Jürgen Habermas

"Es musste etwas besser werden …"

Gespräche mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos
Cover: "Es musste etwas besser werden …"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518588192
Gebunden, 253 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

In diesem Buch gibt Jürgen Habermas Auskunft - über die Motive seines Denkens, die Umstände, unter denen es sich entwickelte, und die Veränderungen, die es im Lauf der Jahrzehnte erfuhr. Er erzählt vom Entstehungsprozess seines Werks, von wegweisenden Lektüren und prägenden kollegialen Begegnungen. So entsteht das Bild eines reichen Beziehungsgeflechts, das sich über große Teile der intellektuellen Landkarte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart erstreckt. Im Rückblick auf zahlreiche Stationen seines Denkwegs spricht Habermas unter anderem über seine generationsspezifische Ausgangssituation, über Schlüsselerlebnisse mit seinen akademischen Lehrern, über zeitgeschichtliche Tendenzen und politische Überzeugungen sowie die eigenen wissenschaftlichen Arbeiten und deren Rezeption. An sein jüngstes Großwerk Auch eine Geschichte der Philosophie anschließend, werden außerdem zentrale Begriffe und argumentative Strategien aus dem Habermas-Kosmos aufgerufen und kritisch verhandelt. Und immer wieder wird deutlich, worum es diesem Philosophen im Grundsatz geht: um "die Begründung des Quäntchens Vernunftvertrauen und der Pflicht zum Gebrauch unserer Vernunft".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2024

Rezensent Christian Geyer erfährt aus dem Band mit Gesprächen zwischen Jürgen Habermas und Stefan Müller-Dohm und Roman Yos, wie Habermas sich mit Freud die Aufdeckung von "Verdeckungszusammenhängen" in der Gesellschaft zum Lebensprojekt machte. Habermas' Maxime von der Erkenntnis als von einem nicht endenden, diskursiven Prozess wird für Geyer in dem Interviewband mit seinen Nachträgen erkennbar, indem Habermas von Lektüren und Begegnungen berichtet. Dass der Name Adorno im Zusammenhang mit Freud nicht fällt, wundert Geyer. Dafür bedeutet Habermas "andere gedankliche Herkünfte" mit Hinweisen auf die Freud-Vorlesungen Mitscherlichs und Horkheimers, so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.10.2024

Habermas plaudert hier aus der Schule, verspricht Michael Köhler, aber "Anekdotisches fehlt gänzlich", törnt er dann auch gleich ein bisschen ab. Die beiden Autoren - Müller-Doohm hat die maßgebliche Habermas-Biografie geschrieben - befragen ihn in offenbar recht respektvollem Duktus, das Buch sei "eine Messe, ein Kniefall", so Köhler. Das heißt aber nicht, dass er mit dem Gesprächsband unzufrieden wäre. Für ihn spiegelt sich hier der nüchterne, aber fortschrittszugewandte Geist der frühen Bundesrepublik, die sich auch bis zu einem gewissen Grad zum Westen öffnet, "und meine Generation, sage ich nicht ganz ohne Stolz, hat dafür die Türen geöffnet", so zitiert Köhler Habermas. Köhler sieht Habermas als Neukantianer und Pragmatiker, den Drive und den Glamour der Remigranten um Adorno bring er nicht mehr mit, aber dieser Pragmatismus, macht Köher deutlich, wurde in der Bonner Republik auch gebraucht: "Wir sind es, die uns zusammenrappeln müssen", so ein weiteres Zitat von Habermas in der Kritik. Das Buch ist nichts für philosophisch zarte Seelen, besser ist es man bringt ein paar Voraussetzungen mit, so der Rezensent noch, aber dann ist es gewinnbringend.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.09.2024

Eigentlich sollte es in dem Gespräch zwischen Jürgen Habermas und seinen Interviewern Stefan Müller-Doohm und Roman Yos um das Denken des großen Denkers und um dessen Entwicklung durch verschiedene Zu- und Einflüsse gehen, weiß Rezensent Thomas Ribi. Doch der 95-jährige Philosoph und Soziologie durchkreuzt die Pläne seiner Gesprächspartner und kommt immer wieder von den "Höhen der Theorie" auf den "Boden der Politik" zurück. Und wenngleich er sich freiwillig, mit Bestimmtheit wiederholt dorthin begibt, vor allem über den Krieg in der Ukraine spricht, so scheinen seine Denkbewegungen hier sehr viel weniger logisch als in luftigen Höhen, ja geradezu "erratisch", stellt Ribi fest. So zieht Habermas historische Parallelen, die sich beim genaueren Hinsehen als äußerst krumm erweisen, ergeht sich in Schreckbekundungen, formuliert illusorische Hoffnungen, und widerspricht sich nicht selten selbst. Doch je länger der Rezensent den Erörterungen Habermas' folgt, desto mehr kann er dessen Haltung und seine Hintergründe nachvollziehen - dass einer, der den Zweiten Weltkrieg selbst miterlebt hat, ganz vom Schrecken darüber erfüllt ist, wie schnell Gewalt wieder "als unausweichlich akzeptiert" werde zum Beispiel, scheint dem Rezensenten durchaus verständlich - vielleicht sogar als eine wichtige, nicht zu vernachlässigende Perspektive?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.09.2024

In zwei Teile zerfällt dieser Band, der auf Gesprächen Stefan Müller-Doohms und Roman Yos' mit Jürgen Habermas basiert, laut Rezensent Thomas Meyer: Acht Seiten widmen sich, in Form einer unglücklich betitelten "politischen Abschweifung", dem Krieg in der Ukraine, der Rest widmet sich Habermas' gesamtem intellektuellen Wirken. Diesen anderen, deutlich größeren Teil bespricht Meyer weitgehend positiv: Wieder einmal präsentiert sich Habermas hier, freut sich der Rezensent, als ein Denker, der bereit ist, seine eigenen Gedanken auch in Auseinandersetzung mit seinen Kritikern zu hinterfragen. Außerdem macht das Buch Meyer zufolge deutlich, dass Habermas weder ein Dauernörgler noch ein besserwisserischer Demokratielehrer ist, sondern schlicht und einfach ein dem Westen verpflichteter Realist der freundlichen Sorte, der nicht aufhören möchte, an das Gute im Menschen und in der Geschichte zu glauben. Um so mehr ärgert sich der Rezensent über die oben erwähnten acht Seiten zum Ukrainekrieg, die inhaltlich nichts Neues bringen - Habermas plädiert für eine Unterstützung des angegriffenen Landes mit Augenmaß und dafür, das Erschrecken vor dem Krieg nicht zu verlernen. Was Meyer hingegen vermisst, sind Gedanken dazu, was es heißt, wenn eine Nation aufgrund Putins Aggression wieder den Wert des Militärischen erlernen muss. Habermas' eigenes Werk bietet hier, findet Meyer, genug Anschlussmöglichkeiten. Bleibt zu hoffen, schließt die Rezension, dass Habermas in Zukunft mit Blick auf die Ukraine von sich selbst lernt.

Buch in der Debatte

9punkt 31.08.2024
Mark Siemons gibt in der FAS einen Ausblick auf den Habermas-Gesprächsband, der nächste Woche im Suhrkamp-Verlag erscheint. Siemons will vor allem wissen, was es mit der Haltung des Philosophen zum Ukraine-Krieg auf sich hat. Für seine Forderung nach Verhandlungen kurz nach dem russischen Einmarsch, wurde er heftig kritisiert. Abgerückt ist er von ihr immer nicht - ist das "Altersstarrsinn" oder "Prinzipienreiterei? Nein, so Siemons, und schlüsselt Habermas' Argumente genauer auf. Unser Resümee

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