9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Politik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2024 - Politik

Die Islamische Republik Iran besteht im Grunde nur noch aus Fassade, hält die Fernsehjournalistin Natalie Amiri in der SZ, auch mit Blick auf den jüngsten Raketenangriff auf Israel fest. Aus der "kalten" Perspektive eines Geostrategen war es kein harter Schlag, sondern lediglich "Psychoterror gegen Israels Bevölkerung", meint sie und glaubt: "Vielleicht hat dieses Regime nur deshalb 45 Jahre überlebt, weil das Theaterstück 'Bedrohung durch die Mullahs' von allen Beteiligten gerne mitgespielt wurde. Es bediente verschiedenste Interessen: Teheran erhielt das Bild eines brandgefährlichen Staates aufrecht, es wusste genau, was den Westen triggert: Rohstoffabhängigkeiten, Lieferketten und die Angst vor Flüchtlingsströmen. Das führte zu einer Appeasement-Politik des Westens, keiner wagte es, die Mullahs zu provozieren. Aber auch Israels Premier Benjamin Netanjahu wusste die Bedrohung seines Landes hervorragend in Szene zu setzen und für seine Belange zu nutzen. Er blieb so mit kurzer Unterbrechung seit zwanzig Jahren im Amt. Saudi-Arabien, der sunnitische Gegenpol zur schiitischen Islamischen Republik, spielte ebenfalls gerne mit - und wurde mit Waffen überschüttet, um das Machtgefüge am Golf auszubalancieren."

Seit Jahren wollte der israelische Schriftsteller Etgar Keret seiner vor fünf Jahren gestorbenen Mutter einen Brief schreiben, er warte darauf, ihr gute Nachrichten verkünden zu können. Ein Jahr nach dem Massaker der Hamas ist seine Hoffnung endgültig geschwunden, schreibt er heute in jenem Brief, den die SZ veröffentlicht: "Ich schwor mir, dass ich Dir schreiben würde, wenn die Geiseln heimkämen, oder wenigstens, wenn sich diese furchtbare Regierung auflösen und Bibi Verantwortung übernehmen würde, anstatt die Stärkung der Hamas auf die Generäle zu schieben, auf die Verfassungsrichter und sogar auf seine eigenen Söhne, die jede Woche auf die Straße gingen, um für Gleichheit und Demokratie zu demonstrieren, gegen das Aushungern der Menschen in Gaza und gegen die Pogrome der Siedler in den palästinensischen Dörfern im Westjordanland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2024 - Politik

Thomas Kleine-Brockhoff, neuer Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, kann das Gerede von der angeblichen Doppelmoral des Westens, der Putins Einmarsch in die Ukraine kritisiere, aber die Israelis gewähren lasse, nicht mehr hören, bekennt er im Interview mit dem Tagesspiegel: "Wenn Israel auf der Jagd nach Terroristen, Geiselnehmern und genozidalen Milizionären auch palästinensische Zivilisten tötet, und zwar unbestritten viel zu viele, dann ist der Aufschrei aus dem globalen Süden groß. Aber wo war denn der Aufschrei desselben globalen Südens, als Baschar al Assad in Syrien seine muslimischen Landsleute massenhaft abschlachtete? Oder wie soll man das Bemühen Brasiliens und Südafrikas verstehen, eine neue Weltordnung auf der Basis der Charta der Vereinten Nationen zu errichten - und dabei innerhalb der BRICS-Staaten gemeinsame Sache mit den Diktatoren in Moskau und Peking zu machen? Wenn das keine Doppelstandards sind, weiß ich nicht, was das Wort bedeuten soll."

Bernard-Henri Lévy ist nach den jüngsten Erfolgen der israelischen Armee - von der Ausschaltung des Hamas-Terroristen Ismael Haniyeh in Teheran über die Pager-Attacken bis hin zu den Schlägen gegen die Hisbollah - ziemlich euphorisch. Endlich sei das iranische Regime deutlich geschwächt, schreibt er im Tablet Magazine. "Israel atmet... Iranische Frauen lächeln... Die Israelis haben eine Lektion in Entschlossenheit und Mut erteilt. Sie haben das Gegenteil dessen getan, was die europäischen und amerikanischen Cheerleader des Münchner Abkommens wie eine kaputte Schallplatte wiederholt haben: 'De-eskalieren! De-eskalieren!' Denn nach den Theorien des gerechten Krieges, und danach nach Clausewitz, gibt es Situationen in der Geschichte, in denen eine Eskalation leider notwendig und die einzige Option ist."

Der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy teilt seine Einschätzung zur Lage im Nahen Osten in einem langen Interview mit der FR: Nach der Tötung Nasrallahs befürchten viele einen "Flächenbrand" in der Region - Roy hält das für unwahrscheinlich, da seien die USA noch vor. Zu den jüngsten Erfolgen der Israelis meint er:  "Es war interessant zu sehen, dass die Israelis nicht in der Lage waren, die Hamas zu infiltrieren, sie wussten nichts über die Absichten der Hamas, doch sie wissen alles über die Hisbollah und über das iranische Regime. ... Das ist wichtig, weil es zeigt, dass viele Menschen sich entschieden haben, Verräter zu werden, wahrscheinlich gegen Geld. Es zeigt damit, dass es innerhalb der Hisbollah und der Iraner eine moralische Krise gibt." Und was die Israelis selbst angeht: Die Rechte hoffe, die Palästinenser zum Auswandern zu bewegen, die Linke habe überhaupt keine Vision, so Roy: "Sie werfen Netanjahu vor, nicht für die Geiseln zu verhandeln, aber wenn man 500 Palästinenser tötet, um die Geiseln zu befreien, ist es ihnen egal. Niemand sagt, dass keine Palästinenser getötet werden sollen."

Monika Borgmann
leitet ein Kulturhaus in Beirut, mitten im Gebiet der Hisbollah. Ihr Mann, der libanesische Verleger Lokman Slim, wurde 2021 mutmaßlich von der Hisbollah ermordet. Sie wolle mit dem Kulturzentrum versuchen, "die mentalen Grenzen zu überwinden, die es in Beirut noch immer gibt und die sich in unsichtbare geografische Grenzen übersetzen", sagt sie im SZ-Gespräch mit Moritz Baumstieger, in dem sie nach dem Tod von Hassan Nasrallah auf Proteste im Libanon hofft: "Ich denke eher, dass sich einige Menschen, die die Hisbollah bislang eher unterstützt haben, nun Fragen stellen. Warum bringt die Hisbollah sie mit ihrem Krieg gegen Israel in die Situation, aus ihren Häusern fliehen zu müssen - und leistet ihnen dann keinerlei Unterstützung? Warum können sich die Kämpfer, die vorgeben, die Libanesen zu beschützen, nicht mal selbst beschützen - und kaufen Tausende mit Sprengstoff manipulierte Pager? Lohnt es sich, für eine Miliz den Preis zu zahlen, die in Syrien für Assad mordet und Palästina befreien will, dabei aber die eigenen Leute vergisst?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2024 - Politik

Israel scheint nach neuesten Meldungen eine Bodenoffensive im Libanon zu starten. Gestern noch riet Terrorexperte Peter R. Neumann in  der Jüdischen Allgemeinen davon ab: "Israel sollte vielmehr seine Position der Stärke dafür nutzen, einen für sich vorteilhaften Waffenstillstand zu erreichen. Die Chancen dafür sind besser als je zuvor." Und er er führt aus: "Für viele Israelis wäre eine Bodenoffensive die logische Konsequenz dessen, was sich das Land in den letzten Wochen militärisch erarbeitet hat, auch gegen zum Teil massive Kritik seiner Verbündeten. Aber wenn Israel jetzt im Libanon mit Bodentruppen einmarschiert, würde es automatisch zur Besatzungsmacht. Denn Proxys oder lokale 'Stellvertreter' - wie einst die von Israel unterstützte südlibanesische Armee - gibt es diesmal nicht. Israels Gegnern fiele es unter diesen Vorausetzungen leicht, den 'Widerstand' neu zu mobilisieren."

"Morden - das ist die Bilanzsumme von Hassan Nasrallahs Leben", schreibt Michael Wolffsohn in der NZZ. Hat der Anführer der Hisbollah seinem eigenen Land irgendetwas Gutes getan oder das Leben der Bevölkerung verbessert? Nein, so Wolffsohn, er hat den Libanon zu einem Vasall Irans gemacht und seine eigenen Leute zur Schlachtbank geschickt: "Irans Mullahs sind geschickter als Hitler: Sie lassen kämpfen. Bis zum letzten Schiiten Libanons. Die Verantwortung hierfür trug der Führer Nasrallah durch die von ihm betriebene, immer enger gewordene Allianz mit Iran. 'Nasrallah befiehl!', brüllten tausendfach Hizbullah-Krieger, bevor sie in den Kampf zogen. Das klingt bekannt: 'Führer, befiel. Wir folgen dir!' Nicht nur Libanons Schiiten - und Israeli - mussten bluten. Ganz Libanon blutet wegen des Hizbullah, dessen Hochrüstung sowohl das politische Gefüge als auch die wirtschaftliche Infrastruktur des Landes seit Jahren zunehmend zerstört. Erinnert sei an die durch Hizbullah-Sprengmaterial ausgelöste Explosionskatastrophe im Beiruter Hafen am 4. August 2020."

Heute vor 75 Jahren wurde die Volksrepublik China gegründet. Die Jahre euphorischen Aufschwungs sind vorbei, doch das kümmert Xi Jinping gar nicht so sehr, schreibt Fabian Kretschmer in der taz: Xi  gehe "es vor allem um ideologische Treue und nationale Sicherheit. Statt Reichtum verspricht er seinem Volk wieder vermehrt patriotisches Selbstbewusstsein. In seiner Vision des 'chinesischen Traums' soll die 'verweichlichte' Jugend den Gürtel enger schnallen, um für einen erstarkten, sozialistischen Staat zu arbeiten, der zwar technologische Errungenschaften hervorbringt und selbstbewusst auf der diplomatischen Bühne auftritt, jedoch für das Individuum nicht mehr das Versprechen auf Reichtum verheißt. Ganz im Gegenteil: Xi hat in seinen Reden immer wieder deutlich gemacht, dass er einen 'dekadenten' Sozialstaat nach europäischem Vorbild ablehnt. Denn dieser würde die 'Arbeitsmoral' des Volkes schwächen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2024 - Politik

Seltsamerweise geben sich die vielen Nachrufe auf den Hisbollah-Chef Nassan Nasrallah kaum damit ab, die Verbrechen dieses Mannes nachzuzeichnen. Man stellt ihn eher als "charismatische Führungsfigur" und "unersetzlich" dar, wie Silke Mertins in der taz, die aber auch feststellt: "Der Schlag gegen die Hisbollah zeigt, dass Israel den Krieg der Geheimdienste gewinnt. Die Schwächung der Schiitenmiliz sowie die jüngsten israelischen Angriffe auf iranische Ziele sind eine geheimdienstliche Blamage auch für das Mullah-Regime in Teheran. Keine andere Gruppierung im Nahen Osten steht der iranischen Führung auch nur annähernd so nah wie die Hisbollah. Denn neben dem Konterfei Nasrallahs hängt immer auch eines von ihm: Irans Oberhaupt Ali Chamenei."

Auf Twitter spottet man über die gefühlvollen Formulierungen in Nachrufen vieler als renommiert geltender Zeitungen. In der New York Times liest man: "Nasrallah sprach sich gegen Israel aus, das er als 'zionistisches Gebilde' bezeichnete, und vertrat die Ansicht, dass es ein Palästina geben sollte, in dem Muslime, Juden und Christen gleichberechtigt sind." Der Guardian würdigt ihn als "qualifizierten islamischen Gelehrten, effektiven öffentlichen Redner und kompetenten Organisator". Den Vogel schießt Le Monde ab, wo man nicht nur einen süßlichen Nachruf liest, sondern in einem beistehenden Kasten auch noch informiert, Nasrallahs Sohn Hadi sei "1997 als Märtyrer gestorben".

Nicht nur die Hisbollah, auch die Hamas ist inzwischen entscheidend geschwächt, hält Nikolas Busse in der FAZ fest. Die Hamas sei in Israels Sicht militärisch mehr oder weniger besiegt "und kann nur noch als Guerillagruppe agieren. Das wäre noch immer gefährlich, aber doch weit entfernt von der früheren Schlagkraft der Miliz, die in Aufbau und Ausrüstung an eine reguläre Armee heranreichte. All das sollten vor allem die Kritiker Israels im Westen zur Kenntnis nehmen, die stets behaupten, ein militärisches Vorgehen gegen Terrorgruppen bringe nichts. Man kann die Bedrohung durchaus verringern, wenn auch zu einem hohen Preis."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2024 - Politik

Buch in der Debatte

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Ruhrbaron Thomas Wesel liest das Buch "Die Rückkehr des Terrors" des Terrorismus-Experten Peter R. Neumann. Darin wird unter anderem beschrieben, wie der 7. Oktober geradezu den Antisemitismus neu definierte - zu sehen an den Reaktionen in der ganzen Welt: "Neumann macht dies an dem Vorwurf fest, Israel würde die Palästinenser 'auslöschen': Das Gerücht vom Genozid -  'sachlich falsch', wie er nüchtern festhält -  wird von links bis rechts und quer durch die Mitten verbreitet, die Vereinten Nationen wüten gegen Israel, der Internationale Gerichtshof ermittelt, drei europäische Staaten erkennen einen 'Staat Palästina' an und so weiter. Was den Genozid-Vorwurf so gefährlich macht, schreibt Neumann, 'ist die existenzielle Dimension': Komme sie ins Spiel, sei 'fast jedes Mittel' recht, um Israel daran zu hindern, sich gegen Terror zu verteidigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2024 - Politik

"Die Hisbollah beschießt unser Land seit fast einem Jahr, permanent", erinnert der israelische Politikwissenschaftler Iftah Burman im Interview mit der Zeit Kritiker an der israelischen Politik. "Jetzt hat die Hisbollah sogar erstmals ein Cruise-Missile gegen Israel eingesetzt mit einer Reichweite von bis zu 200 Kilometern und mit GPS lenkbar. Damit kann man nicht nur Jerusalem treffen, sondern auch die Umgebung unseres nuklearen Forschungszentrums in der Wüste oder unsere Energieversorgung. Die Hisbollah signalisiert, dass sie unser Land auf einem neuen Niveau verwunden kann. Diese Rakete hier trug 300 Kilo Sprengstoff, genug für ein großes Gebäude." Dass viele Kritiker im Westen dennoch nicht glauben, dass die Israelis ernsthaft gefährdet sind, erklärt er sich damit, dass "die neue Generation im Westen nicht mehr weiß, was eine existenzielle Bedrohung ist. Sie sieht die vielen Toten, die die Hamas erzwungen hat, und glaubt, Israel sei der Aggressor. Ich bin ja auch Historiker und kann nur sagen: Im Zweiten Weltkrieg starben mehr Deutsche als Briten. Der Aggressor war trotzdem Deutschland."

Im Libanon ist man naturgemäß entsetzt vom Angriff der israelischen Armee. Auch wenn die Hisbollah "von vielen Libanesen als das größte Problem Libanons wahrgenommen" wird, kann der Libanon in diesem Krieg nicht gewinnen, erklärt Anthony Samrani, der Chefredakteur der libanesischen Zeitung L'Orient - Le Jour, im Interview mit der FAZ: "Für den weiteren Verlauf gibt es mehrere mögliche Szenarien. Das Erste ist, dass die Hizbullah sehr geschwächt aus diesem Krieg hervorgeht, es aber schafft, ihre Niederlage politisch zu verbrämen und sich als Sieger zu präsentieren. In diesem Fall würde sie politische Kompensationen, eine Stärkung ihrer Macht auf der libanesischen Bühne fordern. Zweitens: Die Hizbullah geht sehr geschwächt aus dem Krieg hervor, ihre Gegner merken das, weswegen sie ihnen gegenüber wird beweisen wollen, dass sie immer noch die stärkste Kraft im Land ist. Damit meine ich, dass die anderen Libanesen den Preis für eine Schwächung der Hizbullah zahlen würden. Und die dritte Hypothese ist die eines totalen Krieges, bei dem ein ganzer Teil des Landes zerstört wird - in diesem Fall würde die Hizbullah wahrscheinlich weniger zerstört werden als die anderen."

In Israel selbst gibt es kaum Kritik am Vorgehen gegen die Hisbollah, erklärt der israelische Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold im Interview mit dem Spiegel: "Auch die Opposition ist für diesen Krieg. Vor bald einem Jahr mussten etwa 60.000 bis 80.000 Israelis aus ihren Dörfern und Städten im Norden evakuiert werden und leben seitdem als Binnenflüchtlinge im Zentrum Israels. Ihnen die Rückkehr nach Hause zu ermöglichen - das ist ein gerechtes Ziel, das ist Konsens in Israel." Auch die USA würden die Israelis unterstützen, um die "Hisbollah zu zwingen, sich aus dem Südlibanon bis hinter den Litani-Fluss zurückzuziehen. Das sah ja bereits die Uno-Resolution 1701 nach dem Libanonkrieg 2006 vor, doch die Hisbollah hat sich nicht daran gehalten. Die Amerikaner erlauben den Israelis jetzt Schritt für Schritt zu eskalieren. Und das heißt, dass Israel genug Waffen und Munition von den USA erhalten wird, solange Regierung und Armee sich an gewisse Spielregeln halten."

Bei einer Eskalation im Libanon droht Israel, international geächtet zu werden, warnt der politische Analyst Ori Goldberg im Interview mit der SZ. Eine Gefahr, dass der Iran direkt in den Konflikt eingreifen könnte, sieht Goldberg allerdings nicht. "Auch hier möchte ich die Rolle Irans nicht bagatellisieren, und ich habe auch nicht vor, nach Teheran zu ziehen. Aber man kann argumentieren, dass beide Länder sich von Feinden umgeben sehen. Israel von seinen arabischen Nachbarn, und Iran ebenso, insbesondere von Saudi-Arabien. Aber die Ansätze für eine wirksame Verteidigung sind völlig gegensätzlich. Israel glaubt daran, sich zu isolieren und chirurgisch, ohne Kooperation in der Region gegen seine Feinde vorzugehen. Iran glaubt, dass es, wenn es sich isoliert, seinen Feinden die beste Gelegenheit gibt, sich zusammenzuschließen und es zu besiegen. Iran möchte also überall dort präsent sein, wo Entscheidungen getroffen werden, die sich auf seine nationale Sicherheit auswirken könnten. Dafür haben sie die sogenannte Achse des Widerstands aufgebaut."

Außerdem: Maxim Biller hat für die Zeit eine Erzählung geschrieben, "Abigails Zähne", die an die am 7. Oktober ermordete israelische Friedensaktivistin Vivian Silver erinnert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2024 - Politik

Ami Ajalon, ehemaliger israelischer Geheimdienstchef, Mitglied der linksliberalen Arbeitspartei Awoda und Mitorganisator der Proteste gegen Netanjahu, kritisiert auch im Interview mit dem Tagesspiegel scharf den israelischen Ministerpräsidenten, dem er vorwirft, kein politisches Ziel mit dem Krieg in Gaza und jetzt den Angriffen im Libanon zu verbinden, sondern nur sein politisches Überleben im Blick zu haben. Es müsse aber um die Befreiung der Geiseln, die Beendigung der Kriegshandlungen und eine Zweistaatenlösung gehen, so Ajalon, das klappe nur mit Druck von außen: "Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern werden nicht das Ergebnis von Vertrauen auf beiden Seiten sein, sondern von Pragmatismus und Druck von außen. Als der damalige Premierminister Ariel Scharon damals aus Gaza abgezogen ist, tat er das nicht, weil er den Palästinensern vertraute, sondern weil ihm klar war, dass seine Beziehung zu den USA auf dem Spiel stand. ... wir sind zu nah dran. Viele Menschen auf beiden Seiten sehen die andere nicht und verspüren nur Hass. Wir verschließen die Augen vor der Katastrophe in Gaza, sie vor dem Horror des 7. Oktober. Aber es ist längst kein Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern mehr. Er hat globale Auswirkungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2024 - Politik

Richard Herzinger warnt in seinem Blog eindringlich vor dem "Friedensplan" für die Ukraine, den China auf der UN-Vollversammlung groß herausbringen will und für das sich Xi Jiping mit dem Linkspopulisten Lula aus Brasilien zusammengetan hat: Der Kern des Plans  bestehe "in dem Vorhaben, Russland und die Ukraine ohne Vorbedingungen an den Verhandlungstisch zu bringen - unter der Federführung des übermächtigen 'Vermittlers' China, versteht sich. Damit wird suggeriert, Russland und die Ukraine hätten gleichermaßen Anteil am Ausbruch des Kriegs und verfolgten beide legitime Interessen, die es in Friedensverhandlungen auszugleichen gelte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2024 - Politik

Deutschen Medien ist das fast keine Meldung wert, aber in Malis Hauptstadt Bamako kamen am Dienstag bei zwei Angriffen einer Al-Qaida-Terrortruppe siebzig Menschen ums Leben, berichtet Samuel Misteli in der NZZ. Dass die Hauptstadt angegriffen wurde, zeigt die neue Stärke der Islamisten, so Misteli - auch die Lossage von Frankreich und die Zusammenarbeit mit Putins Wagner-Truppe hat der Regierung Malis nichts genützt. "Westliche Regierungen beobachten die Probleme der Sahel-Regierungen und ihrer russischen Verbündeten nicht mit Genugtuung, sondern mit großer Sorge. Sie fürchten, dass Länder wie Mali, Burkina Faso und Niger komplett zerfallen könnten und ein langer anarchischer Ländergürtel in Europas südlicher Nachbarschaft entsteht. Westliche Regierungen befürchten auch, dass sich die Terroristen weiter in Richtung westafrikanische Küste ausbreiten könnten. Die Küstenstaaten sind dichter besiedelt und wohlhabender als die Sahel-Länder."

Der New Yorker Autor und Professor Joshua Cohen versucht im Gespräch mit Sebastian Moll von der taz, mit abgeklärtem Zynismus auf den neuen Antisemitismus an amerikanischen Unis zu reagieren. Die Studenten projizieren amerikanische Probleme auf den Nahostkonflikt, meint er. Was Israel angeht, sieht er keine Alternative zu einer Zweistaatenlösung: "Wenn man heute in Israel den Ausdruck Zweistaatenlösung benutzt, kann man wählen, ob man entweder ausgelacht oder ins Gesicht geschlagen wird. In den palästinensischen Gemeinden würde man genau die gleiche Reaktion bekommen. Aber irgendwann wird man die Parteien an einen Tisch bringen müssen. In der Zeit, in der eventuell Kamala Harris regieren wird, wird es in Israel einen Wechsel in der Führung geben. Es wird dort eine Regierung geben, mit der man arbeiten kann, und die Herausforderung für eine demokratische Präsidentin wird sein, uns nicht von Israel zu entfremden. Wenn sie der amerikanischen linken Basis erlaubt, ein Engagement mit einer kommenden israelischen Regierung zu versauen, dann gibt es keine Hoffnung mehr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2024 - Politik

Was Israelkritik angeht, hat der Guardian keinerlei Ekelschwelle. Heute lässt das linke britische Blatt glatt den Gründer des BDS Omar Barghouti schreiben, der eine neue UN-Resolution gegen Israel feiert (die Bundesregierung konnte sich übrigens nicht überwinden, dagegen zu stimmen): "Dies ist nicht irgendeine weitere UN-Abstimmung, sondern eine historische. Zum ersten Mal hat die Generalversammlung das israelische Apartheidregime angeprangert, zum ersten Mal seit 42 Jahren fordert sie Sanktionen zur Beendigung der illegalen Besatzung, wie vom IGH im Juli festgestellt." BDS hatte den 7. Oktober direkt nach dem Ereignis in warmen Worten begrüßt (mehr hier). Heute kommt Barghouti ganz ohne Erwähnung des Pogroms aus. Seine Geschichtsversion klingt so: "Bereits im Oktober 2023, wenige Tage nach Israels völkermörderischem Angriff auf den Gazastreifen, warnte der kolumbianische Präsident Gustavo Petro vor dem 'beispiellosen Aufstieg des Faschismus und damit vor dem Tod von Demokratie und Freiheit. ... Gaza ist nur das erste Experiment, uns alle als entbehrlich zu betrachten.' Mit anderen Worten: 'Nie wieder ist jetzt', wie progressive, antizionistische jüdische Gruppen gesagt haben. Das bedeutet, dass die dringlichste Priorität der Menschheit jetzt darin besteht, Israels Völkermord zu beenden."