9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2017 - Geschichte

Für Unfug hält Patrick Bahners in der FAZ Versuche, Vergleiche mit Auschwitz, Hitler oder überhaupt dem Nationalsozialismus mit einem Tabu zu belegen, wie er die Absage der Documenta-Performance "Auschwitz on the Beach" wertet (unser Resümee): "Ist der Holocaust, als singulär schreckliches Ereignis, wirklich faktisch unvergleichlich? Das würde aus Hitler wieder das Monster und den Betriebsunfall machen. Es wäre seltsam, wenn aus der für uns normativ fundamentalen historischen Erfahrung gar nichts im Sinne jener empirischen, also vergleichenden Klugheit zu lernen sein sollte, die von den Alten auf die Formel von der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens gebracht wurde. Die Spuren schrecken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2017 - Geschichte

Reformationsforscher können aufatmen: Zwingli hat zwei Jahre in Einsiedeln gelebt und in der Bibliothek des Klosters gearbeitet, dafür gibt es jetzt einen Beweis, berichtet Thomas Ribi in der NZZ. "Es sind nur ein paar Wörter, aber sie sind wertvoll. Wertvoller als so manches dicke Buch. Letzte Woche hat Urs Leu sie entdeckt - und damit eine Leerstelle geschlossen, welche die Schweizer Reformationsforscher lange beunruhigte. In der Bibliothek des Klosters Einsiedeln fand der Zürcher Historiker in einem Kodex aus dem 9. Jahrhundert drei kurze, mit schwarzer Tinte geschriebene Randbemerkungen. Für Leu war sofort klar: Das ist Huldrych Zwinglis Handschrift!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2017 - Geschichte

Im Freitag streiten der Historiker Jürgen Zimmerer und der Welt-Autor Alan Posener über die Frage, ob sich eine Kontinuität vom Kolonialismus zum Holocaust konstruieren lässt. Zimmerer meint, ja: "Ich sehe den Holocaust auch in einer Tradition des Genozids. Es gibt in der deutschen Geschichte eine Genealogie des genozidalen Gedankens. Vierzig Jahre vor dem Holocaust haben die Deutschen sich bereits eines anderen Völkermordes schuldig gemacht - an den Herero und den Nama. In Deutsch-Südwest-Afrika entstand ein Rassenstaat, es gab die Ideologie, es gab die Gesetze, es gab militärische und bürokratische Strukturen, die diesem Ziel angepasst und untergeordnet wurden. Ich halte es geradezu für unplausibel, hier keine Verbindung zu den später erfolgten Verbrechen des 'Dritten Reiches' zu sehen."

Posener, dessen Vater ein britischer Kolonalbeamter war, will dagegen auch Gutes am Kolonialismus, besonders britischer Prägung, sehen: "Ich will Ihnen was sagen: Imperien sind in der Weltgeschichte die Regel. Die Ausnahme, das ist die Vorstellung eines Staatsvolks und eines selbstständigen Nationalstaats. In Europa war praktisch jeder Staat in seiner Geschichte auch imperial. Außer der Schweiz. Also, von Alexander, über die Perser, die Römer zum Reich Karls des Großen, zu den Arabern bis zu den europäischen Kolonialreichen und zum Osmanischen Reich - alles Imperien. Ich bin übrigens unbedingt für eine Ehrenrettung des Osmanischen Reiches. Sehen Sie nach Syrien, in den Irak - was der Oktroi des nationalstaatlichen Gedankens in diesen Ländern angerichtet hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2017 - Geschichte

Gute Idee, die Statuen des Südstaatengenerals Robert E. Lee niederzureißen, findet Afua Hirsch im Guardian. Ihr würden auch in Britannien einige Denkmäler einfallen, die nicht mehr ganz zeitgemäß sind: Vorneweg die Säule des allseits verehrten Admiral Horatio Nelson auf dem Trafalgar Square: "Wie überall auf der Welt verurteilten auch in Britannien die meisten Stimmen die Neonazis in den USA und den Präsidenten, der sich nicht von ihnen distanzierte. Aber wenn es um unsere eigenen Statuen geht, werden die Dinge peinlich. Die Titanen des Kolonialismus und der Sklaverei werden in der britischen Geschichte noch immer hochgehalten. Trotz studentischer Proteste wurde die Statue des Imperialisten Cecil Rhodes in Oxford nicht abgerissen. Und Bristol feiert noch immer seinen berüchtigten Sklavenhändler Edward Colston. Als ich am Wochenende twitterte, dass Britannien auch mal auf seine eigenen Landschaft sehen sollte, schlug mir offene Feindschaft entgegen."

Im Blog der NYRB betont Annette Gordon-Reed allerdings, dass Robert E. Lee nicht nur ein Verfechter der Sklaverei war, sondern einen Krieg gegen die Einheit der USA geführt hat. Niemals dürfte man eine Statue von Thomas Jefferson abreißen, der auch Sklavenhalter war, aber eben auch die Unabhängigkeitserklärung verfasst hat: "Seine Worte von der selbstverständlichen Wahrheit über die Gleichheit der Menschen und das Streben nach Glück war Inspiration für die ganze Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2017 - Geschichte

In der taz stellt Uta Schleiermacher Berliner Aktivisten wie Mnyaka Sururu Mboro vor, die sich für eine postkoloniale Umbenennung von Straßennamen einsetzen: "Insgesamt zehn Straßen im Stadtgebiet sollten nach Forderungen von Berlin Postkolonial umbenannt werden, weil sie Kolonialverbrecher ehren - drei davon im 'Afrikanischen Viertel' in Wedding, weitere in Steglitz-Zehlendorf, Neukölln und Mitte (siehe unten). Dass diese Straßen allesamt im Westteil der Stadt liegen, ist indes kein Zufall. Denn die DDR-Regierung ordnete bereits 1950 an, Straßen mit militaristischen oder faschistischen Namen umzubenennen."

Weiteres: Eine durchaus kritische Würdigung schreibt der Historiker Norbert Frei in der FAZ zum Tod seines Kollegen Eberhard Jäckel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2017 - Geschichte

Noch ist des Jahrs 1967 nicht zu Ende gedacht, da prescht die FAZ vor und veröffentlicht exklusive eine Reflexion auf das Jahr 1968 des Juristen Christoph Möllers (ein Vorabdruck aus dem Wagenbach-Band "Wetterbericht - 68 und die Krise der Demokratie"). Möllers bekennt seine Unsicherheit, "ob der heutigen deutschen Gesellschaft die 68er überhaupt noch als ein anderes gegenübergestellt werden können oder ob nicht - frei nach Nietzsche - in jedem Deutschen nicht nur ein Lutheraner, sondern auch ein 68er steckt. Das Gelächter, das dem CDU-Politiker Friedrich Merz entgegenschlug, als er seine sauerländische Dorfjugend derjenigen von Joschka Fischer entgegenstellen wollte, ging jedenfalls über Parteigrenzen hinaus."

Außerdem: Im Tagesspiegel schreibt Christiane Peitz zum Tod des Historikers und Hitler-Forschers Eberhard Jäckel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2017 - Geschichte

Siebzig Jahre nach der Teilung Indiens gebe es in Britannien, aber auch Indien und Pakistan Debatten über das vergiftete Erbe des Kolonialismus, schreibt Gina Thomas in der FAZ: "Der linke Historiker Perry Anderson steht nicht allein mit seiner Bewertung, dass die Teilung Indiens die verächtlichste Tat in den Annalen des britischen Empire sei. Der indische Politikwissenschaftler Sunil Kilnani, Leiter des India Institute am Londoner King's College, zitiert Anderson mit diesem Satz in 'Incarnations', seiner anhand von fünfzig prägenden Figuren erzählten Geschichte Indiens. Kilnani urteilt aber, dass keiner jener Politiker schuldlos gewesen sei, die am 3. Juni 1947 mit Mountbatten am Tisch saßen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2017 - Geschichte

Aus der Geschichte könne man einiges über die Motive des heutigen Nordkorea lernen, schreibt Sheila Miyoshi Jager bei politico.eu. Und da müsse man vor allem sehen, dass Korea schon seit Jahrhunderten ein Spielball der Großmächte gewesen sei und immer seine Unabhängigkeit verteidigen musste - bei den nordkoreanischen Diktatoren nahm dieses Geschichtsbild wahnhafte Züge an: "Das nordkoreanische Regime wird niemals seine nuklearen Waffen zur Disposition stellen. Noch wird es sich von Drohungen einer militärischen Attacke oder ökonomischem Druck aus China einschüchtern lassen. Die Idee war immer, das Joch der 'regierenden Anführer' der Großmächte - und zwar aller Großmächte - abzuwerfen und die koreanische Vereinigung und Unabhängigkeit unter eigenen Bedingungen zu erreichen."

Außerdem: In der FAZ erinnert Mirko Heinemann an die Vertreibung der Griechen aus der Türkei vor hundert Jahren - ein Urbild der "ethnischen Säuberungen" im 20. Jahrhundert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2017 - Geschichte

Der Historiker Mark Jones wendet sich in der FAZ gegen einen Artikel seines Kollegen Gerd Krumeich vom 10. Juli, in dem Krumeich befand, dass "der Dolchstoß nicht nur eine Legende" war. Ohne die Revolutionäre von 1918, so Krumeich, hätten die Deutschen einen besseren Frieden herausholen können. Jones schreibt dazu: "An keiner Stelle findet sich der Hinweis, dass die Ereigniskette, die zu den Waffenstillstandsverhandlungen führte, von der Obersten Heeresleitung (OHL) in Gang gesetzt wurde. Es waren Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die Ende September 1918 erklärten, Deutschland brauche sofort einen Waffenstillstand, und die massiven Druck auf den neu ernannten Reichskanzler Prinz Max von Baden ausübten, unverzüglich einen solchen herbeizuführen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2017 - Geschichte

Niemand hat so viel getan, die Wahrheit über den amerikanischen Süden und den Bürgerkrieg zu verschleiern wie die Filmindustrie, meint Ta-Nehisi Coates im Atlantic. Nichts Gutes erwartet er daher auch von HBOs geplantem Projekt "Confederate", das kontrafaktisch fragt, was wäre, wenn der Süden gewonnen hätte: "Skepsis ist höchstes Gebot. Wenn Serien-Schöpfer David Benioff fragt, wie sähe die Welt aus, wenn der Süden gewonnen hatte, müssen wir eigentlich sofort fragen, was Benioff eigentlich mit Süden meint. Er meint offensichtlich nicht die Minderheit weißer Unionisten, die tatsächlich gewonnen haben. Und er meint auch nicht die vier Millionen versklaften Schwarzen, die der Bürgerkrieg befreite, auch wenn diese Befreiung keine reine war. Sie machten vierzig Prozent der Bevölkerung in der Könfoderation aus, waren die unverzichtbare Arbeiterklasse, die Hauptquelle des Wohlstands, und der einzige Grund für seine Existenz überhaupt. Aber sie sind nicht der Gegenstand von benioffs Untersuchung, denn er fragt nicht nach dem Sieg des Südens, sondern nach dem Sieg des weißen Südens."