Magazinrundschau - Archiv

The Spectator

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Magazinrundschau vom 04.03.2008 - Spectator

Als er noch Redakteur beim Independent war, entwickelte Charles Leadbeater unter anderem die "Bridget Jones"-Kolumne. Als freier Autor wendet er sich anderen Innovationen zu und hat jetzt ein Buch über die Kreativität der Masse im Internet geschrieben. Matthew d'Ancona lässt sich dankbar erklären, wie traditionell doch vieles im Internet ist. "Tatsächlich glaubt Leadbeater, dass die Internetgemeinde in vielerlei Hinsicht eine Wiederbeschwörung alten Brauchtums und gemeinsamer Traditionen ist, die von der industriellen Organisation des 20. Jahrhunderts verschüttet wurden. 'Dieses ganze Gerede davon, das Internet sei etwas Neues, ist falsch', sagt er. 'Es funktioniert dann am besten, wenn auf Älteres zurückgegriffen wird .' Dass eine Ansammlung von Amateuren Inhalte erstellt und miteinander teilt, das sei der Kern der Brauchtumskultur, nur für die digitale Ära aktualisiert. Peer-to-Peer-Empfehlungen bilden den Kern modernen Marketings und sozialer Netzwerke. Zum ersten Mal tauchte dieses Verfahren in den wissenschaftlichen Zeitschriften des 17. Jahrhunderts auf."

Magazinrundschau vom 26.02.2008 - Spectator

Barack Obama ist der neue Othello, glaubt Venetia Thompson. Der Vorwurf, ihm fehle es an politischer Substanz, sei substanzlos und ein Ausdruck der Angst des weißen Mannes vor dem schwarzen Supermann. "Barack Obama wird gefürchtet. Wegen seiner Fähigkeit zu begeistern, seiner Hoffnung für die Zukunft, des Willens zur Veränderung und, um zu Othello zurückzukehren, wegen 'der Gefahr, durch die er gegangen ist'. Dazu zählt nicht der offene Rassismus, dem er als Heranwachsender begegnete und von dem er in 'Dreams from My Father' spricht, oder der Autounfall, bei dem sein Vater und beinahe Obama selbst starb, sondern die Gefahr, das ist der weitaus gefährlichere Mix aus Dinnerparty-Rassismus, der sich hinter einem Schleier aus Wohlwollen tarnt. Der weiße Mann, der fröhlich daherredet, wie wundervoll er Obama findet, dass ein schwarzer Präsident eine tolle Idee wäre und dass er ihn sehr gerne unterstützen würde - aber dass er es leider nicht kann, weil er politisch einfach zu leichtgewichtig ist, zu wenig Kontur hat. Ob seine Furcht für den Rassismus verantwortlich ist oder umgekehrt, darüber sollte man mal sprechen."

Tony Blair möchte EU-Präsident werden. Da gibt es nur ein kleines Problem: "Auf den Straßen von Europa traut man ihm nicht weiter als Sie oder ich spucken können", erklärt Rod Liddle. "Niemand scheint ihn zu wollen, doch gleichzeitig wird sein Sieg als unvermeidlich angesehen. Er ist, wissen Sie, ein großer Kommunikator; er hat Statur. Es wird behauptet, er überbrücke die Teile des Alten und Neuen Europas oder hüpfe zumindest zwischen den zwei Teilen hin und her wie eine Fliege auf einer heißen Herdplatte: die eine Woche offeriert er den Polen Beistand, in der nächsten Woche gibt er ihnen eins aufs Maul. Seine Präsidentschaft ist entweder eine Herausforderung für die französisch-deutsche Dominanz in der EU oder sie gewährleistet erst ihr Überleben; suchen Sie sich was aus. Beide Interpretationen wurden vorgeschlagen und das ist in gewisser Weise Mr. Blairs Triumph als Politiker, dass er alle Dinge für alle Leute ist, während er in Wahrheit gar nichts ist."

Und Douglas Murray unterhält sich mit dem Historiker Michael Burleigh, der gerade eine Kulturgeschichte des Terrorismus veröffentlicht hat: "Blood and Rage".

Magazinrundschau vom 19.02.2008 - Spectator

Die besten Geigen der Welt sind nach wie vor jene, die im 18. Jahrhundert in Italien hergestellt wurden. Das macht sie zu einer umkämpften Ressource und nebenbei zu einer profitablen Anlage, wie Joanna Pitman erläutert. "Gute Geigen legen jedes Jahr um zehn bis zwölf Prozent an Wert zu. Dieser Trend wird sich wahrscheinlich fortsetzen, da dass Angebot endlich ist und die Nachfrage steigt. Die wachsende Beliebtheit klassischer Musik in Asien hat die Preise in die Höhe getrieben. Während ehrgeizige englische Eltern davor zurückschrecken, für die Geige des Nachwuchses zehntausend Pfund zu investieren, zahlen neureiche asiatische Eltern mit Freuden zweihunderttausend Dollar. Die Japaner kaufen seit Jahren ernstzunehmende Geigen, die Koreaner bewegen sich schnell in den Markt, und - wie in jedem anderen Bereich - werden die Chinesen bald hinzukommen."
Stichwörter: Geiger, Klassische Musik, Korea

Magazinrundschau vom 12.02.2008 - Spectator

"Stinkende Gräben, geadelt durch die pompöse Bezeichnung Kanal, eine gute Brücke, die völlig ruiniert wird durch zwei Reihen von Häusern darauf und ein großer Platz, der von der schlimmsten Architektur begrenzt wird, die ich je gesehen habe." Das schrieb Edward Gibbon, der Autor der "History of the Decline and the Fall of the Roman Empire", im 18. Jahrhundert, aber er spricht Stephen Bayley aus dem Herzen, der in einer wütenden Tirade mit der Leiche Venedig abrechnet. "Venedig hat es mit der falschen Art von Modernismus probiert. Es hat neue Architektur und organisches Wachstum abgelehnt und die weitaus korrumpierenderen Kräfte des Massentourismus bevorzugt. Unterdessen versklavt das Virtuelle Venedig die schwindende lokale Bevölkerung, die ihr Zuhause nach Mestre verlegen muss, um Auto fahren und Supermärkte besuchen zu können."

Magazinrundschau vom 29.01.2008 - Spectator

Bentley ist erst wieder zu einem britischen Flaggschiff geworden, seit die Deutschen das Kommando in Crewe übernommen haben, stellt Matthew Lynn fest und ärgert sich, dass es seinen Landseluten nicht selbst gelingt, das eigene Klischee lukrativ auszubeuten. "Bentley verkauft in Wirklichkeit eine Disneyversion der Britishness: einen imperialen, "St James Club"-artigen Jeeves-und-Wooster-Stil, der in seinem Herkunftsland ganz und gar ausgestorben ist, im Rest der Welt aber eine bemerkenswert langlebige Marke bleibt. Bentley zapft diesen Stil ebenso effizient an wie etwa Burberry. Ausländer tun sich damit offenbar leichter als die Briten selbst - denn während eine gewisse Authentitizität nicht zu verleugnen ist, ist er einfach nicht modern - cool Britannia sieht anders aus."

Magazinrundschau vom 08.01.2008 - Spectator

Ende diesen Monats beginnt die Ausstrahlung der neuen ITV-Fernsehserie "The Palace", die in einer fiktiven britischen Königsfamilie spielt. Clemency Burtin-Hill, eine der Darstellerinnen, staunt über den Wirbel, den das Projekt bereits im Vorfeld auslöst: "Wir hatten gerade einmal ein paar Wochen gedreht, als die Gerüchte begannen. 'Geschmacklos und anstößig' schrieb der Sunday Telegraph; 'schrecklich und anstößig und ganz starker Tobak', fügte Lord St. John von Fawsley hinzu; 'es ist zu befürchten, dass [die Serie] dem Ruf der [königlichen] Familie schaden wird', meinte ein Medienexperte. Für die Macher der Serie und die Darsteller waren diese Reaktionen verblüffend, nicht zuletzt, weil alle, die da so genau Bescheid wussten, noch keine einzige Episode gesehen hatten... Diese giftigen Reaktionen auf die bloße Idee von 'The Palace' waren lehrreich, da sie einem die eigentümliche Haltung der Briten zu ihrer Monarchie wieder einmal vor Augen führen. Im Pub beschweren sich die Leute gern über die Royals und ihre seltsamen Sitten, die Steuervermeidung, die Selbstfixiertheit, aber wenn das dann einmal in der Öffentlichkeit gesagt wird, dann eilen alle sofort zur Verteidigung der Monarchie herbei."

Weitere Artikel: Andrew Lambirth mahnt alle, die die große John Everett Millais-Retrospektive in der Tate Britain noch nicht gesehen haben, dies bis zum 13. Januar unbedingt nachzuholen - Millais erweise sich in der Schau als bedeutendster der Präraffaeliten. Besprochen werden unter anderem Marios Vargas Llosas neuer Roman "The Bad Girl", Ignacio Ramonets "monumental unkritisches" Interview-Buch mit Fidel Castro und Christopher Bookers und Richard Norths "Scared to Death", eine Auseinandersetzung mit aktuellen Katastrophenszenarien von BSE bis Klimawandel.

Magazinrundschau vom 11.12.2007 - Spectator

Richard Orange trifft Rajeev Samant, der ganz oben auf der indischen Weinwelle schwimmt. "Mit seinem rasierten Schädel, dem Ohrring und Ziegenbart hat Samant von Anfang an auf sein Playboy-Image gesetzt, um seine Sula-Weine seit dem Start 1999 zu vermarkten. Chateau Indage im nahen Pune und Grover Vineyards in Bangalore fingen schon zehn Jahre früher an, aber es war Sula, die es schafften, Wein zum Getränk der aufstrebenden Schichten zu machen und somit den den derzetigen Boom auszulösen. Einige der weltweit größten Getränkeunternehmen wie Diageo und Pernod Ricard eröffnen Weingut um Weingut, um den Fuß in einen Markt zu bekommen, der um die dreißig Prozent im Jahr wächst. Bollywoods Hauptdarstellerinnen sieht man jetzt mit Weingläsern in der Hand, auf und abseits der Leinwand. Für die neuen Berufsgewinnler aus Bombay, Bangalore und Delhi, die gerade von Geschäftsreisen aus Europa und den USA zurück sind, ist Wein ein wichtiges Statussymbol geworden. Und Samants Unternehmen wächst dementsprechend. 'Wir pflanzen zweihundert Hektar pro Jahr', sagt er. 'Es gibt sehr wenige Weingüter auf der Welt, die in dieser Größenordnung wachsen.'"

Magazinrundschau vom 04.12.2007 - Spectator

Mary Wakefield porträtiert die inzwischen in den USA beim American Enterprise Institute untergekommene Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali, die sie in Westminister zum Gespräch getroffen hat: "Während sie so spricht, merke ich endlich, was sie von ihren Neocon-Kumpels unterscheidet. Während es bei jenen die Angst vor den Muslimen ist, die sie anzutreiben scheint, versucht Ali die Muslime zu schützen, und zwar vor dem Zwang zur Unvernunft. Wenn sie von einem 'Krieg gegen den Islam' spricht, dann denkt sie nicht an Armeen von Aufständischen, sondern an einen ideologischen Virus, in der selben Art, in der ein Arzt über die Schlacht gegen Typhus sprechen könnte. 'Ja, ich befinde mich mit dem Islam im Krieg', sagt sie, als sie aufsteht, 'aber nicht mit den Muslimen'. Es ist ein entscheidender Unterschied. Jetzt ist es Zeit für den Nachmittagstee und der Flur des Oberhauses ist plötzlich erfüllt vom Geschnatter der Abgeordnetenfrauen, die ihre Regenschirme ausschütteln. Entschuldigen Sie die ganzen Frauen mit Kopftüchern, bemerke ich unnötigerweise, als ich ihre Hand schüttle."

Weiteres: Andrey Slivka erzählt, wie das schnelle Geld die Ukraine kaputt macht. Und in seinem Tagebuch kürt Simon Sebag Montefiore Michael Wuliger zu seinem favorisierten Interviewer in Berlin, wo er seine Biografie des "Jungen Stalin". Besonders Wuligers "koscherer Knigge" hat es ihm angetan, dessen neuntes Gebot er zitiert: "Wenn Sie an tief verwurzelten Schuldgefühlen leiden, weil ihr Großonkel Gottfried in der Waffen-SS war, erwarten sie nicht von einem Juden fasziniert zu sein..."

Magazinrundschau vom 27.11.2007 - Spectator

Die 23-jährige Samina Malik, die im Londoner Stadtteil Southall lebt, hat läppische Gedichte geschrieben, in denen sie Bin Laden feiert. Dafür soll sie nun ins Gefängnis. Völlig absurd findet das Rod Liddle: "Sie schreibt über das Abschlagen von Köpfen und den Krieg gegen Ungläubige etc. Sie verwendet gerne und häufig Wörter wie 'cool', am liebsten in Verbindung mit Wörtern wie 'Dschihad'. Osama bin Laden, zum Beispiel, ist cool. Sie ist eine Idiotin. Alles, was ich über sie gelesen habe, überzeugt mich davon, dass sie ein leichtgläubiger und übler Kretin ist, mit einer heftigen Abneigung gegen das Land, in dem sie lebt, verbunden mit teeniehaft-fanatischer Verehrung für die Terroristen, die sie aus ihren Videobotschaften kennt." Schlimm findet Liddle, dass die Liberalen im Lande nicht zu Maliks Unterstützung herbeieilen: "Weil sie glauben, sie müssten den 'islamischen Mainstream' unterstützen ..., beteiligen sich der Guardian und die meisten weißen Liberalen an der koordinierten staatlichen Verfolgung von allem und jedem, das den Islam 'in Verruf' bringen könnnte. Und dann kann man auch jemanden dafür ins Gefängnis stecken, dass er oder sie dumme Gedichte schreibt."

Weitere Artikel: Die demokratisierende Kraft des Internet feiert aus keinem bestimmten Anlass Matthew d'Ancona. James Forsyth glaubt nicht, dass der Nahost-Gipfel in Annapolis Fortschritte bringt. Besprochen werden unter anderem Robert Zemeckis' Beowulf-Verfilmung und das trotz der Beteiligung von Harold Pinter, Michael Caine, Kenneth Brannagh und Jude Law katastrophal missglückte Remake des Films "Sleuth" von 1972.

Magazinrundschau vom 13.11.2007 - Spectator

Die London Library ist eine ehrwürdige Institution. Gegründet vor 150 Jahren von Thomas Carlyle deshalb, weil man sich in der Britisih Library nichts ausleihen durfte, können die 8000 Mitglieder der London Library die Bücher immer noch mit nach Hause nehmen. Dafür sollen sie jetzt 375 Pfund im Jahr zahlen, nahezu doppelt so viel wie bisher. Die darauf folgende Mitgliederversammlung hatte den Charakter einer Revolution, berichtet Paul Barker. "Das Licht strahlte aus dem hohen Lesesaal im Erdgeschoss der London Library auf den St James Square. Die Mitglieder drängelten sich am vergangenen Donnerstag auf der hübschen Treppe, um an der heftigsten Diskussion teilzunehmen, die die Bibliothek seit vielen Jahren oder vielleicht überhaupt erlebt hat. Einige Mitglieder müssen sich in die oberen Galerien quetschen, wo man alte verstaubte Wörterbücher in obskuren Sprachen findet. Von dort beteiligten sich sich an dem Hin und Her der Redeschlacht, die weiter unten wogte, als wären sie ein paar verwahrloste Cherubim aus einem Gemälde von Rafael."
Stichwörter: Carlyle, Thomas, Bibliotheken