Sehr beeindruckend ist Daniel Rohers BBC-Film über Alexej Nawalny, versichert Phil Harrison im Guardian. Und beeindruckend sind auch die Szenen, in denen sich Nawalny noch als ein freier Mann bewegt: "Für Nawalny sind die sozialen Medien eine Waffe und ein Schutzschild. Als er und seine Frau Yulia beispielsweise das Flugzeug besteigen, das sie nach Moskau zurückbringt, ist er eher erleichtert als irritiert, von einem Wald filmender Telefone begrüßt zu werden. Wenn man sich einem Regime widersetzt, das seine Taten in Dunkelheit hüllt, kann es nicht zu viel Licht geben." Der Film ist bisher in Deutschland offenbar noch nicht zu sehen.
Bei Netflix herrsche "Feueralarm", kommentiert Pascal Blum im Tages-Anzeiger. Grund für die Hektik: Statt prognostizierter zwei Millionen mehr Abos sank die Zahl zuletzt um 200.000. Nun kommen Maßnahmen: Passwort-Sharing soll erschwert werden, das Budget für Produktionen soll sinken. Die für Mai angekündigte vierte Staffel von "Stranger Things" kommt laut Cosmopolitan im übrigen dennoch mit 30MillionenBudget - pro Episode, wohlgemerkt. Und: "In nächster Zeit prüft Netflix zudem die Einführung eines Abos mit Werbeunterbrechungen - obwohl der Dienst stets beteuerte, er werde das nie tun." Das klingt "wie eine schlechte Pointe. Streaming war immer auch ein Versprechen: kein Glotzen und Zappen, keine nervtötenden Werbeblöcke. Stattdessen ein bisschen Distinktionsgewinn, indem man seine Lieblingsserie findet oder ignoriert, was andere gut finden."
Besprochen werden die auf Netflix gezeigte Dokuserie "Our Great National Parks", durch die ein barfüßiger BarackObama führt (TA), SylvieOhayons "Haute Couture" (SZ), WillSharpes "The Electrical Life of Louis Wain" mit BenedictCumberbatch (SZ) und die auf Sky gezeigte Polizeiserie "We Own The City" (FAZ).
Sehnsucht nach dem Dorf: "Köy" von Serpil Turhan (Salzgeber) Im Tagesspiegelstaunt Andreas Busche über "Köy", SerpilTurhans Porträtfilm über drei in Berlin lebende kurdische Frauen unterschiedlicher Generationen, die allesamt von einer Sehnsucht nach ihrer kurdischen Herkunft getrieben sind (unsere Kritik hier): Turhans "Neugier, das behutsame Nachbohren erzeugen eine Vertrautheit, die Welten öffnet. Zûrês Café dient in ihrem Schöneberger Kiez als Anlaufstelle, Nenos Wohnung, in der sie nach dem Tod des Mannes allein lebt, ist voller Erinnerungen - und doch ein Ort des Übergangs. Dieses Gefühl der Flüchtigkeit vermitteln auch die Gespräche. 'Die Sehnsucht wird immer bleiben'", heißt es an einer Stelle.
Besprochen werden außerdem die Apple-Serie "Pachinko" über japanisch-koreanischeGeschichte (Freitag), Eskil Vogts "The Innocents" (FR, unsere Kritik hier) und DavideGambinos Dokumentarfilm "The Second Life" über Taxidermisten (taz).
Rüdiger Suchsland von Artechock hat derzeit wenig zu lachen: "Die Filme, vor allem die Kinofilme, nehmen sich alle viel zu ernst", stöhnt er nach RobertEggers' Wikinger-Bombast-Sause "The Northman" (unsere Kritik), in dem auf Lachen die Hinrichtung mit der Breitaxt als Strafe steht. Ein Zeitgeistphänomen: "Nie gab es eine Epoche der Kinogeschichte, die humorloser war als die jetzige. Es geht immer weniger um Spielereien, um persönliche Leidenschaften und Spleens der Macher, und immer mehr um Kontrolle. Statt mit dem Publikum in Dialog zu treten, soll es möglichst gesteuert werden. Übrigens völlig egal ob es sich um Autorenkino oder Blockbuster handelt." Hoffnungen setzt Suchsland dagegen auf ein Comeback des Erotikthrillers, dessen Geschichte dieser hervorragende Podcast derzeit erzählt.
Weitere Artikel: Zum Kinostart von RobertEggers' Wikingerfilm "The Northman" (hier unsere Kritik) denkt Marcus Stiglegger im Filmdienst über die Wirkmächtigkeit nordischerMythen im Kino nach. Jonas Nestroy resümiert für critic.de das Festival Visions du Reel in Nyon. David Steinitz (SZ) und Jan Wiele (FAZ) gratulieren BarbraStreisand zum 80. Geburtstag. Im Filmdienstgratuliert Patrick Holzapfel ElaineMay zum 90. Geburtstag, die zu den wenigen Filmemacherinnen aus New Hollywood zählt.
Besprochen werden SerpilTurhans Porträtfilm "Koy" über drei in Berlin lebende kurdische Frauen unterschiedlicher Generationen (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik hier), die neue Serie "Gilded Age" des "Downtown Abbey"-Erfinders JulianFellowes (FAZ, Welt, ZeitOnline), CatherineCorsinis "In den besten Händen" (Artechock, Filmdienst), SylvieOhayons "Haute Couture" (Artechock, ZeitOnline), RobertEggers' "The Northman" (Standard, Artechock, Filmdienst, unsere Kritik hier), Aaron und AdamNees Actionkomödie "The Lost City" (Artechock), WillSharpes "Die wundersame Welt des Louis Wain" (Artechock), der Dokumentarfilm "Fuoco sacro" über die Sopranistinnen AsmikGrigorian, BarbaraHannigan und ErmonelaJaho (Tsp, mehr dazu bereits hier), JenniferPeedoms "River" (Artechock, Filmdienst) und PeterBrunners Bergdrama "Luzifer" mit FranzRogowski (Standard).
Amanda Seyfried als Elizabeth Holmes in "The Dropout" (Hulu) Startups, die so richtig scheitern und die Menschen mit sich in den Abgrund reißen, und andere millionenschwere Betrügereien - solche "GrifterStories" sind nach dem TrueCrime-Hype das aktuelle große Ding in der Serienproduktion. Beispiel "The Dropout" von Hulu über ElizabethHolmes und ihr Blutanalyse-Startup Theranos, das einst mit wundersamsten Versprechungen an den Markt ging, teilweise in Milliardenhöhe gehandelt wurde, dann aber mangels funktionierender Geräte, die allerdings schon im Einsatz waren, kläglich scheiterte und fortan die Gerichte beschäftigte. "Obwohl Holmes immer wieder versucht, sich so darzustellen, als wäre sie durch die äußeren Umstände, durch Finanzinvestoren und Risikokapitalunternehmen zum Betrug verleitet worden, zeigt die Serie überzeugend das Gegenteil", schreibt Charlotte Szász in der Welt. Die Serie "spielt mit allen üblichen Hollywood-Klischees des missverstandenenGenies, nur um dann den Vorhang zurückzuziehen und zu enthüllen, dass Holmes nicht nur unbeholfen, sondern auch dumm, gemeinundpeinlich ist." Und Holmes spielt "immer wieder die Empowermentkarte aus. Frauen müssten in dieser männerdominierten Welt besonders lernen sich durchzusetzen. Und obwohl das natürlich stimmt, öffnen sich ihnen dafür Türen durch leere Anklagen. Sie benutzen den Feminismus als diskursive Waffe gegen die Benachteiligung, um sich selbst beim Verkauf ihres inhaltslosen Produktes Vorteile zu verschaffen." Im Freitagbespricht Dorbila Kontic die Serie und das "Grifter"-Phänomen. Die Serie basiert außerdem auf einer gleichnamigen Podcast-Reportage.
Besprochen werden RobertEggers' "The Northman" (ZeitOnline, BLZ, Tsp, mehr dazu bereits hier), Gaspar Noés Sterbedrama "Vortex" mit DarioArgento (NZZ), Peter Brunners diese Woche in Österreich startender "Luzifer" mit FranzRogowski (Presse), Catherine Corsins "In den besten Händen" (SZ, Tsp) und JulianFellowes' Serie "The Gilded Age" (taz).
Trotz seiner "grimmigen Ernsthaftigkeit" ist RobertEggers' auf der Amlethus-Sage (die wiederum "Hamlet" als Basis dient) basierender Wikinger-Metzel-Blockbuster "The Northman" zum guten Teil auch ein "Exploitation-Epos", schreibt Nicolai Bühnemann im Perlentaucher. Dieses "düstere Pathos" kenne "keinerlei ironische Brechungen. Es geht Eggers darum, Wege zu finden, wie man das grausame Treiben eines geschundenenAntihelden auf der Suche nach Rache zeigen kann, ohne seine Taten zu verherrlichen." Dieser Film kommt gerade recht "für alle, die von Gendersensibilität so richtig die Nase voll haben", meint Daniel Haas in der NZZ beim Anblick des archaischen Reigens gestählter Paleo-Muskelmänner: "Begattungs- undAusmerzungskompetenz schließen sich aufs Drastischste zum mentalen Outfit des Cis-Mannes zusammen." Das findet er "ideologisch bedenklich", da "dieser Nordische-Heldensagen-Verschnitt sich ausgiebig weidet an der Perforierung, Zerteilung und Penetration von Männerkörpern." Sofia Glasl von der SZ muss ihren schockierten Kollegen ein wenig korrigieren, was die Einbettung der Ideologie der unbedingten Rache, die die Hauptfigur antreibt, betrifft. "Gespiegelt in den Frauenfiguren - neben Amleths Mutter Gudrún (NicoleKidman) auch eine Seherin (Björk) - wird dieser schicksalsergebeneDeterminismus letztlich zu Nihilismus und untergräbt das groß angelegte Zurschaustellen von Männlichkeit." Die SZ hat mit dem Regisseur gesprochen.
Weitere Artikel: Matthias Dell empfiehlt im Tagesspiegel die RetrospektivePetraTschörtner des Filmfestivals Achtung Berlin. Elmar Krekeler von der Weltbekommt beim Sehen der russischenKinderserie "Mascha und der Bär" ein "mulmiges Gefühl". In der FAZgratuliert Verena Lueken der Hollywoodregisseurin ElaineMay zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden SerpilTurhans Porträtfilm "Köy" über drei in Berlin lebende kurdische Frauen unterschiedlicher Generationen (Perlentaucher, taz, critic.de), die DVD von Ash Mayfairs "May, die dritte Frau" ("ein in seiner Stilsicherheit verblüffendes Debüt", staunt Ekkehard Knörer in der taz), WillSharpes Biopic "Die wundersame Welt des Louis Wain" mit Benedict Cumberbatch (FR, taz, Tsp), Sylvie Ohayons Komödie "Haute Couture" (FR), die Actionkomödie "The Lost City - Das Geheimnis der verlorenen Stadt" mit SandraBullock und ChanningTatum (Tsp), Julian Fellowes' "The Gilded Age" (Freitag), die letzte Staffel der Serie "Better Call Saul" (Zeit) sowie Serien über Startups (ZeitOnline) und Serien über Betrugsfälle (Standard). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Hat den Hals gestrichen voll: "The Northman" von Robert Eggers Mit seiner nordischen Fantasy-Sause "The Northman" liefert RobertEggersFAZler Dietmat Dath zufolge "Heavy Metal als Film, ohne dass es dabei um eigens herausgestellte elektrische Gitarren auf der Tonspur ginge; alles wahrhaft Metallische hier passiert über die Bilder." Und jede Menge Hass und Zerstörungslust steckt auch in diesem Film: Doch "was will nun dieser Film beschädigen, was hasst er? Unübersehbar: dassauberkonstruktive, sozialverträglicheBilddesHeroischen, das im Gegenwarts-Blockbusterkino alle Plätze an der Sonne belegt - bei Marvel, bei Star Wars, selbst bei James Bond, der neuerdings auch schon ab und zu an die Lieben daheim denkt. 'The Northman' dagegen lässt, statt dergleichen Verantwortungsethisches zu predigen, lieber zwei wohlproportionierte nackte Kerle mit Schwert und Schild zwischen Lavaströmen einander zu Wurstfetzen hacken."
Weiteres: Jörg Taszman spricht im Filmdienst mit dem französischen Schauspieler Mathieu Amalric, dem das Berliner Kino Arsenal gerade eine Retrospektive gewidmet hat. Besprochen werden FrançoisOzons Sterbehilfedrama "Alles ist gutgegangen" mit Sophie Marceau (Jungle World), JacquesAudiards "Wo in Paris die Sonne aufgeht" (Standard), die Netflix-Serie "Anatomie eines Skandals" (FAZ) und die auf Disney gezeigte Reality-Soap "The Kardashians" (TA).
Masse ist Klasse: Tischa Thomas in "I Am Tigress" Ziemlich beeindruckend findet SZ-Kritiker Philipp Bovermann nicht nur PhilippFusseneggers Dokumentarfilm "I Am Tigress", sondern auch dessen Sujet, die Bodybuilderin Tischa Thomas: Deren Körper "scheint aus allen Nähten zu platzen. Osmanoviçs Kamera folgt ihm wie einem außerirdischen Objekt, das sich nicht richtig scharfstellen lässt - beim Training, beim Posen, beim Ausgehen mit ihrem treuen Kumpel, einem nuschelnden, alten Ex-Bodybuilder, verliert sich gelegentlich in den tanzenden Fleischmassiven ihres Rückens. Etwas Urzeitliches, Unmenschliches scheint daraus hervorzutreten - je länger man hinschaut, desto weniger sieht man Tischa. ... Die Geschichte, aus der ihr Körper hervorgegangen ist, die soziale Ordnung, die sich darin spiegelt, ist versiegelt unter einer Glanzschicht, scheint unter der Haut zu pulsieren und aus ihr hervorbrechen zu wollen." Auch Andreas Platthaus staunt: "Kann das wirklich echt sein: dieses Kreuz, das Arnold Schwarzenegger erblassen ließe?" Für den FAZ-Kritiker ist der Film ein Plädoyer für mehr Liberalität: Sie "widerspricht den allgemeinen Vorstellungen von einer Frau", "doch Thomas ist bereits mehrfache Großmutter und will nur eines: als die Frau auftreten dürfen, die sie ist, eine Bodybuilderin, die ihren Körper schön findet." Der Film "den Alltag einer Frau, die ihre ganze Kraft darauf verwenden muss, das Leben zu führen, das sie führen will", schreibt Arabella Wintermayr auf queer.de.
Weitere Artikel: In der FRplaudert die Schauspielerin MeltemKaptan über ihre Rolle in AndreasDresens "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush". In der tazerklärt Emeli Glaser, was es mit dem Motiv der toten Frau mit langen schwarzen Haaren auf sich hat, das durch zahlreiche japanischeHorrorfilme buchstäblich geistert.
Besprochen werden die Tagebücher des Experimentalfilmers JonasMekas (Jungle World), JacquesAudiards "Wo in Paris die Sonne aufgeht" (Jungle World), FrançoisOzons Sterbehilfedrama "Alles ist gutgegangen" (SZ), der Kinderfilm "Geschichten vom Franz" nach Geschichten von ChristineNöstlinger (Standard), LawrenceRichards' Dokumentarfilm "Son of Cornwall" über seinen Vater, den Operntenor JohnTreleaven (FAZ), AntjeSchneiders Dokumentarfilm "Vier Sterne plus" über einen Bau des Architekten MatteoThun (SZ) und TarikSalehs Actionfilm "The Contractor" (SZ, unsere Kritik hier).
Cannes-Chef Thierry Frémaux schöpft wieder aus den Vollen für sein im Mai beginnendes Festival. "Zwei Jahre nach der abgesagten Ausgabe von 2020 sieht die Auswahl seines Wettbewerbs wieder aus wie vor der Pandemie", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Zwar "ist Cannes ein loyaler Partner", doch im Fall von SergeiLoznitsas neuem Film "The Natural History of Destruction", der lediglich "außerKonkurrenz" gezeigt wird, nicht ganz so sehr. "Loznitsas Stimme wird in Cannes so oder so deutlich zu vernehmen sein, trotzdem wirkt es etwasfeige, ihm als Stammgast gerade in diesem Jahr eine Palme zu verwehren." Auch im Hinblick auf Russland ist die Position des Festivals interessant, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt: So "widersteht es Forderungen, russische Filme generell zu boykottieren. Im Wettbewerb findet sich 'Tschaikowskis Frau' von KirillSerebrennikov, dem russischen Regisseur, der von Putins Regime mit Prozessen und Hausarrest gepiesackt wurde."
Nicht hinnehmbar findet es Rüdiger Suchsland von Artechock, dass deutscheFilmförder-Institutionen immer wieder durchscheinen lassen, man müsse in Deutschland lediglich weniger Filme produzieren, dann wird das schon mit Kunst und Erfolg. "Es ist eine Form der Perversion, wenn Filmförderer (...) sich neuerdings in der Position der Filmverhinderer gefallen, wenn sie in hohem Ton und angeblich auf dem riesigen Fels ihrer Erfahrungen stehend, erklären, warum es unbedingt weniger Filme geben muss, damit diese wenigen Filme Erfolge haben können, und warum zu viele Filme gemacht werden, anstatt dann eben ihre Richtliniensoumzubauen, dass sie wenige Filme fördern, aber nicht darüber reden, was für Filme nicht gemacht werden sollen. Und anstatt zu erklären, was eigentlich erklärt werden müsste: Warum viel zu viele falsche Filme gemacht werden, warum viel zu wenig gute Filme gemacht werden, viel zu wenig Filme, die Erfolge beim Publikum oder Erfolge bei Filmfestivals oder im Ausland oder bei der Filmkritik oder am besten bei allen zusammen haben. Welche Filme sollen denn nicht mehr gemacht werden?"
Sophie Marceau in "Alles ist gutgegangen" Deutlich bessere Laune macht Rüdiger Suchsland SophieMarceau. Die ist aktuell in FrançoisOzons Sterbehilfedrama "Alles ist gutgegangen" zu sehen und gibt dem SZ-Magazin ein Interview, das Suchsland gut gefällt. "Auf mich wirkt die Karriere von Sophie Marceau so", schreibt er auf Artechock, "als würde sie, obwohl sie in Frankreich ein Star ist, doch zwischenden Deneuves, BinochesundCotillards immer etwas unter Wert wahrgenommen und betrachtet, so als könnte das französische Kino bis heute nicht richtig frei mit ihr umgehen. Undenkbar, dass Desplechin, Bonello, Denis oder Assayas mit ihr drehen. Warum eigentlich?" Anschauungsmaterial für diese These bietet Katja Nicodemus' Kritik in der Zeit, nach deren Lektüre man glauben könnte, Marceau hätte seit "La Boum"-Teenietagen keinen Film mehr gedreht (zugegeben, unser Archiv offenbart: Das deutsche Feuilleton hat sich die letzten Jahrzehnte kaum für sie interessiert). Ein weiteres Interview gibt Marceau dem Standard.
Besprochen werden Mahamat-SalehHarouns "Lingui" (Tsp), Johannes Schmids "Geschichten vom Franz" (Artechock, Filmfilter), die auf Amazon gezeigte Westernserie "Outer Range" mit JoshBrolin (Welt), SeanBakers "Red Rocket" (critic.de, Artechock, Tsp, mehr dazu hier), Eskil Vogts Horrordrama "The Innocents" (critic.de, Artechock, ZeitOnline, Presse, unsere Kritik hier), Alexandre Koberidzes "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" (Presse, Standard, mehr dazu hier), die Apple-Serie "Roar" mit NicoleKidman (Tsp), Richard Linklaters auf Netflix gezeigter Film "Apollo 10 1/2" (critic.de), die zweite Staffel von "Bridgerton" (FAZ), eine Disney-Serie mit den Kardashians (ZeitOnline), Sönke Wortmanns "Eingeschlossene Gesellschaft" (Artechock) und eine Netflix-Doku über den BBC-Moderator JimmySavile, der hunderte von Kindern sexuell missbrauchte (Presse).
Size does matter: Sean Bakers "Red Rocket" leuchtet von 16mm-Material. Bei SeanBakers "Red Rocket", eine Tragikomödie über einen abgehalftertenEx-Pornodarsteller, der sein Leben in den Griff kriegen muss, zeigt sich FR-Kritiker Daniel Kothenschulte mal wieder, was für ein Schatz der US-Independentfilm ist, gerade wenn er aufs Außenseitertum blickt. "Angesiedelt während des Trump-Wahlkampfs 2016 spielt 'Red Rocket' in einem Amerika der eng begrenzten Möglichkeiten. ... Es sind die weiblichen Nebenfiguren, die zu den komplexesten Charakteren aufsteigen - und dem Film die Liebenswürdigkeit geben, die er der Hauptfigur verweigert. Baker arbeitet mit Laiendarstellerinnen und Neuentdeckungen wie die Meister des italienischen Neorealismus." Nicht zu vergessen "sind die leuchtenden Pigmente von 16mm-Filmmaterial, das Baker mit einer Cinemascopeoptik zu echtem Breitformat ausbelichtet hat. Eine trügerische Weite, betörend in ihren lyrischen Unschärfen." Baker hat sich "wie kein Zweiter auf die Seite des Prekariats und der gesellschaftlichen Randgestalten geschlagen", schreibt Jens Balkenborg im Freitag. Der Filmemacher erzählt "in seinen Independent-Werken eine US-Parallelwelt voller Armut und Schönheit, voller Humor und Bodenständigkeit, ohne dabei verstörend, didaktisch, warnend oder (im male gaze Sinne) ausbeuterisch zu sein", schwärmt Jenni Zylka in der taz: So ist dieser Film "kein frauen- und auch kein männerfeindlicher Film. Sondern vor allem ein menschenfreundlicher."
Ein neuer Klassiker des fantastischen Kinos: "The Innocents" von Eskil Vogt Eine Gruppe Kinder entdeckt übersinnlicheFähigkeiten: Was anfangs wie ein Familiendrama mit Knatsch unter Geschwistern beginnt, wird rasch eine mulmige Angelegenheit: EskilVogts Arthouse-Horrorfilm "The Innocents" verstört die Kritik im positiven Sinn. "Kinder sind unschuldige Wesen - diese Gewissheit ist so stark, man kann sie immer wieder aufs Neue erschüttern", staunt Olga Baruk im Perlentaucher. "Eine mit blutigen Schockeffekten gespickte Coming-of-Age-Geschichte" sieht Andreas Busche vom Tagesspiegel. "Die Erwachsenen sind in 'The Innocents' nicht der Feind, sie stehen im Alltag der Kinder sogar außen vor." Sie "müssen ihre moralischen Konflikte unter sich austragen, die Grenze zwischen richtig und falsch erkennen. Das kluge Drehbuch macht diesen Konflikt in ihren wechselnden Koalitionen sichtbar."
Der norwegische Regisseur und Drehbuchautor interessiere sich "für die Grenzüberschreitungen, die weit über das Erträgliche hinausgehen", schreibt Valerie Dirk im Standard. "Was mit einem Auge schelmisch in Richtung der allgegenwärtigen Superheldenfilme schielt, ist inszeniert wie eine realistische Milieustudie. Ähnlich wie Celine Sciamma in 'Tomboy' gelingt es Regisseur Vogt, die zwischen Anspannung und Ausgelassenheit schwankende Sommerferienstimmung sinnlich erfahrbar zu machen." Vogt "lässt das Unheimliche hervortreten, das im Handeln dieser Kinder liegt", merkt Peter Körte in der FAS dazu an. "Es wirkt ziemlich lange nach." Tazler Tim Caspar Boehme sieht den jungen Darstellern "einfach gebannt" zu, "selbst wenn man manchmal wegschauen möchte". Und FR-Kritiker Daniel Kothenschulte legt sich fest: "Es ist nicht zu hoch gegriffen, diesen ungewöhnlichen Film unter die Klassiker des fantastischen Kinos einzureihen."
Besprochen werden Mahamat-SalehHarouns "Lingui" (SZ), FrançoisOzons "Alles ist gutgegangen" (taz, NZZ, Freitag, Welt), die Apple-Serie "Pachinko" (FAZ), MarcBoettchers Dokumentarfilm "Belina - Music For Peace" über die jüdische Folksängerin Lea-NinaRodzynek (taz), die zweite Staffel von "Euphoria" (ZeitOnline), SönkeWortmanns Bildungssystemkomödie "Eingeschlossene Gesellschaft" (Tsp), AntjeSchneiders Dokumentarfilm "Vier Sterne plus" über David-RubenThies' Vorschläge für das Gesundheitssystem (Freitag), NadavLapids "Aheds Knie" (NZZ) und TarikSalehs Actionfilm "The Contractor" (Perlentaucher). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
Filigranschauspieler mit brüchiger Melancholie: Michael Degen (Foto: Udo Grimberg, CC BY-SA 3.0 de) Der Schauspieler MichaelDegen ist tot. Er war das Gentleman-Gesicht der alten Bundesrepublik, bekannt aus Theater (Tabori! Zadek! Brecht!), Kino (Bergman! Chabrol!) und Fernsehen (Derrick! Diese Drombuschs!). Erst spät ging er mit der Tatsache an die Öffentlichkeit, dass er dem Holocaust nur knapp entkommen ist. "Als Schauspieler hatte er bei aller Intensität immer etwas kühlPräzises, Kontrolliertes, am besten passt vielleicht das Wort Contenance", schreibt Christine Dössel in der SZ mit Blick auf Degens Theaterkarriere. "Im Verbund mit seiner Geschmeidigkeit und fast schon natürlichenEleganz ergab das eine sehr besondere Mischung. Sein freundlich-markantes Gesicht, die dunklen Augen, sein weicher, tänzelnder Ton, die brüchige Melancholie, die ihn umflorte - all das machte Degen zu einem Filigranschauspieler", der, wie Dössel ebenfalls einräumen muss, im Fernsehen eher auf seichte Angebote ansprang: Er "hat diese Formate geadelt wie ein edler Tropfen ein Fast-Food-Menü." Weitere Nachrufe schreiben Sandra Kegel (FAZ), Harry Nutt (FR), Manuel Brug (Welt) und Rüdiger Schaper (Tsp).
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht in der FR mit SophieMarceau über deren neuen Flm "Alles is gut gegangen". Dem Wiener Publikum empfiehltStandard-Kritikerin Valerie Dirk eine Truffaut-Filmschau im Filmarchiv Austria.
Besprochen werden SeanBakers "Red Rocket" (Welt), Mahamat-SalehHarouns "Lingui" (taz), der dritte Teil des Harry-Potter-SpinOffs "Phantastische Tierwesen" (FAZ) und die RTL-Serie "Ferdinand von Schirach - Strafe" (FAZ).
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