Außer Atem

Betroffenheit im Arthouse

Von Ekkehard Knörer
19.02.2006. Statt künstlerische Experimente zu fördern, setzt die Berlinale auf moralischen Komfort.
Den Traumfrauen der 50er Jahre war die Retrospektive in diesem Jahr gewidmet. In den anderen Festivalreihen waren aber vor allem Alptraummänner zu erleben. So etwa im wohl am schwersten erträgliche Film des Wettbewerbs, Matthias Glasners "Der freie Wille", der einen nötigte, fast drei Stunden in nächster Nähe eines Vergewaltigers zuzubringen. Und Verständnis zu entwickeln für einen Mann, der Untaten begeht und gegen sie nicht ankommt. Der Film hat das Publikum gespalten, in diejenigen, die es für seine Qualität hielten, dass er hinsah, wo man nicht hinsehen will; und in die, die lieber nicht hinsehen wollten. Obwohl "Der freie Wille" kein großes Werk ist, allzu schwerfällig manchmal und um etliche Szenen zu lang, war er doch, vor allem seiner Hauptdarsteller Sabine Timoteo und Jürgen Vogel wegen, einer der eindrücklichsten Beiträge zum in diesem Jahr sehr schwachen Wettbewerb. Die Jury hat Jürgen Vogels Leistung mit einem silbernen Bären honoriert, für seinen künstlerischen Beitrag als Produzent, Koautor und Hauptdarsteller. Auf der Pressekonferenz beantwortete er die Frage "Wann ist ein Mann ein Mann?" ohne philosophische Fisimatenten: Man wird geboren, als Junge, und wächst dann heran. Irgendwann ist man ein Mann.

Lange folgt man im argentinischen Film "El Custodio" einem Mann, der kaum spricht. Er ist nicht mehr als der Schatten eines Politikers, für dessen Sicherheit zuständig. Man sieht nicht viel von der Welt in diesem Film, denn man sieht nur, was der Leibwächter erlebt. Das ist vor allem bedrückend und summiert sich zu einer Welt in Abhängigkeit und in Ausschnitten, aber nicht zu einem eigenen Leben. Rodrigo Moreno präsentiert diesen Mann und das, was er tut, ohne den mindesten Glamour, unter Verzicht auf Spannung und Variation. Für diese formal strenge, aber überzeugende Übung gab es, ganz zu Recht, den Alfred-Bauer-Preis für Innovation im Filmsprachlichen. Die Jury hatte, angesichts der zum größten Teil furchbar konventionellen Filme im Wettbewerb, kaum eine andere Wahl.

Eine Frau dominiert im neusten Werk des Altmeisters Claude Chabrol, was aber nicht heißt, dass es nicht um schreckliche Männer geht. Isabelle Huppert nimmt es als Untersuchungsrichterin mit Politikern auf, die als bis ins Mark korrupt zu zeichnen Chabrol ein Vergnügen ist. "L'Ivresse du pouvoir" ist den Geschehnissen um den Elf-Aquitaine-Skandal recht detailgetreu nachgebildet und war der stärkste unter den drei in den Wettbewerb geladenen Filmen alter Herren. Robert Altman versuchte sich in "A Prairie Home Companion" an einer Hommage an Garrison Keillors gleichnamige Live-Radioshow. Nach virtuosem Beginn wird das Problem des Films schnell offensichtlich: Altman ist ein scharfer und gnadenloser Beobachter eitler Betriebsamkeiten. Am Liebenswerten, um das es sich hier handelt, verliert er rasch das Interesse. Und über Sidney Lumets Alterswerk "Find Me Guilty" hüllt man lieber gleich den Mantel des Schweigens. Gefeiert wird, und zwar elend zäh und ohne jede Ambivalenz, ein vulgärer Mafioso (Vin Diesel als arg limitierter Charakterdarsteller), und zwar für die Ganovenehre, mit der er zu seinen kriminellen Kumpanen hält. Ein Film, der das Recht nicht kritisiert, sondern schlicht und einfach verachtet.

Unter den vier deutschen Wettbewerbsfilmen hatte Oskar Roehlers Verfilmung der misogyn-zynischen "Elementarteilchen" des Franzosen Michel Houellebecq die meisten Erwartungen auf sich gezogen. Der Film erwies sich als übler Rohrkrepierer, an dem einfach gar nichts stimmte. Als Verfilmung verfehlte Roehler - von Bernd Eichinger unterstützt - das Weltbild der Vorlage ums Ganze, gönnte den männlichen Elendsgestalten, die hier als Helden figurieren, gar eine Art Happy-End. Und als Film sind die "Elementarteilchen" so geistlos und plump inszeniert, dass man sich an die schlimmen Zeiten deutscher Zeitgeistkomödien erinnert fühlt. Moritz Bleibtreu erhielt als Darsteller des sexbesessenen Bruno einen Silbernen Bären. Ein schlechter Witz, der denen des Films in nichts nachsteht. Der silberne Bär für die Schauspielerin Sandra Hüller ist da schon besser nachzuvollziehen, denn sie bestreitet Hans-Christian Schmids "Requiem" fast alleine - meist in Großaufnahme, gepeinigt von Dämonen. Man kann nur hoffen, dass sie beim nächsten Mal nicht nur in der Mimik, sondern auch in den Dialogen überzeugen darf.

Wie gut deutsche Filme sein können, bewies im Wettbewerb vor allem Valeska Grisebachs brandenburgische Dorftragödie "Sehnsucht". Sie erzählt, vor Ort und mit Laiendarstellern, von einem Mann zwischen zwei Frauen. Einem Mann, der nicht weiß, wie ihm geschieht, der auch nicht die Worte hat, zu sagen, was er eventuell will. Nicht nur, wie Grisebach ihre Darsteller zu überzeugenden Leistungen treibt, macht die Qualität dieses Films aus. Er ist auch mit einem Formbewusstsein erzählt, das den meisten der ausgewählten Wettbewerbsbeiträge schmerzlich abgeht. Die oft gepriesene Einfachheit von "Sehnsucht" ist eigentlich alles andere als das. Dahinter steht nämlich eine raffinierte Genauigkeit, in der Wahl des Erzählten wie des Ausgelassenen, im Blick auf den Alltag und in den zum großen Teil alles andere als improvisierten Dialogen. Zu dieser von großer filmischer Intelligenz geprägten neuen Schule des deutschen Kinos gehörten auch die Forumsbeiträge "Montag kommen die Fenster" von Ulrich Köhler und "Lucy" von Henner Winckler sowie Thomas Arslans Türkei-Dokumentarfilm "Aus der Ferne". Dass "Sehnsucht" bei der Vergabe der Preise leer ausging, ist der bedauerlichste Aspekt der von der Jury unter dem Vorsitz von Charlotte Rampling getroffenen Wahl.

Auch sonst aber kann man die Jury-Entscheidungen als Freund der Filmkunst nur einigermaßen verhängnisvoll finden. Sie bestätigen den Kurs Dieter Kosslicks, der den Wettbewerb im wesentlichen unter den zwei Aspekten von Proporz und Politik zusammenstellt. Das heißt auch: unter fataler Absehung von ästhetischen Gesichtspunkten. Diese Ignoranz wird von Jahr zu Jahr deutlicher und macht die Berlinale als Schauplatz für aufregende Filme zusehends irrelevant. Kosslick lässt seine Erfolge in Zahlen messen und jubelt über neue Rekorde bei Kartenverkauf und Filmmarkt. Mit der forcierten Konzentration auf künstlerisch eher uninteressantes, sich politisch gebendes Arthouse-Kino wird das Festival unter der erfolgreichen Oberfläche in Wahrheit jedoch entkernt.

Dass (betroffenheits)politische Aspekte bei der Preisvergabe entscheidend waren, daraus machte Charlotte Rampling bei der Verleihungsgala gar keinen Hehl. Wir hoffen, sagte sie gleich zu Beginn, dass die getroffene Wahl bei der derzeitigen Lage der Welt die richtige ist. So gab es Silberne Bären für Winterbottoms schlichten Politfilm "The Road to Guantanamo", für Pernille Fischer Christensens äußerst belanglose dänische Transsexuellenstory "En Soap" und Jafar Panahis sehr respektablen, aber nicht überragenden Beitrag zur Lage der Frau im Iran "Offside". Und mit dem Goldenen Bären für Jasmila Zbanics "Grbavica", die in Sarajewo angesiedelte Geschichte einer durch eine Vergewaltigung im Krieg traumatisierten Frau, hat es einen Film getroffen, der gewiss eindringlich und gekonnt ein wichtiges Thema anspricht. Für die Gegenwart und Zukunft des Weltkinos ist er ohne Belang.

*

Alle besprochenen Berlinalefilme auf einen Blick
Alle Bären auf einen Blick