Ute Frevert

Verfassungsgefühle

Die Deutschen und ihre Staatsgrundgesetze
Cover: Verfassungsgefühle
Wallstein Verlag, Göttingen 2024
ISBN 9783835357686
Gebunden, 248 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

75 Jahre nach seiner Verabschiedung ist das Grundgesetz so beliebt wie nie zuvor. Wie aber entstehen diese Gefühle, und welche Bindungskraft entfalten sie? Ein Journalist, in Sachsen-Anhalt aufgewachsen, erinnert sich an den Trotz, mit dem er der DDR-Verfassung von 1968 begegnete. Im gleichen Jahr protestierten westlich der Elbe Zehntausende gegen die Einführung einer Notstandsverfassung, in der sie einen Angriff auf den guten Geist des Grundgesetzes erkannten. 1990 enttäuschte das wiedervereinigte Land viele seiner Bürgerinnen und Bürger, als nicht über eine gesamtdeutsche Verfassung beraten und abgestimmt wurde. Drei Jahrzehnte später stellen Prominente ebenso wie Schülerinnen und Schüler ihre "Liebeserklärungen" an das Grundgesetz ins Netz. Verfassungen lösen Gefühle aus, nicht erst seit 1949 und nicht nur in Deutschland. Welcher Art diese Gefühle sind, entscheidet über ihre Bindungskraft. Aber wie entstehen Verfassungsgefühle? Welche Hoffnungen und Erwartungen, welche Erfahrungen und Gefährdungen prägen sie? Wer hat sie, und wer vermisst sie?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 31.12.2024

Matthias Arning liest das Buch der Historikerin Ute Frevert mit Interesse. Wie Frevert in ihrer "kleinen Verfassungsgeschichte" den Emotionen rund um die Verfassung nachgeht, lesbar und detailreich, findet Arning gelungen. Wer warum der Verfassung gewogen war und wer nicht, kann die Autorin ihm darlegen, indem sie die Anfänge mit der Reichverfasssung von 1848 und die Gegenwart gleichermaßen in den Blick nimmt. Historische Analyse und Gefühlsgeschichte finden hier auf erhellende und empathische Weise zusammen, findet Arning. Wenn die Autorin die Parlamentsarbeit in der Paulskirche behandelt, scheint ihr Blick "geradezu liebevoll", schreibt er.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 12.11.2024

Rezensent Michael Wolf bleibt der Rat der Historikerin Ute Frevert im Gedächtnis, sich nicht auf die Gefühle der Deutschen für ihre Verfassung zu verlassen, sondern das Grundgesetz juristisch zu stärken. Zuvor hat ihm Frevert anhand mannigfacher Quellen die emotionale Beziehung der Deutschen zur Verfassung dargelegt, von der Nüchternheit im Jahr 1871 über jene angesichts der Verfassung von Weimar bis zu den getrennten Verfassungen in Ost und West und der allmählichen emotionalen Erwärmung in den 1970er Jahren. Für Wolf eine inhaltlich anspruchsvolle, aber sprachlich zugängliche und im Effekt immer wieder überraschende Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 11.11.2024

Ute Frevert befasst sich in ihrem neuen Buch mit den Gefühlen der Deutschen bezüglich ihrer Verfassungen, beschreibt Rezensent Michael Wolf. Eine Verankerung der Verfassung in den Emotionen der Bürger ist wichtig, meint Frevert laut Wolf, weil sie dazu führt, dass Staatlichkeit akzeptiert wird. Auf umfangreicher Quellenbasis beschreibt das Buch Wolf zufolge die Geschichte der deutschen Verfassungsgefühle und setzt dabei im frühen 19. Jahrhundert an, als vielerorts begeistert für Verfassungen gekämpft wurde. Allerdings zunächst auch vergeblich, und als 1871 doch eine Verfassung beschlossen wurde, trat sie, beschreibt Wolf mit Frevert, hinter patriotische Gefühle zurück, auch die Verfassung der Weimarer Republik kümmerte die Leute wenig, so wenig sogar, dass die verfassungsfeindlichen Nazis sie formal nicht einmal abschaffen mussten. Auch in der Bundesrepublik dauerte es, bis die Bürger begannen, positive Gefühle für das Grundgesetz zu hegen, in den Siebziger Jahren kam dann der Begriff "Verfassungspatriotismus" auf. Ausruhen sollte man sich auf solchen positiven Entwicklungen jedoch keineswegs, meint Frevert in Wolfs Beschreibung, die Verfassung muss auch juristisch geschützt werden.