Mut und Selbstzensur der Medien

Von Thierry Chervel
08.01.2015. Nichts nährt Populismen besser als ein kollektives Beschweigen von Angstthemen durch wichtige Medien. Darum war es so fatal, dass die meisten Zeitungen die dänischen Mohammed-Karikaturen im Jahr 2005 und 2006 nicht oder höchstens sehr schüchtern zeigten. Ausnahme waren damals die Welt und bis zu einem gewissen Grad die taz (meine Artikel dazu hier und hier).Heute ist das Bild um einiges solidarischer mit den Opfern.
Die unverklemmteste Seite 1 (neben dem Berliner Kurier, siehe unten) hat heute eindeutig der Tagesspiegel, der auch Mohammed-Karikaturen eins zu eins abdruckt.


Ausgerechnet die Welt, die seinerzeit mit einer mutigen Seite 1 voranging, druckt heute im Feuilleton nur die aktuelle Houellebecq-Karikatur von Charlie Hebdo. Im gesamten Rest der Zeitung gibt es keine Zeichnung und kein Titelblatt von Charlie Hebdo.


Die FAZ geht heute weiter als im Jahr 2006, als sie die Presse aufforderte, Karikaturen zu drucken und es selbst nicht tat. Diesmal druckt sie auf Seite 3 des politischen Teils einige Titel von Charlie Hebdo, darunter die Mohammed-Karikatur vor grünem Grund. Im Feuilleton ist eine aufgeschlagene Zeitung mit dem aktuellen Houellebecq-Cover zu sehen. Hier die Seite 3:


Die SZ wählt den inzwischen häufig begangenen Mittelweg und druckt zwar keine Karikatur, zeigt aber ein Foto von Demonstranten, die eine Mohammed-Karikatur hochhalten (Fürs Feuilleton der SZ scheint die Geschichte zu spät gekommen zu sein):


Die taz zeigt im Innenteil auch einige der drastischeren Karikaturen, darunter auch Mohammed-Karikaturen.


Auffällig ist, dass die Berliner Zeitungen generell weniger Komplexe haben. Die Berliner Zeitung zeigt Karikaturen ganz deutlich und ostentativ auf Seite 1.



So auch der Berliner Kurier:



Und auch die BZ:


Ganz besonders "verantwortlich" agieren wieder einmal die Tagesthemen der ARD. Eine Karikatur zeigte man unscharf und blendet lieber auf die Mütze einer Demonstrantin.


Eine weitere Karikatur wird zuerst ganz klein gezeigt:


Und dann für wenige Sekunden größer, aber angeschnitten:


Das heute journal hat zwar eine wesentlich informativere Berichterstattung, streift aber nur einmal eine Karikatur.
Britische und amerikanische Medien bringen der Religion noch wesentlich größeren Respekt entgegen. Tony Parker von der Financial Times nennt die Karikaturen von Charlie Hebdo gar "unverantwortlich". Sein Artikel ist online inzwischen abgemildert. Hier ein Auszug aus der Druckversion.



Viele maßgebliche amerikanische und britische Medien zeigen die drastischeren Karikaturen von Charlie Hebdo lieber nicht, hat Buzzfeed herausgefunden. In den USA zeigen New York Times, New York Daily News, AP und alle großen amerikanischen Kabelsender wie CNN, NBC und ABC News keine Mohammed-Cartoons."In Britannien hat der Telegraph gar eine der Mohammed-Abbildungen von Charlie Hebdo verpixelt." Zumindest online war der Guardian eine Ausnahme.
Aber amerikanische Medien sind mit einer solchen Politik nicht allein. In der heute erschienenen Zeit konnte die Redaktion noch nicht auf die Ereignisse reagieren. Doch wir erinnern uns an vorletztes Jahr, als Gero von Randow mit Blick auf einen Mohammed-Comic von Charlie Hebdo schrieb: "Der Verdacht bleibt, es gehe den Autoren nur darum, die Angehörigen einer Glaubensgemeinschaft zu provozieren. Und zwar einer, die in Frankreich diskriminiert wird. Gewiss, auch das soll im Namen der Freiheit gestattet bleiben. Aber eine Rohheit bleibt es gleichwohl."
Die Illustration der Zeit sah damals so aus:



Thierry Chervel
https://twitter.com/chervel