Die geplante
Bundestagsresolution "Nie wieder ist jetzt" zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland (
hier der volle Text) löst den entschiedenen Widerspruch einer besonders universitär verankerten Szene aus, die vor allem gegen den Bezug auf die
IHRA-Antisemitismus-Definition agiert - denn hier wird ausdrücklich auch israelbezogener Antisemitismus eingeschlossen. Für heute hat eine Gruppe um
Susan Neiman und
Barbara Stollberg-Rillinger gar eine Pressekonferenz zum Thema
anberaumt: Zur Resolution heißt es "Die vorliegende Fassung fand unter Ausschluss der Fraktionsmitglieder statt und ignoriert die monatelange
reiche zivilgesellschaftliche Debatte, in der Juristen, jüdische Intellektuelle, israelische Menschenrechtsorganisationen, Kulturschaffende und Wissenschaftler aufgezeigt haben, warum der Resolutionsentwurf die
Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland bedroht und Grundrechte gefährdet." Die Gruppe bezieht sich auf einen Gegenentwurf zur Resolution, die den Verweis auf aktuelle Formen des Antisemitismus stark dämpfen möchte (unser
Resümee).
Im
FR-Interview mit Michael Hesse
führt die Publizistin
Kathrin Helberg aus, warum die geplante Resolution ihrer Meinung nach ein Instrument ist, "kritische Stimmen zum Schweigen" zu bringen und "Kunst- und Wissenschaftsfreiheit einzuschränken". Wie neulich Stephan Detjen im
Deutschlandfunk (unser
Resümee) ist sie sich sicher: dahinter steckt eine "
Lobby", die sie allerdings nicht als "pro-israelisch" bezeichnen möchte: "Denn sie dient - bewusst oder unbewusst - nicht den Interessen Israels als Demokratie und Rechtsstaat, sondern den
rechtsradikalen und messianischen Kräften, die eine
ethnonationalistische Vision von Groß-Israel verfolgen und auch in Netanjahus Regierung vertreten sind. In den USA und Großbritannien wird diese Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger von Medien recherchiert und kritisch hinterfragt, in Deutschland bislang nicht. Dabei wäre das wichtig. Denn wenn die Sicherheit Israels deutsche Staatsräson ist, bedeutet das auch, Israel vor seinen
inneren Feinden zu schützen. Überzeugte Demokraten sollten deshalb keine Resolution unterstützen, die aus der Holocaust-Lehre 'nie wieder für alle' ein '
nie wieder für Israel-loyale Juden' macht. Wer dafür stimmt, nimmt für sich in Anspruch zu entscheiden, was antisemitisch ist und was nicht, welche Juden Gehör finden und welche zum Schweigen gebracht werden. Diese Abgeordneten ignorieren die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland, die zu schützen sie vorgeben."
Dabei ist der Text der geplanten Resolution gegenüber früheren Entwürfen schon
abgeschwächt,
erläutert Joshua Schultheis in der
Jüdischen Allgemeinen: "In den umstrittensten Passagen gibt es im fertigen Text einige Veränderungen zum Entwurf, der im Sommer öffentlich wurde. Diejenigen, die für besonders strenge Regeln plädiert hatten, haben ihre
Maximalforderungen größtenteils aufgegeben. Das betrifft zum einen die Frage der Regeln für staatliche
Fördermittelvergabe."
Die "Werteinitiative", ein Verband jüdischer Organisationen in Deutschland,
gibt ihrer Irritation über die Diskussionen Ausdruck: "Mehr als
ein langes Jahr ist vergangen, seit konkrete und gute Anträge der Fraktionen in den Bundestag gebracht wurden, um dann in einem
zähen Verhandlungsprozess in einen interfraktionellen Antrag der Ampelkoalitionäre sowie der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu münden. Dies ist von jüdischen Vertreterinnen und Vertretern, die für die größten Teile der hiesigen Community sprechen, positiv aufgenommen worden."
Nun muss ja die Resolution morgen auch erstmal im Bundestag diskutiert werden. Der CDU-Bundestagsabgeordnete
Christoph de Vries bringt dazu auf eine Twitter eine Meldung, die Erleichterung auslösen dürfte: Die Bundestagsvizepräsidentin
Aydan Özoguz "wird am Donnerstag bei der Debatte über den interfraktionellen Antrag 'Nie wieder ist jetzt - jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken'
nicht wie geplant den Vorsitz im Plenum führen". Özoguz hatte neulich Instagram-Posts geliked, in denen Zionismus mit Vernichtung gleichgesetzt wurde (unsere
Resümees).
November ist Monat der
Männergesundheit, der 19. November ist Tag des Mannes,
informiert Luisa Faust in der
taz. Immer noch sterben Männer
fünf Jahre früher als Frauen, aber das sei kein Naturgesetz, es liege daran, dass Männer sich weniger um sich kümmern als Frauen. "Männer gehen deswegen
seltener zum Arzt, sie essen weniger gesund, sie nehmen mehr Drogen. Sie verpassen häufiger Vorsorgeuntersuchungen und sterben deswegen vermeidbare Tode an männerspezifischen Krebsarten wie Prostata- und Hodenkrebs. Sie nehmen seltener
psychologische Hilfe in Anspruch als Frauen, ihre psychischen Erkrankungen sind unterdiagnostiziert und unterbehandelt.
73 Prozent aller Suizide werden von Männern begangen. Männer leben außerdem riskanter: Ihre
Berufe sind gefährlicher, sie verletzen sich dreimal so häufig bei Arbeitsunfällen wie Frauen. 95 Prozent der Verunglückten bei Arbeitsunfällen mit Todesfolge sind männlich. Männer sind häufiger
Opfer von Gewalt, die meistens von anderen Männern ausgeht."
In der
SZ berichtet Jörg Häntzschel über die Entlassung der Leiterin der Allianz-Stiftung
Esra Küçük und einiger ihrer Mitarbeiter. Deren Vorwurf lautet nun, dass der Allianz das politische Programm ihrer Stiftung zu "heikel" geworden sein könnte, was Häntzschel nicht unplausibel findet: "Küçük und ihr Team von 40 Angestellten unterstützten, schon das ist ungewöhnlich, vor allem
kleinere Initiativen und NGOs. Die Stiftung fördert etwa ein Projekt für kritischen Lokaljournalismus von
Correctiv. Sie unterstützt ein Projekt für Gefängnisinsassen in Süditalien. Sie hat eine Untersuchung der Rechercheagentur Forensis zu 'Driftbacks' von Migranten in der Ägäis mitfinanziert. Sie ist da aktiv, wo in Europa und an seinen umkämpften Rändern die Zivilgesellschaft fadenscheinig wird, wo Korruption, Diskriminierung und Umweltzerstörung grassieren, wo Demokratiefeinde und
Mächte wie China und Russland leichtes Spiel haben."