Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

855 Presseschau-Absätze - Seite 71 von 86

Magazinrundschau vom 16.08.2005 - New Yorker

Alex Ross kehrt erfrischt aus dem alten Europa zurück, wo er in Salzburg Franz Schrekers Wiederbelebung beiwohnen durfte, mit Nikolaus Lehnhoffs Inszenierung der "Gezeichneten". "Lehnhoff führt Schrekers sadistische Manipulationen in seiner Produktion noch einen Schritt weiter. In den ersten beiden Akten entfaltet sich eine abweisende, beunruhigende Landschaft: Figuren kriechen über die Oberfläche einer gigantischen, zerbrochenen Statue, die mitten in Salzburgs aus den Felsen geschlagener Bühne der Felsenreitschule einen dramatischen Anblick bietet." Selbst dass Lehnhoff in einer Steigerung der Vorlage Kinder nicht nur vergewaltigen, sondern auch umbringen lässt, hält Ross für angebracht. "Europäische Opernbühnen sind heutzutage voll von solchen unaussprechlichen Geschehnisse, und üblicherweise haben sie keinen dramatischen Sinn. Lehnhoff aber, der in anderen Produktionen wahrlich nicht als Effekthascher aufgetreten ist, weiß was er tut."

Asienkenner Ian Buruma nimmt sich zwei Bücher über Nordkorea vor, wobei er Bradley K. Martins "Under the Loving Care of the Fatherly Leader" ausführlicher, Jasper Beckers "Rogue Regime" aber deutlicher findet. Wie es weitergehen soll, weiß keiner der beiden Autoren. "Martin schließt sein Buch mit einem bizarren offenen Brief an den lieben Führer ab, in dem er ihm rät, nachdem er ihm alles Gute gewünscht hat, das Land 'kompetenten und vertrauenswürdigen Beamten" zu übergegeben, die Regierung in eine Monarchie umzuwandeln, sich in Südfrankreich oder Hollywood zur Ruhe zu setzen und so den Bestand der Kim-Dynastie zu sichern, 'vielleicht sogar für Tausende von Jahren'. Das scheint mir nicht unbedingt ein nützlicher Beitrag zu sein."

Außerdem: Gina Ochsner steuert die Kurzgeschichte "Thicker Than Water" bei, während Joel Stein sich über die verzweifelter werdenden Anwerbungsversuche der Armee lustig macht. Ansonsten gibt es Besprechungen, die sich dem zweiwöchigen Gastspiel des Moskauer Bolshoi-Ballets in New York, Wong Kar Wais neuem Werk "2046" und David Mackenzies Streifen "Asylum", dem neuen Stück der Five Lesbian Brothers "Oedipus at Palm Springs" im New York Theatre Workshop, Kanye Wests Rap-Album "Late Registration" sowie drei Büchern, die nach der Wahrheit suchen, darunter Harry G. Frankfurts Essay "On Bullshit", dem zu entnehmen ist, dass die Essenz des Bullshits darin liegt, dass er ohne jeglichen Bezug zur Wahrheit produziert wird - im Gegensatz zur Lüge, die immerhin ein negatives Verhältnis zur Wirklichkeit aufweist.

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - New Yorker

Louis Menand porträtiert den amerikanischen Schriftsteller und Literaturkritiker Edmund Wilson, der ab den Zwanzigern für Vanity Fair, den New Yorker und die New York Review of Books schrieb. Wilson lehnte es ab, als Kritiker zu gelten, und bezeichnete sich selbst immer nur als Journalist. "Er hatte keinerlei Interesse an der Kritik als solcher. Er schrieb ein paar wenige Essays über die kritische Literatur, die ihn beeinflusst hatte - marxistische und historische Interpretationen - schenkte den Kritiken seiner Zeitgenossen dagegen keine Aufmerksamkeit, es sei denn, sie waren selbst gute Autoren. (...) Er verabscheute, was er 'Abhandlungsliteratur' nannte - theoretische oder sozialwissenschaftliche Arbeiten - und mied sie, es sei denn, erneut, sie schienen ihm eine literarische oder schöpferische Kraft zu haben. Wenn er mit einem Buch die Geduld verlor, legte er es einfach weg, und was er ignorierte, ignorierte er ohne das geringste Schamgefühl."

Weiteres: Elsa Walsh porträtiert den konservativen Politiker Harry Reid, der im Senat die demokratische Minderheit anführt. In einer Glosse erläutert Jack Handey, was er den Marsmenschen über unseren Planeten erzählen würde. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Gomez Palacio" von Roberto Bolano.

Adam Kirsch bespricht zwei Gedichtbände von Theodore Roethke und James Wright. Peter Schjeldahl führt durch eine Ausstellung mit Arbeiten von Winslow Homer in der National Gallery. Joan Accocella beschreibt die "surrealistische" Tanzszene von Downtown. Und David Denby sah im Kino "Broken Flowers" von Jim Jarmush und Werner Herzogs (mehr) Dokumentarfilm "Grizzly Man" über den amerikanischen "Heiligen und Narren" Timothy Treadwell.

Nur in der Printausgabe: ein Text von Jonathan Franzen über Vögel, Liebe und das Leben in der freien Natur, ein Artikel über die Zukunft der Nachrichten in den Medien und Lyrik von Franz Wright und Matthew Sweeney.

Magazinrundschau vom 26.07.2005 - New Yorker

In einer sehr unterhaltsamen Rezension stellt Steven Shapin eine Kulturgeschichte der Getränke vor: "A History of the World in 6 Glasses" (Walker) von Tom Standage versucht, den historischen und sozialen Bedeutungshorizont dessen, was wir trinken, abzustecken. "Die körperliche Notwendigkeit des Trinkens sagt noch nichts über seine Bedeutung aus. Der enorme Unterschied zwischen 'Lass uns bei einem Kaffee darüber reden' und 'Willst du noch auf einen Kaffee mit raufkommen?' hat jedenfalls mit der physiologischen Wirkung des Getränks nichts zu tun."

Weitere Artikel: Jeffrey Toobin erklärt, warum es mit John G. Roberts, dem von Bush nominierten konservativen Kandidaten für den Supreme Court, demnächst zur nächsten großen Schlacht um die Rechte von Homosexuellen kommen wird. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "CommComm" von George Saunders.

Besprochen werden eine neue Biografie über den amerikanischen Schriftsteller Henry Roth (mehr), die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Buch über die erste "verdeckte Mission" der USA, die1805 in Tripolis missglückte. Sasha Frere-Jones schreibt über einen gemeinsamen Auftritt der angesagten DJs Wesley Pentz alias Diplo und Luis Mattos da Matta alias Marlboro. Nancy Franklin stellt eine Fernsehserie über den Irakkrieg vor ("Over there"). John Lahr bespricht die Theaterinszenierung "Le Dernier Caravanserail" von Ariane Mnouchkine, die auf Erzählungen und Berichten beruht, die sie zwischen 1999 und 2002 bei Flüchtlingen gesammelt hat. Und Anthony Lane sah im Kino drei Filme über sympathische Antihelden: "Last Days" von Gus van Sant über einen Rocksänger und Gitarristen, dessen Geschichte schwer an Curt Cobain erinnert, "Die fetten Jahre sind vorbei" ("The Edukators") von Hans Weingartner und "9 Songs" von Michael Winterbottom.

Nur in der Printausgabe: ein Porträt des Mannes hinter dem konservativen Parteiprogramm, ein Bericht über Gewalt als eine der Spätfolgen des Tsunami und Lyrik von Kay Ryan und Emily Fragos.

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - New Yorker

Der unaufhaltsame Seymour Hersh folgt wieder einmal der "Spur des Geldes", diesmal der verdeckten Wahlkampfhilfe, mit der gewisse Abteilungen der amerikanischen Regierung ihren Kandidaten, Ijad Allawi, im irakischen Wahlkampf unterstützen wollten. Offiziell hatte Präsident Bush Einmischungen untersagt: "Ein früherer Geheimdienstler sagte mir: 'Die Uhr lief ab, die Leute gerieten in Panik. Umfragen zeigten, dass die Schiiten den ganzen Laden abräumen werden. Die Regierung musst was tun. Nur wie?' Die Männer bei der CIA waren 'nur zu bereit auszuhelfen und sicherzustellen, dass die Wahlen in die richtige Richtung laufen', sagt mir der kürzlich pensionierte CIA-Mann. Innerhalb der Geheimdienst-Gemeinde war bekannt, fügte er hinzu, dass die Iraner und andere unterm Tisch verschiedenen Fraktionen halfen. Alle waren besorgt, dass die Bösen Jungs gewinnen würden.'"

Weitere Artikel: James Wood stellt den Schriftsteller Cormac McCarthy vor, dessen literarische Qualitäten sehr unterschiedlich beurteilt würden; ein Umstand, den sein neuer Roman "No Country for Old Men" (Knopf) noch verstärken werde: das Buch sei ein "bedeutungsloser, einfach runtergeschriebener" Thriller. Joan Acocella bespricht den Roman "Beyond Black" der britischen Schriftstellerin Hilary Mantel. Und die Kurzbesprechungen widmen sich zwei Büchern über J. Robert Oppenheimer: einer "beachtlichen" Biografie und einer Studie, die sich mit den Befragungsprotokollen des Physikers durch das FBI befasst. Anthony Lane sah im Kino "Charlie and the Chocolate Factory" von Tim Burton nach einem Buch von Roald Dahl und "Wedding Crashers" von David Dobkin. Ausnahmsweise einmal online ist auch die Erzählung: "Awaiting Orders" von Tobias Wolff.

Nur in der Printausgabe: ein Artikel über die theologischen Schriften des neuen Papstes, eine Reportage über die Sicherheitskommandozentrale New Yorks, eine Bericht über Lychees, die aus irgendeinem Grund nur "trotzdem" gesund sein sollen, und Lyrik von Billy Collins und William Logan.

Magazinrundschau vom 05.07.2005 - New Yorker

In einem ausführlichen Essay untersucht Margot Talbot die Frage, warum gerade Kinder - im Gegensatz zu vielen Erwachsenen - die Geschichten von Roald Dahl so lieben. "Wie ein nachgiebiger Vater, der eine Extraportion Nachtisch verteilt, war Dahl bestrebt, Kindern mehr von dem zu geben, wonach sie sich sehnen: mehr Bilder, mehr Fantasien, wie man etwas meistert, mehr ironische Spötteleien über nörgelnde, langweilige Erwachsene. Neulich schrieb mir ein neunjähriger Freund meines Sohnes auf, warum er Dahl mag: 'Er schreibt so erfinderisch und spannend. Nachdem ich "Charlie und die Schokoldenfabrik" gelesen habe, habe ich mich gefühlt, als hätte ich alle Süßigkeiten der ganzen Welt probiert.'"

Weiteres: Calvin Tomkins erzählt die Geschichte der jüngsten Neuerwerbung des Metropolitan Museum of Art: Zwischen 45 und 50 Millionen Dollar soll das Museum für das Bild "Madonna und Kind" des Renaissancemalers Duccio di Buoninsegna bezahlt haben. Peter Schjeldahl führt durch eine Ausstellung mit Arbeiten von Cezanne und Pissarro im MoMA. Und David Denby sah im Kino Spielbergs "War of the Worlds" und "Hustle & Flow" von Craig Brewer. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Bangkok-Roman von John Burdett, der "geschickt mit Dritte-Welt-Stereotypen, Buddhismus und dem Genuss von gerösteten Heuschrecken" spielt ("Bangkok Tattoo", Knopf). Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Long-Distance Client" von Allegra Goodman.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über neue Befragungsmethoden in Guantanamo, ein Artikel über Pokerspieler, ein Bericht über die Stars des chinesischen Immobilienmarktes und Lyrik von Campbell McGrath und Robert Mazzocco.

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - New Yorker

Hanna Rosin porträtiert das Patrick Henry College in Purcellville, Virginia, wo junge Christen zu Politikern ausgebildet werden. Eine der Studentinnen ist Elisa Muench. "Elisa, die im College Fotografien der Bushs und Cheneys aufgehängt hat, versucht, täglich in der Bibel zu lesen, gewöhnlich vor der Morgengymnastik. Sie erklärt, dass man sie an jeder anderen Schule eine echte Konservative nennen würde - wofür sie sich auch selbst hält - 'aber im Patrick Henry gehöre ich eher zu den Liberaleren'." Sie glaubt, dass die Bibel "Männer und Frauen verschiedene Rollen" zuweist. Trotzdem liege ihr Liebesleben derzeit etwas brach: nachdem die Jungs realisiert hatten, das "ich Politik wirklich liebe und eine Rolle darin spielen will", wurden ihre Karrierepläne zu einem Problem. "Die meisten Jungs am Patrick Henry erwarten, dass sich Frauen einfach 'zurückhalten', unverzüglich die Identität einer Ehefrau und Mutter annehmen und dies 'als Segen betrachten' sollten. Das passt ihr nicht. 'Ich glaube einfach, dass Gott mehr von mir erwartet, aber das kann man hier nicht so gut sagen'."

Weiteres: Louis Menand rezensiert ein Buch, das den amerikanischen Kybernetiker Herman Kahn, Atomtheoretiker und vermutlich Vorbild für Stanley Kubricks "Dr. Seltsam", als "kulturelles Phänomen" zu begreifen versucht ("The Worlds of Herman Kahn", Harvard). Alex Ross denkt anlässlich eines Minifestivals mit dem Titel "Sound Projections" über Filmmusik im Allgemeinen und Philipp Glass' Bedeutung in diesem Metier ("Koyaanisqatsi") nach. Hilton Als bespricht eine Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" und W. Somerset Maugham "The Constant Wife". Anthony Lane sah im Kino eine Neuverfilmung von "Bewitched" von Nora Ephron mit Nicole Kidman in der Hauptrolle, "Me and You and Everyone We Know" von Miranda July und "Yes" von Sally Potter.

Nur in der Printausgabe: Jane Kramer porträtiert einen ehemaligen Künstler, der die albanische Politik neu erfindet, zu lesen ist außerdem eine Reportage über eine geplante Pazifiküberqerung auf einem selbstgebauten Floß, die Erzählung "The Blow" von J.M. Coetzee und Lyrik von Seamus Heaney, Eliza Griswold und Robert Hass.

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - New Yorker

In einem wunderbaren Text erzählt der homosexuelle amerikanische Schriftsteller Edmund White (mehr, hier seine Homepage), wie er lernte, die Frauen zu lieben. "Wenn sich eine Frau in mich verliebt, fühle ich mich schuldig. Ich bin überzeugt, dass es pure Sturheit ist, die mich davon abhält, ihre Gefühle zu erwidern. Wenn ich ihr erkläre, dass ich schwul bin, klingt das sogar für mich wie eine alberne Entschuldigung; ich glaube sie selbst kaum. Früher, als Homosexualität noch als Schande galt, war ich vorsichtig, jemandem meine Begierden zu gestehen - was meinen Widerwillen, die Zuneigung von Frauen zu erwidern, noch boshafter erscheinen ließ: Wer war ich denn, die Liebe einer ehrlichen Frau zurückzuweisen? War das, worauf ich stand, so viel besser?"

Weiteres: Hendrik Hertz kommentiert den jüngsten Einsatz der Filibuster-Taktik im amerikanischen Senat. Seymour M. Hersh erinnert sich an die Tage der Aufdeckung des Watergate-Skandals 1973. David Sedaris erklärt, wie man mit unliebsamen Flugnachbarn fertig wird und wann es besser ist, den Platz zu wechseln. Zu lesen ist außerdem das Erzähldebüt "An Ex-Mas Feast" von Uwem Akpan.

Adam Gopnik porträtiert in seiner Rezension einer Biografie den amerikanischen Schriftsteller William Dean Howell (1837 - 1920). John Updike bespricht Robert Littells neuen Thriller "Legends", und die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Biografie des amerikanischen Lyrikers Ogden Nash, der auch an dem Libretto für die Weill-Oper "One Touch of Venus" mitarbeitete. Sasha Frere-Jones hörte das neue Album der Gruppe White Stripes. Nancy Franklin stellt die TV-Serien "The Inside" und "The Closer" vor. John Lahr bespricht die Theaterstücke "After the Night and the Music? und "BFE?. Und David Denby sah im Kino die beiden "Sommerhits" "Batman begins? von Christopher Nolan und "Mr. & Mrs. Smith? von Doug Liman.

Nur in der Printausgabe: ein Artikel über Gertrude Stein und ihr Hauptwerk "The Making of Americans" sowie Lyrik von Les Murray, Eavan Boland und Eamon Grennan.

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - New Yorker

Margaret Talbot beschreibt den Wettbewerb an amerikanischen Highschools und den seltsamen Ehrgeiz der Studenten, unbedingt Jahrgangsbeste und Redner auf der Schulabschlussfeier werden zu wollen - und was sie alles dafür tun (müssen). Rebecca Mead analysiert die Qualitäten von Laura Bush als Amerikas First Lady. Paul Simms beschreibt die erste Pressekonferenz eines sprechenden Schimpansen. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "A Mouthful of Cut Glass" von Tessa Hadley.

In einer ausführlichen Sammelbesprechung einschlägiger Publikationen untersucht Alex Ross, inwiefern Aufnahmetechnologien das Musizieren und Musikhören verändert haben. Und Anthony Lane sah im Kino "Cinderella Man" von Ron Howard und Werner Herzogs "Der weiße Diamant". Lane vermisst zwar Klaus Kinski, aber zur Not geht's auch ohne: "Werner Herzog mögen heutzutage die Helden fehlen, die seiner Fähigkeit zum Staunen gewachsen sind. Doch wenn die Gelegenheit es verlangt, kann er die Welt immer noch auf den Kopf stellen."

Nur in der Printausgabe: eine Reportage aus Alaska über Rettungsversuche an einer aussterbenden Sprache, ein Porträt des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, Jonathan Franzen erzählt, was es bedeutet, zu einer Jugendclique zu gehören, und Lyrik von C.K. Williams und W.S. Merwin.

Magazinrundschau vom 24.05.2005 - New Yorker

In einem ausführlichen Artikel berichtet H. Allen Orr über die "Pseudowissenschaft" intelligentes Design (I.D., mehr), die in den USA in mehr als zwanzig Staaten entweder bereits auf dem Lehrplan steht oder eingeführt werden soll. Die Vertreter von I.D. gehen davon aus, dass sich die Evolution mit Darwin allein nicht erklären lässt und ein oder mehrere "intelligente" Wesen die Welt geschaffen hätten. "Zunächst ist intelligentes Design nicht das, wofür die Leute es oft halten. So ist I.D. kein reiner Bibelglaube. Anders als frühere Generationen von Schöpfungsgläubigen - etwa die so genannten Young Earthers und die Scientific Creationists - glauben die Vertreter von I.D. nicht, dass das Universum in sechs Tagen erschaffen wurde oder die Erde 10.000 Jahre alt ist." Auch den Evolutionsgedanken lehne I.D. "nicht rundheraus ab ... Der entscheidende Kern ihrer Behauptung ist die Überzeugung, dass es Dinge in der Welt gibt, vor allem das Leben selbst, die keinen bekannten natürlichen Ursachen zuzurechnen sind und Eigenschaften aufweisen, die wir in anderem Zusammenhang mit Intelligenz in Verbindung bringen. Lebende Organismen sind zu komplex, um mit etwas Natürlichem, oder genauer: durch etwas Verstandfreies, erklärt werden zu können."

Weiteres: Hendrik Hertzberg kommentiert die fatale Falschmeldung von Newsweek über angebliche Koran-Schändungen in Guantanamo. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Russian Riviera" von David Bezmozgis.

Rezensiert wird eine Kulturgeschichte der Nacht "At Day's Close: Night in Times Past" (Norton); die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Buch des langjährigen Herausgebers der Zeitschrift "The Nation" Victor S. Navasky über die Bedeutung meinungsbildender Printmedien. Peter Schjeldahl führt durch eine große Ausstellung mit neuen Arbeiten von Jasper Johns in der Galerie Matthew Marks. David Denby sah im Kino den DreamWorks-Zeichentrickfilm "Madagascar" von Eric Darnell and Tom McGrath und Volker Schlöndorffs "Der 9. Tag": "Der Film ist stark, konzise und spannend bis zum Ende", schreibt Denby, der sich zu Beginn seiner Gesicht ausführlich dem faszinierenden Gesicht von Ulrich Matthes widmet. "Es ist etwas Verstörendes, ja Unheimliches an ihm - er könnte einer von El Grecos Heiligen sein."

Nur in der Printausgabe: Überlegungen zur Frage, ob auf Ground Zero Wohnhäuser gebaut werden sollten, ein Porträt des Senators von Arizona, John McCaine, und Lyrik von Donald Hall und Sharon Olds.

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - New Yorker

Michael Specter (mehr hier) schickt eine alarmierende Reportage aus San Francisco und anderen amerikanischen Städten über einen drastischen Anstieg von Aids und anderen Geschlechtskrankheiten in der schwulen Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Ein großen Anteil an der Entwicklung hat eine Droge namens "Tina", ein Methamphetamin, das die Libido steigert und das Risikobewusstsein offensichtlich mindert. "Auf einmal geht alles, sogar ungeschützter Analsex mit vielen Partnern in einer Nacht, einer der sichersten Wege, um das Aids-Virus zu verbreiten." Und dann kommen die Statistiken: "In New York ist die Zahl der Syphilis-Erkrankungen in den letzten fünf Jahren um 400 Prozent gestiegen. Bewirkt wurde dieser Anstieg fast ausschließlich von schwulen Männern. Zwischen 1998 und 2000 konnte man 15 Prozent der Syphilis-Erkrankungen in Chicago schwulen Männern zuschreiben. Seit 2001 ist diese Zahl auf 60 Prozent gestiegen. Bei einem näheren Blick auf die Statistiken stößt man sehr schnell auf die Droge. Laut einer kürzlich durchgeführten Studie sind 25 Prozent aller Männer, die Methamphetamin konsumieren, mit dem HIV-Virus infiziert. Diese Droge scheint das Infektionsrisiko zu verdoppeln, nicht nur, weil sie die Hemmschwelle senkt, so scheint es, sondern auch weil sie physiologische Veränderungen auslöst, die das Virus leichter übertragbar machen." Online findet sich auch noch ein erläuterndes Gespräch mit Specter zu dem Thema.

Außerdem in dieser brillanten Nummer des New Yorker: die neue Erzählung "Two's Company" von Jonathan Franzen über das perfekte Paar Pam und Paul, die sich in jungen Jahren in Kalifornien niederließen, um Komödien zu schreiben, Judith Thurmans Besprechung der Chanel-Ausstellung im Metropolitan Museum, Joshua Micah Marshalls ausführliche Besprechung von David McCulloughs (mehr hier) Buch "1776" über die Gründung der USA und Anthony Lanes respektlose Begutachtung von "Star Wars: Episode III".