Die Zeitungen erscheinen schon heute mit Schwerpunkten zum
7. Oktober.
SZ,
taz und
Tagesspiegel protokollieren Stimmen von Menschen aus Israel und aus Gaza ein Jahr nach dem Krieg.
Ein Jahr nach dem Massaker hat die Hamas erreicht, dass "die internationale Solidarität mit Israel auf einen Tiefpunkt gesunken ist, dass die Schoah selbst vielen
politisch Linken nichts anderes mehr bedeutet als einen illegitimen Versuch, die
Existenz des Staates Israel zu legitimieren", bemerkt die Literaturwissenschaftlerin
Marina Münkler in der
SZ: "Mit dem Bezug auf Antiimperialismus, Antirassismus und Antikolonialismus ist der Hamas mit ihrer erneuerten Charta von 2017 gelungen, was sich bereits in den 1970er-Jahren in der Verbrüderung der deutschen Terrortruppe RAF mit der PLO schon einmal abgezeichnet hat, damals aber noch keine vergleichbare Durchschlagskraft entfaltete: die sich als antiimperialistisch, antikolonialistisch und queerfreundlich verstehende Linke nahezu vollständig auf ihre Seite zu bringen." Aus diesem
falsch verstandenen Postkolonialismus verkennen große Teile der Linken, was das Massaker vom 7. Oktober war: "eine triumphale
imperiale Geste der Vernichtung jüdischen Lebens, eine perfide Arbeit am kollektiven Gedächtnis des Pogroms und eine Feier des Opfers der palästinensischen Bevölkerung, die begleichen sollte, was die Hamas angerichtet hatte, um Israel damit permanent ins Unrecht zu setzen."
Ebenfalls in der
SZ schildert die in Russland geborene, in Deutschland aufgewachsene und in den USA lebende Autorin
Jana Talke, deren Großvater ukrainischer Jude war, den Antisemitismus, dem sie täglich ausgesetzt ist: "Während der Westen den Konflikt nicht lösen wird, trägt er zum zusätzlichen Leid auf beiden Seiten bei: Die digitalen Hassbotschaften an Israel und die Juden von Stars, Politikern und eben auch gewöhnlichen Bürgern bestärken die Hamas und deren Unterstützer - allen voran die iranische Regierung - in ihren volksverbrecherischen Absichten an den Juden und am eigenen Volk."
Der palästinensisch-amerikanische Aktivist
Ahmed Fouad Alkhatib will im
taz-
Gespräch die Hoffnung auf eine
Zwei-
Staaten-
Lösung nicht aufgeben, den Willen zum Kompromiss vermutet er eher bei Palästinensern in Gaza als in der Diaspora. Viele Palästinenser würden ihm sagen "dass sie es leid sind, zwischen der korrupten und
inkompetenten Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland und dem
Terrorismus der Hamas zu wählen", währenddessen radikalisierten sich viele Palästinenser in der Diaspora aus dem Schuldgefühl, herausgekommen zu sein. "Die Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland legen manchmal mehr
Pragmatismus und Flexibilität an den Tag als die in der Diaspora. Außerdem versuchen einige nicht-palästinensische Verbündete, die palästinensische Bewegung zu kapern und sie in einen
postkolonialen Rahmen zu stellen. Dabei ist die Realität in Palästina ganz anders als in Südafrika. Uns wurde gesagt, dass wir mit Sanktionen und BDS allein die Rechte der Palästinenser erlangen können. Dabei brauchen wir in Wirklichkeit Verbündete innerhalb der jüdischen und israelischen Communitys, um Frieden zu erreichen."
Seit dem 7. Oktober hat Netanjahu "das Alibi gefunden, das er brauchte", notiert im
Tagesspiegel der israelische Germanist
Jakob Hessing, der Netanjahu vorwirft, den Notstand ständig aus Machterhalt zu verlängern: "Den Krieg im Gazastreifen beendet er nicht, mit der Eskalation im Libanon steht Netanjahu neuerdings ein zweiter, mit der akuten Gefahr aus dem Iran ein
dritter Notstand zur Verfügung. Mit allen dreien kann er wuchern. Netanjahus Methode geht davon aus, dass sich der Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzen lässt. Das geschieht zum Beispiel, indem Unmögliches zum 'Kriegsziel' erklärt wird, etwa die 'Vernichtung' der Hamas. Sie lässt sich jedoch nicht vernichten, weil sie eine Idee ist, oder genauer: weil auch die
Hamas eine Scheinwelt geschaffen hat. Ihre Gewaltherrschaft gründet auf einer Täuschung, die noch viel offensichtlicher ist als Netanjahus Manipulation: nämlich auf der Behauptung, dass der Terror dieser Fundamentalisten dem Schutz der Palästinenser im Gazastreifen dient."
"Der 7. Oktober war der schlimmste Tag in der Geschichte Israels. Aber nichts von dem, was dort geschehen ist, rechtfertigt die
Zerstörung in Gaza und das, was wir der Bevölkerung dort angetan haben", sagt der israelische Historiker
Tom Segev im
FR-
Gespräch: "Es ist eine Wiederholung, vielleicht sogar eine Verschlimmerung der ersten palästinensischen Katastrophe, der Nakba. Es ist eine
zweite Nakba. Die erste verfolgt uns seit 75 Jahren, die zweite ist für mich ein moralisches Problem." Es gebe viele "viele Autoritäten im Sicherheitsbereich, hohe Mossad-Beamte, in der Armee, die sagen, alles, was man tun muss, ist, den Krieg in Gaza sofort zu beenden. Alles muss in diese Richtung gehen, die Armee muss aus Gaza raus."
Die israelische Frauenbewegung
Women Wage Peace (WWP) und die palästinensische Frauenbewegung
Women of the Sun (WOS) sind gemeinsam für den
Friedensnobelpreis nominiert, der
Tagesspiegel hat
Peta Jones Pellach von WWP und einer Vertreterin von WOS, die anonym bleiben will und nur als M.H. zitiert wird, über ihre Initiativen und über die Arbeit in patriarchalen Gesellschaften befragt. "Seit jeher werden wir Palästinenser von Männern regiert und es folgt Krieg auf Krieg. Wir wollen mehr Frauen in Verantwortung sehen", sagt M.H., räumt aber ein: "Viele Menschen auf unserer Seite glauben nicht an Frieden. Sie denken, dass man die Palästinenser verrät, wenn man mit Israelis arbeitet oder redet. Deshalb trauen sich viele nicht, sich uns anzuschließen." Und Pellach ergänzt: "Auch Israel ist eine sehr
patriarchale Gesellschaft. Es gibt zwar eine starke Frauenbewegung, aber wenn man sich ansieht, wie viele Frauen in der Regierung sind, dann ist das widerwärtig. In Netanjahus Kriegskabinett saßen auch nur Männer. Und er hatte ein Kriegskabinett einberufen, kein
Friedenskabinett!"
"Auf die Zeitenwende in Europa muss eine
Zeitenwende im Nahen Osten folgen", schreibt Israels Botschafter in Deutschland,
Ron Prosor in der
SZ: "Diplomatie kann kein Selbstzweck sein, ihr Erfolg wird anhand von Taten bemessen. Es gibt keine Verhandlungslösung zwischen zwei Seiten, bei der die eine Seite die andere auslöschen will. Niemand wusste das besser als Hisbollah-Generalsekretär
Hassan Nasrallah. Weil Israel am 7. Oktober Schwäche zeigte, hat die Hisbollah Israel seitdem mit 10 000 Raketen angegriffen. Doch Nasrallah hat sich verkalkuliert. Die Welt ist ein besserer Ort ohne ihn. Eigentlich darf sich die Hisbollah gar nicht südlich des Litani-Flusses aufhalten. So steht es seit 2006 in der UN-Resolution 1701. Aber die Welt duldet dieses Aufmarschgebiet der Hisbollah im Süden Libanons. Auch die USA, Frankreich und Deutschland müssen hier aktiver werden. Ich werde nie akzeptieren, dass Regeln nur dann gelten, wenn sie Israel schaden sollen, oder benutzt werden, um
Israel zu dämonisieren."
"Es scheint, als steht der Nahe Osten nun am Vorabend eines Kriegs von einem Ausmaß, wie es die Region noch nie erlebt hat" - und die internationale Staatengemeinschaft ist
Mitschuld an der Eskalation, schreibt Richard C. Schneider bei
Spon: "Spätestens seit 2006 betreibt sie eine
heuchlerische Politik gegenüber der Schiitenmiliz und ihrem Geldgeber, Iran. Die Terrororganisation hat im Laufe der Jahrzehnte in einem Ausmaß aufgerüstet, um das sie viele Staaten beneiden müssten. Doch die Uno, seit 1978 mit Beobachtern vor Ort, hat weggeschaut. Der Westen hat die wachsende Kriegsgefahr ignoriert, wahrscheinlich weil alles andere womöglich einen politischen oder sogar militärischen Einsatz erfordert hätte."
Israel steht im Kampf gegen die Hamas und die Hisbollah vor einem
Dilemma, konstatiert der Politikwissenschaftler
Felix Wassermann im Gespräch mit
Zeit Online: "Liberale Rechtsstaaten haben sich auferlegt, das
Kriegsrecht einzuhalten, und zwar auch gegenüber Akteuren, die sich selbst wiederum nicht daran halten. Aber was bedeutet es nun, wenn Angriffe aus einem Krankenhaus kommen oder Kämpfer sich zwischen Flüchtlingen verstecken? (…) Grundsätzlich kann strategische Verteidigung auch offensive Maßnahmen beinhalten, also militärische Vorstöße einschließen. Und Israel weist ja immer wieder darauf hin, dass es dabei nicht um Gebietsherrschaft gehe, es also weder den Gazastreifen besetzen noch den Libanon kontrollieren will. Gleichwohl stellt sich auch in solchen Fällen die kriegsethische Frage nach der
Verhältnismäßigkeit. Und zwar sowohl in Bezug auf die zivilen Opfer als auch in Bezug auf die kommende Nachkriegsordnung. Ist es sinnvoll, so viel Leid und Zerstörung zu hinterlassen, dass der spätere Wiederaufbau extrem erschwert wird?"