Szene aus "Monster und Margarete" in Telfs. Foto: Victor Malyshev / Tiroler Volksschauspiel
Nicht besonders tief, aber herrlich grotesk inszeniert findet Ivona Jelcic im StandardThomas Arzts Historiendramal "Monster und Margarete" bei den Volksschauspielen Telfs. Der Stoff ist echt tirolerisch: "Wir befinden uns im Spätmittelalter: Margarete von Tirol-Görz ist Landesfürstin, legt sich mit den europäischen Herrschern ihrer Zeit an, setzt ihren Ehemann vor die Tür und heiratet einen anderen (14. Jahrhundert!); sie wird dafür vom Papst mit einem Bann belegt und geht als 'Margarete Maultasch' in die Geschichte ein. Der Beiname hat nebst übelster Propaganda dazu beigetragen, das Bild vom liederlichen Weibsbild, das die Pest über das Land brachte, bis in die Gegenwart zu transportieren."
Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land" bei der Ruhrtriennale in Bochum (taz), Philipp Preuss' Inszenierung von Ibsens "Frau vom Meer" in Mülheim (SZ) und Carlo Pallavicinos komödiantische Barockoper "L'amazzone corsara" bei den Innsbrucker Festwochen (FAZ).
Nach einem taz-Bericht über Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe musste Volksbühnen-Intendant Klaus Dörr im vorigen Jahre zurücktreten. In der Berliner Zeitungberichtet Birgit Walter nun, dass Dörr seinen Prozess gegen die taz gewonnen hat. Viele Vorwürfe gegen ihn konnten nicht belegen werden oder waren aufgebauscht. Unsauber, findet auch Walter den inkriminierten Bericht (unser Resümee): "Wie die 'Skandal-Übergriffe' tatsächlich aussahen, steht in den Gedächtnisprotokollen der sieben Beschwerdeführerinnen, die der Berliner Zeitung vorliegen: 'Hand auf die Schulter' oder 'auf ein Bein legen' etwa, es reichte 'bis zu Handküssen zur Begrüßung'. Die 'sexistischen' Begriffe hießen 'Maus', 'Theatermaus', 'Tante', Machtmissbrauch meinte wohl SMS nach Feierabend. Eine Schauspielerin, 63, unkündbar, will Existenzangst bekommen haben. Die Anwälte des Kultursenators erkannten in den Vorwürfen nicht mal Gründe für eine Abmahnung. Noch dubioser verhält es sich mit dem Upskirting. Als Beleg präsentiert die taz vor Gericht kein Foto, kein Opfer, nicht mal einen Zeugen, der den Vorwurf vom Hörensagen bestätigen würde. Vielmehr verweist der taz-Anwalt darauf, die Behauptung sei nur 'im Passiv' erfolgt."
Barbara Freys Schnitzler-Inszenierung "Das weite land"Foto: Matthias Horn / Ruhrtriennale Barbara Frey hat bei der Ruhrtriennale in Bochum Arthur Schnitzlers "Das weite Land" inszeniert, in einer Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater. Nachtkritiker Andreas Wilink sah bewundernd, wie Frey hier "ein Mausoleum der Liebe" errichtet. In der SZ ist Alexander Menden ganz und gar überwältigt: "Die Erstarrung im Status Quo, das Bemühen um menschliche Annäherung und das Minenfeld aus Aufrichtigkeit und Verschweigen, das die Ehe ist, wurden nie schärfer in Dialoge gefasst als in diesem Drama. Freys kongeniale Produktion zeigt, dass es, indem es sich weigert eindeutige Antworten zu geben, in einer Welt des allgegenwärtig schnellen Urteils zeitgemäßer ist denn je." In der FAZ schwärmt Simon Strauss von der Feinfühligkeit, mit der Frey Schnitzlers Stück auf die Bühne bringt, und dem hervorrragendem Schauspielensemble, allen voran Michael Maertens als Friedrich Hofreiter, dem in die Jahre gekommenen Abenteurer: "Eine harte Wehmut ist über ihn gekommen, nicht sentimental schaut er auf sein auslaufendes Leben, sondern mit jener Mischung aus Spott und Verärgerung, die den erfolgreichen Geschäftsmann auch im Falle einer Verhandlungsniederlage auszeichnet: 'Es ist überhaupt dumm eingerichtet auf der Welt', schimpft er, 'mit vierzig Jahren sollte man jung werden, da hätte man erst etwas davon.'"
In der Weltteilt Stefan Keim diese Begeisterung kaum, er findet die Inszenierung ziemlich trist und fürchtet hier eine neue Generallinie der Ruhrtriennale: "Die Ruhrtriennale war früher ein Ort der Utopien, der kraftvollen Gegenentwürfe. In diesem Jahr suhlt sie sich im Siechen, zeigt mit großer Virtuosität die Hoffnungslosigkeit, gönnt sich höchstens einen kleinen, mühsam erarbeiteten Schimmer, dass es noch so etwas wie Leben geben könnte."
Besprochen werden außerdem die Choreografien beim Tanz im August (taz).
Szene aus "Iphigenia". Bild: Krafft Angerer Nicht ganz auf der Höhe ihrer "Jakobsbücher"-Inszenierung (Unser Resümee) am Hamburger Thalia Theater, aber doch "sinnig und ungeheuer elegant" hat Ewelina Marciniak bei den Salzburger Festspielen die "Iphigenia" als von ihrem Onkel missbrauchte Pianisten inszeniert, notiert Christine Lutz in der SZ. Nur am Ende will der Anspruch Zeitgeist, Mythos und Diskurs zu verbinden, nicht ganz aufgehen, meint sie. Bis dahin aber falte "das großartige Ensemble des Thalia-Theaters das psychologische Familiendrama um Gewalt, Macht, ihren Missbrauch und das Opfer auf, schildert das Dilemma, festzustecken mit Menschen, die einem wohlgesonnen sein sollten und die, so Menelaos, 'immer moralisch handeln müssen'. Iphigenia (die junge Version großartig gespielt von Rosa Thormeyer, die gealterte ebenso von ihrer Mutter Oda Thormeyer) lässt an ihrem Schmerz teilhaben, ohne sich als Opfer zu überhöhen, zeigt ihre Wunden."
Im Standardrauft sich Ronald Pohl dagegen die Haare: Die Figuren des Mythos ähneln den "Vertretern der neuen Mittelschicht aufs Haar", stöhnt er: "Sie halten Ethikvorlesungen (wie Buchautor Agamemnon), wenn sie nicht gerade auf dem Boden ihres Eigenheims gesunde Gurken hobeln oder in blickdichter Unterwäsche herumstolzieren. Dazu leiden sie an sexuellen Binnenspannungen. Dann wälzt sich die schöne Helena (Lisa-Maria Sommerfeld), eine unbändige Nymphomanin mit Mehrgewicht (sic!), auf dem wertigen Naturholzboden der Pernerinsel wie eine rollige Antikenkatze. Iphigenia (Rosa Thormeyer), Titelheldin dieser aufsehenerregend unschlauen Neudeutung des Mythos, vertraut ihre schwere seelische Belastung lieber gleich einem Konzertflügel an: Plink-plink, tropfen die beiden immergleichen Töne in den bürgerlichen Haushalt. Weil sich heutige Dramatikerinnen das antike Verhängnis nicht anders vorzustellen vermöchten denn als MeToo-Fall, haben Joanna Bednarczyk (Autorin) und Ewelina Marciniak (Regisseurin) die Geschichte Iphigenies kleingehackt."
Freundlicher fällt auch Sandra Kegels Urteil in der FAZ nicht aus: Am Ende dieses "vollkommenen Fiaskos" voller "trivialer Psychologisierung" steht für sie die Frage: "Warum hier kein originäres Missbrauchsstück erarbeitet wurde, sondern man sich mit Euripides und Goethe prall gemacht und diese zwecks Bedeutsamkeitszufuhr für die eigene Schmalspuradaption ausgeweidet hat." Und auch Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum ärgert sich über einen "elendslangen" Abend: "Familienaufstellung bei den reichlich blasierten Atriden, da hat man wahrhaft zu tun."
Außerdem: Im Standard-Interview mit Margarete Affenzeller überlegt die Regisseurin Barbara Frey, wie die Krise des Theater überwunden werden könnte: "Wir müssen einander besser zuhören. Ich halte die Entgleisungen in der modernen Kommunikation absolut mitverantwortlich für die mangelnde Neugier. Vielleicht ist es Ausdruck einer Zivilisationsmüdigkeit, dass man in allem eine Krise sieht. Schon drei Wochen nach Pandemiebeginn wurde ja das postpandemische Theater ausgerufen."
Besprochen werden Samara Herschs und Lara Thoms' "Please Stand" und "Waterworks" von Meg Stuart & The Field bei Zürcher Theaterspektakel (nachtkritik) und die Performance "Sonoma" der Kanadierin Daina Ashbee und der katalanischen Kompanie La Veronal beim Berliner Tanz im August (Tagesspiegel).
Baby? Falscher Clownfisch? Perlhuhn-Kugelfisch? Devid Striesow ist "Verrückt nach Trost". Foto: Salzburger Festspiele / Armin Smailovic
Total hingerissen ist FAZ-Kritikerin Sandra Kegel bei der Salzburger Dernière von Thorsten Lensings Stück "Verrückt nach Trost". Es geht um das Erwachsenwerden zweier Geschwister, deren Eltern gestorben sind und die Trost in der Imitation finden: "Der Schwere des Anfangs gibt [Devid] Striesow als brüllender Säugling auf einem Parkplatz gehörigen Raum, während [Ursina] Lardi als betagte Heimbewohnerin in ihrem Flirt mit einem Pflegeroboter ein versöhnliches Ende zumindest in Aussicht stellt. Wenn hingegen André Jung sich in den servilen Automaten hineinversetzt wie auch zuvor schon in einen Schimpansen, der minutenlang allein auf der Bühne mit einer Tube Bodylotion experimentiert, dann ist das Lee-Strasberg-haftes Einfühlungstheater, wie es im Lehrbuch steht - wonach bekanntlich noch einem Telefonbuch dramatische Tiefe abzugewinnen ist. Insofern hat Lensings Spielästhetik mit postdramatischem Theater so wenig am Hut wie mit der videoinstallationsgetriebenen Gegenwartsbühne. Ist solch intensives Schauspielertheater schon wieder Avantgarde?"
Außerdem: Nikolaus Bernau besucht für die FAZ das Barocktheater in Schloss Drottningholm bei Stockholm.
Hartmut Welscher berichtet im Van Magazin von Streit am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, wo der Intendant Uwe Eric Laufenberg gern den Geschäftsführenden Direktor des Theaters, Holger von Berg loswerden würde, der sich ebenfalls gegen Mobbing-Vorwürfe wehren muss. In der Zeit berichtet Peter Kümmel von drei Uraufführungen bei den Salzburger Festspielen - "Ingolstadt" nach Marieluise Fleißer, ein "Reigen" nach Schnitzler und Thorsten Lensings Stück "Verrückt nach Trost". Wolfram Goertz, ebenfalls Zeit, erlebte in Salzburg drei "erfüllende" Opernabende mit Puccinis "Il trittico", Janáčeks "Káťa Kabanová" und Bartóks "Herzog Blaubarts Burg". Besprochen wird die Eröffnung der Ruhrtriennale mit Gérard Griseys "Quatre chants pour franchir le seuil" (Van).
Andreas Jüttner rekapituliert detailliert in der Nachtkritik die Krise, in die das Staatstheater Karlsruhe von seinem Generalintendanten Peter Spuhler gestürzt und aus der es von Kunstministerin Teresa Bauer auch nicht gerettet wurde. Besprochen wird Meg Stuarts Choreografie "Waterworks" am Ufer des Zürichsees zum Auftakt des Theaterspektakels (NZZ).
Aida und die bösen bärtigen Männer. Foto: Ruth Waltz / SF Für die Salzburger Festspiele hat die iranische Filmemacherin und Fotografin Shirin Neshat ihre "Aida"-Inszenierung überarbeitet, in der SZ hat Egbert Tholl nur wenig Freude an der edlen Ästhetik ihrer aneinandergereihten Bilder: "Tatsächlich dringt sie nun zum Wesenskern ihres künstlerischen Tuns vor, baut eigene Videoarbeiten ein, Filme und soghafte Porträts von erlesener Bildqualität. Von Personenführung hat sie indes immer noch keine Ahnung." Sängerisch ist die Inszenierung aber formidabel, meint Ljubisa Tosic im Standard: "Eve-Maud Hubeaux ist eine phänomenale Amneris, sie vereint Durchschlagskraft, Ausdauer und heftigen Gefühlsausdruck. In Elena Stikhina hat sie eine scheinbar unterwürfige Aida als Konkurrentin, der Stikhina vokal Dramatik, große Leichtigkeit und Virtuosität verleiht. Edel auch Piotr Beczala als Radamès. Diese Mischung aus sattem Timbre und Kraft entschädigt für die doch sehr oft statuarische Figurengestaltung."
In einem Überblick zu den Opernproduktionen der Salzburger Festspiele erkennt Eleonore Büning im Van Magazin auch den Unterschied zwsichen Intendant Markus Hinterhäuser und seinem Vorgänger Gerard Mortier: "Nach wie vor reagieren die Festspiele auch, stärker als andere anderswo, auf die politische Gegenwart, so, wie es exemplarisch von Gerard Mortier betrieben wurde, der auch Hinterhäuser einst förderte und prägte. Nur ist das nun schon eine Weile her, 'Gegenwart' und 'Politik' buchstabiert sich inzwischen anders. Auch kommt Hinterhäuser nicht, wie Mortier, aus dem hintertreppenreichen Opernbetrieb, in dem die besten Einfälle oftmals auf diesem speziellen Humus aus Intrige, Zufall und verpasster Gelegenheit sprießen. Er hält sich also, was Stückauswahl und Casting anbelangt, gern an ein solides zeitloses Motto und an die Erfahrungen der eigenen Jugend. Was das Opernprogramm anbelangt, ist Hinterhäuser ein Fortsetzer. Kein Neuerer."
Im Standardstellt Stphan Hilpold die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak vor, die bei den Salzburger Festspielen ihre Version der "Iphigenie" inszenieren wird, bei der Agamemnon seine Tochter opfert, um seine Karriere an der Universität nicht zu gefährden: "'Alles ist politisch in der Kunst', sagt Marciniak und hält zu mittäglicher Stunde ein Plädoyer für Toleranz und gegen Ausgrenzung: 'Die Bühne ist die Plattform, auf der ich für meine Anliegen kämpfen kann.'"
In der FRbemerkt Judith von Sternburg im Grunde doch erfreut, dass es im Theater keine Sommerpause mehr gibt: "Neben vielem anderem, wirklich vielem anderem wird im Sommer zum Beispiel inzwischen jeder zur Verfügung stehende Hügel und jede verfügbare Ruine mit Freilichttheateraufführungen bespielt." Besprochen wird Kid Koalas Bühnenfassung seines Comics "The Storyville Mosquito" auf Kampnagel in Hamburg (taz).
Einen "erlesen-schönen Abend" verbrachte FAZ-Kritikerin Anja-Rosa Thöming im schwedischen Schloss Drottningholm, in dessen Barocktheater George Petrou Antonio Vivaldis Oper "Giustino" inszeniert hat. Petrou "ist davon überzeugt, dass das Schlosstheater Drottningholm von 1766 eine lebendige Seele hat, wie er im Gespräch ... betont. Enthusiastisch führt er den Backstagebereich vor und zeigt auf die originale Holz- und Seiltechnik unter der Bühne: 'Hier ist das Zentrum der Aufführung, hier werden die Szenenwechsel vollzogen. Sie brauchen keine vier Sekunden, nur starke Arme, die die Seile ziehen.' Windmaschine, Regenmaschine, Wellenmaschine, Donnermaschine haben für Petrou nichts Museales, sondern verbinden die Bühne sinnlich direkt mit dem Publikum. In den zart rieselnden Klang der Regenmaschine hat er sich so verliebt, dass er sie zu einer Arie, in der zum Pizzikato der Streicher vom 'Tränenregen' die Rede ist, auf die Bühne stellt und von zwei stummen Dienern sanft drehen lässt. Was die Darbietung der Arie keineswegs stört."
Weiteres: In der SZ zeigt sich Egbert Tholl enttäuscht vom Auftakt der Ruhrtriennale, in der nmzberichtet Joachim Lange. Besprochen wird Puccinis "Il Trittico" bei den Salzburger Festspielen (nmz).
Das Berliner Theatertreffen schafft sich gerade selbst ab, klagt Jakob Hayner in der Welt. Verantwortlich dafür sei Matthias Pees, der neue Intendant der Berliner Festspiele, der die zur Auswahl stehenden Inszenierungen - bislang nur aus dem deutschsprachigen Raum - auf Osteuropa ausweiten will. "Von einer Kritikerjury, die schon jetzt eine kaum überschaubare Menge an Produktionen zu sichten hat, sei das nicht zu leisten, gibt Pees auch ohne Weiteres zu. Und überhaupt: Eine Jury aus journalistischen Theaterkritikern sei ohnehin nicht mehr zeitgemäß. Sind nicht Dramaturgen auch irgendwie Kritiker? Man ahnt, worauf Pees hinaus will. ... Dass die Kritikerjury durch ein Dramaturgenkollektiv oder ähnliches ersetzt wird, passt auch ins Bild. Der Umgang mit der Theaterkritik durch die Theatermacher ist inzwischen von desinteressierter Ignoranz zu offener Verachtung übergegangen. 'Scheißeam Ärmel der Kunst' nannte sie Karin Beier, Intendantin des Deutschen Schauspielhaus Hamburg und mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ihre Kollegin Amelie Deuflhard von Kampnagel in Hamburg meint, dass die Theater über die eigenen Kanäle sowieso effektiver kommunizieren könnten." Wer braucht da noch Kritiker?
In der Zeitresümiert Christine Lemke-Matwey - online nachgereicht - den Bayreuther Ring von Valentin Schwarz. Besprochen werden Oona Dohertys Choreografie "Navy Blue", mit der sie das Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet (SZ).