Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 20.10.2020 - New York Times

Im Sommer machte das Gerücht die Runde, die Demokraten planten einen Coup, falls sie die Präsidentschaftswahl verlieren. Es war ein absurdes Gerücht, das von Trump und seinen Anhängern jedoch mit Genuss verbreitet wurde, berichtet Emily Bazelon im Wochenendmagazin der New York Times. Inzwischen fragen sich nicht nur Juristen, ob die Meinungsfreiheit in den USA wirklich auch Hassrede und vorsätzliche Falschinformationen umfassen muss. "Die Vereinigten Staaten befinden sich mitten in einer katastrophalen Krise des öffentlichen Gesundheitswesens, die durch die Ausbreitung des Coronavirus verursacht wird. Sie befinden sich aber auch mitten in einer Informationskrise, die durch die Ausbreitung viraler Desinformation verursacht und definiert wird als Unwahrheiten zur Erreichung eines politischen Ziels. (...) Die Verschwörungstheorien, die Lügen, die Verzerrungen, die überwältigende Menge an Informationen, die darin verpackte Wut - das alles dient dazu, Chaos und Verwirrung zu stiften und die Menschen, auch Nicht-Parteiische, erschöpft, skeptisch und zynisch gegenüber der Politik zu machen. Das Ausspucken von Unwahrheiten dient nicht dazu, eine Schlacht der Ideen zu gewinnen. Ihr Ziel ist es, diese Schlacht zu verhindern, indem sie uns dazu bringt, einfach aufzugeben. Und das Problem ist nicht nur das Internet. Ein Anfang dieses Monats veröffentlichtes Arbeitspapier des Berkman-Klein-Centers für Internet und Gesellschaft in Harvard stellte fest, dass effektive Desinformationskampagnen oft ein 'elitegesteuerter, von Massenmedien geführter Prozess' sind, in dem 'soziale Medien nur eine untergeordnete und unterstützende Rolle' spielten. Trumps Wahl versetzte ihn in die Lage, direkt über Fox News und andere konservative Medien wie Rush Limbaughs Talk-Radio-Show zu agieren, die inzwischen 'in der Tat als Parteipresse' funktionieren, fanden die Harvard-Forscher heraus."

Auf den Technologieseiten der NYT erzählen Davey Alba und Jack Nicas was geschieht, wenn die Lokalzeitungen sterben: Sie werden ersetzt durch Webseiten, die wie journalistische Angebote aussehen, deren Artikel jedoch von Politikern oder PR-Firmen gekauft sind. Man nehme nur die "Maine Business Daily, die Teil eines schnellwachsenden Netzwerks von fast 1.300 Webseiten ist, das die Leere füllen will, die die verschwindenden Lokalzeitungen im Land hinterlassen haben. Doch das Netzwerk, jetzt in allen 50 Staaten verbreitet, ist nicht auf traditionellem Journalismus aufgebaut, sondern auf Propaganda, die von Dutzenden konservativen Think Tanks, Politikern, Geschäftsmännern und PR-Leuten angefordert wird, wie eine Recherche der Times herausfand. Die Seiten erscheinen als gewöhnliche Lokalnachrichten mit Namen wie Des Moines Sun, Ann Arbor Times und Empire State Today. Wie jede Lokalzeitung verwenden sie einfache Layouts und Artikel über lokale Politik, Gemeindeereignisse und manchmal nationale Themen. Aber hinter den Kulissen werden viele der Geschichten von politischen Gruppen und PR-Firmen inszeniert, um für einen republikanischen Kandidaten oder ein Unternehmen zu werben oder um ihre Rivalen zu verleumden."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - New York Times

Für das aktuelle Magazin hat sich Jim Rutenberg durch die Präsidenten-Tweets geackert und stellt fest, dass Trump mit seinem Gerede von Wahlbetrug die Bürger entmündigt: "Wahlbetrug ist ein flexibles Narrativ, und der Präsident hat es dem Augenblick angepasst. Auch wenn die Pandemie seiner Wiederwahl im Wege steht, bietet ihm die Krise die Gelegenheit zu tun, was kein anderer Präsident vor ihm getan hat: die ganze Macht der Regierung zu nutzen, um den demokratischen Prozess zu attackieren, die Wahlmöglichkeiten amerikanischer Bürger zu unterdrücken und Misstrauen und Groll unter seinen Anhängern zu säen... Erstaunlich, wenngleich nicht zufällig, dass ein Narrativ, das auf kleinen Begebenheiten beruht, großen Übertreibungen und schierer Erfindung zum zentralen Aspekt der (Wieder-)Wahl wird. Weil wir uns einer Wahl nähern, bei der der Betrugsvorwurf dazu genutzt wird, beispiellose rechtliche und politische Konsequenzen für den demokratischen Prozess zu rechtfertigen, ist es wichtig zu wissen, was dieser Vorgang tatsächlich bedeutet: eine jahrzehntelange Kampagne der Desinformation, schmuddelig, zynisch und dreist, aber ziemlich erfolgreich, durchgeführt von einigen bestimmten Darstellern mit einer konsistenten Agenda … Die moderne Ära des Wahlbetrug-Narrativs beginnt im November 2000 in einem tristen Bürogebäude in Miami …"

Außerdem: Fernanda Santos sieht die nächste Immobilienkrise kommen, in Phoenix ist sie schon da. Und im Interview mit David Marchese verrät Nicole Kidman, was Kubrick am liebsten isst.

Magazinrundschau vom 29.09.2020 - New York Times

Caravaggio, Die Enthauptung von Johannes dem Täufer, 1608


Das aktuelle Magazin der New York Times geht auf Reisen. Teju Cole reist durch Italien und nach Malta, um alle Caravaggios zu sehen. Und er staunt, wie nah sie ihm sind: "Die 'Enthauptung Johannes des Täufers' war schwer mit meinem Verständnis von dem, was ich unter Malerei verstand, zu vereinbaren. Es sollte mehr als ein Jahr vergehen, bis ich einen Schlüssel fand, der mir half, das, was ich in Malta sah, zu verarbeiten. Damals sah ich zwei kurze Videoclips aus Libyen aus dem Jahr 2017. Der erste Clip zeigt Männer, die auf einem Sklavenmarkt verkauft werden, gefilmt von einer ungenannten Quelle. Der zweite Clip wurde von CNN-Journalisten gedreht, die in die Vororte von Tripolis gingen, um die Geschichte zu bestätigen. Die Männer, die verkauft werden, sind Migranten aus Niger, einige von ihnen stehen nachts an einer nackten Wand, einem trostlosen Innenhof wie auf dem Gemälde von Caravaggio. Das Licht ist schlecht. Man kann kaum etwas sehen. Das Geschäft ist lebhaft und schnell: Die Preise werden ausgerufen, ungesehene Käufer bieten, und es ist vorbei. In diesen Clips sah ich das Leben von innen nach außen gekehrt, das Leben verwandelte sich in den Tod, so wie ich es in Caravaggios Gemälde gesehen hatte. Nicht einfach in das, was nicht sein sollte, sondern in das, was nicht gesehen werden sollte. ... Er war ein Mörder, ein Sklavenhalter, ein Schrecken und eine Plage. Aber ich gehe nicht zu Caravaggio, um mich daran erinnern zu lassen, wie gut die Menschen sind, und schon gar nicht, weil er gut war. Ganz im Gegenteil: Ich suche ihn wegen einer bestimmten Art von sonst unerträglichem Wissen auf. Hier war ein Künstler, der Früchte in ihrer Reife darstellte und in dem Moment, in dem sie zu faulen begannen, ein Künstler, der Fleisch in seiner zartesten Verführung und schwersten Verletzung malte. Wenn er Leiden zeigte, zeigte er es so erschreckend gut, weil er auf beiden Seiten davon stand: Er verletzte andere und wurde selbst verletzt."

Außerdem: Jimmy Chin reist in die Rocky Mountains. Und Leslie James erinnert sich an die Körper im Hamam.

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - New York Times

Im aktuellen Magazin der New York Times folgt Adrian Nicole LeBlanc den Spuren des Hungers, nicht etwa in Afrika, sondern mitten in den USA: "Ernährungsunsicherheit sieht heute nicht mehr aus wie eine dürre Mutter im Zelt oder rachitische Kinder. Es sieht aus wie Fastfood, Diabetes, Fettleibigkeit und Bluthochdruck. Die Pandemie hat die Anfälligkeit einer hoch zentralisierten Lebensmittelindustrie aufgezeigt und uns einen Einblick gewährt in die prekären Existenzen all der Produzenten, Bauern, verarbeitenden Firmen und Zulieferern, die uns mit Essen versorgen. Die Pandemie hat auch gezeigt, wie nah wir dem Abgrund sind. Sie hat die Ernährungsunsicherheit verschärft. Die Heilsarmee berichtet über einen Anstieg von ausgegebenen Lebensmittelhilfen um 84 Prozent seit vergangenem Jahr. Meals on Wheels nennt einen Anstieg von 47 Prozent." Dazu gibt es ein Portfolio mit Aufnahmen der Fotografin Brenda Ann Kenneally.

Ein anderer Beitrag von David Chrisinger in einem Dossier mit unbekannten Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert an Edgar Kupfer-Koberwitz, der als Gefangener in Dachau heimlich Tagebuch führte: "Kein Detail war ihm zu unwichtig oder zu grausam. Dank ihm wissen wir, dass die SS gerne das Lager-Orchester zum Appell aufspielen und die erschöpften Häftlinge singen ließ. Es klang wie ein 'Beerdigungswalzer', schrieb er. Er beschrieb den Lagerarzt, der todkranke Häftlinge zwang, die Arme und Hände wie in Habachtstellung anzulegen. Er hielt fest, was geschah, wenn ein Häftling dem Todeszaun zu nahe kam … Mit all den schlaflosen Nächten, in denen er die Geschichten seiner für immer verschwundenen Mithäftlinge aufschrieb, verhalf er ihnen zu einem zweiten Leben."

Magazinrundschau vom 25.08.2020 - New York Times

Im aktuellen Magazin der New York Times taucht Leah Sottile ab in die Untiefen der Chaos-Agenten der Boogaloo-Bewegung, Rechtsextreme, Militante und allerhand andere Verwirrte, die den Kollaps der amerikanischen Gesellschaft herbeifantasieren: "Die Bedeutung des Begriffs 'Boogaloo' ist vielfältig. Es ist die neueste, jüngste Variante einer regierungskritischen Bewegung aus dem Geist der Internetära, mit all ihren Seltsamkeiten. Der Name kommt von 4chan, die Online-Pinnwand, wo viele Meme das Licht der Welt erblicken, und hat mit dem Breakdance-Film 'Breakin' 2:Electric Boogaloo' zu tun. Der zweite Teil des Filmtitels führt ein langes Nachleben in Foren und sozialen Medien, wo er für die Idee eines Bürgerkriegs steht, quasi als Folgeerscheinung des ersten. Für einige weiße Suprematisten bedeutet er einen Rassenkrieg, für andere eher einen Witz. Aber viele nehmen das Ganze ernst und definieren es als eine Art Katastrophe, angeheizt von allen möglichen Gruppierungen mit regierungskritischen Vorstellungen und einer Vorliebe für Waffen."

In einem anderen Beitrag befasst sich James Verini mit den toten Migranten in der Sonora-Wüste in Arizona: "Da Migranten immer entlegenere Routen durch die Wüste suchen, sterben immer mehr von ihnen. Eine Tatsache, die niemand bestreitet, nicht mal die Grenztruppen. Aber wenn wir diese Toten wie ein Pathologe als langsame Epidemie betrachten, müssen wir die Wüste als annähernde Ursache bezeichnen, nicht als absolute. Es gibt viele absolute Ursachen, die offensichtlichste ist die Bundespolizei. Es wäre leicht, die Regierung Trump dafür verantwortlich zu machen, aber es handelt sich nicht um ein neues Phänomen. Gewalt gegen Einwanderer gab es bereits unter anderen Regierungen und Präsidentschaften."

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - New York Times

Im aktuellen Magazin der New York Times erkundet Robert Draper Trumps Privatkrieg gegen die US-Geheimdienste in Sachen Russlands Rolle bei den US-Wahlen. Dabei kommen u.a. haarsträubende Details über Trumps Verhältnis zur Arbeit des Nationalen Sicherheitsrats zutage: "Weil seine Berater irgendwann begriffen, dass der Präsident ihre Briefings nicht las, aber auf visuelles Material reagierte, stellten sie Dossiers aus Fotos, Grafiken und höchstens ein paar Bildunterschriften zusammen, bis klar wurde, dass damit nicht alles vermittelt werden konnte, was der Präsident wissen musste. Es blieb eine Herausforderung, Trumps Aufmerksamkeit zu gewinnen. 'Wer ihn briefen muss, bekommt kaum drei Minuten, dann schweift Trump ab', so ein früherer Berater. Solches Abschweifen betraf dann Trumps Beliebtheit in den Umfragen, Hilarys Emails und die Möglichkeit von Militärparaden. Für ein Briefing zu einem gegnerischen Waffensystem brachte der CIA-Beamte ein Modell der Waffe mit. 'Trump hielt es in der Hand und konzentrierte sich nur darauf', erinnert sich ein anwesender Geheimdienstler. 'Der Beamte sprach über Reichweite und Einsatzmöglichkeiten, und alles, was Trump wissen wollte, war: Aus welchem Material ist das gemacht, wozu ist dieses Teil hier?'

Außerdem: Megan K. Stack porträtiert den iranischen Buchautor Behrouz Boochani, der aus der Revolutionsgarde desertierte, in einem australischen Flüchtlingscamp ausharrte und seit 7 Jahren staatenlos ist. In der Titelgeschichte bedauert Irina Aleksander, dass niemand sich mehr schick anzieht und fragt, was nur aus der Modeindustrie werden soll.

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - New York Times

Für das Magazin der New York Times untersucht Robert F. Worth die irakische Kleptokratie, die durch Corona und den fallenden Ölpreis zu einer Frage von Leben und Tod für das irakische Volk geworden ist: "Es ist nicht leicht zu beziffern, was dem Irak abhanden gekommen ist. Geschäfte werden in bar gemacht, Dokumente sind rar, und die staatlichen Statistiken unverlässlich. Die vorhandenen Informationen legen jedoch nahe, dass der Irak mehr seines nationalen Vermögens ins Ausland verloren hat als jedes andere Land. Ein langjähriger irakischer Politiker und Finanzexperte schätzte aufgrund von Gesprächen mit Bankern und Experten sowie seiner Kontakte ins Ausland die Summe auf 125 bis 150 Milliarden Dollar, der Großteil davon 'unrechtmäßig erworben'. Andere Schätzungen gehen an 300 Milliarden. Rund 10 Milliarden an gestohlenem Geld steckt allein in Immobilien in London. Eine genaue Schadensermessung müsste weit über das Finanzielle hinausgehen und den Schaden an der irakischen Kultur und der Gesellschaft beziffern. Etwas, das mir vor allem ältere Iraker immer wieder mit großem Bedauern  berichteten. Das politische Leben im Irak mag von außen wie ein Bandenkrieg wirken, aber unter der Oberfläche ist es eher eine ruhig ablaufende, fröhliche Plünderung. In den Ministerien wird der größte Teil der Beute durch mündliche Vereinbarungen an die eine oder die andere Fraktion verteilt: Die Sadristen halten das Gesundheitsministerium, die Badr-Brigaden das Innenministerium und das Ölministerium gehört Al-Hikmah. Für Außenstehende ist das nicht leicht zu verstehen."

Nach dem Corona-Lockdown in Indien mussten Zehntausende von Wanderarbeitern zurück in ihre armen Dörfer. Auf einem Bild war ein kniender junger Mann am Straßenrand zu sehen, der seinen sterbenden Freund festhält. Basharat Peer ist der Geschichte dahinter nachgegangen, die so alltäglich wie tragisch ist. Und an Grausamkeit kaum zu überbieten: Die beiden waren in einem vollgepackten LKW unterwegs nach Hause, als Amrit anfing zu zittern und immer heißer wurde. "Eingezwängt mit etwa fünfzig anderen Arbeitern begann Amrit zu husten und zu schwitzen. Seine Mitreisenden waren alarmiert und Protestschreie stiegen auf: 'Er hustet. Er hat Fieber. Er hat Corona.' Die Stimmen wurden wütender: 'Wir fliehen nach Hause, um uns vor Corona zu retten.' 'Er wird uns alle anstecken.' 'Wir wollen nicht seinetwegen sterben.' Der Fahrer hielt den Lastwagen an. Er und die Passagiere bestanden darauf, dass Amrit aussteigt. Saiyub bat den Fahrer, an einem Krankenhaus anzuhalten. Der Fahrer und die Arbeiter waren unsicher über die Sperrzeiten und nicht bereit, Zeit für Amrit zu verlieren. Sie weigerten sich und bestanden darauf, dass Amrit hier aussteigen sollte. 'Lass ihn hier. Du solltest mit uns nach Hause kommen', sagte der Fahrer zu Saiyub. 'Ich kann Amrit nicht allein lassen', sagte er. Saiyub holte ihre Taschen und half Amrit vom Lastwagen." Kurz danach starb er - nicht an Corona, wie sich später herausstellte.

Außerdem: Helen McDonald beobachtet die Vögel, die niemals landen: Schwalben. Und Jeff Medrick stellt zwei Bücher vor, die sich mit der Frage befassen, warum weiße Arbeiter in Amerika seit den 80er Jahren gegen ihre eigenen Interessen republikanisch wählen.

Magazinrundschau vom 14.07.2020 - New York Times

Mujib Mashal und Michael Schwirtz gehen für die New York Times Vorwürfen nach, Russland habe neue Beziehungen zu den Taliban in Afghanistan geknüpft, um diesen beim Kampf gegen die USA zu helfen. Sogar Prämien sollen gezahlt worden sein für Angriffe auf amerikanische Truppen: "In Interviews bezeugen afghanische und amerikanische Regierungsmitglieder sowie erfahrene Diplomaten anderer Länder, dass die kaum zehn Jahre alten diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und den Taliban neuerdings zu einer beidseitig gewinnbringenden Allianz ausgebaut wurden, die dem Kreml erlaubt, seinen Einfluss in der Region geltend zu machen. Diese Entwicklung fiel zusammen mit der wachsenden Feindschaft zwischen den USA und Russland in Sachen Syrien sowie mit Russlands Frustration über die wachsende Instabilität in Afghanistan und den allzu langsamen Rückzug der USA, sagen Analysten. Die USA nehmen den Truppenabzug, den sie mit den Taliban vereinbart haben, sogar ohne Friedensabkommen zwischen den Aufständischen und der afganischen Regierung vor, die sie jahrelang unterstützt haben. Russlands verdeckte Versuche, heißt es weiter, zielen darauf ab, die USA zu schikanieren und bloßzustellen, und nicht darauf, den Konflikt zu befrieden … Mit der veränderten Lage in den Kampfgebieten während der letzten Jahre wurden die Verdachtsmomente auf eine stärkere russische Rolle bei der Unterstützung der Taliban immer größer. Genaue Fakten waren jedoch nicht festzustellen, nur das Auftauchen neuer Waffen und Munition, die aus allen möglichen Quellen stammen konnten … Klarer wurde die Sache durch eine Reihe von Gewalttaten in Nordafghanistan, Kundus, 2015 und 2016. Als afghanische Geheimdienste den Taliban-Führer hinter den Anschlägen ausmachten, stellten sie auch seine Reisen über die Grenze nach Tadschikistan fest, wo die Russen Geheimdienste unterhalten … US-Geheime datieren Russlands Engagement mit den Taliban auf das Jahr 2012, als Putin nach vier Jahren als Premier wieder Präsident wurde und den Konfrontationskurs mit dem Westen verschärfte."

Weiteres: Das New York Times Magazine bringt 29 Erzählungen von  Margaret Atwood, Tommy Orange, Edwidge Danticat, Charles Yu, David Mitchell, Rachel Kushner u.a., die "uns helfen, diesen Moment zu verstehen". In der Book Review schreibt Daniel Mendelsohn über David Mitchells "Utopia Avenue" und Clyde Haberman lernt von David Paul Kuhns "The Hardhat Riot", wann die weiße Arbeiterklasse in den USA republikanisch wurde.

Magazinrundschau vom 07.07.2020 - New York Times

Rasse, Rassismus ist etwas Äußerliches. Man kann darauf zeigen und dagegen vorgehen. Aber darunter, gewissermaßen unter der Haut, liegt eine Struktur, die Pulitzerpreisträgerin Isabel Wilkerson in einem lesenswerten Essay als Kastensystem beschreibt, das mit dem Indiens vergleichbar sei.  "In den Vereinigten Staaten treten Rassismus und Kastenwesen häufig zur gleichen Zeit auf, überschneiden sich oder gehören zum gleichen Szenario. Beim Kastenwesen geht es darum, sich gegenüber anderen zu positionieren und diese von der selben Position auszuschließen... Wie der Gips um einen gebrochenen Arm, wie die Besetzung in einem Theaterstück, hält ein Kastensystem jeden an einem festen Platz. ... Im Alltag ist es nicht Rassismus, der einen weißen Käufer in einem Bekleidungsgeschäft dazu veranlasst, auf eine beliebige schwarze oder braune Person, die ebenfalls einkauft, zuzugehen und nach einem Pullover in einer anderen Größe zu fragen ... Es ist die Kastenzugehörigkeit oder vielmehr die Einhaltung des Kastensystems. Es ist die autonome, unbewusste, reflexhafte Reaktion auf die Erwartungen von tausend bildgebenden Eingaben und neurologischen gesellschaftlichen Downloads, die Menschen auf der Grundlage ihres Aussehens, ihrer historischen Zuordnung oder der Merkmale und Stereotype, nach denen sie kategorisiert wurden, bestimmte Rollen zuweisen. Keine ethnische oder rassische Kategorie ist immun gegen die Botschaften, die wir alle über die Hierarchie erhalten, und so entkommt auch niemand ihren Folgen. Wenn wir davon ausgehen, dass eine Frau nicht in der Lage ist, ein Meeting zu leiten oder ein Unternehmen oder ein Land, oder dass eine farbige Person oder ein Einwanderer keine offizielle Autorität haben kann, nicht in einer bestimmten Gemeinde lebt, nicht eine bestimmte Schule hätte besuchen können oder es nicht verdient hätte, eine bestimmte Schule besucht zu haben, wenn wir einen Schock und Groll verspüren, eine persönliche Verletzung und ein Gefühl der Ungerechtigkeit und vielleicht sogar Scham über unser Unbehagen, wenn wir jemanden aus einer Randgruppe in einem Job, einem Auto, einem Haus, einem College oder einer Anstellung sehen, die prestigeträchtiger ist, als wir erwartet hätten, dann spiegeln wir die effiziente Kodierung der Kaste wieder, die unbewusste Annahme, dass die Person aus ihrem angenommenen Platz in unserer Gesellschaft herausgetreten ist. Wir reagieren auf unsere verinnerlichten Anweisungen, wer wo sein und wer was tun sollte, auf die Verletzung der Struktur und der Grenzen, die die Kennzeichen des Kastenwesens sind."

Weitere Artikel: Samanth Subramanian sucht - vergeblich, muss man leider sagen - zu ergründen, wie zwei srilankische Brüder aus einer äußerst erfolgreichen und wohlhabenden muslimischen Familie zum muslimischen Fanatikern mutieren konnten, die schließlich an einer Serie von Selbstmordattentaten in Colombo am Ostersonntag 2019 beteiligt waren, bei der insgesamt 269 Menschen getötet wurden. Und Jon Mooallem versucht, den Filmregisseur Charlie Kaufman zu porträtieren.

Magazinrundschau vom 30.06.2020 - New York Times

Natürlich sei eine Polizeireform notwendig, meint Nikole Hannah-Jones, aber wirklich helfen würde Schwarzen in Amerika ein Ausgleich der Vermögensverhältnisse. Dann könnten sich vielleicht auch Schwarze ein Haus in einem sicheren Viertel leisten, mit sicheren Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Deswegen fordert auch Hannah-Jones Kompensation für die Sklaverei, die den Schwarzen nach der Befreiung vorenthalten wurde, während über Generation hinweg weißen Einwanderern Land von der Regierung geschenkt wurde, die darauf ihr Vermögen aufbauen konnten: "Im Januar 1865 gab General William Tecumseh Sherman die Special Field Order 15 aus, mit der mehrere hunderttausend Acres ehemaliges Konföderierten-Land in South Carolina und Georgia an die befreiten Menschen verteilt werden sollte, in Parzellen von 40 Acres. Doch vier Monate später, im April, wurde Abraham Lincoln ermordet. Andrew Johnson, der rassistische Vizepräsident aus den Südstaaten, der die Regierung übernahm, brach das Versprechen, in Missachtung von Shermans Anordnung. Die meisten Amerikaner glaubten, dass die Schwarzen für ihre Befreiung dankbar sein sollten, dass mit dem Blutzoll des Bürgerkrieges alle Schuld getilgt sei. Die Regierung konfiszierte das Land der Familien wieder, die der Sklaverei entronnen waren und gerade ein bescheidenes Dasein jenseits der weißen Peitsche begonnen hatten. Sie gab es den Verrätern zurück. Und damit endete der einzige wirkliche Versuch dieser Nation, die schwarzen Amerikaner für 250 Jahre Sklaverei zu entschädigen."