Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 33

Magazinrundschau vom 29.07.2008 - Times Literary Supplement

Paula Marantz Cohen besuchte eine Konferenz in Oxford über Fred Astaire. Wundervolle Idee, auch wenn nicht viel neues dabei herauskam. Immerhin: "Für viele hier war Fred Astaire eine einsame Passion, so war diese Konferenz eine seltene Gelegenheit, diese Wertschätzung zu teilen." Wir teilen sie auch - und wie! - und nutzen den Artikel hemmungslos, einige unserer Lieblingstanzszenen mit Astaire zu zeigen:

Aus: You'll never get rich




Aus: Holiday Inn



Und aus: The Sky's the Limit



(Für die längere Version braucht man etwas Geduld!)
Stichwörter: Astaire, Fred

Magazinrundschau vom 24.06.2008 - Times Literary Supplement

G.S. Smith preist die Tagebücher Sergej Prokofjews, von denen gerade der zweite Band auf Englisch erschienen ist und deren Prosa den gleichen Sinn für Nuancen und Timing aufweise wie seine Musik. "Dass die Tagebücher die politischen Umstände überlebten, verdanken wir der selbstloser Entschlossenheit einiger mutiger Individuen und einer gehörigen Portion reinen Glücks. Prokofjew hatte die Tagebücher in den USA deponiert, nachdem er sie überraschenderweise bei seiner ersten Rückkehr nach Russland 1927 zurückbekommen hatte. Nach seinem Tod wurden sie von der sowjetischen Regierung beschlagnahmt und in ein Archiv gegeben, das undurchdringbar sein sollte. Die Entwicklungen nach 1991 erleichterten den Zugang zu den Tagebüchern durch die Familie des Komponisten aus erster Ehe. Dann kam die gewaltige Aufgabe, aus dem Manuskript einen lesbaren Text zu gestalten, den der Komponist nach 1914 kodiert hatte, indem er die Vokale strich. Diese Arbeit wurde von Prokofjews ältestem Sohn Swjatoslaw geleistet, mit Hilfe von dessen Sohn Sergej und Sergejs Frau Irina."

George Fitzherbert bespricht eine Reihe neuerer Bücher zu Tibet und seiner Geschichte. Für eine "chinesische Version" hält er Darstellungen, nach denen Tibet von 1950 eine grausame, feudale Tyrannei gewesen sei und stellt klar: "Die tibetische Kultur produziert ihre eigene Führung. Die Chinesen täten gut daran, anzuerkennen, dass sie in Tibet keine Macht verleihen können. Sie können sie nur anerkennen."
Stichwörter: Tibet, Prokofjew, Sergej

Magazinrundschau vom 10.06.2008 - Times Literary Supplement

Welcher Kritiker wagt es heute noch, Comics, Detektiv- oder Horrorgeschichten zu verteufeln? Angesichts zweier Bücher über den Aufstieg von Genre-Literatur, David Hajdus "The Ten-Cent Plague" und Michael Chabons "Maps and Legends", glaubt Michael Saler, an einem "kulturellen Wendepunkt" zu stehen: "Genre-Filme und -Bücher bedienen nicht länger nur Minderheiten. Sie führen die Bestseller-Listen und Umfragen an: Wir sind alle Geeks geworden. Die Verachtung des Establishments für das Genre und das Misstrauen der Populisten gegenüber experimentellen Techniken gehören der Vergangenheit an. Generation, die Hoch- und Massenkultur gleichermaßen kennen, sind zu den Produzenten und Gebietern der Künste geworden, nicht zuletzt durch die Ausbereitung des Internets seit den frühen 90er Jahren (selbst das 'Establishment' ist von der vielleicht weniger wohlklingenden, dafür demokratischeren Blogosphäre überholt worden)."

Magazinrundschau vom 27.05.2008 - Times Literary Supplement

A. N. Wilson verteidigt Patrick Frenchs Biografie V.S. Naipauls "The World is what it is": "Es ist eine ungeheure Leistung, eine wundervolle Biografie, eine Rechtfertigung für die Kunst der Biografie. Und doch waren die Reaktionen bisher eher feindselig - vor allem, scheint es, weil die Kritiker schwer damit zu kämpfen haben, in dem großen Schriftsteller auch die herkömmliche Vorstellung des idealen Ehemanns zu finden. Wie konnte solch ein meisterlicher Autor ein solches Monster sein? Kein Zweifel, es ist ungeheuerlich, wenn Naipaul gegenüber French eine Szene schrecklicher Gewalt gegenüber seiner argentinischen Geliebten Margaret Gooding zugibt: Er hatte gerade herausgefunden, dass sie ihm untreu war: 'Zwei Tage lang habe ich sie geschlagen; zwei Tage lang habe ich sie mit der Hand geschlagen, meine Hand fing schon an zu schmerzen... Ihr machte es nichts aus. Sie hielt es für einen Ausdruck meiner Leidenschaft für sie.' Sie blieb noch ein Vierteljahrhundert bei ihm. Kein Zweifel, Naipaul wollte, dass davon erzählt wird - von der Gewalt und von der Untreue."

Carlin Romano stellt zwei Bücher vor, die sich vor und um die bisher "rein zufällige" Freiheit des Internets sorgen: Daniel J. Solove fürchtet in "The Future of Reputation", dass Klatsch und Tratsch und üble Nachrede durch das Internet in aller Welt verbreitet und für alle Zeit gespeichert wird. Jonathan Zittrain fürchtet in "The Future of the Internet", dass Spam und Viren uns dazu bringen könnten, in die schöne neue Welt der kontrollierten Angebote von iPods, iPhones, Xboxes und TiVos zu flüchten.

Magazinrundschau vom 20.05.2008 - Times Literary Supplement

Ritchie Robertson erkennt mit einem Blick auf die österreichische Literaturgeschichte eine "kulturelle Matrix" hinter dem Fall Josef Fritzl. Von Adalbert Stifter in "Tumalin" bis Elias Canetti in "Die Blendung" wurde er schon beschrieben, der Vater, der sein Kind einsperrt, "züchtigt", missbraucht: "Josef Fritzl existierte in der Literatur, lange bevor es ihn im Leben gab. Wir sollten solch kritischen Schriftstellern wie Nestroy, Anzengruber, Nabl, Canetti und vielen anderen mehr Aufmerksamkeit schenken, deren Arbeiten voreilig als Überzeichnungen abgetan wurden. Es zeigt sich, dass ihre monströsen und grotesken Charaktere, Gundlhuber und Benedikt Pfaff, die perversen Energien verkörpern, die in der österreichischen Gesellschaft wirken. In seinen Schriften über den Realismus pries Georg Lukacs Autoren wie Balzac oder Dickens, deren Figuren keinen statistischen Durchschnitt repräsentieren, sondern einzigartig, außergewöhnlich, überlebensgroß seien wie Balzacs Polizeichef Jacques Collin. Es seien genau solch weither geholte Charaktere, meinte Lukacs, in denen der Realismus triumphiert, denn in ihnen finden die Konflikte und Widersprüche einer Gesellschaft ihren Ausdruck."

Magazinrundschau vom 13.05.2008 - Times Literary Supplement

Der große Schatten Edward Saids und seiner "Orientalismus"-These wirkt fort, schreibt Robert Irwin, der für den Nahen Osten zuständige Redakteur der Times. Froh ist er darüber nicht und bespricht darum mit Vergnügen zwei Bücher, die Saids "Orientalismus"-Buch auseinandernehmen: Daniel Martin Variscos Buch mit dem lustigen Untertitel "Reading Orientalism - Said and the Unsaid" und das Buch des unter Pseudonym schreibenden Islam-Abtrünnigen Ibn Warraq "Defending the West" (Auszug). Warraq, dessen Verteidigung des Westens Irwin denn doch ein bisschen stört, macht auf die von Said vernachlässigte Rolle der deutschen Orientreisenden aufmerksam. Irwin schreibt: "Deutsche Gelehrte dominierten arabische, hebräische und Sanskrit-Studien im 19. Jahrhundert, aber Said vermied eine nähere Auseinandersetzung mit ihrem Werk. Dies liege daran, dass die Vorherrschaft der Deutschen nicht mit Saids These des Zusammenhangs zwischen Orientalismus und Imperialismus zusammenpasse, andere glauben, dass sein Deutsch einfach nicht gut genug war."

Magazinrundschau vom 06.05.2008 - Times Literary Supplement

Ian Bostridge, seines Zeichens weltberühmter Tenor bespricht "The Rest is Noise", (erstes Kapitel) eine Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, geschrieben vom New Yorker-Kritiker Alex Ross (Blog). Unter anderem geht's in dem monumentalen Band um die politische Rolle der Musik in totalitären Regimes. Und "Deutschland" ist laut Bostridge die Quelle aller Probleme: "Für Ross ist die Affenliebe der Nazis zur Musik die Krux seiner Gschichte. Wenn deutsche Politik und Philosophie der klassischen Musik im 19. Jahrhundert eine nie gesehene Macht gab, dann raubte ihr ihre ihre Verquickung in die Vernichtung der europäischen Zivilisation vor sechzig Jahren ihre moralische Autorität, ein Kollaps, mit dem die klassische Musik bis heute zu leben hat. Ross zeigt es an einem trivialen Beispiel: 'Wenn irgendein gepflegter Superschurke in Hollywood ansetzt, die Menschheit zu versklaven, dann legt er sich eine Platte mit klassischer Musik auf, um sich in Stimmung zu bringen."

Außerdem im TLS: Der Historiker Mark Mazower liest Bernard Wassersteins "Barbarism and Civilisation - A history of Europe in our time" (mehr hier). Jon Garvie denkt mit Cass R. Sunsteins " Republic.com 2.0" (mehr hier) über den Struktuwandel der Öffentlichkeit durch das Internet nach, möchte aber Sunsteins von Habermas geprägte linkskonservative Skepsis gegenüber der Digitalisierung nicht teilen.

Magazinrundschau vom 29.04.2008 - Times Literary Supplement

Anlässlich einer neuen Werkausgabe singt Jonathan Bate ein Hohelied auf den Renaissance-Dramatiker Thomas Middleton, der "der Sprache Sex gab und dem Sex Sprache gab, und zwar mehr als jeder andere Englisch schreibende Autor": "Wir müssen Middleton als unseren größten Barde anerkennen, für Inzest, Zuhälterei, Travestie, sexuelle Belästigung und Erpressung, Kastration, priesterlichen Missbrauch, eheliche Vergewaltigung, Impotenz, Masochismus, Nekrophilie, Pädophilie, Unzucht, Masturbation und Lesbentum". (Hier kann man einige seiner Werke lesen)

Terry Eagleton stöhnt über Slavoj Zizeks neues Buch "In Defense of Lost Causes": "Es scheint im Himmel und auf Erden nichts zu geben, was nicht Mahlgut für seine intellektuelle Mühle wäre. Eine Abschweifung produziert die nächste, bis dem Autor genauso unklar ist wie dem Leser, was er eigentlich erklären sollte. Und zum Horror eines jeden Rezensenten werden seine Bücher jedes Jahr dicker."

Magazinrundschau vom 22.04.2008 - Times Literary Supplement

Zweihundert Jahre hat es gedauert, bis nicht nur der "sentimentalisierte" Blaue-Blume-Novalis, sondern der Philosoph Novalis in der englischsprachigen Welt angekommen ist. Für Jeremy Adler, der eine Reihe von jetzt erschienene Übersetzungen vorstellt, eine kleine Offenbarung: "Der neue Novalis bestätigt nachdrücklich Thomas Carlyles Einschätzung des Autors als 'der deutsche Pascal'. Beide Männer hatten praktische Begabungen, waren zugleich aber auch Fanatiker einer Reinheit, die sie dazu trieb, das Unendliche als einzigen Maßstab zu akzeptieren und so das Denken ihrer Zeit neu zu definieren; darüber hinaus ähneln sie sich in ihrer Denkbewegung von der Mathematik zur Theologie und das mit einer Intensität, die vielleicht dazu führen musste, dass ihre frühreifen Anfänge nur in einem ebenfalls verfrühten Tod ihre Erfüllung finden konnten; während die Suche nach einer höheren, absoluten Wahrheit in fragmentarischen Äußerungen endeten. Wenn jedoch Pascals 'Pensees' das quälende Gewissen der Neoklassik waren, sind Novalis' Fragmente eher das faszinierende Bewusstsein der Moderne."

Und noch ein deutscher Klassiker wird gefeiert: Timothy Hyman bewundert die "brillante Intelligenz" von Lucas Cranach, dessen Werk erstmals in England in einer großen Ausstellung in der Royal Academy of Arts gezeigt wird. Nur im Print geht es außerdem um die Weimarer Republik und Stefan George.

Magazinrundschau vom 15.04.2008 - Times Literary Supplement

"Der Literaturkritiker als Groupie der Neurowissenschaften ist der neue Trend", stöhnt der Gerontologe Raymond Tallis nach Lektüre eines Artikels der Schriftstellerin A.S. Byatt, die das Erregende an John Donnes Gedichten in neurowissenschaftlichen Begriffen erklärt hat: "Das Vergnügen, das Donne unseren Körpern bietet, ist das Vergnügen an einer extremen Hirnaktivität." Nonsense, findet unser Fachmann, und macht, bevor er ins Detail geht, seinem Ärger über eine Literaturkritik Luft, die ihr Thema nicht ernst nimmt. "Auf den ersten Blick erscheint das Ersetzen von THEORIE... durch etwas so Solides wie 'das Gehirn' als Fortschritt. Aber in Wahrheit ist es nur ein Fall von plus ca change, plus c'est la meme chose. Das Umschalten von THEORIE auf 'Biologismus' lässt etwas Wesentliches unverändert: nach wie vor wendet wendet man sehr generelle Ideen unkritisch auf Werke der Literatur an, deren unverwechselbare Eigentümlichkeiten, überlegte Ziele und kalkulierte Wirkungen konsequent verloren gehen."

Joy Connolly hat zwei sehr interessante Bücher über das Verprügeln von Ehefrauen in der Antike gelesen: Sarah B. Pomeroys "The Murder of Regilla" und Caroline Vouts "Power and Eroticism in Imperial Rome". Leider ist die Quellenlage nicht optimal: "Gewalt gegen Frauen war für die klassischen Autoren nur in Ausnahmefällen Thema, etwa wenn sich Augustinus in seinen 'Bekenntnissen' an die Blutergüsse erinnert, die er als Kind im Gesicht der Freundinnen seiner Mutter gesehen hatte, oder wenn Herodot und Sueton berichten, dass der korinthische Tyrann Periander und Kaiser Nero ihre schwangeren Frauen tot prügelten."

Außerdem: Bravouröses Entertainment" bescheinigt Ruth Morse Salman Rushdies neuem Roman "The Enchantress of Florence", aber am Ende ist sie doch enttäuscht.