9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2020 - Kulturpolitik

Im Interview mit der FR erklärt Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Milliardenhilfen für Soloselbständige und Kleinunternehmer, setzt aber auch auf das Prinzip Hoffnung: "Zunächst einmal hoffe ich, dass doch alle überleben - egal ob der Sologeiger, die Malerin oder der Schriftsteller, die Kinobetreiber, Musikclubs, Buchhändler, Galeristen und Verleger. Ich denke, dass manche schöpferische Kraft in dieser Situation sogar neuen Schwung bekommen kann. Überdies haben digitale Vermittlungsformen gerade richtig Konjunktur. Diese vielen neuen Ideen im Netz hätten wir mit noch so schlauen Programmen gar nicht stimulieren können. Und schließlich habe ich den Eindruck, dass jetzt sehr viele den Stellenwert von Kultur unmittelbar begriffen haben. Sie ist eben kein Standortfaktor und kein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten leistet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2020 - Kulturpolitik

Für viele Branchen bedeutet die Corona-Krise einen Einnahmeausfall, der ihre Existenz in Frage stellt. Im VAN Magazin beschreibt Hannah Schmidt die Lage für Musiker: "Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) hat vergangenen Freitag einen 'Leitfaden für Freischaffende' veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: 'Versuchen Sie, sich auf eine Verschiebung des Veranstaltungstermins zu einigen' und, falls das nicht gehe, 'vertraglich vereinbarte Ausfallhonorare geltend' zu machen oder 'diese nachträglich mit dem Veranstalter auf Kulanzbasis zu vereinbaren.' Das Problem: Häufig gibt es gar keine Verträge, in denen so eine Klausel stehen könnte, und falls doch, befinden sich viele Freie gar nicht in der Position, diese Verträge mit auszuhandeln."

Für die FAZ unterhält sich Thomas Schmoll mit der Konzertagentin Jutta Adler, die Kulturministerin Monika Grütters und den Berliner Kultursenator Klaus Lederer scharf kritisiert: "Wir haben vergangene Woche aus den Medien von den Absagen gehört. Das Orchestre National du Capitole de Toulouse wandte sich sofort an uns mit der Bitte, eine offizielle Absage des Senats vorzulegen, damit das Management in Frankreich gebuchte Flugtickets und Hotels stornieren kann... Wir haben an Kulturstaatsministerin Grütters und an Berlins Kultursenator Lederer geschrieben und die Lage erklärt. Immerhin bestätigten sie den Eingang. Mehr kam aber nicht."

Auch Sascha Lobo geht in einer Wutrede über eine jetzt grassierende "Vernunftpanik" bei Spiegel online auf die Lage der Freien ein - und erwähnt dankenswerter Weise, dass das Problem keineswegs nur die kulturelle oder Mediensphäre betrifft: "Es rächt sich, dass noch immer die deutschen Sozialsysteme auf die Festanstellung als Maß aller Dinge ausgerichtet sind. Nur leider rächt es sich faktisch nicht bei den Verantwortlichen, sondern bei den Solo-Selbstständigen, die von Veranstaltungen, Kunst, Kultur, Gastronomie und Arbeit in einer Vielzahl anderer, temporär stillgelegter Branchen leben. Nicht alle werden die Coronakrise überleben, das gilt auf bitterste Weise physisch wie wirtschaftlich." Nebenbei staunt Lobo, "wie schnell sogar sich als liberal bezeichnende Leute bereit sind, ausnahmslos jede Grundrechtseinschränkung klaglos hinzunehmen, wenn sie bloß glauben, es diene der größeren Sache".

Auch die Nachtkritik alarmiert: "Die Corona-Krise bringt die freie Kulturberichterstattung genauso in Not wie die freien Künstler*innen. Uns bricht derzeit mehr als die Hälfte unserer Einkünfte weg." In der Berliner Zeitung berichtet Annika Leister, dass der Berliner Senat unbürokratische Hilfe leisten wolle: 15.000 Euro pro Solo-Selbständigen.

Buchhandlungen sind weitgehend geschlossen, Klopapier hat Bücher bei Amazon als wichtigste Warengruppe abgelöst, Verlage schieben Titel auf, die im April erscheinen sollten, berichtet Felix Stephan in der SZ und befürchtet, dass sich die Krise vor allem auf kleine Buchhandlungen auswirken wird: "Die großen Buchhandelsketten könnten die insolventen unabhängigen Buchläden ohne größere Widerstände schlucken, ihre Vertriebsmacht gegenüber den Verlagen auf diese Weise weiter stärken, deren Margen weiter drücken".

Weitere Artikel: Für die SZ hat sich Peter Laudenbach in der freien Theaterszene umgehört, viele freie Bühnen fürchten um ihre Existenz und auch die Solidarität der Stadttheater mit ihren freien Mitarbeitern ist begrenzt, erfährt er: "Ein großes, hoch subventioniertes Stadttheater in Nordrhein-Westfalen beispielsweise wollte Gastschauspielern für Vorstellungen, die wegen der Schließung der Bühnen abgesagt wurden, nur die Hälfte der vertraglich vereinbarten Gage bezahlen." Ebenfalls in der SZ macht Catrin Lorch auf die Situation von in Berlin lebenden, ausländischen Künstlern aufmerksam: "Wer nicht aus Europa stammt, sondern beispielsweise aus Neuseeland oder Ghana, muss für die Aufenthaltserlaubnis ein Einkommen nachweisen". Michael Stallknecht schreibt zur Situation freier Musiker.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2020 - Kulturpolitik

Auch die Soros Foundation will jetzt die Rückgabe "kolonialer Objekte" (ein Begriff, der sich sehr weit fassen lässt) finanziell unterstützen.  Davon, dass die europäischen Museen nicht entleert werden sollen, wie Benedicte Savoy noch behauptet hatte, ist keine Rede mehr. Im Gegenteil, erfährt man aus einem Interview der SZ mit dem Präsidenten der Stiftung, Patrick Gaspard, der mit Blick auf die Rückgabe der Säule von Cape Cross durch das DHM an Namibia erklärt: "Indem Deutschland diese Säule zurückgegeben hat, hat es gesagt: Hier ist Unrecht geschehen in deutschem Namen, und dieses Unrecht muss korrigiert werden. Damit ist ein Präzedenzfall geschaffen. Dieses eine Objekt steht in unmittelbarer Verbindung zu Tausenden anderen in den Kellern deutscher Museen. Bisher läuft der Prozess sehr langsam, aber wir werden solche Modelle nützen, um ihn auf Overdrive zu stellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2020 - Kulturpolitik

Das Coronavirus macht auf die "krassen Ungleichheiten" des Kulturmarktes aufmerksam, schreibt Tobi Müller auf Zeit Online: "Wer mit einem Stadttheater zusammenarbeitet oder einer anderen großen öffentlichen Institution, besitzt in der Regel einen Vertrag. Und wer denkt, es sich erlauben zu können, handelt eine Klausel für Absagen aus, die die Höhe der Ausfallhonorare regelt. Doch die meisten Kreativschaffenden kommen gar nie in die Position, Verträge auszuhandeln. Und noch schlimmer: 'Die meisten Musikerinnen zum Beispiel haben keine finanziellen Rücklagen', sagt Katja Lucker, Geschäftsführerin des Musicboard Berlin, einer landeseigenen Förderanstalt."
Stichwörter: Coronavirus, Ungleichheit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2020 - Kulturpolitik

Das Coronavirus betrifft das Kulturleben besonders hart. "Von der Diva bis zum Souffleur und hin zu den studentischen Kräften an der Garderobe wird es empfindliche Verdienstausfälle geben", befürchtet Petra Kohse in der Berliner Zeitung. Aber:  "In allerschönster zuverlässigster Landesmuttermanier hat sich die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters (CDU) dazu jetzt auch schon geäußert: 'Künstler und Kultureinrichtungen können sich darauf verlassen, gerade mit Blick auf die Lebenssituationen und Produktionsbedingungen der Kultur-, Kreativ- und Medienbranche: Ich lasse sie nicht im Stich!'"

Letztlich musste auch die Lit.Cologne nur wenige Stunden vor der Eröffnung abgesagt werden, auch die Theater, Opern und Konzerthäuser schließen reihenweise, meldet Peter Kümmel in der Zeit und fragt ebenfalls: "Wie lang können sich Bühnen halten, die auf bezahlende Zuschauer angewiesen sind?" Einige Häuser haben sich derweil entschlossen, ihre Veranstaltungen zu streamen, meldet der Tagesspiegel. Die Absage der Leipziger Buchmesse ist für die kleinen Verlage eine "Katastrophe", meint Thomas Schmoll auf Zeit Online, der mit kleinen Verlegern wie Björn Bedey, Geschäftsführer der Hamburger Verlagsgruppe Bedey Media gesprochen hat.

Hannah Bethke beobachtet indes in der FAZ: "Diese Gesellschaft hat keine Erfahrung mit Mangel und erzwungener Enthaltsamkeit. Und sie zeigt nicht gerade ihre besten Seiten, wenn sie auf die neue Situation mit Verschwörungstheorien, irrationaler Angst und egoistischen Hamsterkäufen reagiert. Der Umgang mit dem Coronavirus demonstriert mehr als jeder Massenansturm auf ein begehrtes Konsumobjekt, wie sehr die Gesellschaft den Kapitalismus einverleibt und mit ihrer Identität verknüpft hat - und wie hilflos sie schon dasteht, wenn das System nur vorübergehend löchrig wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2020 - Kulturpolitik

In der FAZ berichtet Maren Lübbke-Tidow über das Tauziehen um das geplante Deutsche Institut für Fotografie in NRW. Während Monika Grütters noch mit Experten beriet, hatten ein Verein um Andreas Gursky und die Landesregierung NRW bereits Pflöcke geschlagen: die Aufgaben definiert, Düsseldorf als Standpunkt definiert und Geld beim Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages locker gemacht. Es geht also nicht mehr nur um Sachfragen. Doch Grütters' Kommission um den Kurator Thomas Weski hat jetzt "klug gearbeitet", meint Lübbke-Tidow, die dabei war, als man ein Konzept vorlegte, das Essen als Standpunkt vorschlägt, wo das Ruhrmuseum, das Museum Folkwang, die Folkwang Universität der Künste und das Historische Archiv Krupp künftig enger zusammenarbeiten wollen.

Für die SZ hat sich Jörg Häntzschel über die Pläne der Grütters-Kommission gebeugt: "Auch zum Düsseldorfer Konzept, das eine Gruppe um Andreas Gursky, dem bekanntesten Vertreter der 'Düsseldorfer Schule', entwickelte, nehmen Weski und die anderen Autoren Stellung. Es binde 'die Arbeit der Einrichtung an den Erhalt von Kunstwerken einiger ausgewählter Fotografinnen und Fotografen'. Außerdem sei das Budget von 83 Millionen, auf das sich Bundestag und NRW geeinigt haben, aus der Luft gegriffen." Mehr zum Thema in unserem Fotolot von Peter Truschner.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2020 - Kulturpolitik

In Frankfurt streitet man weiter darüber, ob es wirklich richtig ist, die Frankfurter Bühnen, die renoviert werden müssten, gleich ganz abzureißen und an anderer Stelle neu zu bauen. Vielleicht sollten die Frankfurter mal nach Darmstadt gucken, schlägt Niklas Maak in der FAZ vor: "Dort hat die Ertüchtigung des Theaters nur siebzig Millionen Euro gekostet - nicht nur weil es kleiner ist, sondern weil der Architekt Arno Lederer klug improvisiert hat. Auch Lederer betont, dass man zur Erklärung der Kostenexplosion im Theaterbau nicht allein auf Bauvorschriften verweisen darf - sondern oft auch maßlose Anforderungen an die Bühnentechnologie die Sanierung von Theatern so kostspielig machten: Was man etwa in Stuttgart gerade versuche, sei so, als ob man einen dicken Sechszylinder in einen VW Käfer hineinstopfen wollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2020 - Kulturpolitik

Trotz des 2016 verabschiedeten neuen Kulturgutschutzgesetzes ist Deutschland immer noch eine Drehschreibe für den Handel mit antiker Kunst aus illegalen Grabungen, lernt Jörg Häntzschel (SZ) aus einer von der Kulturstiftung der Länder herausgegebenen Studie: "Von gut 6000 antiken Stücken aus dem östlichen Mittelmeerraum, die in einem Zeitraum von zwei Jahren in Deutschland angeboten wurden, erfüllten nur 2,1 Prozent die geltenden Vorschriften für den Handel in Deutschland. Bei manchen Herkunftsländern lag der legale Anteil noch erheblich niedriger, bei Stücken aus dem Irak etwa waren es nur 0,4 Prozent. Und auch der Anteil an Fälschungen ist extrem hoch: Bei mehr als die Hälfte der Stücke handelte es sich laut den Experten um mehr oder weniger gut gemachte Imitationen."

In Deutschland und ganz besonders in Berlin gibt man sehr viel Geld für Museumsbauten aus, aber hat dann nicht mehr genug, sie überzeugend zu bespielen. Um die Museen wieder in die Gesellschaft zu holen, sollten sie aber zum Beispiel auf Eintrittspreise verzichten, meint Laura Helena Wurth in der FAZ: "In der Londoner Tate beispielsweise gibt es keinen Eintritt. Die ständige Sammlung ist da, wo sie hingehört: unter den Menschen, mitten im Leben. Man kann die Institution als Treffpunkt nutzen oder nach der Arbeit mal eben vorbeischauen und ausprobieren, wie sich verschiedene Werke in verschiedenen Stimmungen verhalten. Man kann dort das tun, was eigentlich nur Sammlern vorbehalten ist: Zumindest ein Stück weit mit den Werken leben und sie in seinen Alltag einbinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2020 - Kulturpolitik

Ijoma Mangold unterhält sich in der Zeit mit den vier wichtigsten Leitern von Museen im künftigen Humboldt Forum, wo allumfassend deutsche und europäische Schuld am Kolonialismus thematisiert werden soll (Mangold spricht von einer "einer zweiten Schuldkultur"). Wie komplex es sich mit den Exponaten verhält, zeigt eine Erzählung von Lars-Christian Koch, dem Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst: "Wir waren in Costa Rica bei den Boruca, von denen wir zwei Masken aus dem Jahr 1906 haben. Die wollen sie gerne zurückerhalten, weil sie keine mehr besitzen. Also sind wir vor Ort gewesen und haben einfach erst einmal gefragt: Warum? Was steckt dahinter? Die Masken sind damals extra für den Verkauf hergestellt worden. Man hat aber dort keine Exemplare zurückbehalten. Das eigentliche Interesse war nicht so sehr, die Objekte zurückzubekommen, sondern sich das Wissen wieder anzueignen, um sie nachbauen zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2020 - Kulturpolitik

Im Gespräch mit FAZ-Redakteuren Patrick Bahners und Andreas Kilb streiten die Ethnologin Nanette Snoep und Hermann Parzinger von der Preußen-Stiftung über die Frage der Rückgabe. Soep sagt: "Kolonialismus ist ein Unrecht, und solange man die Kolonialzeit tatsächlich als Unrecht betrachtet, ist jeder Erwerb in einem Kontext von ungleichen Machtverhältnissen passiert." Parzinger antwortet: "Ich sehe keinen Gegensatz darin, zu sagen, der Kolonialismus war Unrecht, und zugleich festzustellen, dass Restitutionen nicht die einzige Lösung sind. Oft erkennen wir erst in der Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften, was in den Objekten eigentlich steckt. Wenn man dann begreift, wie bedeutend diese Dinge für Communities sind, kann man auch an Rückgaben denken."