Hans-Ulrich Treichel

Frühe Störung

Roman
Cover: Frühe Störung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
ISBN 9783518424223
Gebunden, 189 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Mutter Mutter Mutter. Er wird es nicht los, dieses ständige Geraune in seinem Kopf. Nicht auf der Couch des Psychoanalytikers, nicht in Berlin, der Stadt seiner Kindheit, und erst recht nicht auf seinen Reisen, sei es nach Mecklenburg-Vorpommern, nach Rom oder gar nach Kalkutta. Er, das ist Franz, der tragisch-komische Held in Hans-Ulrichs Treichels neuem Roman, in dessen Gehörgängen sich die mütterliche Stimme eingenistet hat wie ein immerwährender Pfeifton. Eine Störung, eine Mutterstörung, ohne Frage, die von weit her kommt, mindestens aus der Kindheit, und wovon ihn Andrea, die jungenhafte und ganz und gar unmütterliche Fotografin, zumindest eine Zeitlang zu heilen versteht. Doch Andrea bleibt nicht bei Franz. Und vor seiner Mutter hält er nicht stand - selbst dann nicht, als längst keine Macht mehr von ihr ausgeht und ihre Stimme verstummt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.08.2014

Heiter ist nur der Plauderton dieses Buchs, versichert die gefesselte Rezensentin Angelika Overath. Darunter lauert die Schwärze einer viel zu engen, unlösbaren Mutter-Sohn-Beziehung, deren Tragik der Autor im Duktus eines gebildeten Nichtstuers gnadenlos auffalte: eine "Großaufnahme monströser, schweißnasser Intimität", am beklemmendsten geschildert in jenem Bild des Mittagsschlafs, den der Autor als Kind zusammen mit seiner Mutter halten musste: Stillhalten an der Seite der schlafenden Mutter. Overath breitet noch mehr bedrückende Szenen vor uns aus - nicht alle haben direkt mit der Mutter zu tun. Aber alles steht für sie im trüben und doch faszinierenden Licht dieser erdrückenden Beziehung, die nicht einmal als ein Missbrauch wirklich in Worte zu fassen sei.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2014

Hans-Ulrich Treichel hat einen Psychoanalyse-getränkten Roman geschrieben, berichtet Jörg Magenau, einen von seinen schlechteren, findet der Rezensent. Alles dreht sich in "Frühe Störung" um die Frau Mama des Erzählers, ausgehend von einer Urszene, in der im Bett zu eng, zu nah, zu viel gekuschelt wurde, die sich in immer neuen, immergleichen Variationen wiederholt, erklärt Magenau. Treichels Ton ist dabei immer so ironisch, dass das Muttersöhnchen-Leid dem Rezensenten nicht so richtig unter die Haut gehen will, die Ironie mündet im Leerlauf eines müden Lächelns, so Magenau. Dabei gehört die Ironie nicht Franz Walter, dem Erzähler, denn dem lastet die verstorbene Mutter noch immer auf der Seele, sie gehört dem Routinier Treichel, der sie hier gewohnheitsmäßig verstreut, aber ausnahmsweise fehlplaziert hat, bedauert der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.02.2014

Der jämmerlichsten Figur der Saison begegnet Judith von Sternburg in diesem kleinen Roman von Hans-Ulrich Treichel. Dafür dass sie diesen Jammerlappen mit gehörigem Mutterkomplex überhaupt aushält, sorgt der Autor mit kalkulierten Übertreibungen  und allerhand Schabernack. Aber auch, indem er in Sternburgs Augen gleich eine ganze Generation mit porträtiert, die der Erben, deren vermurkste Kindheit und Idiosynkrasien, Phobien, und Hypochondrien Treichel in "routiniert witzigem" Ton vorführt. Das quasselt sich so dahin, meint Sternburg, ist aber ganz prächtig.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2014

Auch wenn Rezensent Jochen Hieber Hans-Ulrich Treichel als herausragenden deutschen Autor schätzt, geht er mit dessen neuem Roman "Frühe Störung" hart ins Gericht. Der Kritiker wundert sich geradezu, wie ein kurzer und bündiger Roman derart "misslingen" und langweilig geraten kann. Er folgt der Geschichte des Enddreißigers bis Mittvierzigers Franz, der in einer Psychoanalyse seine allzu nahe Mutter-Beziehung aufarbeitet und über jene durch Berlin schlendernd, oder in zahlreichen Fischrestaurants auf "Fischland-Darß-Zingst" immer wieder sinniert. Nach nicht einmal zwanzig Seiten stellt der Kritiker fest, dass sich nicht nur die Besuche in den Fischrestaurants, sondern auch die Rückblenden in Franz' kaputte Kindheit und Jugend sowie seine Gedanken über seine Probleme als gescheiterter Schriftsteller auf ermüdende Weise immer wiederholen. Zwar lobt Hieber die ein oder andere durchaus komische Passage, rät dem Autor aber dringend, sich endlich einmal wieder neuen Themen zu widmen.