Der Begriff "Ressentiment" hat besonders unter Linken Konjunktur und unterstellt den meisten Menschen, ihren Emotionen nicht Ausdruck zu verleihen und im Affekt zu handeln, schreibt der Historiker Jürgen Grosse in der NZZ. Dass dieser Vorwurf die Linken selbst trifft, bemerkt diese nicht. "Täter der Ressentimentpolitik wie Opfer des Ressentimentverdachts agieren unter derselben kulturellen Konstellation. In ihr sind bestimmte Gefühle als moralisch unzulässig markiert. Das läuft oft auf Begriffsverschiebungen hinaus, wie die Beispiele des als 'gerecht' akzeptierten Zorns und des durchweg mit Sanktionen belegten Hasses zeigen. Deutliche Akzentwechsel gab es auch im - ursprünglich ja positiven - Wortsinn von 'Wutbürger' und 'Querdenker'. Derzeit am stärksten ist der Trend, gewisse Affektausdrücke generell moralisch zu canceln und juristisch zu ahnden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ausführlich setzt sich der Publizist Robert Levine in Zeit online mit Ta-Nehisi Coates' antiisraelischem Pamphlet "The Message" auseinander (unsere Resümees). Coates behauptet darin, der Konflikt in Israel sei nicht kompliziert, die Palästinenser seien die Opfer, es sei alles genauso wie mit den Schwarzen in Amerika. Levine ist geduldig mit Coates, aber im Grunde reicht ein Satz, ihn zu erledigen: "Der beste Weg, um den israelisch-palästinensischen Konflikt zu verstehen, besteht darin, ihn wirklich verstehen zu wollen - und nicht zum simpelsten und vernichtendsten Vergleich zu greifen, der einem einfällt." Selbst die New York Timesbrachte neulich einen eher kritischen Artikel von Pamela Paul über Coates. Sowohl Paul als auch Levine empfehlen als Gegengift zu Coates Hantieren mit dem Vorwurf des "Siedlerkolonialismus" ein Buch des Dichters und Kritikers Adam Kirsch: "On Settler Colonialism: Ideology, Violence, and Justice".
In der Welt skizziert der Philosoph Leander Scholz den Siegeszug und schließlich das Scheitern der postmodernen Linken an ihrer Bürokratisierung: "Stand am Beginn der Postmoderne die Suche nach einer Alternative zur modernen Philosophie der Identität, ist die postmoderne Linke heute bei einer Identitätspolitik angekommen, die aus jedem Sprechakt ein Bekenntnis zur Gruppenidentität macht. Mit dem Umschlagen von Differenz in Identität endet die Postmoderne dort, wo die Identitären schon seit geraumer Zeit ihr politisches Lager aufgeschlagen haben. Das ist die Rache der Dialektik an ihrer Missachtung."
Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Liliane Weissberg, die die Ausstellung "Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert" kuratiert hat, bestätigt im Zeit-Interview, dass tatsächlich viele Aufklärer eine patriarchale Haltung und rassistische Tendenzen hatten. Dass die Aufklärung aber eine rein eurozentristische Bewegung war, wie der Vorwurf vieler Postkolonialisten lautet, ist schlichtweg falsch: "Auch der südindische Herrscher Tipu Sultan verstand sich als Aufklärer. Oder denken Sie an Anton Wilhelm Amo, der als 'Hofmohr' nach Preußen kommt, in Wittenberg promoviert wird und dann nach Westafrika zurückgeht. Die Aufklärung beförderte einen weit über Europa hinausreichenden Dialog. Nicht zu vergessen die Haitianische Revolution 1791 bis 1804. Da eigneten sich Versklavte die Ideale der Französischen Revolution an, um sich von der Kolonialherrschaft zu befreien. Die Dinge liegen nun mal kompliziert."
Passend dazu erzählt im FR-Interview mit Michael Hesse die Philosophin Susan Neiman von der Ausstellung "Die Macht der Aufklärung - Walking with Kant", die sie mit dem Künstlerpaar Saskia Boddecke und Peter Greenaway organisiert hat. Darin geht es um die Aktualität der Aufklärung, Kant "spricht" aber auch selbst zu den Besuchern. "Er spricht zum Publikum und erzählt, dass er Fehler gemacht hat, dass er auch rassistisch war, dass er sexistisch war, dass er aber trotzdem Ideen in die Welt gebracht hat, ohne die wir nicht weitergekommen wären in den Kämpfen gegen Rassismus und Sexismus. Das war eine sehr einprägsame Darstellung. Kant wirkte in dieser Darstellung leichter, mit all seinen Fehlern, was ihn zugänglicher machte."
In der FAZ warnt der Schriftsteller Alexander Estis davor, den Populismus-Begriff aufzugeben, der laut Estis den Rechten erst zum Erfolg verholfen habe: "Im Rechtspopulismus wird das Volk hinter jener angeblichen Vox populi ethnokulturell, national oder völkisch umgrenzt. Dergestalt fließen, wie die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung mehrfach belegen konnten, Populismus und Rechtsextremismus bei der AfD zusammen. Es bietet sich insofern an, von rechtsextremistischem Populismus oder, wie für die österreichische FPÖ vorgeschlagen, autoritärem Populismus zu sprechen. Wer demgegenüber den Populismusbegriff gänzlich aufgeben will, missachtet den wissenschaftlichen state of the art und begibt sich einer wesentlichen Analysedimension. Nicht nur kann dies eine Einbettung einzelner Parteien in internationale rechtspopulistische Komplexe und Kontexte erschweren. Nicht nur verschwimmen so die Ähnlichkeiten mit linkspopulistischen Argumentationsstrategien. Sondern vor allem wird damit schwer verständlich, wie sich Autoritäre immer wieder als die eigentlichen Demokraten gerieren können - wenn sie doch reine erklärte Extremisten sind."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die SZ bringt die Rede der Soziologin Eva Illouz, die auch ein neues Buch veröffentlicht hat, anlässlich der Verleihung des Aby-Warburg-Preises in Hamburg. In der Rede spricht sie über die vielen Intellektuellen, die ausgerechnet beim Thema Nahost die Komplexität nicht sehen wollen und Israel prinzipiell als Schuldigen ausmachen: "Obwohl Israel durch die Besatzung zunehmend den abstoßenden Charakter eines Siedlerkolonialismus annimmt, ist das dekoloniale Narrativ ungeeignet, um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu erklären." So sei der Zionismus "eine Form des Nationalismus" gewesen, mit der im antikolonialem Stil Selbstbestimmung erkämpft wurde: "Wenn, wie einige dekoloniale Denker behaupten, die Shoah eine Ausformung des Kolonialismus war, war der jüdische Staat eine plausible antikoloniale Antwort. Der Zionismus war auch kein Projekt wirtschaftlicher Ausbeutung, was sonst als Hauptmotiv des Kolonialismus gilt. Tatsächlich bewirkte der Zionismus das Gegenteil: Er erlegte den frühen Siedlern auf, das Land zu bearbeiten und Bauern zu werden. Die vielen Sozialisten und Kommunisten unter ihnen lehnten die Ausbeutung arabischer Arbeitskräfte ab. Und schließlich war der Zionismus antirassistisch, denn sein Ziel war die Befreiung der Juden von Verfolgung und nie endendem Rassismus. Zwischen 1939 und 1950 nahm Israel fast eine Million Flüchtlinge aus Europa und den arabischen Ländern auf."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nach anti-aufklärerischen Tendenzen sollte man zuerst immer in seinem Milieu schauen, erklärt der Philosoph Wolfram Eilenberger, der vor Kurzem das Buch "Geister der Gegenwart" veröffentlicht hat, im Zeit Online-Interview mit Nils Markwardt. "Die Positionen von Foucault, Adorno, Feyerabend und Sontag waren nicht deshalb so interessant, weil sie jene autoritären Strömungen ablehnten, die es auch schon damals gab, sondern weil sie die eigenen Milieus mit Widersprüchen konfrontierten und sich gegen die Vorstellung verwehrten, man selbst würde automatisch immer auf der richtigen Seite, am besten noch 'der Geschichte' stehen. Man musste Foucault nicht erklären, dass es schrecklich ist, wenn Menschen zu Zwangsarbeit verurteilt werden oder Homosexuelle auf offener Straße zu Tode geprügelt. Wer zur Festigung solchen Empfindens eigens einer liberalen Theorie bedarf, dem ist als Mensch ja sowieso nicht mehr zu helfen. (...) Oder anders gesagt: Bevor man sich fragt, ob man auf der richtigen Seite steht, sollte man sich erst einmal fragen, wo man überhaupt steht. Was die eigene Gegenwart ist und von welcher Position aus man in ihr das Wort ergreift. Verkörpert man wirklich jene Tugenden der Aufklärung, die man anderen abspricht?"
Noch vor dem denkwürdigen Podcast mit dem Komiker Trevor Noah (unser Resümee) gab der amerikanische Intellektuelle Ta-Nehisi Coates dem Sender CBS ein Interview, wo er darüber spekulierte, ob Archäologen, "die in Israel Artefakte aus der biblischen Zeit zutage gefördert haben, diese gefälscht haben", schreibt Hannes Stein in der Welt. Das ließ der zum Judentum übergetretene Interviewer Tony Dokoupil nicht unkommentiert. "Er nannte die Meinungen von Ta-Nehisi Coates extremistisch und fragte ihn, ob Israel seiner Meinung nach überhaupt ein Lebensrecht habe. (...) Das CBS-Interview hatte ein interessantes Nachspiel: Tony Dokoupil musste sich einem hochnotpeinlichen Sensitivitätstraining unterziehen. Bei einer Konferenz, so heißt es, habe er Reuetränen vergießen müssen, um seinen Job zu behalten. CBS entschuldigte sich im Nachhinein für das Interview: Es habe nicht den Standards des Fernsehsenders entsprochen. Worin genau nun eigentlich Dokoupils Vergehen bestand, wurde in dem Statement aber nicht ausgeführt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die britische Essayistin Olivia Laing denkt in ihrem neuen Buch "Everybody - Warum unser Körper politisch ist" über Beziehungen einiger Autoren, aber auch politischer Aktivisten wie Malcom X zu ihrem Körper nach. Im Gespräch mit Sylvia Staude von der FR fordert sie, das Denken neu im Körper zu grundieren, und erklärt, warum sie soziale Medien deshalb heute problematisch findet: "Meine Gefühle den sozialen Medien gegenüber haben sich sehr verändert in den vergangenen zehn Jahren. Als ich 'The Lonely City' geschrieben habe, dachte ich noch, das seien positive Orte, in denen man in Kontakt treten kann. Jetzt denke ich, ein Grund, warum sie so gefährlich sind, ist, dass sie körperlos sind, dass sie keine Körper einbeziehen. ... Menschen sprechen dort miteinander, wie sie es nie täten, wenn sie zwei Körper in einem Raum wären - wegen des sozialen Umfelds und der Vorsicht, die herrscht, wenn wir mit einem anderen Menschen zusammen sind."
Ganz feierlich wird der amerikanische Intellektuelle Ta-Nehisi Coates, der gerade ein anti-israelisches Buch veröffentlicht hat (unser Resümee), in einem Gespräch mit zwei ergriffenen Gesprächspartnern (einer von ihnen ist der südafrikanische Komiker Trevor Noah). Wäre er in dem "Freiluftgefängnis" Gaza aufgewachsen, dann könne er nicht für sich garantieren, sagt er: Man stelle sich vor, "ich wachse unter dieser Unterdrückung und dieser Armut auf und die Mauer bricht ein. Bin ich auch stark genug oder sogar so gebaut, dass ich sage, das geht zu weit? Ich weiß nicht, ob ich das bin." Hier das Video.
Ta-Nehisi Coates suggests he's not above taking part in an October 7-style attack: "And I grow up under that oppression and that poverty and the wall comes down. Am I also strong enough or even constructed in such a way where I say this is too far, I don't know that I am." pic.twitter.com/KTXALjCyM2
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Soziologe Stefan Müller-Doohm und der Philosoph Roman Yos, die einen Gesprächsband mit Jürgen Habermas herausgegeben haben, unterhalten sich im FR-Gespräch mit Michael Hesse über Positionen des Philosophen zu verschiedenen Themen. Yos geht etwa auf Habermas' Bild des "abgehängten Wählers" ein: "Habermas geht davon aus, dass die strukturell bedingten Krisendynamiken im wachsenden Maße bedrohliche Dimensionen annehmen, insbesondere der fortschreitende Klimawandel, die Risiken der Großtechnologie, die militärischen Ungleichgewichte und Konflikte sowie die gefährlichen Strategien globaler Finanzmärkte. Auch der von Ihnen angesprochene Komplex, in den das Erstarken der AfD gehört, ist für ihn nach wie vor eine wichtige Denkbaustelle. Was aus der Demokratie wird, ist eine seiner Hauptsorgen. Befinden wir uns möglicherweise inmitten eines schleichenden Abstiegs, den man am Zustand der westlichen Demokratien und deren gegenwärtigen Reaktionsweisen ablesen kann? Für Habermas hängt das alles zusammen. Trotz aller Sorge, so Habermas, gelte es diese Entwicklungen erst einmal besser zu verstehen. Er ist der Meinung, dass wir in Sachen Populismus noch nicht wirklich zum Kern des Verständnisses durchgedrungen sind."
In der Welt rechnet die Kulturwissenschaftlerin Monika Albrecht mit den postkolonialen Studien ab: Der gegenwärtige linke Antisemitismus sei bereits in der Theorie angelegt, meint sie, etwa mit Blick auf Edward Saids "Orientalismus", das auf der Idee basiere, dass "nur 'der' Westen sich seine 'Anderen'" schaffe - "analoge Konstruktionen des Westens durch Gesellschaften 'des' Globalen Südens oder Ostens gibt es im postkolonialen Denken bis heute nicht." Auch Thomas Kleine-Brockhoff, neuer Direktor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, teilt im Tagesspiegel aus gegen den Postkolonialismus: Der globale Süden sei "selbst voll von Doppelstandards", schmiede aber "den Vorwurf der Doppelstandards zu einer Waffe gegen den Westen …, um seine eigenen Interessen durchzusetzen", meint er: "Wenn Israel auf der Jagd nach Terroristen, Geiselnehmern und genozidalen Milizionären auch palästinensische Zivilisten tötet, und zwar unbestritten viel zu viele, dann ist der Aufschrei aus dem globalen Süden groß. Aber wo war denn der Aufschrei desselben globalen Südens, als Baschar al Assad in Syrien seine muslimischen Landsleute massenhaft abschlachtete?"
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