Spätaffäre

Auf einmal lernte er Japanisch

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
12.03.2014. Im Magazin der NYT erzählt Ron Suskind, wie sein autistischer Sohn mit Hilfe von Disneyfilmen die Fähigkeit zur Kommunikation wiedererlangte. DRadio Kultur bringt das Hörspiel "Birdy" mit Barnaby Metschurat und Daniel Brühl nach dem Roman von Naomi Wallace. Und slate.fr verkündet: Anpassung ist die neue Abhebung.

Für die Augen

Im New Yorker MoMA gibt es ab heute drei Tage lang ein Screening von Michael Roemers Film "Nothing but a Man" aus dem Jahr 1964. Im Blog des Museums schreibt Kurator Charles Silver, wenige Tage, nachdem der Oscar erstmals an einen schwarzen Regisseur verliehen wurde: "'Nothing but a Man' entstand auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung und kam in dem Jahr heraus, in dem Dr. King seine berühmte Rede hielt. Der Film spielt in Birmingham, einer Stadt, die im Leben von Dr. King eine Schlüsselrolle einnahm. Drei Wochen nach seiner Rede wurde dort eine Kirche in die Luft gesprengt, vier Kinder starben. Spike Lee hat die Tragödie in seinem Film 'Four Little Girls' nachgezeichnet. Für mich verkörpert 'Bothing but a Man' eine Authentizität, einen Naturalismus, der mich schon vor fünfzig Jahren tief bewegt und bis heute nichts von seiner Wirkung verloren hat. Vielleicht ist es anmaßend von mir als Weißem, aber die beiden Männer, die den Film realisierten, waren auch weiß: Michael Roemer war in seiner Kindheit vor den Nazis geflohen, was zweifellos zu der Sensibilität gegenüber den Geschnissen beitrug, von denen der Film erzählt." Auf Youtube ist der Film zu sehen (92 Min.):



Gestern vor drei Jahren nahm die Reaktorkatastrophe in Fukushima ihren Lauf. Bei Arte sind dazu gleich drei interessante Dokumentationen zu sehen: "Fukushima - Chronik eines Desasters" (hier, 48 Min.) zeichnet die Geschnisse im Einzelnen nach, "Die Welt nach Fukushima" (hier, 78 Min.) untersucht den Umgang mit Kernenergie seit 2011 und für die Reportagereihe "X:enius" (hier, 26 Min.) wurde das kontaminierte Gebiet um das Atomkraftwerk besucht. Alle drei sind bis Freitag in der Mediathek abrufbar.

Für die Ohren

Birdy ist von Vögeln fasziniert und wollte ihre Sprache lernen. Im Militärhospital, nach einem Einsatz im Zweiten Weltkrieg, bleibt er stumm und pickt Körner. Sein schwer verwundeter Freund Al versucht wieder Zugang zu ihm zu bekommen. Naomi Wallace erzählte die Geschichte in ihrem 1978 erschienenen Roman "Birdy". Alan Parker verfilmte das Buch 1984 und 2003 produzierte Deutschlandradio Kultur ein gleichnamiges Hörspiel in der Bearbeitung und der Regie von Norbert Schaffer. In den Hauptrollen sind Barnaby Metschurat, Daniel Brühl, Florian von Manteuffel und Hans-Peter Hallwachs zu hören. (69 Min.)

"Meines Wissens hatte kein Neger vor mir dieses kleine Schweizer Dorf betreten." - Zwischen 1951 und 1953 zog sich der afroamerikanische James Baldwin dreimal in das Walliser Bergdorf Leukerbad zurück, um dort an seinem Roman "Go tell it on the mountain" (Gehe hin und verkünde es vom Berge, mehr hier) zu arbeiten. Die Erfahrung war enorm - für die Dörfler ebenso wie für den Dichter. Für ihr Feature "Wie ein Schaf in der Wüste" (swr 2) haben sich Michael Stauffer und Rolf Hermann auf die Spuren Baldwins in Leukerbad begeben. Ihr Bergführer ist unter anderem der Walliser Lucien Happersberger, Begleiter und Geliebter Baldwins in den 50er-Jahren. (Produktion 2011, 54 Min.)
Stichwörter: 50er, Hörspiel, James Baldwin

Für Sinn und Verstand

Das NYT Magazin bringt einen rührenden Text des Pulitzerpreisträgers Ron Suskind. Garantiert ohne Einflussnahme von Disney verfasst, heißt es, was in diesem Fall besondere Bedeutung hat, denn Suskind schildert, wie sein autistischer Sohn Owen mit Hilfe von Disneyfilmen die Fähigkeit zur Kommunikation wiedererlangte: "Indem er die Filme wieder und wieder sah, zeichnete er Töne und Rhythmen auf. Sprache hat ihre eigene Musikalität, die die meisten von uns nicht hören. Für ihn waren Intonation und Takt über Jahre alles, was er hörte, als würde jemand ohne Japanischkenntnisse einen Kurosawa-Film memorieren. Auf einmal lernte er Japanisch, indem er die übertriebenen Gesichtsausdrücke der animierten Charaktere und ihre Interaktion mit der jeweiligen Situation dazu nutzte, all die merkwürdigen Geräusche zu definieren … Diese gespeicherten Töne halfen wir ihm zu kontextualisieren, indem wir mit ihm sprangen, herumwirbelten, lustige Fratzen zogen, genau wie im Dschungelbuch … Wir lebten ein Doppelleben. Tagsüber gingen meine Frau, Owens Bruder Walt und ich unseren Geschäften nach, abends schlüpften wir in die Rollen von animierten Disney-Figuren."

Außerdem zu lesen: Ein Interview mit Alan Rusbridger, Herausgeber des Guardian, über Zukunftspläne für das Blatt und Post-Snowden-Mysterien, wie Buchstaben, die schon beim Tippen vom Bildschirm verschwi…

In Slate.fr berichtet Vincent Glad über den neuesten Hipster-Modetrend in New York: normcore. Darunter muss man sich vorstellen, dass sich modebewusste Youngsters in Soho exakt genauso kleiden wie Mittelklassetouristen. Erfunden wurde der Begriff von K-Hole, einer kleinen New Yorker Trendagentur, seine sprunghafte Verbreitung erfuhr er anschließend durch einen Artikel im New York Mag. "Laut K-Hole hat das Internet alles entgrenzt, und es ist nicht mehr möglich, sich in dieser Riesenarena, in der jeder Zugriff auf Information hat, abzugrenzen. Man muss im Versuch, einzigartig zu sein, immer weiter gehen. Aber in seiner jeweiligen Ecke ist keiner einzigartiger als sein Nachbar ... K-Holes Antwort darauf lautet nun: we need to go deeper. Die stärkste Abhebung besteht darin, Abhebung abzulehnen, schreibt K-Hole: 'Wenn sich die Spielräume zunehmend bevölkern, wendet sich die Indie-Kultur der Mitte zu. Nachdem die Abgrenzung einmal umgesetzt ist, ist wahre Coolness zu versuchen, die Normalität zu beherrschen.' Normcore ist also eine Rückkehr zur Ästhetik der Einkaufszentren in amerikanischen Vororten."