9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2017 - Geschichte

Christophe Nolans "Dunkirk"-Film hat zumindest das Verdienst, historische Debatten auszulösen (außer in Deutschland, so scheint es, da hat man die Vergangenheit schon bewältigt). Zwei franzöische Autoren warfen ihm neulich vor, den französischen Anteil an der Evakuation der Briten aus dem Kriegsgeschehen nicht kenntlich gemacht zu haben (unser Resümee). Richard Cohen warf dem Film in der Washington Post vor, die Kriegsschuld der Deutschen nicht zu benennen. Nun weist Yasmin Khan in der New York Times darauf hin, dass die kolonialen Truppen, die auch in Dünkirchen schon präsent waren, bei Nolan nicht eine Sekunds ins Bild gerückt werden. Dabei findet sie die Geschichten, die sich die Briten vom Krieg erzählen, etwas verkürzend. "Vor allem lässt das Narrativ der tapferen Insel, die die Deutschen zurückschlägt, die imperiale Dimension des Krieges außer Acht. Viele Menschen in den Kolonien wurden in einen üblen Konflikt hineingezogen, der jenseits ihrer Kontrolle lag. Britannien brauchte die Kolonien - Indien, Südostasien, Afrika und der Karibik - immer schon für Menschen, Material und Unterstützung, aber das galt nie mehr als im Zweiten Weltkrieg. Gut fünf Millionen Menschen aus dem Empire wurden in Militärdienste eingezogen. Nicht Britannien, sondern das Empire schlug sich im Zweiten Weltkrieg." Ähnlich Sunny Singh im Guardian.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2017 - Geschichte

Im Guardian annonciert Kavita Puri ihre dreiteilige BBC-Serie "Partition Voices", die an die gewaltsame Teilung Indiens erinnert: "It is hard to explain how convulsive partition was for British south Asian families - and how it still shapes them. Over 10 million people from the Indian subcontinent left their homes when they found themselves on the wrong side of the partition border: Muslims moving to Pakistan, Sikhs and Hindus to India. Lands that had been lived on for centuries were left forever. The human cost of dividing British India was staggering: up to a million were killed in the sectarian violence and tens of thousands of women were raped and abducted with the aim of dishonouring the 'other' country. It happened far away but is a very British story."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2017 - Geschichte

Die Freimaurerei entstand vor genau 300 Jahren um mit allem möglichen Brimborium letztlich eine Diskussion jenseits der Konfessionen zu ermöglichen, erinnert Urs Hafner in der NZZ: "'Offiziell' beginnt die Geschichte der Freimaurerei vor dreihundert Jahren: 1717 wurde in London die Großloge von England gegründet, in einer Phase der Entspannung nach den Glaubenskriegen zwischen Protestanten und Katholiken und nach den Machtkämpfen von Krone und Parlament. Liberale Adlige und Bürger, Priester und Kaufleute, Offiziere und Diplomaten kamen miteinander ins Gespräch und vielleicht auch ins Geschäft, sie pflegten Geselligkeit und unterhielten sich über mögliche Reformen."
Stichwörter: Freimaurerei, Katholiken

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2017 - Geschichte

Christopher Nolans Film "Dünkirchen" scheint das Kunststück hinzukriegen, den Rückzug der Briten vor den anrückenden Hitler-Truppen als Heldentat dastehen zu lassen. Antoine Bourguilleau und Juliette Mitoyen erinnern Nolan in slate.fr an den französischen Anteil an der Sache, der im Film etwas unterbelichtet ist: "Man mag historisch gesehen bedauern, dass nichts von der Bombardierung der Stadt durch die Deutschen gezeigt wird. Und noch weniger von den Kämpfen, die entbrennen, um den Hafen und die Strände zu schützen, so dass die Operation der Evakuierung überhaupt möglich wurde. Das wäre die - leider verpasste - Gelegenheit gewesen, die amerikanischen Zuschauer daran zu erinnern, dass die Franzosen im Jahr 1940 nicht nur die  cheese-eating surrender monkeys waren, als die sie sie ins Herz geschlossen haben. Denn 1940 sterben 60.000 Soldaten in sechs Wochen, 123.000 Soldaten werden verletzt, und zwei Millionen landen in Gefangenschaft. Um die 21.000 getöteten Zivilisten nicht zu erwähnen. Eine Bilanz, die noch schlimmer ist als die von Verdun, wo innerhalb von weniger als zehn Monaten 163.000 Franzosen starben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2017 - Geschichte

Zar Peter nimmt König Ludwig XV. auf den Arm. Ein kleiner faux pas: Den König fasst man nicht an.
In der NZZ stellt Peter Kropmanns eine Ausstellung im Grand Trianon über den Frankreichaufenthalt Peters des Großen während seiner Europareise 1717 vor: "Hier wird deutlich, dass ihm weniger an Produkten des Luxus und der Mode, etwa an Porzellan, gelegen war als an russische Forschung und Wissenschaft beflügelnden Instrumenten, die sich etwa in der Schifffahrt einsetzen ließen." Gezeigt werden außerdem Porträts des Zaren, bei denen Kropmanns einen interessanten Wandel der Kleidung beobachtet, "die anfangs nach russischer, ungarischer oder niederländischer Art gestaltet war, später dem Modell des französischen Absolutismus nahekam. ... Ein Historienbild von 1838 zeigt, wie Peter der Große bei einer Audienz Ludwig XV. auf den Arm nahm - der Knabe war sieben Jahre alt - und damit für protokollarische Verlegenheit sorgte, denn den französischen König fasste man nicht einmal an.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2017 - Geschichte

Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht der mosambikanische Schriftsteller Mia Couto über Rassismus, Kolonialismus, afrikanische Gewalt und über seinen Roman "Imani", der im Jahr 1895 spielt und den Schulbüchern widerspricht, die das vorkoloniale Mosambik als eine Art Paradies beschreiben: "Diese Geschichtsreduktionen sind  beleidigend, weil sie ein geschichtsloses Volk zurücklassen. Dabei treiben ja gerade Konflikte und Spannungen die Geschichte an, sind deren Motor. Stattdessen wird ein Idyll erfunden, in dem es nur gute Leute gab - bis das Böse, das Koloniale, von außen hereingetragen wurde. ... In meinem Buch erzähle ich von  Völkern, die von einem afrikanischen Herrscher, König Ngungunyane, überfallen wurden. Seine Krieger haben das Volk der Vachopi  regelrecht massakriert.  Die Leute dieser Ethnie, die ich während der Recherchen für das Buch befragte, wollten nicht darüber sprechen. Sie verweigerten sich. Sobald ich sagte, es gehe um Ngungunyane, antworteten sie: Nein, nein, darüber reden wir gar nicht. Diese Vergangenheit ist noch sehr lebendig, ihre Geister spuken noch immer umher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2017 - Geschichte

In Frankreich war der Kolonialismus vor allem eine Sache der Republik, und zwar sowohl der Rechten als auch der Linken seit der Dritten Republik, erklärt der Historiker Pascal Blanchard im Gespräch mit Marina Bellot in slate.fr: "Sich in der Welt auszudehnen, stellt sich als Wert zugleich in die Kontinuität der Französischen Revolution, als auch in die Macht-Argumentation für den Nationalismus. Für die Linke ist die Konstruktion des Kolonialreichs in der Idee der zivilisatorischen Mission begründet: wir ziehen los, um den Völkern im Dunkel das Licht zu bringen. Die Rechte muss erklären, inwiefern die Ausdehnung der Grenzen der Nation der Nation dient. Hier ist es vor allem das Potenzial zur Großmacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2017 - Geschichte

NZZ-Autor Jürgen Ritte besucht im Pariser Musee de l'Armee eine Ausstellung zum Deutsch-Französischen Krieg, mit dessen Ablehnung Heinrich Mann einst ziemlich allein stand, wie Ritte erinnert: "Die deutschen Soldaten waren, zunächst noch angefeuert von Presse und intellektueller Öffentlichkeit, mit der 'Wacht am Rhein' auf den Lippen gegen Frankreich ins Feld gezogen. Denn dort stand der 'Erbfeind', an dem das deutsche Wesen sich seit den 'Befreiungskriegen' 1813/15 abzuarbeiten hatte, ja gegen den es sich erst gebildet hatte. Der Kampf gegen Frankreich war auch, wie Heinrich Manns Bruder Thomas in seinen etwas verquasten 'Betrachtungen eines Unpolitischen' festhielt, der Kampf gegen den Westen, der Kampf des Bürgers gegen den Bourgeois, der Kultur gegen die Zivilisation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2017 - Geschichte

Der FAZ druckt auf zwei Seiten eine Rede Navid Kermanis über die "Zukunft der Erinnerung" an Auschwitz. Nicht ganz unpikant liest sich - gerade in dieser Zeitung, die sich einst zum Sprachrohr Martin Walsers machte, bis sie ihn abservierte - folgende Passage: "Inhaltlich war mit Höckes 'Mahnmal der Schande' nichts anderes gemeint als mit Walsers 'Dauerpräsentation unserer Schande', so empört diejenigen das zurückweisen werden, die seinerzeit in der Paulskirche stehend applaudierten. Im Kern geht es in allen öffentlichen Auseinandersetzungen über den Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe um die Frage: Wann endlich wird aus Deutschland wieder ein normales Land?" Kermanis Rede endet mit eine Hommage auf Marcel Reich-Ranicki.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2017 - Geschichte

Wäre der Kommunismus im Osten erhalten geblieben, dann wäre wenigstens im Westen der soziale Fortschritt weitergegangen, meint Leander Scholz, der in einem sehr persönlichen Artikel für den Freitag den ruhigeren Zeiten vor dem Mauerfall nachtrauert: "Ende 1991 zerfiel die Sowjetunion. Das veränderte auch den Westen, der sich als Sieger des Kalten Krieges empfand, dramatisch. 2001 trat China der WTO bei. Die Auslagerung von Arbeitsplätzen in Länder mit niedrigeren Löhnen wurde in Gang gesetzt. Dem hatten die Gewerkschaften kaum etwas entgegenzusetzen."

Die Niederlande sind jüngst nach einer Klage der Mütter von Srebrenica für das Massaker von Srebrenica mit verantwortlich gemacht worden, allerdings nur in 300 der über 8.000 Fälle, schreibt Deana Mrkaja bei den Salonkolumnisten - für die Klägerinnen ist das Urteil eine herbe Enttäuschung: "Es ist richtig, die Niederlande für die Deportation von mehr als 300 Personen mitverantwortlich zu machen. Doch versagt haben die UN beim Schutz Tausender Zivilisten in ihrer ad absurdum geführten Schutzzone. Denn es ist Fakt, dass die Bereitschaft der Entsendestaaten, weitere Soldaten in die Region Srebrenica zu schicken, de facto nicht existierte. Genauso wenig wollte man die Bosnischen Serben militärisch angreifen - da diese solche Taten als Kriegshandlungen seitens der NATO hätten verstehen können."

In der NZZ erinnert Manuel Gogos an den Militärputsch in Griechenland vor fünfzig Jahren und die griechischen aber auch europaweiten Proteste dagegen: "Bereits unmittelbar mit dem Bekanntwerden der Machtergreifung hatte von Stockholm bis Paris, von Rom bis München eine Welle der Empörung eingesetzt. Nicht nur in den linken Studentenprotesten der Jahre 1967/68 werden antidiktatorische Slogans skandiert, wie 'Pattakos an die Wand, für ein rotes Griechenland'; auch Kirchen, kritische Medien, Parteien und Gewerkschaften bringen sich 'Wider die Diktatur an der Wiege der Demokratie' in Stellung. Der Spiegel seziert die 'Anatomie einer Diktatur', die Deutsche Welle setzt auf die Macht des engagierten Wortes, Gewerkschaftszeitungen wenden sich in Doppelseiten dem Thema zu. Und auch viele Künstler und Kulturschaffende nutzen die offenen Spielräume außerhalb Griechenlands, wirkungsvoll Kritik am Athener Regime zu üben."

Außerdem: In der FAZ stellt die Osteuropahistorikerin Corinna Kuhr-Korolev die ungemütliche Frage: "Wie viel geraubtes Kulturgut aus Osteuropa befindet sich in deutschen Haushalten?"