
Jährlich sterben zwischen sieben und zehn Millionen Menschen an
Luftverschmutzung, das sind viermal mehr als an Covid, und zwanzigmal mehr als an Krieg, Terror und Mord zusammen,
mahnt David Wallace-Wells in einem deprimierenden Artikel. Besonders schlimm ist es in Indien: "Mehrere hundert Millionen Menschen leben und atmen in Städten, deren Luft permanent durch giftige Abgase verunreinigt ist. Im November mussten die Behörden in Delhi Schulen und Universitäten für unbestimmte Zeit schließen, Bauarbeiten einstellen lassen und die Hälfte der Kohlekraftwerke dicht machen, nachdem der Oberste Gerichtshof in Indien
Notmaßnahmen gegen den giftigen Smog angeordnet hatte. Dabei war der Smog nicht neu, die Reaktionen waren es. In der ganzen Stadt hängt der Ruß in Büros, Foyers und Wohnungen, selbst in denen mit Luftfiltern. Oft wird er so dick, dass er den Luftverkehr lahmlegt. Selbst den Eisenbahnverkehr hat er unterbrochen, weil die Lokführer durch den Smog hindurch
nicht mehr die Gleise erkennen können. Taxifahrer benutzen Anlagen, die den Ruß aus der Luft filtern. Fußgänger können ihm nicht entkommen, was einer der Gründe ist, dass das Leben in Delhi, besonders an Smog-Tagen, dem Rauchen von mehreren Packungen Zigaretten am Tag gleichkommt. Die Stadt jat die höchste Rate an Lungenkrankheiten in der Welt: 60 Prozent der Einwohner, die mit mit COPD diagnostiziert werden, der Chronischen Lungenobstruktion, sind keine Raucher."
Perry Anderson rühmt die moldawische Philosophin und Historikerin
Stella Ghervas, die sich mit ihrer europäischen Geschichte "Conquering Peace" in die Gruppe großer osteuropäischer Denker wie Dmitri Furman, Gáspár Tamás, Slavoj Žižek, Jan Zielonka einreihe: "Mit einem Titel von Shakespeare und Bildern von Tiepolo und Max Ernst behabndelt 'Conquering Peace' die verschiedenen Versuchen seit dem 18. Jahrhundert,
Europa den Krieg auszutreiben. Für Ghervas waren die Friedensschlüsse, die jeden großen
Ausbruch von Feindseligkeiten beendeten, ebenso bedeutsam wie die Konflikte selbst und oft von längerer Dauer. Jeder von ihnen wurde, so Ghervas, von einem bestimmten Zeitgeist inspiriert: Der Frieden von Utrecht 1714 vom
Geist der Aufklärung, der Kongress von 1815 vom Geist von Wien; die Gründung des Völkerbundes 1920 vom
Geist von Genf; in Europa nach 1945 Geist der Nachkriegsordnung vom Geist der Nachkriegsordnung; und schließlich das Ende des Kalten Krieges seit 1991 vom Geist des erweiterten Europas. All diese Regelungen seien durch einen 'Ariadnefaden' miteinander verbunden, das Streben nach Einheit und Frieden auf dem Kontinent. Ghervas zufolge waren diese Ziele untrennbar miteinander verbunden, auch wenn bei weitem nicht alle Akteure diese Sicht teilten. Dagegen standen die aufeinander folgenden
Bestrebungen verschiedener Despotien - bourbonisch, napoleonisch, wilhelminisch, nationalsozialistisch, sowjetisch - nach einem universellen Imperium in Europa. Eine Periodisierung der Geschichte des Kontinents als Abfolge von Ideen, die seine langfristige Entwicklung bestimmen, kann kaum vermeiden, in den
Verdacht des Idealismus zu geraten - nicht nur im moralischen Sinne des Begriffs, sondern in seiner philosophischen Bedeutung, deren Gegenteil der Realismus ist."