9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2017 - Geschichte

Man kann die Reformation würdigen, ohne sie deshalb gleich zur Heilsgeschichte zu verklären, meint Dirk Pilz in der FR. "Man kann Luther Wegbereiter für die Geschichte der Individualisierung nehmen - und ihm zugleich sein durchweg negatives, von der Erbsünde geprägtes Menschenbild vorhalten. Mit Moral- oder Fortschrittskategorien lässt sich keine Geschichte begreifen: Auch ein menschenfreundlicher Humanist wie Erasmus von Rotterdam war Antisemit, auch ein gutgemeinter, betont nichtchristlicher Gesellschaftsentwurf wie der Kommunismus hat blutige Geschichte geschrieben."

Außerdem: Auf Zeit online skizziert der Historiker Christian Mentel die Strategien der international gut vernetzten Holocaust-Leugner. In der Welt erinnert Matthias Heine an die deutschen Kolonien in der Südsee, wo sich bis heute einige hundert deutsche Lehnwörter erhalten haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2017 - Geschichte

Das derzeit so modische Tilgen problematischer historischer Figuren aus Straßennamen und Denkmälern ist nichts anderes als ein Weißwaschen der Geschichte, meint Marc Tribelhorn in der NZZ: "In der Tendenz wird die Geschichte auf diese Weise zur Wohlfühlzone: Alles, was unseren heutigen Wertvorstellungen entspricht, ist genehm. Der Rest muss verschwinden. So wird die Vergangenheit von der Gegenwart her passend gemacht. Oder wie es Lord Patton, der Vorsteher der Universität Oxford, in der Debatte um die Rhodes-Statue formulierte: 'Unsere Geschichte ist kein weißes Blatt, auf das wir unsere eigene Version von dem, was hätte passieren sollen, schreiben können - ausgehend von dem, wie wir heute denken.' Tatsächlich ist es ehrlicher und produktiver, sich mit den Traditionsbeständen auseinanderzusetzen, als sie zu tilgen und totzuschweigen, auch wenn sie uns irritieren oder provozieren."
Stichwörter: Straßennamen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2017 - Geschichte

Der Althistoriker Roland Steinacher spricht mit Ambros Waibel in der taz über die Funktionalisierung archäologischer Genetik, etwa wenn es darum geht, bei Gräberfunden Volksgruppen wie die Langobarden, als eindeutig germanisch auszuweisen: "Quellen sprechen nie für sich selbst, sondern bedürfen immer der Interpretation. Wo die Genetik tatsächlich unheimlich wertvoll wäre, ist nicht bei der Unterscheidung in Volksgruppen - zugewanderte Langobarden oder einheimische Römer -, sondern bei der Frage nach den verwandtschaftlichen Beziehung der etwa vierzig Personen, die dort bestattet sind. Ist das zum Beispiel eine Dynastie, über drei, vier Generationen? Denn die nächste Absurdität ist ja: Diese Volksnamen, die dann der DNA zugeordnet werden, stammen aus der traditionellen Geschichtswissenschaft. Es ist aber absurd, veraltete historische Fragestellungen, meist aus nationalistischen Narrativen des 18. und 19. Jahrhunderts, mit hochmoderner Genetik beantworten zu wollen."

In der Berliner Zeitung stellt Nikolaus Bernau ein neues Forschungsprojekt der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy vor: Es geht um "'Translokation. Historische Studien über die Verlagerung von Kulturgut', es soll um die verschlungenen Wege gehen, die Objekte und Sammlungen seit der Antike bis in unsere Museen und Bibliotheken nahmen. ... Ausdrücklich geht es nicht darum, postkolonial nur die in Europa oder von europäischen Mächten bewirkten Verlagerungen von Kulturgut zu bearbeiten. Der Blick ist auch nach Ostasien und Afrika geöffnet, Indien, Nord- und Südamerika sollten wenigstens noch dazu kommen. Schließlich erwarben auch die Azteken, Inka oder Irokesen gern und oft gewaltsam Objekte aus anderen Kulturen."

Außerdem: Petra Pluwatsch besucht für die FR die Ausstellung "Mein Verein" im Bonner Haus der Geschichte und Tilman Spreckelsen für die FAZ eine Ausstellung über Richard Löwenherz im Historischen Museum der Pfalz in Speyer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2017 - Geschichte

In der NZZ zeichnet Gunnar Heinsohn den Weg der RAF-Terroristen und ihrer Sympathisanten nach, die sich von Antifaschisten in stramme Antisemiten und vom Revolutionären in Karrieristen und schließlich in ganz gewöhnliche Spießer verwandelten: "Die studentischen Operationen im Westen lassen sich als durchaus originelle Antworten auf das stetige Verschwinden der proletarischen Massen verstehen, von denen die Bewegung eigentlich ausgehen sollte. ... Durchaus blutig im verbalen Revolutionsduktus, aber weitgehend gewaltlos operieren dagegen Studenten, die sich dem Proletariatsschwund dadurch entgegenstemmen, dass sie die Universitäten verlassen und selbst zu Arbeitern werden. Die davon Beglückten sehen das nicht gerne; denn die akademischen Arbeiter-Darsteller greifen flugs nach Gewerkschaftsposten und verstellen so den Originalen die attraktivsten Aufstiegsmöglichkeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2017 - Geschichte

Michael Wuliger schildert in der Jüdischen Allgemeinen, wie sehr ihn die RAF vor vierzig Jahren anwiderte, wie wenig er sich aber zu Mitleid mit Hanns-Martin Schleyer, einem einstigen SS-Mann, der in der Tschechoslowakei an Arisierungen mitgewirkt hatte, durchringen konnte: "Und ich bin bis heute froh, dass mir, nachdem die Terroristen ihre Geisel am 18. Oktober 1977 ermordet hatten, erspart blieb, mich bei einer der zahlreichen Trauerbekundungen zu Ehren des Toten zu einer Schweigeminute vom Platz erheben zu müssen. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte. So oder so hätte es sich falsch angefühlt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2017 - Geschichte

Die Südkoreaner sind bei der Debatte um die "Trostfrauen" - Koreanerinnen, die von den Japanern zwangsprostituiert wurden - selbst unehrlich, schreibt Fabian Kretschmer in der taz, Wer bestimmte Wahrheiten ausspricht, bekommt Probleme: "Dies hat die Professorin Park Yu Ha von der Seouler Sejong-Universität persönlich zu spüren bekommen. In ihrem 2013 erschienen Buch 'Comfort Women of the Empire' (mehr hier) wies sie darauf hin, dass viele der Menschenhändler, die für die Japaner Frauen rekrutierten, selbst Koreaner waren und als Komplizen vom System profitierten. Ebenso zweifelt sie das vorherrschende Narrativ an, dass es sich bei den Frauen ausschließlich um 'Sexsklavinnen' gehandelt hat. Einige von ihnen wussten laut Park sehr wohl, worauf sie sich einließen, sie hätten sich aus Armut, jedoch aus freien Stücken den Militärbordellen angeschlossen."

In der Berliner Zeitung ermuntert Arno Widmann zum 150. Jahrestag der Erscheinung von Karl Marx' "Das Kapital" unbedingt zur Lektüre dieses monstre sacre der Philosophie: "Was sah Marx in der Tiefe? Das 'Wesen' des Kapitalismus, sein innerster Kern, sein Motor ist der Doppelcharakter der Arbeit. Sie schafft Gebrauchswerte und Waren. Ware wird etwas, wenn es getauscht wird oder auch nur getauscht werden soll. War wohl kein Perlentaucher, der Karl Marx. Das ist doch nichts Tolles, nichts Besonderes? Das sagen nur die, die Marx nicht gelesen haben. Wer ihn liest, erlebt das Feuerwerk, das Marx aus dem Unterschied von Gebrauchs- und Tauschwert schlägt, und weiß nicht, ob es ihn blendet oder die Verhältnisse erhellt. Darüber wird gestritten, seit das Buch erschien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2017 - Geschichte

Im Standard erinnert der Historiker Peter Payer an die Paternoster-Aufzüge, von denen es in Wien gerade noch sieben Stück gibt. Dabei waren sie mal so modern wie das Internet: "Die Modernität des Spezialaufzugs beruhte nicht zuletzt auf seinem unbestechlich einfachen Gebrauch ohne jegliche Zugangsbeschränkungen. Kein Aufpasser oder Wärter war vorhanden, keine Tür zu überwinden, keine Taste zu drücken. Die offenen Kabinen verhinderten unangenehme Beklemmungsgefühle, die langsame Bewegung war stets nachvollziehbar. Paternosterfahren stellte sich als emanzipatorischer Vorgang dar, frei von staatlicher Bevormundung. Im Geiste des Liberalismus setzte der Paternoster den selbstverantwortlichen Bürger voraus, der klar entscheiden konnte, welches Risiko er auf sich nahm."
Stichwörter: Paternoster, Liberalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2017 - Geschichte

In der NZZ erinnert Ueli Greminger daran, dass nicht Zwingli allein Zürich die Reformation gebracht hat. Ebenso wichtig, meint er, war Erasmus von Rotterdam, auch wenn der nie in Zürich war: "Erasmus ist der unsichtbare Protagonist der Zürcher Reformation. Der Renaissancegelehrte und Theologe ist es, welcher zur Hauptsache den Unterschied zwischen der Reformation in Wittenberg und derjenigen in Zürich ausmacht. Martin Luther hat sich von Erasmus und seinem humanistischen Einfluss radikal abgegrenzt. Bekannt ist der Jahrhundertstreit der beiden um den freien Willen des Menschen. Luther war zutiefst enttäuscht, dass sich Erasmus seiner Reformation nicht angeschlossen hatte, und überhäufte ihn in der Folge mit den übelsten Schimpfwörtern. Huldrych Zwingli, Leo Jud, Theodor Bibliander und andere Zürcher dagegen waren glühende Verehrer des Humanistenfürsten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2017 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Politologe Wolfgang Kraushaar an den deutschen Herbst, der heute vor vierzig Jahren mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer durch die RAF begann. Kraushaar gesteht der damaligen Bundesregierung zwar zu, sie habe als Reaktion nur die Wahl zwischen "Pest und Cholera" gehabt, gleichzeitig wirft er ihr Versagen vor: "Auch wenn sich die Bundesrepublik nicht in einen Polizeistaat gewandelt hatte, so mutierte sie doch zu einem quasi-autoritären Regime, in dem Grundprinzipien der parlamentarischen Demokratie vorübergehend außer Kraft gesetzt waren. Die von Krisen der inneren Sicherheit bis dahin weitgehend verschont gebliebene Nachkriegsrepublik hatte ihren Praxistest im Ernstfall einer terroristischen Herausforderung nur eingeschränkt bestanden. Sich von der RAF nicht in die Knie zwingen zu lassen, hatte einen gehörigen Preis.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2017 - Geschichte

Vierzig Jahre nach dem Deutschen Herbst bringt die taz ein großes Dossier zu Wahrheit und Mythos der RAF.  Der Zeithistoriker Wolfgang Kraushaar spricht über den antisemitischen Aspekt der Bewegung: "Das Kapitel 'bewaffneter Kampf' hat in der Bundesrepublik Deutschland bezeichnenderweise mit einem Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus begonnen, und das am 9. November 1969 bei einer Gedenkfeier für die Opfer der sogenannten Reichskristallnacht. Die Täter stammten aus einer Vorläuferorganisation, den Tupamaros Westberlin. Sie waren zuvor ebenso wie die RAF von den Palästinensern an Waffen und Sprengstoff ausgebildet worden. Ohne diese antiisraelische Kooperation - zunächst mit der Fatah, später dann mit der PFLP - wäre keine der hiesigen Untergrundgruppierungen überhaupt aktionsfähig gewesen."

Stefan Reinecke vergeht in einem zweiten Text des Dossiers der viel inszenierte Pop-Glamour der RAF beim näheren Hinsehen: "Wenn man heute .. in den Texten, Kommandoerklärungen und Kassibern der RAF blättert, zeigt sich ein anderes Bild: Das Flair von Bedeutsamkeit und tragischem Aufstand einer Generation ist ausgewaschen. Die RAFler erscheinen in ihren eigenen Texten nicht als revoltierende Kinder von Hitler - sondern als Geistesverwandte Stalins. Sie verstanden sich von Beginn an als Kadertruppe, die sich aus dem Fundus des dogmatischen Leninismus bedienten. Nach innen herrschte eine stählerne Kommandostruktur."

Für die von Jan Feddersen interviewte Autorin Anna Ameri-Siemens liegt in der Grausamkeit der RAFler einer der bis heute rätselhaften Aspekte der Gruppe: "So grausam auch zu bleiben, wenn man die Menschen direkt vor sich hat, wie bei Hanns Martin Schleyer oder wie bei der Besetzung der bundesdeutschen Botschaft in Stockholm zwei Jahre zuvor, wo der damalige Verteidigungsattaché Andreas von Mirbach von Mitgliedern der RAF niedergeschossen und schwer verletzt eine Treppe hinuntergestoßen und dort liegen gelassen wurde. Noch lebend. Erst nach Verhandlungen durften schwedische Polizeibeamte ihn bergen. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Das ist menschlich noch mal etwas anderes, als irgendwo Sprengstoff zu deponieren."

Zum Dossier gehört auch ein Gespräch mit dem Autor F.C. Delius über seine Romatriologie zum Deutschen Herbst (mehr in Efeu).