Außer Atem: Das Berlinale Blog

Wildeste Gedanken- und Bildersprünge: Shirley Clarkes 'Ornette' (Forum)

Von Lukas Foerster
17.02.2012.

“Not to make music, but to imitate music”: so beschreibt Ornette Coleman seinen eigenen Anspruch an seine künstlerische Praxis an einer Stelle in Shirley Clarkes Dokumentarfilm über den Jazz-Musiker “Ornette: Made in America”. Dieses Zitat gibt die Richtung dieses Films aus dem Jahr 1988 vor, er bezeichnet das spezifische Interesse, das er am Jazz hat: es geht ihm nicht (oder nur am Rande, in kurzen, wunderschönen Spielszenen, die einige wenige Szenen aus Colemans Jugend nachstellen, vor einer dröhnenden Industriekulisse) um dessen Herkunft, um seine sozialen oder musikhistorischen Wurzeln in schwarzer amerikanischer Kultur. Ganz im Gegenteil interessiert sich der Film für das Moment am Jazz, das identitäre Zuschreibungen (von Kreativität auf Personen, von rhythmischen Formen auf Menschengruppen etc) zu durchbrechen in der Lage ist.


“Not to make music, but to imitate music”: so beschreibt Ornette Coleman seinen eigenen Anspruch an seine künstlerische Praxis an einer Stelle in Shirley Clarkes Dokumentarfilm über den Jazz-Musiker “Ornette: Made in America”. Dieses Zitat gibt die Richtung dieses Films aus dem Jahr 1988 vor, er bezeichnet das spezifische Interesse, das er am Jazz hat: es geht ihm nicht (oder nur am Rande, in kurzen, wunderschönen Spielszenen, die einige wenige Szenen aus Colemans Jugend nachstellen, vor einer dröhnenden Industriekulisse) um dessen Herkunft, um seine sozialen oder musikhistorischen Wurzeln in schwarzer amerikanischer Kultur. Ganz im Gegenteil interessiert sich der Film für das Moment am Jazz, das identitäre Zuschreibungen (von Kreativität auf Personen, von rhythmischen Formen auf Menschengruppen etc) zu durchbrechen in der Lage ist.

Die große Dokumentaristin Clarke, von der auf der Berlinale im Reihe einer Mini-Retrospektive noch ein zweiter Film, der Living-Theater-Underground-Klassiker “The Connection” zu sehen war, schreibt in ihrem letzten großen filmischen Projekt Colemans Musik offensiv in die modernistische Kunsttradition des 20. Jahrhunderts ein. Das beginnt schon mit dem Ausgangspunkt, den sie wählt: Ein Konzert, das Coleman in seiner Heimatstadt Fort Worth, Texas, gemeinsam mit einem Synphonieorchester gibt und das zeitgenössische E-Musik mit den avanciertesten Formen des Free Jazz verbindet - weder die Zusammensetzung des Publikums, noch die Aufführungspraxis haben da auch nur irgendetwas zu tun mit den ersten Gehversuchen einer neuen musikalischen Form im New Orleans der Zehnerjahre des letzten Jahrhunderts.

Das heißt nun nicht, dass Clarke den Charakter des Jazz als “black music” leugnen würde. Ihr Film vollzieht in aufwändigen, vor Materialreichtum übersprudelnden Montagen die Wandlungen der afroamerikansichen Bürgerrechtsbewegung nach, insbesondere die Hinwendung zum in den frühen siebziger Jahren immer wichtiger werdenden - und für Colemans musikalische Entwicklung, zumindest, soweit man den Film als relativer Jazz-Laie beim Wort nehmen kann, zentralen - Afrozentrismus. Gerade in der immer auch politisch begründeten Suche nach nicht-westlicher Musik geht es für den Coleman des Films nicht um eine Sehnsucht nach einem Ursprung, um eine erneuerte Anbindung, sondern um die Eröffnung von Alternativen, um Verunreinigung, um Hybridisierung.



Über diese Linie organisiert der Film Colemans Musik (organisiert ist er entlang von Variationen eines einzelnen Stücks, den “Skies of America”) als bestimmendes Zentrum eines ganzen kulturellen Feldes, das neben Musik noch mindestens Theater, Literatur (William S. Burroughs) und Architektur (das “Caravan of Dreams”, ein performance arts center in Fort Worth mit einer geodätischen Kuppel nach dem Entwurf Buckminster Fullers) umfasst. Clarkes Film fügt dem in seiner außergewöhnlichen Form noch Film, Fernsehen und Video hinzu: Die ausladenden dynamischen Montagesequenzen, die found-footage-Material (nicht nur historische Konzertaufnahmen, sondern unter anderem auch Bilder der Mondlandung) und neu gefilmte Aufnahmen verbinden, suchen nicht nur nach einem visuellen Äquivalent für Free Jazz, sie rufen gleichzeitig die ästhetischen Traditionen der Kino-Avandgarden der Zwanziger Jahre auf - und organisieren sie neu als psychedelischen Rausch. Aus heutiger Sicht wunderbar krude Experimente mit dem elektronischen Bild und der Schnittpraxis der zeitgenössischen Videokunst überformen den Film dann noch einmal ganz neu - einige historische Interviews werden in einem direkt ins Bild gemalten Fernsehapparat geframet.

Mitten in all dem, noch zwischen den wildesten Gedanken- und Bildersprüngen eine Art Fixpunkt: Coleman selbst, eine außergewöhnliche Kinopräsenz schon Dank seiner leisen, nasalen Stimme, mit der er Auskunft gibt über alles mögliche, selten über das Naheliegende, über musikalische Techniken zum Beispiel, lieber über seine philosophische Disposition oder über sein Selbstverständnis als sexuelles Wesen und, das zeigt eine Szene, in der er nach einem Konzert von weiblichen Fans bestürmt wird: als sexuelles Objekt. Eine Zeit lang, sagt er (man muss ihm freilich nicht alles glauben), habe er mit dem Gedanken gespielt, sich kastrieren zu lassen. Er habe dann aber statt dessen zu einer neuen Selbstdefinition gefunden: “Being a man, not a male”.

Lukas Foerster

"Ornette: Made in America". Regie: Shirley Clarke. USA 1985, 77 Minuten. (Vorführtermine)