Außer Atem: Das Berlinale Blog

Einen Film flechten: Clemence Ancelins 'Habiter' (Forum)

Von Elena Meilicke
17.02.2012.

Flechten, immer wieder flechten: einen Korb flechten, einen Zaun flechten, ein Dach flechten. Aus Stroh und getrockneten Palmblättern. Die Verbindung von Vertikalen und Horizontalen. Im Bild also immer wieder die grundlegende Operation des Verknüpfens, die Herstellung von etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile.


Flechten, immer wieder flechten: einen Korb flechten, einen Zaun flechten, ein Dach flechten. Aus Stroh und getrockneten Palmblättern. Die Verbindung von Vertikalen und Horizontalen. Im Bild also immer wieder die grundlegende Operation des Verknüpfens, die Herstellung von etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Genauso funktioniert auch „Habiter/Construire“. Ausgehend von dem Straßenbauprojekt, das ein französischer Konzern in einem kaum erschlossenen Wüstengebiet im Tschad betreibt, beobachtet der Dokumentarfilm die unterschiedlichen Lebensformen, die um diese Baustelle herum existieren. Da sind die Nomaden, die mit ihren Kamelen durch die Gegend ziehen, da sind die sesshaften Wüstenbewohner, die in kleinen Dörfern leben. Darüber hinaus hat die Baustelle Arbeitsmigranten angezogen: aus anderen Teilen des Tschad, aus anderen Teilen Afrikas, aus anderen Teilen der Welt.

Es sind die immer gleichen grundlegenden Fragen, die Regisseurin Clémence Ancelin an diese Gruppen heranträgt: wie wohnen sie, wie bauen sie – „Habiter/Construire“ eben. Sie betreibt dabei eine Art Ethnographie, die sich nicht für Mythen und Rituale interessiert, sondern vielmehr für banale Handlungen und Objekte, für alltägliche Körper- und Kulturtechniken. In kommentarlosen, langen Einstellungen – die allerdings in regelmäßigen Abständen durch kurze formalisierte Interviews unterbrochen werden – verzeichnet Ancelin die faltbaren Zelte der Nomaden mit ihren Gerüsten aus biegsamen Ästen, die von einem Tag auf den anderen ab- und wieder aufgebaut werden können; sie zeigt die Hütten der Dorfbewohner aus Lehm und Stroh, die alle paar Jahre neu errichtet werden, und schließlich die gemauerten Häuser der französischen Straßenbauingenieure – ganz unterschiedliche Architekturen, die auch für unterschiedliche Zeitlichkeiten, Lebensrhythmen und nicht zuletzt Ökonomien stehen.

Um Ökonomie geht es dabei in „Habiter/Construire“ zunächst in dem ursprünglichen Sinn von Haushaltsführung, der Verwaltung des Hauses. Von der autarken Subsistenzwirtschaft der Dorfbewohner bis hin zur Versorgung der französischen Ingenieure – täglich werden drei Mahlzeiten serviert, die Zimmer geputzt, die Kleider gewaschen und gebügelt – entfaltet Ancelin ganz unterschiedliche Modelle der Haushaltsführung, in denen Produktion, Konsum und Dienstleistung einen jeweils anderen Stellenwert haben. Während die Lebensmittel für die Verpflegung der Franzosen regelmäßig über weite Strecken mit Lastwagen ins Camp transportiert werden, erklärt eine Frau aus dem Dorf lächelnd, ihr Baby sei das einzige, was sie nicht alleine gemacht habe. Gleichzeitig zeigt „Habiter/Construire“, wie diese unterschiedlichen Sphären miteinander in ökonomischen Austausch treten, indem etwa Dörfler kleine Cafés und Kantinen zur Versorgung der Arbeiter errichten. Und zuletzt verweist natürlich das Motiv des Straßenbaus auf die größeren Zusammenhänge einer globalisierten Weltwirtschaft, in der afrikanische Staaten Infrastrukturprojekte vorantreiben, um ihre Wettbewerbschancen zu erhöhen – „La route du développement passe par le développement de la route”, hat die Regierung als Parole ausgegeben –, Infrastrukturprojekte, die dann wiederum von französischen Firmen betrieben werden.



„Habiter/Construire“ stellt diese unterschiedlichen Lebensformen – die hier wie gesagt als Wohn-, Haushalts- und Bauformen gefasst werden – nicht in kontrastive Opposition, sondern ordnet sie vielmehr nebeneinander an, zeigt die Verbindungen und Verflechtungen auf, die zwischen den einzelnen Gruppen bestehen, hat dabei aber zugleich ein feines Gespür für die Differenzen und Hierarchien, die sozialen Abstufungen, die auch oder gerade hier, in der Wüste, durchgesetzt werden.

Fast scheint es, als sei das Motiv des Flechtens auch Sinnbild für Ancelins filmische Methode, die auf der einen Seite Bilder syntagmatisch aneinanderfügt und auf der anderen Seite mit der Entfaltung paradigmatischer Reihen arbeitet: das Kochen mit temporärer oder fester Feuerstelle oder Gasherd, das Waschen mit bunten Plastikschüsseln oder Waschbecken, die Fortbewegung mit Kamel, Esel oder Auto. Die Verbindung von Vertikalen und Horizontalen, die Herstellung von etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Einen Film flechten.

Elena Meilicke

„Habiter/Construire - Living/Building“. Regie: Clémence Ancelin, Frankreich 2012, 117 Minuten. (Vorführtermine)