Magazinrundschau - Archiv

Respekt

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Magazinrundschau vom 21.12.2021 - Respekt

Anlässlich des Regierungswechsels in Tschechien und des Abgangs von Premier Andrej Babiš stellt Jaroslav Spurný fest, die tschechische Zivilgesellschaft sei gestärkt aus den schwierigen vergangenen Jahren hervorgegangen. "Mit einem gewissen Staunen lässt sich feststellen, dass wir die vierjährige gemeinsame Regierung des unberechenbaren und rachsüchtigen Präsidenten Miloš Zeman, der für Unterwürfigkeit gegenüber Russland und China stand, und des skrupellosen Andrej Babiš, der für Macht und Geld stand, hinter uns gebracht haben. (…) Und mit noch größerem Staunen lässt sich feststellen, dass das Land in wesentlichen Punkten viel besser dasteht als zur Anfangszeit dieser beiden." Denn es habe sich gezeigt, so Spurný, dass Premier und Präsident schwächer seien als die Bürgergesellschaft. Die hat ihren Widerstand durch zahlreiche Demonstrationen und zuletzt die Wahlen ausgedrückt. Von Zeman propagierte Projekte wie die chinesischen Investitionen der Firma Huawei - "die mit ihren Technologien digitale Schlüsselknotenpunkte in Tschechien besetzen sollte" - oder russische Investitionen in tschechische Kernkraft haben sich zerschlagen. "China hat das Interesse an uns verloren. Ebenso Russland, wo wir sogar auf der Liste der feindlichen Länder gelandet sind." Staatspräsident Zeman bleibt den Tschechen zwar noch einige Monate erhalten, aber auch hier besteht die Hoffnung, dass die Bürger im nächsten Jahr eine andere Wahl treffen werden.
Stichwörter: Tschechien, Kernkraft

Magazinrundschau vom 30.11.2021 - Respekt

Tschechien befindet sich in einer ähnlichen Situation wie Deutschland - die neue Regierung ist noch nicht im Amt, die Infektionszahlen sind hoch und die Debatte über eine Impfpflicht kocht hoch. Erik Tabery erkennt in der tschechischen Coronakrise eine generelle Vertrauenskrise: "So oft haben wir (und andere) es schon geschrieben: Eine moderne demokratische Gesellschaft kann nur auf der Basis eines grundlegenden Vertrauens funktionieren. Und das geht verloren. Das kann in gewisser Hinsicht fatal sein, denn wenn man es zu Ende denkt, kann man ohne ein gewisses Vertrauen rein gar nichts machen. Wer garantiert einem, dass keiner Gift in das Brot gemischt hat, das man einkauft? Dass die Medikamente gegen Bluthochdruck, gegen Erektions- oder Herzprobleme nicht einen Zusatzstoff erhalten, der uns in zehn Jahren die Gesundheit ruiniert? Wir steigen schließlich auch in einen Autobus, ohne den Chauffeur und seine Fahrfähigkeiten zu kennen, wissen nicht, was er gestern getrunken oder ob er eine Depression hat … Das Interessante ist, je sicherer unsere Alltagswelt ist, desto größere Ängste und umso geringeres Vertrauen haben viele. Wir müssen uns darauf einstellen, dass ein hohes Maß an Misstrauen einige Zeit lang Bestandteil unseres öffentlichen Lebens sein wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies nach der Pandemie abklingt. Das Misstrauen wird sich nur ein anderes Thema suchen."

Magazinrundschau vom 09.11.2021 - Respekt

Klára Zajíčková unterhält sich mit den beiden tschechischen Soziologinnen Lucie Jarkovská und Kateřina Lišková von der Brünner Masaryk-Universität, die ihre Erkenntnisse aus der Feminismus-Forschung über Social Media und mit Bühnenauftritten als "Duo docentky" einem größeren Publikum unterbreiten und einen Programmabend gerne mal mit einem Satz beginnen wie: "Im Jahr 1969 stand der erste Mensch, natürlich ein Mann, auf dem Mond, aber wie die Klitoris aufgebaut ist, haben wir erst dreißig Jahre später erfahren." Die beiden beobachten, dass in Zeiten allgemeiner Unsicherheit immer wieder Frauenrechte angegriffen werden - Zeichen dessen sind die verschärften Abtreibungsgesetze von Texas bis Polen. Und nicht nur das: "In Polen führt man jetzt eine Debatte darüber, wie Mädchen sich für die Schule anziehen sollten, dass sie nicht Miniröcke und enge Oberteile tragen sollten und man sie zu Reinheit und Moral erziehen sollte. Die Jungen müssen nicht rein und moralisch sein", so Lucie Jarkovská. Eine Erklärung finden die Soziologinnen in der allgemeinen Verunsicherung: "Die Finanzkrise von 2008, die Flüchtlingskrise von 2015, die Pandemie von 2020 untergraben alle die Vorstellung, dass die Welt nach klaren Regeln funktioniert. In Reaktion darauf warten Politiker und Politikerinnen mit Lösungen auf, die die freien Entscheidungsrechte von Frauen eingrenzen. Für einige Politiker ist das Abtreibungsverbot ein Mittel, um zu zeigen, dass alles wieder 'in Ordnung' kommt, dass wir zu den 'guten alten Lösungen' zurückkehren." Der Schutz von Leben sei dabei eher eine Pseudoagenda, seien doch "die Abtreibungszahlen in den letzten Jahrzehnten die niedrigsten" gewesen.

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - Respekt

Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš, der zur Hälfte in Berlin lebt und neuerdings auch auf Deutsch schreibt, hat soeben von Präsident Steinmeier das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Rudiš, der sich immer schon für Kulturlandschaften und gemeinsame Geschichte interessiert hat, berichtet im Gespräch mit Petr Horký von der Vielfalt Deutschlands, wie er sie auf seinen Lesereisen erlebt: "Wenn ich in Dresden eine Autorenlesung habe, ist das gleichsam ein Heimspiel - die Nähe zu Böhmen ist dort eindeutig, es kommen eine Menge Leute. In Dresden ist die tschechische Kultur präsent und ich habe viele Freunde dort, die Tschechien so kennen, wie ich es gar nicht kenne. Sie machen Ausflüge dorthin, haben das Land in ihr Herz geschlossen und haben genauso wie ich unter dem Corona-Vorhang gelitten, der den Zugverkehr unterbrach. Meinen Lesern von Sachsen bis Berlin muss ich nicht erklären, wo ich herkomme und wo Liberec ist. Dasselbe gilt auch für Leser aus Bayern, aus Regensburg, aber auch München. Es gibt einfach nicht ein einziges deutsches Volk, Nationalismus ist Unsinn. Es gibt nicht eine einzige nationale Vergangenheit. Wenn ich in Köln oder Düsseldorf lese, ist das hingegen weit entfernt, dort kommt nur ein harter Kern von wirklich Interessierten."

Magazinrundschau vom 21.09.2021 - Respekt

Das tschechische Nachrichtenmagazin Respekt widmet sein Heft diese Woche dem "Weggang einer unersetzlichen Dame": Angela Merkel. Während die anderen beiden Kanzler, die so lange regierten, dass man von einer "Ära"sprechen könne - Konrad Adenauer und Helmut Kohl - vor allem mit Nachkriegswiederaufbau und USA-Bindung einerseits und der deutschen Wiedervereinigung und Europaarchitektur andererseits verbunden bleiben, lasse sich die Ära Merkels, schreibt Tomáš Lindner, "am leichtesten negativ beschreiben - durch all die Probleme, denen Deutschland während ihrer Kanzlerinnenschaft entgangen ist" - angefangen bei der großen Finanzkrise der Nullerjahre: "In der angelsächsischen Welt stieg jäh die Zahl der Arbeitslosen an, die Mittelschicht verlor ihre Sicherheit. Dagegen herrschte in Deutschland beachtliche Gelassenheit. Der Autor dieser Zeilen unterhielt sich zu jener Zeit (…) mit Arbeitern in Wolfsburg. Sie waren völlig ruhig, ohne Angst vor Arbeitsplatzverlust. Ihre Stimmung war nicht Ausdruck eines verlorenen Realitätssinns, sondern spiegelte die Regierungspolitik wieder", die Angela Merkel damals mit SPD-Finanzminister Peer Steinbrück vorantrieb, als die beiden das System der Kurzarbeit einführten und für die Spareinlagen der Bürger garantierten. Die deutsche Stimmung sei eine völlig andere gewesen als die in Frankreich, den angelsächsischen und den südeuropäischen Ländern - "und für die restliche Ära Merkel haben sich diese mentalen Landkarten nicht wieder verbunden. In den von der Krise schmerzhaft getroffenen Staaten blieben nämlich Narben in Form eines tiefen Misstrauens gegenüber den politischen Eliten und Experten zurück, was mit einigen Jahren Verspätung große Erschütterungen lange stabiler politischer Systeme bewirkte. Und Deutschland? Dort führte Angela Merkel, nach fünf, zehn, fünfzehn Jahren an der Macht immer wieder die Liste der beliebtesten Politiker an."

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - Respekt

Jindřiška Bláhová berichtet vom Filmfestival in Karlovy Vary, auf dem der Dokumentarfilm "Rekonstrukce okupace" über das Ende des Prager Frühlings 1968 gezeigt wurde (Trailer), der jetzt in die tschechischen Kinos kommt: Filmemacher Jan Šikl hat jahrelang Filmmaterial aus Privatbesitz gesammelt und entdeckte viele Stunden Material, die Momente der russischen Okkupation in Prag zeigen und von der Öffentlichkeit nie gesehen wurden ("Wen soll das interessieren?", fragte ein siebzigjähriger Filmrollenbesitzer.) Manches wurde ihm auch anonym zugeschickt. Anschließend spürte Šikl in detektivischer Arbeit einzelne Menschen auf, die auf den Filmausschnitten zu sehen sind. Wodurch sich weitere Kontakte und Erinnerungen ergaben. Es erzählen Zeitzeugen, "die bereuen, damals die Konfrontation gescheut zu haben, und solche, die stolz sind, die Konfrontation gemieden und dadurch weiteres Blutvergießen verhindert zu haben." Bláhová hält den Ansatz des Dokumentarfilms für sehr gelungen, denn Šikl folge der Prämisse, dass "das Banale und das Bedeutende eng miteinander verflochten sind. Dass die große Geschichte nicht existiert ohne die sogenannte kleine, private. Dass die persönliche zur großen Geschichte werden kann und die große sehr persönlich."

Magazinrundschau vom 08.06.2021 - Respekt

Anlässlich des Todes der tschechischen Soziologin, Feministin und ehemaligen Dissidentin Jiřina Šiklová unterhält sich Silvie Lauder mit dem Historiker Vilém Prečan, einem langjährigen Weggefährten Šiklovás, der mit ihr zusammen zu Kommunismuszeiten wichtige Schriften und Literatur kodierte und ins Ausland schmuggelte. Šiklová, die nach der Samtenen Revolution ferner die tschechischen Gender Studies begründete, habe nach der Maxime gelebt, dass "wir als Bürger alle eine Verpflichtung haben, eine Verpflichtung gegenüber dem Land, in dem wir leben, denn niemand sei eine völlig private Person". Wegen ihrer Dissidententätigkeit saß Šiklová zehn Monate unter den Kommunisten im Gefängnis. Dabei habe sie nie ihre Schlagfertigkeit verloren, erzählt Prečan. Als sie einmal in einem Verhör von den Geheimdienstlern gefragt wurde, was sie mit Wolfgang Scheur zu schaffen habe (einem Mitarbeiter der deutschen Botschaft, der Anfanger der Achtzigerjahre als Bindeglied zwischen Dissidenten und Exiltschechen fungierte), denn sie sei mit ihm gesehen worden, behauptete sie einfach: "'Ich schlafe mit ihm.' Darauf konnten sie nichts mehr sagen."

Magazinrundschau vom 20.04.2021 - Respekt

Nachdem Polizei und tschechische Sicherheitsdienste herausgefunden haben, dass die Explosion im Munitionslager Vrbětice, bei der 2014 zwei Tschechen ums Leben kamen, von russischen Geheimagenten verübt wurde (offenbar denselben, die auch das Skripal-Attentat verübten), ist die Empörung groß (der Journalist Jan Urban spricht in Hlídací pes von einem "staatsterroristischen Akt") und russische Botschaftsmitarbeiter wurden ausgewiesen. Erik Tabery meint in Respekt, es gebe keinen Grund zur Überraschung: "Schon seit Jahren wird bei uns ein Kampf darüber geführt, wie groß Russlands Einfluss auf die Tschechische Republik ist. Experten und Geheimdienste warnen schon seit Langem, dass sich die Situation zunehmend verschlechtere. Moskau greift in unsere Angelegenheiten ein und wir reagieren nicht schnell und entschlossen genug." Ein Grund für diese Laxheit sei auf der Prager Burg zu finden, da Präsident Miloš Zeman Russland in all seinen Interessen unterstütze (Anteil am Atomkraftwerk Dukovany, Einführung des Impfstoffs Sputnik V etc.), den russlandkritischen Außenminister Petříček absetzen wollte und den tschechischen Geheimdienst BIS kritisiere. Der BIS sei jedoch "ein Schutzwall, der uns vor Eingriffen des Kremls auf tschechischem Gebiet schützt". Und diese essentielle Sicherung stelle das Staatsoberhaupt permanent in Frage und rufe im Grunde nach ihrer Abschaffung. Der tschechische Staat, so Tabery, müsse sich jedoch schützen, und zwar sofort. Mit der Ausweisung der Agenten habe die Regierung von Premier Babiš immerhin gut reagiert, doch das genüge nicht: "Die Sicherheitsdienste haben ihre Arbeit getan. Jetzt sind die Politiker an der Reihe."

Magazinrundschau vom 13.04.2021 - Respekt

Die tschechischen Filmemacher Ondřej Provazník und Martin Dušek wollten ihren Spielfilm "Staříci" (Die Alten), der auf einem vom Tschechischen Zentrum (eine Kultureinrichtung vergleichbar dem Institut Français) ausgerichteten Online-Festival in Budapest gezeigt werden soll, mit einem Videogruß versehen, in dem sie im Hintergrund "Ban Orban!" auf eine Tafel schreiben und den ungarischen Zuschauern ausrichten "Schaut, solange ihr noch dürft!" Die Leitung der Tschechischen Zentren (die dem Außenministerium unterstehen) habe diesen Videogruß jedoch verboten, wie Tomáš Brolík berichtet, da man offenbar aus diplomatischen Gründen eine Kritik an der ungarischen Regierung nicht zulassen wolle. Die Autoren, die sich freilich auf die Freiheit der Kunst berufen, haben daraufhin überlegt, ihren ganzen Filmbeitrag aus dem Festival zurückzuziehen. "Sie hätten noch angeboten, das Video mit einer Notiz zu versehen, dass ihre Meinung nicht die offizielle Haltung der Tschechischen Republik ausdrücke, aber auch das sei für das Ministerium keine akzeptable Variante gewesen." Im Moment werde dort überlegt, die entstehende Aufschrift "Ban Orban!" mit einem schwarzen Balken zu überblenden, womit Filmemacher Martin Dušek durchaus einverstanden sei: Für bizarre Absurditäten sei er immer zu haben, also auch für diese. (Das Video ist in den Artikel eingebettet)

Magazinrundschau vom 09.03.2021 - Respekt

Aus Anlass des tschechischen Filmpreises Český Lev, der soeben an die polnische Regisseurin Agnieszka Holland für ihren Film "Scharlatan" vergeben wurde, schaltet Respekt ein Gespräch frei, das Jindřiška Bláhová im Herbst mit der Filmemacherin geführt hat, die darin unter anderem über die komplizierte polnische Gegenwart und die widersprüchliche Politik der Populisten spricht: "Die aktuelle Regierung ist stark antikommunistisch und antirussisch. Gleichzeitig bewegt sie sich auf einen Autoritarismus zu, in dem Wahlen immer weniger frei sind und die Propaganda immer stärker. Wahlen werden durch Geld und Medien manipuliert. In Wahrheit entspricht es recht getreu den Herrschaftsmodellen, die für den Sozialismus typisch sind", so Holland. "Auch Putinsche Ideen setzt die Regierung um, etwa die Verflechtung von Kirche und Staat oder das Herauspicken und Stigmatisieren von Minderheiten als Feinde. Gegenwärtig ist es die Hetzjagd auf die LGBT-Community, die allmählich an den Antisemitismus vor dem Zweiten Weltkrieg erinnert." Menschen, die offenbar von einer komplizierten Realität verunsichert seien, biete die populistische Regierung eine Sicherheit an, die sie vor den "Schrecken der Welt" schütze, zu denen Flüchtlinge und in einem gewissen Sinne auch Frauen gehörten. "Vor einigen Jahrhunderten besaß der weiße, meist katholische und heterosexuelle Mann alle Rechte. Dann begann sich seine Torte der Rechte und Privilegien zu verkleinern, und andere erhielten Stücke davon: Kinder, Sklaven, Frauen, farbige Menschen und jetzt auch noch Tiere. Gleichzeitig wandelt sich die Struktur der Zivilisation, in der die physische Kraft des Mannes immer nutzloser wird. Da ist eine gewisse Frustration verständlich."