"Die
Hisbollah beschießt unser Land seit fast einem Jahr, permanent", erinnert der israelische
Politikwissenschaftler Iftah Burman im Interview mit der
Zeit Kritiker an der israelischen Politik. "Jetzt hat die Hisbollah sogar erstmals ein
Cruise-
Missile gegen Israel eingesetzt mit einer Reichweite von bis zu 200 Kilometern und mit GPS lenkbar. Damit kann man nicht nur Jerusalem treffen, sondern auch die Umgebung unseres nuklearen Forschungszentrums in der Wüste oder unsere Energieversorgung. Die Hisbollah signalisiert, dass sie unser Land auf einem neuen Niveau verwunden kann. Diese Rakete hier trug 300 Kilo Sprengstoff, genug für ein großes Gebäude." Dass viele Kritiker im Westen dennoch nicht glauben, dass die Israelis ernsthaft gefährdet sind, erklärt er sich damit, dass "die neue Generation im Westen nicht mehr weiß, was eine
existenzielle Bedrohung ist. Sie sieht die vielen Toten, die die Hamas erzwungen hat, und glaubt, Israel sei der Aggressor. Ich bin ja auch Historiker und kann nur sagen: Im Zweiten Weltkrieg starben
mehr Deutsche als Briten. Der Aggressor war trotzdem Deutschland."
Im
Libanon ist man naturgemäß entsetzt vom Angriff der israelischen Armee. Auch wenn die
Hisbollah "von vielen Libanesen als das größte Problem Libanons wahrgenommen" wird, kann der Libanon in diesem Krieg nicht gewinnen, erklärt
Anthony Samrani, der Chefredakteur der libanesischen Zeitung
L'Orient - Le Jour, im Interview mit der
FAZ: "Für den weiteren Verlauf gibt es mehrere mögliche Szenarien. Das Erste ist, dass die Hizbullah
sehr geschwächt aus diesem Krieg hervorgeht, es aber schafft, ihre Niederlage politisch zu verbrämen und sich als Sieger zu präsentieren. In diesem Fall würde sie politische Kompensationen, eine Stärkung ihrer Macht auf der libanesischen Bühne fordern. Zweitens: Die Hizbullah geht sehr geschwächt aus dem Krieg hervor, ihre Gegner merken das, weswegen sie ihnen gegenüber wird beweisen wollen, dass sie immer noch die stärkste Kraft im Land ist. Damit meine ich, dass die anderen Libanesen
den Preis für eine Schwächung der Hizbullah zahlen würden. Und die dritte Hypothese ist die eines
totalen Krieges, bei dem ein ganzer Teil des Landes zerstört wird - in diesem Fall würde die Hizbullah wahrscheinlich weniger zerstört werden als die anderen."
In Israel selbst gibt es kaum Kritik am Vorgehen gegen die Hisbollah, erklärt der israelische Politikwissenschaftler
Jonathan Rynhold im Interview mit dem
Spiegel: "
Auch die Opposition ist für diesen Krieg. Vor bald einem Jahr mussten etwa
60.
000 bis 80.
000 Israelis aus ihren Dörfern und Städten im Norden evakuiert werden und leben seitdem als Binnenflüchtlinge im Zentrum Israels. Ihnen die
Rückkehr nach Hause zu ermöglichen - das ist ein gerechtes Ziel, das ist Konsens in Israel." Auch die USA würden die Israelis unterstützen, um die "Hisbollah zu zwingen, sich aus dem Südlibanon bis hinter den Litani-Fluss zurückzuziehen. Das sah ja bereits die
Uno-
Resolution 1701 nach dem Libanonkrieg 2006 vor, doch die Hisbollah hat sich nicht daran gehalten. Die Amerikaner erlauben den Israelis jetzt Schritt für Schritt zu eskalieren. Und das heißt, dass Israel genug Waffen und Munition von den USA erhalten wird, solange Regierung und Armee sich an
gewisse Spielregeln halten."
Bei einer Eskalation im Libanon droht Israel, international geächtet zu werden, warnt der politische Analyst
Ori Goldberg im Interview mit der
SZ. Eine Gefahr, dass der Iran direkt in den Konflikt eingreifen könnte, sieht Goldberg allerdings nicht. "Auch hier möchte ich die
Rolle Irans nicht bagatellisieren, und ich habe auch nicht vor, nach Teheran zu ziehen. Aber man kann argumentieren, dass beide Länder sich von Feinden umgeben sehen. Israel von seinen arabischen Nachbarn, und Iran ebenso, insbesondere von Saudi-Arabien. Aber die Ansätze für eine wirksame Verteidigung sind völlig gegensätzlich. Israel glaubt daran, sich zu isolieren und chirurgisch, ohne Kooperation in der Region gegen seine Feinde vorzugehen. Iran glaubt, dass es, wenn es sich isoliert, seinen Feinden
die beste Gelegenheit gibt, sich zusammenzuschließen und es zu besiegen. Iran möchte also überall dort präsent sein, wo Entscheidungen getroffen werden, die sich auf seine nationale Sicherheit auswirken könnten. Dafür haben sie die sogenannte Achse des Widerstands aufgebaut."
Außerdem:
Maxim Biller hat für die
Zeit eine Erzählung geschrieben, "Abigails Zähne", die an die am 7. Oktober ermordete israelische Friedensaktivistin
Vivian Silver erinnert.