Im
Freitag streiten der Historiker
Jürgen Zimmerer und der
Welt-Autor
Alan Posener über die Frage, ob sich eine Kontinuität vom
Kolonialismus zum Holocaust konstruieren lässt. Zimmerer meint, ja: "Ich sehe den Holocaust auch in einer Tradition des Genozids. Es gibt in der deutschen Geschichte eine Genealogie des genozidalen Gedankens. Vierzig Jahre vor dem Holocaust haben die Deutschen sich bereits eines
anderen Völkermordes schuldig gemacht - an den
Herero und den Nama. In Deutsch-Südwest-Afrika entstand ein Rassenstaat, es gab die Ideologie, es gab die Gesetze, es gab militärische und bürokratische Strukturen, die diesem Ziel angepasst und untergeordnet wurden. Ich halte es geradezu für unplausibel, hier keine Verbindung zu den später erfolgten Verbrechen des 'Dritten Reiches' zu sehen."
Posener, dessen Vater ein britischer Kolonalbeamter war, will dagegen
auch Gutes am Kolonialismus, besonders britischer Prägung, sehen: "Ich will Ihnen was sagen:
Imperien sind in der Weltgeschichte die Regel. Die Ausnahme, das ist die Vorstellung eines Staatsvolks und eines selbstständigen Nationalstaats. In Europa war praktisch jeder Staat in seiner Geschichte auch imperial. Außer der Schweiz. Also, von Alexander, über die Perser, die Römer zum Reich Karls des Großen, zu den Arabern bis zu den europäischen Kolonialreichen und zum Osmanischen Reich -
alles Imperien. Ich bin übrigens unbedingt für eine Ehrenrettung des Osmanischen Reiches. Sehen Sie nach Syrien, in den Irak - was der
Oktroi des nationalstaatlichen Gedankens in diesen Ländern angerichtet hat."