9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1638 Presseschau-Absätze - Seite 112 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2017 - Geschichte

In zwei Artikeln kommt die NZZ auf die Oktoberrevolution zurück. Karl Schlögel denkt über den Kult um Lenin nach. Sylvia Sasse erzählt, wie ein berühmtes Foto der Revolution manipuliert wurde - damals schon! Ulrich M. Schmid lässt Säuberungen der KP in den eigenen Reihen Revue passieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2017 - Geschichte

In Zeit online äußert sich René Schlott, Autor einer Biografie über Raul Hilberg, über die von Götz Aly in einem im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag vorgebrachten Vorwürfe gegen das Institut für Zeitgeschichte, das sich in  zwei Gutachten gegen eine Veröffentlichung von Hilbergs Standardwerk "Vernichtung der europäischen Juden" wandte. Auch er spricht die "Anmaßung des Hauses" an, "wonach nur die eigene Geschichtsschreibung Objektivität beanspruchen könne, die der von der NS-Verfolgung Betroffenen aber subjektiv und 'biografisch eingefärbt' sei. Dass dieser Vorbehalt nun ausgerechnet von Deutschen kam und von einer deutschen Institution, die ausdrücklich mit dem Auftrag gegründet worden war, über die NS-Herrschaft aufzuklären, entbehrt nicht einer bitteren Ironie."

Außerdem: Julia Smirnova besucht für die Welt eine Ausstellung im Lenin-Museum von Karasnojarsk über die Auswirkungen der Oktoberrevolution auf das russische Dorf.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2017 - Geschichte

Der Historiker Götz Aly hatte vor einer Woche in einem im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag belegt, dass das IfZ jahrzehntelang die Übersetzung von Raul Hilbergs Maßstäbe setzender Studie über den Holocaust hintertrieben hatte. Im Interview mit Alan Posener von der Welt macht er klar, dass es ihm dabei nicht nur um die Geschichte geht: "Wenn man ehrlich ist, setzt sich diese Linie bis zur annotierten Ausgabe von 'Mein Kampf' fort, wo man penibel Hitlers Lügen, Irrtümer und Halbbildung nachweist, als ob das entscheidend sei - und nicht die Tatsache, dass ein Gros der deutschen Akademiker einschließlich der Juristen und Historiker ihm als Führer folgten. Ich verstehe die damalige Abwehrhaltung aus der Zeit heraus. Aber wenn ich darüber schreibe, ist das keine Skandalisierung. Schon gar nicht ist es eine 'Diffamierung', wenn der junge Forscher Nicolas Berg diese Zusammenhänge aufdeckt, wie das leider auch bei Ihnen in der Welt stand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2017 - Geschichte

Eine Studie belegt, dass deutsche Schüler wenig über den Holocaust wissen. Eine Hiobsbotschaft, so Hannah Bethke in der FAZ: "Auschwitz ist den Heranwachsenden, zumindest der Hälfte von ihnen, kein Begriff mehr. An den Lehrplänen dürfte das allerdings kaum liegen, denn die schreiben vor, dass die Zeit des Nationalsozialismus meistens ab der neunten Klasse behandelt wird."
Stichwörter: Geschichtsunterricht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2017 - Geschichte

Joachim Käppner sammelt für die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung Reaktionen des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) auf die Enthüllungen Götz Alys. Der Historiker hatte vor einigen Tagen in einem im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag belegt, dass das IfZ jahrzehntelang die Übersetzung von Raul Hilbergs Maßstäbe setzender Studie über den Holocaust hintertrieben hatte. Ablehnung war die erste Reaktion der akademischen Zunft: Das habe man doch alles schon gewusst, der "Enthüllungsgestus" Alys (so der Historiker Norbert Frei) sei pathetisch, berichtet Käppner und widerspricht: "Ganz unbekannt war dieser Umstand nicht, schon der Autor Nicolas Berg hat darüber berichtet. Aber so konkret wusste man es dann doch nicht." Magnus Brechtken, Vizechef des Instituts für Zeitgeschichte, bedankt sich dagegen bei Aly. "Brechtgen erklärt die bizarre Nichtwahrnehmung Raul Hilbergs folgendermaßen: 1969 interviewte der Publizist Joachim Fest Hitlers Rüstungsplaner, den aus alliierter Haft entlassenen Albert Speer. Fest fragte, ob Speer vom Los der Juden in Auschwitz gewusst habe, und der Mann, der Auschwitz mitfinanziert und ausgebaut hatte, sagte: Nein. Und kam damit durch. 'Unglaublich', sagt Brechtken, der gerade eine Speer-Biografie veröffentlicht hat, 'dabei hätte man alles in der englischen Ausgabe von Hilberg nachlesen können - die Namen und Orte, die Speer mit dem Mordsystem verbinden'."

Im Gespräch mit Hansjörg Müller von der Basler Zeitung, erzählt der Schweizer Historiker Oliver Zimmer, warum er nach Oxford ging, um sich mit dem Phänomen der Nation zu beschäftigen -  die deutsche Geschichtsschreibung nach dem Bielefelder Modell von Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka , unter der deren Einfuss auch die Schweizer Historiker standen, war ihm zu ideologisch: "Der britische Historiker Richard Evans hat für diese Wissenschaftskultur eine schöne Metapher gefunden: Er nennt die klassische Bielefelder Dissertation das Bielefeld-Sandwich. Am Anfang steht eine theoretische Einleitung, in der man schon sagt, wie alles sei, am Ende eine Zusammenfassung. Das Fleisch und der Käse in der Mitte, das ist das Futter, die Illustration der Wahrheit. "

Außerdem: In einem Luther-Dossier der NZZ blickt Stefan Rhein auf die Geschichte des Luther-Gedenkens zurück.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2017 - Geschichte

Die taz stellt heute einigen prominenten Linken zwei Fragen aus Anlass von hundert Jahren Oktoberrevolution: "1. Gehört der Kommunismus auf den Müllhaufen der Geschichte - oder ist noch etwas recycelbar? 2. Welche Revolution wird die nächste sein?" Die Antwort des britischen Autors Tariq Ali auf Frage 1 gibt Aufschluss über den Geisteszustand der britischen Linken: "Echte demokratische Organisationen wie die Räte in der Frühzeit der Sowjetunion bleiben eine gute Idee. Ebenso von genialen Architekten entworfene Wohnungen für Arbeiter und Arme, Widerstand gegen imperialistische Kriege und Kolonialismus, das Recht auf nationale Selbstbestimmung und der Schutz der Natur (sogar heute verfügt Russland noch über mehr natürliche geschützte Lebensräume als andere Länder). Die Rote Armee brach dem deutschen Faschismus das Rückgrat und 1917 war Blaupause der chinesischen, vietnamesischen und kubanischen Revolution. Also ja, es gab Gutes. "

Gaga auch das Statement des FAZ-Redakteurs Dietmar Dath: "Mehr als jedes andere Wort in unserem politischen Vokabular ist der Kommunismus die radikale Negation des herrschenden Regimes, welches Ausbeutung und Ungleichheit zelebriert. Die Kommunismen, die im Schwarzen Loch von 1989-1991 verschwunden sind, beinhalten die heroische Wiederherstellung von Gemeinschaften ohne Eigentum, kommunale indigene Gesellschaften, Realsozialismus mit seinen Errungenschaften und Verbrechen. Sie beinhalten die lange Geschichte antifaschistischen Widerstands, egalitären Mystizismus, die dialektische Abschaffung des Kapitalismus durch seine inneren Dynamik und die unerforschten, unausbeutbaren Reserven des Widerstands, die sich der Kapitalismus nicht aneignen kann."

Illusionsloser ist der Blick des Hongkonger Politologen Willy Lam, der im Interview mit Felix Lee über den gerade stattfindenen Parteitag der KP Chinas unter Xi Jinping spricht: "Chinas heutiges politisches System hat natürlich nichts mit dem kommunistischen Gedanken im marxschen Sinne zu tun, sondern lehnt sich eher am Leninismus-Stalinismus der Sowjetunion an. Auch dort hatte der KGB einen Polizeistaat errichtet, der die totale Kontrolle über das Land vorsah. Das heutige China entwickelt sich in diese Richtung. Xis ausgerufene Antikorruptionskampagne dient auch nicht nur dazu, korrupte Parteikader zu entlarven, sondern sich seiner Widersacher zu entledigen."

In seiner am 18. Oktober im Schloss Bellevue gehaltenen und heute in der Welt abgedruckten Gedenkrede zum 40. Todestag von Hanns Martin Schleyer fordert Stefan Aust die vollständige Offenlegung der Stammheim-Akten inklusive der geheimgehaltenen Abhörprotokolle: "diejenigen, die bei der Fahndung versagten, sollten nicht den Deckel über ihre Versäumnisse schlagen, sondern offen dazu stehen. Nur wenn klar wird, was schiefgegangen ist bei dem Versuch, einen Menschen aus der Geiselhaft zu befreien, kann daraus gelernt werden. Vertuschen ist die Grundlage des nächsten Versagens. Der Spruch des Geheimdienstkoordinators aus dem Kanzleramt zum Schreddern der NSU-Akten, ausgesprochen vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages, darf niemals zur Maxime behördlichen Handelns werden: 'Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die Regierungshandeln unterminieren.'"

Außerdem:In einem größeren Essay sucht tazler Stefan Reinecke Aufschluss über die Frage, ob heute ein gewaltsamer Umsturz wie 1917 noch möglich sei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2017 - Geschichte

Der Perlentaucher publiziert den Vortrag, den Götz Aly gestern zum zehnten Todestag Raul Hilbergs gehalten hat. Er erzählt die lange Geschichte der Ablehnung von Hilbergs Werk "Die Vernichtung der europäischen Juden", unter anderem durch das Münchner Institut für Zeitgeschichte, das sich in mehreren Gutachten gegen das heute als Standardwerk betrachtete Buch aussprach. Aber das Institut war nicht allein: "1967 schlug ein amerikanischer Freund Hilbergs dem Rowohlt Verlag vor, 'The Destruction of the European Jews' endlich in Deutschland erscheinen zu lassen. Darauf antwortete Fritz J. Raddatz, der Verlag sei sehr mit Aktuellem 'belastet' und beabsichtige nicht, für Hilbergs Studie andere 'Projekte zu opfern'. Raddatz war damals für die auflagenstarke, mit der Neuen Linken mitschwimmende Reihe 'rowohlt aktuell' verantwortlich. Zu den möglichen 'Opfern' des Hilberg-Buches hätten Titel wie diese gehört, die laufend erschienen: Ernesto Che Guevara, 'Brandstiftung oder neuer Friede?'; Mao Tse-tung, 'Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt'; Gabriel und Daniel Cohn-Bendit, 'Linksradikalismus - Gewaltkur gegen die Alterskrankheiten des Kommunismus'."

In seinem großen neuen Buch "Die Farbe Rot" reiht Gerd Koenen den Kommunismus in die Geschichte millenaristischer Bewegungen ein, die sich noch viel um das Leben des einzelnen bekümmerten. In einem Essay für ein Zeit-Dossier über die Aktualität der Kommunismus kommt er auch auf den unauflöslichen Clinch der feindlichen Brüder Links- und Rechtsextremismus und die Figur Stalins zurück: "Am Ende war es Hitler, der ihm zur Statur eines Vaters des Vaterlandes und Befreiers der Menschheit verhalf und dem nachträglich konstruierten sowjetischen 'Antifaschismus' eine weit ausstrahlende moralische Dignität verlieh. Und insgesamt waren es die faschistischen Bewegungen und ihre Großreichsprojekte, die den Kommunisten aller Länder als Wegbereiter und Brandbeschleuniger gedient haben."


Stepan M. Karpow: Völkerfreundschaft, Sowjetunion, 1923/24 Bildrechte: © Staatliches Museum für Zeitgenössische Geschichte

Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat zum Jahrestag der russischen Revolution eine große Ausstellung zum gemacht. "Starker Auftritt", findet Andreas Kilb in der FAZ. In der FR ist Arno Widmann dagegen entsetzt von dem engen Blick, den die Ausstellungsmacher haben. Nirgends ein Hinweis darauf, dass die Revolution von Anfang an als Weltrevolution gedacht war: "Man versteht diese Geschichte, ihre Dynamik, ihre Gewalt und Wucht nicht, wenn man Asien und Lateinamerika, die USA und Afrika weglässt. Die Weltrevolution war der Schrecken, der zusammen mit seinem Begleiter der Weltreaktion das zwanzigste Jahrhundert bestimmte. Nichts davon in der Ausstellung. '1917 Revolution' ist unkritisch und begriffslos. Sie geht in die seit vielen Jahrzehnten aufgestellte Falle der bolschewistischen Geschichtsschreibung. Die Geschichte, so lautet deren Legende, führte hin zur Oktoberrevolution, also ist die Geschichte vor ihr nichts als ihre Vorgeschichte. Das ist immer verkehrt. Aber gerade im Falle der Oktoberrevolution ist es verhängnisvoll, wenn man nicht erst einmal das Erstarken des Bürgertums im zaristischen Russland sichtbar macht. Die Ausstellung verzichtet auf die Vorstellung der Mittelklassen. So nimmt sie deren Liquidierung durch die Bolschewiki vorweg."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2017 - Geschichte

Eine neue Kontroverse zwischen Götz Aly und dem Münchner Institut für Zeitgeschichte bahnt sich an, dem Aly vorwirft, sich zuerst in den Sechzigern und dann nochmal um 1980 gegen eine deutsche Übersetzung von Raul Hilbergs heute als epochal angesehenes Werk "Die Vernichtung der europäischen Juden"  ausgesprochen zu haben: Zuerst warf man ihm vor, wissenschaftlichen Standards nicht zu gehorchen, dann fand man ihn nicht mehr zeitgemäß. Eine unrühmliche Rolle spielte auch der Droemer Knaur Verlag, der eine bereits zugesagte Edition des Werks 1965 wieder absagte - der Cheflektor Fritz Bolle hatte als "Chefassistent" in einem KZ-Außenlager gearbeitet. Aly wird heute bei einer vom Institut mit ausgerichteten Tagung einen Vortrag zu der Sache halten. Die SZ bringt heute einen Auszug, der Perlentaucher wird heute Nachmittag, zum Zeitpunkt des Vortrags, den Text in voller Länge mit Belegen und reprografierten Dokumenten online stellen.

Einen ausführlichen Gegenartikel zu Alys Vortrag veröffentlicht bereits heute Sven Felix Kellerhoff in der Welt, der erklärt, dass sei alles überhaupt nicht neu, Aly wolle nur skandalisieren und die negativen Gutachten des Instituts hätten "keineswegs allein" dagestanden: "Nach dem Erscheinen der englischsprachigen Originalausgabe gab es vielmehr eine Reihe negativer Rezensionen. Allerdings ging es diesen Kritikern - zu Hilbergs großem Erstaunen - nicht um seine zentrale These: dass der Massenmord an Europas Juden ein bürokratischer Prozess war, der nur zum Erfolg führen konnte, weil 'alle möglichen Fachleute ihre Ideen und Kenntnisse dazu beigetragen hatten'. Das war eine Erkenntnis, die Anfang der 1960er-Jahre noch zu früh kam: Raul Hilberg war seiner Zeit einfach weit voraus." Auch der Spiegel hatte am Wochenende berichtet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2017 - Geschichte

Der Economist bespricht Anne Applebaums neues Buch "Red Famine - Stalin's War on Ukraine", in dem die Autorin den Hungermord an Millionen Menschen, meist Ukrainern, auch als eine Kampagne definiert, Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukraine zu brechen. Systematisch wurde die Bevölkerung  ausgehungert und an der Flucht gehindert: "Stalin war nicht nur informiert über das Massensterben (das etwa 13 Prozent der ukranischen Bevölkerung vernichtete). Er unterdrückte  das Wissen darüber (inklusive Bevölkerungsdaten) aktiv, um die Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft und und den Zugriff der Kommunsitischen Partei auf das Land voranzutreiben -  Applebaum beschreibt diese Kampagne als eine 'Revolution, die tiefer und schockierender ist als die bolschewistische Revolution selbst'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2017 - Geschichte

Man kann die Reformation würdigen, ohne sie deshalb gleich zur Heilsgeschichte zu verklären, meint Dirk Pilz in der FR. "Man kann Luther Wegbereiter für die Geschichte der Individualisierung nehmen - und ihm zugleich sein durchweg negatives, von der Erbsünde geprägtes Menschenbild vorhalten. Mit Moral- oder Fortschrittskategorien lässt sich keine Geschichte begreifen: Auch ein menschenfreundlicher Humanist wie Erasmus von Rotterdam war Antisemit, auch ein gutgemeinter, betont nichtchristlicher Gesellschaftsentwurf wie der Kommunismus hat blutige Geschichte geschrieben."

Außerdem: Auf Zeit online skizziert der Historiker Christian Mentel die Strategien der international gut vernetzten Holocaust-Leugner. In der Welt erinnert Matthias Heine an die deutschen Kolonien in der Südsee, wo sich bis heute einige hundert deutsche Lehnwörter erhalten haben.