Magazinrundschau - Archiv

En attendant Nadeau

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Magazinrundschau vom 06.03.2018 - En attendant Nadeau

Im Interview mit Natalie Levisalles spricht Arundhati Roy über ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin und ihren jüngsten Roman "Das Ministerium des äußersten Glücks", ihr erstes wieder fiktionales Werk nach ihrem Erstlingserfolg "Der Gott der kleinen Dinge" vor 20 Jahren. "Für mich ist Nicht-Fiktion immer ein Einspruch, eine Argumentation. Fiktion dagegen ist die Konstruktion eines Universums. Sie ist ein Akt der Liebe, nicht des Kriegs … Ich wollte der Frage nachgehen: Was kann man heute mit einem Roman machen? Wie die Dinge betrachten, wie es nur ein Roman kann? … Dieses Mal wollte ich ein Buch über eine Stadt schreiben oder eher über eine Stadt, die ständig umgemodelt wird und die Fundamente der alten Stadt durcheinanderwirbelt für die Hauptstadt der neuen Supermacht, für ihre Bedeutung und Gewalttätigkeit - den gewaltsamen Versuch nämlich, eine sehr komplexe Gesellschaft in einen simplen kulturellen Nationalismus umzuwandeln. Die Gewalttätigkeit einer Kolonie, die von einem Tag auf den anderen zum Kolonisator geworden ist."
Stichwörter: Indien, Roy, Arundhati

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - En attendant Nadeau

In Frankreich erscheint ein nachgelassener Band mit Essays und Interventionen von Abdelwahhab Meddeb. Marc Lebiez bewundert, wie differenziert sich bis heute Meddebs Ablehnung kulturalistischer Diskurse liest: "Im Grunde sagt er sinngemäß, dass die Islamisten vor allem unkultiviert sind. Sie ignorieren jegliche islamische Tradition, denn im ersten Jahrhundert der Hedschra beispielsweise sang und tanzte man in Medina: 'In mondänen, teils von Frauen betriebenen Salons, fanden Gesangs- und Tanzveranstaltungen statt, die Stimmen und Körper singender und tanzender Frauen verstießen vielleicht gegen die Regeln der 'awra, was jedoch bis zum Tod des Propheten toleriert wurde'. Sich auf Toleranz zu berufen ist daher keine Verwestlichung des Islam, sondern die Anknüpfung an einen Teil seiner Tradition, welche die Salafisten und Wahabisten ignorieren. Die zweite Form der Unkultiviertheit besteht darin …, diese noble Mystik vergessen zu machen, die sich nicht damit beschäftigt, anderen einen religiösen Zwang aufzuerlegen, sondern danach strebt, die Glaubensanhänger zu bereichern."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - En attendant Nadeau

Milenka Jaksic stellt ein Buch des Soziologen Yannick Barthe vor, in dem es um Mitarbeiter französischer Atomtests geht, die an Krebs erkrankt sind und den Staat verklagen. Das Buch „"Les retombées du passé - Le paradoxe de la victime" setzt sich darum zugleich auch näher mit dem Begriff des Opfers auseinander: Denn „Opfer zu werden“ habe nichts Selbstverständliches: Die Opfer "müssen zunächst beweisen, dass sie keinerlei Verantwortung an dem Unglück haben, das über sie gekommen ist: Ihr Krebs kommt aus einem Kontakt mit Radioaktivität bei einem Aufenthalt in der Sahara oder der Südsee. Diese Arbeit der 'Ent-Verantwortung' setzt zugleich die Benennung eines Schuldigen voraus. Diese Entkleidung von einer Eigenverantwortung ist insofern problematisch, als sie das Opfer in einer Passivität einschließt... Das Opfer muss zeigen, dass es für den Schaden nichts kann. Passivität aber ist zugleich stigmatisierend und herabsetzend."

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - En attendant Nadeau

Natalie Levisalles unterhält sich mit dem algerischen Schriftsteller Kamel Daoud über sein neues (noch nicht ins Deutsche übersetzte Buch) "Zabor ou les psaumes" sowie über das Schreiben jenseits einer religiösen Sprache. Religiöse Mythen faszinieren ihn, er habe Lust, über sie nachzudenken, sie zu hinterfragen, aber auch sie zu "pervertieren". "Diese Idee, den heiligen Text umzudrehen, um ihn zu zerstören und ihn zu überwinden, ist notwendig für mich … Der heilige Text ist im Moment eine Frage von Leben und Tod. Ich spreche hier über Häresie. Wenn man einen Roman über Häresie schreibt, kann er in Ihrer Kultur nicht unmittelbar verstanden werden, weil Ihnen die Vorstellung fehlt, dass man getötet werden kann, wenn man nicht gläubig ist. Doch in der Weltgegend, in der ich lebe, ist das eine Frage auf Leben und Tod. Den heiligen Text zu zermalmen, ihn auf den Kopf zu stellen, ihn zu unterlaufen und über ihn hinauszugehen, ist dabei keine ästhetische, sondern eine lebenswichtige Frage."

Magazinrundschau vom 16.05.2017 - En attendant Nadeau

In einem Gespräch mit dem ägyptischen Psychoanalytiker Moustapha Safouan geht es vor allem um Sprache. Eines der wichtigsten Bücher des in Frankreich lebenden Lacan-Schülers - "Pourquoi le monde arabe n'est pas libre. Politique de l'écriture et terrorisme religieux" - hat er auf Arabisch geschrieben und es anschließend selbst in Englische übersetzt, bevor es für den französischen Markt ins Französische übertragen wurde. Das entspricht seiner Auffassung von Text, der nie etwas Endgültiges sei, sondern die "Mobilität des Denkens" transportieren müsse. So erklärt er, warum die Unfreiheit in der arabischen Welt auch eine der Sprache ist: "Mit dem Islam hat sich die Spaltung der Sprache verschärft. In der Zeit der Pharaonen schrieb man sie, wie man sie sprach. Das endete mit dem Islam, die Sprache wurde geheiligt. Heutzutage würde kein arabisches Regime (von Saudi Arabien bis Marokko) jemals zustimmen, das gesprochene Arabisch zu lehren: Nur die Sprache Gottes hat eine Grammatik. Zugleich sichert das auch die politische Macht, was dem Westen so gelegen kommt. Wir Ägypter sind ein Volk, in dem wenige eine Zeitung lesen können, hier herrscht die Eitelkeit des religiösen Geistes. Ein Libyer hat einmal zu mir gesagt: 'Welch ein Wunder, Gott hat all das erschaffen (Flugzeuge, Waschmaschinen, Häuser), damit wir es genießen können.'"

Magazinrundschau vom 02.05.2017 - En attendant Nadeau

Interessant liest sich Gabrielle Napolis Gespräch mit dem rumänischen Autor Mircea Cartarescu über eine Neuedition seines ersten Buchs in Prosa, "Nostalgia", das er noch unter Nicolae Ceaușescu schrieb, ohne Hoffnung, es je publizieren zu können. Rezipiert wurde es nur in klandestinen Literaturkreisen, wo er die Texte aus dem Buch vorlas. Er sagt zwar, dass er sich seinerzeit dem poststrukturalistischen Einfluss nicht zuordnete, dennoch wird der Einfluss der "Post"-Diskurse in Osteuropa in seiner Erzählung deutlich: Dort ging es darum, die "Realität" des realen Sozialismus in Frage zu stellen: "Das Problem des Realen steht im Zentrum meines Schreibens, aber es wird einem in 'Nostalgia' kaum bewusst. Manifest wird die Sache erst in der Trilogie 'Orbitor' [Band 1, 2, 3]und erreicht seine ganze Kraft in 'Solenoid'. In 'Nostalgia' wird die Realität als ein Traum gesehen (denn der Traum stellt unablässig die Echtheit unserer Welt in Frage, so dass wir uns am Ende fragen, ob nicht die ganze Welt so etwas wie ein Traum sei). 'Oribor' ist eine riesige halluzinatorische Struktur, in der die Unterscheidung zwischen real und irreal jede Bedeutung verliert: Man muss sich nur in seinem Sessel entspannen und dem Spektakel hingeben."

Höchst anregend auch der ein wenig mäandernde Text Maurice Mouriers über japanische Literatur. Anlass ist Jacqueline Pigeot kleine Studie über das "goldene Zeitalter der weiblichen Prosa in Japan" (L'Age d'or de la prose féminine au Japon, Xe-XIe siècle, Les Belles Lettres), das für Pigeot im 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lag. Damals entstanden in Hofkreisen in Kyoto das "Kopfkissenbuch", "Die Geschichte vom Prinzen Genji" und "Kagero Nikki", das "Tagebuch einer japanischen Edelfrau ums Jahr 980" (so der Titel der letzten deutschen Ausgabe im Jahr 1981). Die Hofdame Michitsuna no Haha Fujiwara zeichnet darin das "unbarmherzige und unvergessliche" Porträt ihres Ehemanns Kaneie, eines "Don Juan, der heute vergessen wäre, hätte sie nicht die Geschichte einer verlassenen Liebenden geschrieben, die ihm dann die Tür zuschlug". Alle japanische Kunst, sagt Mourier, "vor allem die Literatur, aber auch das Theater, die Malerei, das Kino hat ihren Ursprung in dieser herrlichen Phase der Zivilisation in Kyoto, im engen und erstickenden Leben am Hofe. Das Beispiel dieser Schriftstellerinnen in archaischer Zeit ist 'absolut modern'." Eine kleine deutsche Einführung in "Kagero Nikki" findet sich in B.C. Probsts Blog Japanische Literatur.

Magazinrundschau vom 11.04.2017 - En attendant Nadeau

Der algerische Autor Kamel Daoud hatte sich mit seiner Kolumne im Quotidien d'Oran bis nach Deutschland einigen Ruhm erworben. Als er nach der Kölner Silvesternacht in scharfen Worten das Geschlechterverhältnis in muslimischen Ländern anprangerte, wurde er als "islamophob" angegriffen. Unter anderem kursierte in Frankreich ein Akademikerpapier gegen ihn wie einst in Deutschland gegen Necla Kelek (mehr dazu hier). Daoud hat seine Kolumne daraufhin gestoppt - aber nun ist in Frankreich ein Sammelband erschienen: "'Mes Indépendances' ist also mehr als ein Plädoyer", schreibt Cécile Dutheil, "er ist die Selbstbehauptung einer machtvollen, mutigen Stimme, die wir nicht zögern, Voltaires 'Ecrasez l'infâme' an die Seite zu stellen. 'Der Vorwurf der Islamophobie bringt zugleich die Angst mit, als 'islamophob' bezeichnet zu werden, und hat somit den Raum all dessen ausgeweitet, was der Kritik, der Reflexion und der Ablehnung unzugänglich sein soll', schrieb Daoud am 3. August 2016. Die Angst, 'als dies oder das betrachtet' zu werden, ist ein gefährlicher Typ der Zensur, der die Freiheit des Denkens einschränkt. Daoud will sich nicht darauf einlassen."

Dutheil bespricht auch Annick Duraffours und Pierre-André Taguieffs monumentalte Studie "Céline, la race, le Juif : Légende littéraire et vérité historique", die zum Standardwerk über das Thema von Célines Antisemitismus werden dürfte.

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - En attendant Nadeau

Jean-Paul Champseix stellt ein Buch über Istanbul als "Labor des konservativen Islam" vor: "Istanbul Planète: La ville-monde du XXIe siècle". Der Autor Jean-François Pérouse entwerfe darin ein Porträt der Stadt jenseits aller Polemik. All das, was möglicherweise aberwitzig wirkt - wie etwa riesige Bauvorhaben, pharaonische Projekte, Gleichgültigkeit gegenüber dem tatsächlichen historischen Erbe, ungebremste Stadtzersiedelung - erkläre sich vollkommen im Rahmen eines Willens, ein neues Biotop für die türkische Musterfamilie zu errichten: "Diese tiefgreifende Umgestaltung der Stadt folgt einem politischen Projekt, das von der islam-konservativen Ideologie getragen ist. Einem Konservativismus, der sich auf Familie, Trennung der Geschlechterrollen und Hierarchie stützt… Die Werbesprache der Immobilienbranche macht sich dabei die politische Sprache zu eigen, indem sie versichert, man wolle Frauen und Kinder vor urbaner Unordnung schützen. Die Wohnsiedlung ist daher entsprechend den Einkommensgruppen durch Trennwände unterteilt, mit einfachem Zugang zu Einkaufszentren, die Ablenkung schaffen für Frauen, die nicht arbeiten gehen, und zu schulischen Einrichtungen in der Nähe für die Kinder."

Magazinrundschau vom 28.03.2017 - En attendant Nadeau

Im Mittelalter wurde anders geträumt als heute - das geht aus einem aus dem Lateinischen übersetzten Buch hervor, das Dominique Goy-Blanquet vorstellt: "Rêves de soi: Les songes autobiographiques au Moyen Âge", herausgegeben von Gisèle Besson und Jean-Claude Schmitt. Während unsere Träume verschüttete Relikte von Vergangenem sind, habe der mittelalterliche Traum Schlüssel zum Zukünftigen gesucht, einer Zukunft, die vom Horizont des Jenseits und der quälenden Angst vor der Verdammnis beherrscht war, so Goy-Blanquet. "Mit dem Christentum betritt der Teufel die Bühne. Der Traum beunruhigt, weil er sich dem bewussten Willen entzieht … Diese nächtlichen, anscheinend so realen Bilder kommen aus dem Jenseits - nur aus welchem? Mutatis mutandis, sie stellen die Christen vor das Dilemma …: Was ist die Beschaffenheit dieses 'gestörten Geistes', kann man ihm bei klarem Verstand trauen, läuft die Seele nicht Gefahr, sich ins Verderben zu stürzen, indem sie seinen Weisungen folgt? Einige ziehen sich durch eine Art Tautologie aus der Klemme: Die günstigen Wahrheiten verdanken sich demnach der Vermittlung von Engeln, Abträgliches oder Unkeusches sind Schurkereien von Dämonen."

Magazinrundschau vom 21.03.2017 - En attendant Nadeau

"Das Zeitalter der Sozialwissenschaft" ist das Thema der Besprechung eines Buchs über die Entstehung der Soziologie: "La révolution sociologique - De la naissance d'un régime de pensée scientifique à la crise de la philosophie (XIXe -XXe siècles)". Sein Autor Marc Joly beschreibt darin die Umwälzungen, welche die Soziologie im Geistesleben auslöste, als sich diese "Paria-Disziplin" aus ihrer Randstellung löste - und zwar, so seine These, auf Kosten der Philosophie. Das belege er, so der Rezensent, freilich nicht vollkommen: "Sagen wir es gleich: Die These (von der fortschreitenden Disqualifizierung der Philosophie) wird nicht empirisch verifiziert. Die Metaphysik ist auch 2017 nicht verschwunden, ebenso wenig wie Erkenntnistheorie, Moral und Ästhetik. Mehr noch: Soziologen beziehen sich bei der Konstruktion ihrer Inhalte auch weiterhin auf philosophische Problemstellungen. Nicht alle gehen jedoch so weit wie Jean-Claude Passeron ... der meint, jede soziologische Fragestellung sei philosophischen Ursprungs, wenn er behauptet, dass 'eine anthropologische Hypothese in den Sozialwissenschaften niemals so neu ist, dass sie sich nicht in einer abstrakten Formulierung bei einem Philosophen finden ließe.'"