Das Konzentrationslager auf der Haifischinsel vor Lüderitz in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika existierte von 1905 bis 1907, doch seither ist es in Vergessenheit geraten. Tausende Einheimische starben im heutigen Namibia unter lebensfeindlichen Bedingungen. In Lüderitz gibt es weder eine Gedenkstätte noch einen Hinweis auf das Lager, abgesehen von einem Denkmal für den Nama-Kapitän Cornelius Fredericks, der hier 1907 mit zahlreichen Mitgliedern seiner Familie starb. Heute befindet sich auf dem Gelände ein Campingplatz. Auch in Deutschland sind die Konzentrationslager während der Kolonialzeit nur wenigen bekannt, und kaum jemand weiß, welche Bedingungen hier herrschten. Ein Kooperationsprojekt des Landesmuseums Hannover und des Instituts für Geowissenschaften der Universität Kiel hatte zum Ziel, an dieses "traurige Fiasko" zu erinnern. Neben der Sammlung von Fotos und anderem Archivmaterial wurde das Gelände mit archäologischen Prospektionsmethoden vermessen. Es ist das erste Mal, dass diese Techniken in einem namibischen Konzentrationslager angewandt wurden. Mit ihrer Hilfe kann eine detaillierte Karte des Lagers erstellt werden, die die schriftlichen Quellen bestätigt und ergänzt. Dieses Buch spürt der Kolonialzeit nach und gibt mit reichem Bildmaterial einen umfassenden Einblick in die deutsche Afrikapolitik zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.12.2023
Zum Sprechen, beziehungsweise regelrecht zum Schreien bringt Katja Lembkes archäologische Recherche laut dem hier rezensierenden Theologen Johan Hinrich Claussen die materiellen Spuren des ersten deutschen Konzentrationslagers. Es befand sich, erläutert Claussen, in Namibia, auf der Haifischinsel und seine nähere Untersuchung könnte auch hilfreich sein in gegenwärtigen erinnerungspolitischen Debatten, die sich um die Frage drehen, ob es eine direkte Verbindung gibt zwischen dem Kolonialismus und der Schoah. Die Direktorin des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover Lembke hat Mauerreste und andere Spuren sowie historische Schriften und Bildmaterial ausgewertet, so Claussen mit Lembke, und zeichnet in ihrem schmalen Buch nach, wie das Lager eingerichtet wurde, um die Überlebenden der brutal geführten Kolonialkriege zur Arbeit anzutreiben. Im Lager ging das Sterben weiter, fasst der Rezensent die Recherche zusammen, auch aufgrund untragbarer hygienischer und medizinischer Verhältnisse. Eine genozidale Absicht kann Lembke laut Claussen in der Einrichtung des Lagers nicht erkennen, insofern war die Haifischinsel für sie nicht bereits Auschwitz, aber doch eine wichtige Wegmarke dorthin. Es gibt noch viel zu untersuchen in diesem Feld, schließt Claussen, zum Beispiel auch, was die Rolle der Missionare betrifft.
Katja Lembke will anders als die Autoren Caspar W. Erichsen und David Olusoga nicht von "The Kaiser's Holocaust", sprechen, wie sie im Interview mit Nadine Conti in der taz sagt. Dennoch findet sich in dem Buch die Formel: "Die Haifischinsel war nicht Auschwitz, aber sie war ein Schritt auf dem Weg dorthin." Unser Resümee
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