Spätaffäre

Geld und Verstand

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11.03.2014. Netzkino zeigt "Elling", Petter Naess' Film über ein reichlich neurotisches Muttersöhnchen, den die Psychiatrie auf die Straße setzt, damit er endlich sein Leben selbst in den Griff bekommt. Die BBC berichtet über Designermode in China. Der Guardian porträtiert die Gründerin der London Review of Books, Mary-Kay Wilmers. Und der New Yorker rollte den Mord an Kitty Genovese neu auf.

Für die Augen

Anlässlich des 300. Geburtstags von Carl Philipp Emanuel Bach am 8. März dirigierte Bernard Labadie das Symphonieorchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks mit Werken von Vater Johann Sebastian und Sohn Carl Philipp Emanuel Bach (120 Min.)

"Elling" ist eine Art norwegischer Nationalheld: Autor Ingvar Ambjörnsen hat inzwichen eine ganze Romanserie über sein reichlich neurotisches Muttersöhnchen verfasst. Auch Petter Naess' bekannter Film "Elling" (85 Minuten), der zur Zeit bei Netzkino kostenlos bereitgestellt wird, basiert schon auf dem dritten Roman der Serie und hatte vor zwölf Jahren international einigen Erfolg: "Da steht er nun mit seinem hünenhaften Kjell Bjarne, der sich nur für Essen und Sex interessiert, ein gutmütiges Riesenbaby mit maßlosem Mutterhass. Immerhin eines merken die Freunde rasch: Ab jetzt müssen sie gut aufeinander aufpassen, denn ihr Sozialarbeiter will Erfolge sehen...", schrieb Cristina Moles Kaupp seinerzeit im Spiegel. Der Film macht Spaß!



Stichwörter: Bayerischer Rundfunk

Für die Ohren

Bei der BBC berichtet Jessie Levene über das explodierende Interesse für Designermode in China und die Auswirkung auf chinesische Designer und weibliche Identität in China. Interviewpartner sind u.a. Angelica Cheung, Redakteurin bei China Vogue, die Modedesignerin Vega Zaishi Wang und Isabelle Pascal, Gründerin des Wuhao Concept Store, der chinesische Designer vorstellt. (25 Min.)

Friedrich Anis Krimis lesen viele. Er hat auch Gedichte, Bücher für Jugendliche, Hörspiele und Drehbücher geschrieben. Vor drei Wochen ist sein Jugendbuch "Die unterirdische Sonne" erschienen: "nichts für Feiglinge", versichert er im Gespräch mit Kirsten Westhuis auf NDR Kultur verriet. (42 Min.)
Stichwörter: Hörspiel, Krimis, NDR, Vogue

Für Sinn und Verstand

Erben wie Mary-Kay Wilmers gibt es in Deutschland nicht, gesegnet mit Geld und Verstand! Im Guardian porträtiert Elizabeth Day die 75-jährige Herausgeberin der grandiosen London Review of Book: "Bei allem Erfolg schafft es die LRB kaum, Geld zu machen. Sie verdankt ihre beständige Existenz Wilmers' Großzügigkeit, die regelmäßig Gelder aus ihrer Familienstiftung abzapft. Ihr deutscher Vater war der Gründer eines multinationalen Energieunternehmens und die Vorfahren ihrer Mutter waren russische Juden, zu denen der Psychoanalytiker Max Eitington gehörte wie auch Leonid Eitington, ein stalinistischer Agent, der als Mastermind hinter der Ermordung von Leo Trotzki stand."

40 Jahre nach dem Mord an Kitty Genovese rollt Nicolas Lemann im New Yorker den Fall noch einmal auf, der seinerzeit maßgeblich durch den New York Times Reporter A. M. Rosenthal skandalisiert und so zu einer der meistdiskutierten Mordsachen der 60er Jahre wurde. Indem Rosenthal seinen Artikel aus soziologischen und psychologischen Versatzstücken, Spekulationen und falschen Behauptungen zusammmenschrieb, die vor allem die 38 angeblich tatenlos zusehenden Zeugen der 30 Minuten dauernden Vergewaltigung und Tötung der jungen Frau durch Winston Moseley betrafen, erfand er einen beunruhigenden soziologischen Trend. "Rosenthal verarbeitete Ängste, die mit der Anonymität der Städte, dem Kollaps sozialer Konventionen der 50er, rassistischen Unruhen, dem Kennedy-Attentat und sogar dem Holocaust zusammenhingen … Geschichten wie diese markieren die echte Gefahrenzone des Journalismus, da sie das instinktive Gefühl, ob etwas sich wahr anfühlt, mit dem Glanz der Wissenschaft blenden, die in diesem Fall ein Verbrechen in eine Krise verwandelte … Das echte Kitty Genovese Syndrom hat weniger mit untätiger Schaulust zu tun, als mit unserer Anfälligkeit für Geschichten, die unsere Vorurteile und Ängste bestätigen. Die Lehre hier lautet nicht, dass Journalisten ihrem Bauchgefühl nachgeben, sondern dass sie ihren Kopf benutzen sollten."