Alex Ross
kehrt erfrischt aus dem alten Europa zurück, wo er in Salzburg
Franz Schrekers Wiederbelebung beiwohnen durfte, mit
Nikolaus Lehnhoffs Inszenierung der "Gezeichneten". "Lehnhoff führt Schrekers sadistische Manipulationen in seiner Produktion noch einen Schritt weiter. In den ersten beiden Akten entfaltet sich eine
abweisende, beunruhigende Landschaft: Figuren kriechen über die Oberfläche einer gigantischen, zerbrochenen Statue, die mitten in Salzburgs aus den Felsen geschlagener Bühne der Felsenreitschule einen dramatischen Anblick bietet." Selbst dass Lehnhoff in einer Steigerung der Vorlage Kinder nicht nur vergewaltigen, sondern auch umbringen lässt, hält Ross für angebracht. "Europäische Opernbühnen sind heutzutage voll von solchen
unaussprechlichen Geschehnisse, und üblicherweise haben sie keinen dramatischen Sinn. Lehnhoff aber, der in anderen Produktionen wahrlich nicht als Effekthascher aufgetreten ist, weiß was er tut."
Asienkenner Ian Buruma nimmt sich zwei Bücher über Nordkorea vor, wobei er
Bradley K. Martins "Under the Loving Care of the Fatherly Leader" ausführlicher,
Jasper Beckers "Rogue Regime" aber deutlicher
findet. Wie es weitergehen soll, weiß keiner der beiden Autoren. "Martin schließt sein Buch mit einem
bizarren offenen Brief an den lieben Führer ab, in dem er ihm rät, nachdem er ihm alles Gute gewünscht hat, das Land 'kompetenten und vertrauenswürdigen Beamten" zu übergegeben, die Regierung in eine Monarchie umzuwandeln, sich in
Südfrankreich oder Hollywood zur Ruhe zu setzen und so den Bestand der Kim-Dynastie zu sichern, 'vielleicht sogar für Tausende von Jahren'. Das scheint mir nicht unbedingt ein nützlicher Beitrag zu sein."
Außerdem: Gina Ochsner
steuert die Kurzgeschichte "Thicker Than Water" bei, während Joel Stein sich über die verzweifelter werdenden
Anwerbungsversuche der Armee lustig
macht. Ansonsten gibt es Besprechungen, die sich dem zweiwöchigen
Gastspiel des Moskauer
Bolshoi-Ballets in New York,
Wong Kar Wais neuem Werk
"2046" und David Mackenzies Streifen
"Asylum", dem neuen
Stück der
Five Lesbian Brothers "Oedipus at Palm Springs" im New York Theatre Workshop,
Kanye Wests Rap-Album "Late Registration" sowie drei
Büchern, die nach der Wahrheit suchen, darunter
Harry G. Frankfurts Essay
"On Bullshit", dem zu entnehmen ist, dass die Essenz des
Bullshits darin liegt, dass er ohne jeglichen Bezug zur Wahrheit produziert wird - im Gegensatz zur Lüge, die immerhin ein negatives Verhältnis zur Wirklichkeit aufweist.