 1980er-Jahre in den Fokus nimmt: "Als 'erweitertes Kino' lässt sich die Installation 'Fragmente der Bilder einer Berührung' von 1994 auffassen. 18 leuchtende Glühbirnen tauchen in mit Altöl, Milch oder Wasser gefüllte Zylinder ein. Das lässt an einen Schwarz-Weiß-Film denken, der am Lichtfenster eines Filmprojektors vorbeirattert. Doch die Bewegung ist entschleunigt und sanft - ein simulierter Liebesakt. Die 'Fragmente' verweisen auf Körper, auf Sexualität und zugleich auf die für Valie Export ungebrochene Faszinationskraft von Medien und Bildermaschinen, diese zwiespältigen Apparate der Erkenntnis und des Verkennens."
Weiteres: Der Historiker Julien Reitzenstein kritisiert in der taz den internationalen Umgang mit der Restitution von Kunstwerken, die jüdische Menschen bei ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland verkaufen mussten: "Wer die deutsche Demokratie ernst nimmt, wird keine Probleme damit haben, den vor 1945 als Juden verfolgten Deutschen - viele von ihnen waren schon seit Generationen Christen - ihr Grundrecht auf Eigentum ohne Einschränkung zuzugestehen. Wer aber beim Eigentumsrecht zwischen Juden und Nichtjuden unterscheidet, bewegt sich auf dem Pfad des Antisemitismus - einem Kern der NS-Ideologien."
Besprochen werden eine Jeff Wall-Retrospektive in der Fondation Beyerler bei Basel (FAZ, NZZtsp), eine Anna Opermann-Retrospektive in der Bundeskunsthalle Bonn (tsp), die Ausstellung "Sieh dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit" im Kunstmuseum Stuttgart (SZ) und die Ausstellung "Postkartenkilometer. Künstlerkarten in Europa von 1960 bis heute" im Residenzschloss Dresden (taz).
James Ensor, Skeletons Fighting Over a Pickled Herring (Squelettes se disputant un hareng-saur) - Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brussels (oil on wood, 16 x 21,5 cm) Jörg Restorff feiert in der NZZ mit den Bildern des belgischen Malers James Ensor das Leben - obwohl dieser ein Faible für die Darstellung von Skeletten und Totenköpfen hatte. Zum 75. Todestag Ensors gibt es zahlreiche Ausstellungen zu sehen, annonciert Restorff, vor allem in Ostende und Antwerpen. Mit seinen karnevalesken Darstellungen kritisierte Ensor die "bürgerliche Maskerade" der Gesellschaft des Fin de Siècle - ihn aber nur als "Maler der Masken und Skelette" zu verstehen, würde ihm nicht gerecht, betont der Kritiker: "Das Ensor-Haus bündelt in einer Sonderschau (März und April) die Selbstporträts des Malers: Zeitlebens hat er sich zeichnend und malend selbst befragt, hat unablässig Rollen ausprobiert, um die Facetten seiner Persönlichkeit auszuloten. Mehr als hundert Selbstporträts umfasst das Werk - selbst Rembrandt, von dem 'nur' achtzig Selbstbildnisse überkommen sind, vermag in dieser Hinsicht mit Ensors Output nicht mitzuhalten. Kühn und auch kurios ist eine kleinformatige Radierung von 1888, betitelt "Mein Porträt im Jahre 1960". Hier imaginiert sich Ensor als Hundertjährigen: ein am Boden liegendes Skelett mit aufgerichtetem Oberkörper, dessen wache Augen die Umgebung mustern. Diese Darstellung, geschaffen von einem 28-Jährigen, ist eines der ungewöhnlichsten und radikalsten Selbstporträts der Kunstgeschichte."
Der Intendant das Kunstmuseums Bonn, Stephan Berg, beklagt in der FAZ in den Debatten um "kulturelle Aneignung" in der Kunst mangelnde Offenheit und Cluster-Denken. Das ursprüngliche Anliegen, den weißen, westlichen Blick zu erweitern und zu hinterfragen, ist ihm sehr wichtig. Aber in der aktuellen Diskussionen werde zu absolut gedacht und vergessen, dass "Kunst grundsätzlich von Anverwandlung lebe": "Ja, es ist bisweilen schwierig, Meinungen auszuhalten, die dem eigenen aufgeklärten Denken zuwiderlaufen oder nicht mehr dem heutigen Stand entsprechen. Aber das Ausradieren, das Löschen von Inhalten, die zu Recht oder zu Unrecht als nicht mehr tragbar, passend oder vermittelbar erscheinen, war noch nie ein guter Weg. In diesem Sinne sollten wir zu einer Debattenkultur zurückkehren, die hart und engagiert, aber immer mit dem Respekt vor der Meinung des anderen um den richtigen Weg ringt. Dabei sollte sie die Fähigkeit der Kunst, widersprüchlich, unvorhersehbar und mehrdeutig zu agieren, nicht als Defizit, sondern als eine Qualität begreifen, die für unsere gesellschaftliche Zukunft eminent wichtig ist."
Tazlerin Julia Hubernagel hat sich in der Kunstszene Taiwans umgesehen. Obwohl die politische Bedrohung durch China überall präsent ist, begegnet ihr bei den Kunstschaffenden in Taipeh, Kaohsiung und Tainan "weniger Pessimismus als eine gewisse trotzige Gefasstheit". Kritik gibt es, aber sie muss sehr subtil sein, erfährt die Kritikerin: "Grillen zirpen. Etwa hundert Stück. In einem dunklen Raum im Kaohsiung Museum of Fine Arts singen einzeln in kleine Gläsern gesperrte Insekten von einer Videowand auf die Besucherin herab. Hochhaussiedlungen kommen einem in den Kopf, Wohnungsknappheit, der Mensch als Legehenne im Kapitalozän. Eine Dystopie? Der Künstler Chen Yen-Chi lächelt. 'Die Grillen sind doch glücklich in ihrem Käfig', sagt er. 'Sie haben genug Nahrung und leben in Frieden. Würde man sie zusammen halten, gingen sie aufeinander los."
Weiteres: FAZ, NZZ, Tagesspiegel,FR und Welt schreiben Nachrufe auf den Bildhauer Carl André.
Besprochen wird die Ausstellung "Africa and Byzantium" im Metropolitan Museum of Art in New York (FAZ).
Der Minimal Art-Künstler Carl Andre ist im Alter von 88 Jahren in New York gestorben. Seine Kunst "hatte sich auf radikale Art dem Minimalismus verschrieben: Er arbeitete meist mit einer limitierten Anzahl von Materialien wie Metallen, Ziegeln, Granit oder Holz und ordnete sein Material so schlicht an, dass es an Steinhaufen erinnerte", erinnert der Spiegel. Seine Karriere war allerdings auch von schwerwiegenden Vorwürfen überschattet: Es hieß, "er sei am Tod seiner damaligen Frau, der kubanisch-amerikanischen Künstlerin Ana Mendieta, beteiligt gewesen. Sie war im Alter von 36 Jahren aus dem Fenster der gemeinsamen New Yorker Wohnung im 34. Stock gestürzt. 1985 wurde Andre verhaftet und wegen des Todes von Mendieta angeklagt." Die Vorwürfe blieben allerdings unbewiesen.
Ingeborg Ruthe setzt sich in ihrem Nachruf in der Berliner Zeitung mit den Gefühlen auseinander, die Andres Kunst bei ihr ausgelöste: "Andre beschäftigte der 'Schnitt im Raum' und die raumgreifende Anordnung von Linien, Reliefs und Flächen. Bis ins hohe Alter ging es ihm um sinnliche Wahrnehmung von verschiedenen Standorten aus. Wer so ein Platten-Feld betritt, die Materialien unter den Füßen spürt, die Klänge und Töne beim Betreten hört und die Veränderungen des Lichts auf den Materialien durch seinen eigenen Schatten sehen kann, weiß, wie sehr Kunst auch herausfordert." In der Welt schreibt Gesine Borchert: "Mit den einzelnen Elementen, die er zu geometrischen Formen kombinierte, orientierte sich Andre stets am menschlichen Maß. Das macht seine Skulpturen nahbar und regelrecht sinnlich."
Nach dem Schulze Eldowy Frank 1990 in den USA besucht, "weitet sich der Kosmos der Fotografin ins Unendliche", erkennt Christiane Meixner im Tagesspiegel: "Immer noch lenkt sie den Blick auf das Abseitige im Alltäglichen und seine schmutzige, manchmal schmerzende Schönheit, die es zu ergründen gilt. Doch 'ihr fotografisches Werk transzendierte zunehmend zur Bildenden Kunst' schreibt Boris Friedewald als einer der Kuratoren der Ausstellung in seinem Katalogtext. Farbe und Mehrfachbelichtungen tauchen auf, die großen Formate im letzten Raum der Ausstellung zeigen diesen Wandel in Schulze Eldowys Arbeit."
Bild: graphic Thought Facility (1990, UK). Playing dress-up with AI, 2023 Zwischen Porträts von Hitler, der Rehbabys füttert, erwachsenen Männern, die Ponykunst schaffen und jede Menge Katzenbabysgefriert dem Guardian-Kritiker Oliver Wainwright das Lächeln in der Ausstellung "Cute" im Somerset House in London, die untersucht, welche unheimliche Blüten der Drang nach Niedlichkeit treibt. Und das seit dem 19. Jahrhundert, wie Wainwright lernt: "Wir finden die abgefahrenen psychedelischen Visionen des schizophrenen Malers Louis Wain und das, was Catterall als 'die ersten Katzen-Memes' bezeichnet, kleine fotografische Grußkarten, die Harry Pointer in den 1870er Jahren von seinen Hauskatzen anfertigte, die Teepartys feiern und Dreirad fahren. Es ist eine Erinnerung daran, dass der menschliche Drang, Kätzchen zu vermenschlichen, lustige Bildunterschriften hinzuzufügen und sie als Bilder im Taschenformat weiterzugeben, eine altehrwürdige Tradition ist, die nicht erst durch das Internet erfunden wurde."
Weiteres: Wie in einem Zettelkasten fühlt sich Alexandra Wach (Tagesspiegel) in der Anna-Oppermann-Retrospektive in der Bundeskunsthalle Bonn, die die "Ensembles" genannten Hausaltäre der Konzeptkünstlerin nun zwischen Zeichnungen, Fotos und Collagen rekonstruiert hat." Tobias Timm unterhält sich mit dem Fotografen Jeff Wall für die Zeit über Pferde, Realismus und die Autonomie der Kunst. Besprochen wird der Podcast "How To Make Money As An Artist In The Art World" des Frankfurter Konzeptkünstlers Michael Riedel (FR).
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