Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 45 von 65

Magazinrundschau vom 09.11.2010 - Elet es Irodalom

Zwar betrachtet die EU ihr kulturelles Erbe heute eher als zweitrangig oder als überholt, dennoch werden Gegenwart und Ausrichtung der EU größtenteils gerade von diesem kulturellen Erbe bestimmt, findet der Historiker und Orientalist Mihaly Dobrovits im Interview. Diese - vielleicht gewollte - Vergesslichkeit habe jedoch zur Folge, dass niemand Einwanderern sagen kann, in was sie sich eigentlich integrieren sollen. Angela Merkels Bemerkung, der Multikulturalismus sei gescheitert, zeigt für Dobrovits "erneut die Konzeptionslosigkeit des Europäischen. Noch vor fünf oder zehn Jahren wurde nicht nur das multikulturelle Europa als Dogma betrachtet, es wurde sogar, zum Beispiel in Deutschland, darüber debattiert, ob die deutsche Kultur wirklich als Leitkultur des Landes gelten kann und ob türkische Einwanderer die deutsche Sprache beherrschen müssen. Jetzt stellen wir den muslimischen Einwanderern in Europa ein Ultimatum, doch wir sind immer noch nicht in der Lage, über die bloßen Sprachkenntnisse hinaus jenes kulturelle Muster zu bestimmen, dessen Befolgung wir von ihnen erwarten. Wir können ihnen nicht vorschreiben, wie sie zu religiösen oder historischen Traditionen Europas stehen sollen, die wir selbst immer weniger kennen und befolgen."

Magazinrundschau vom 02.11.2010 - Elet es Irodalom

Letzten Dienstag kippte das ungarische Verfassungsgericht ein Gesetz der Regierungspartei Fidesz zur Besteuerung von Abfindungszahlungen. Kurz darauf kündigte Fidesz-Fraktionschef Janos Lazar an, man werde dem Verfassungsgerichtshof die Zuständigkeiten für Steuer- und Finanzfragen entziehen. Die Regierung unter Viktor Orban hat mit ihrer Zweidrittel-Mehrheit im Parlament tatsächlich die Möglichkeit dazu und jetzt auch ein entsprechendes Gesetz vorgelegt. Für Zoltan Kovacs ist damit eine Grenze überschritten: "Wenn eine Regierung die Unantastbarkeit des Privateigentums missachtet und noch in derselben Woche die Befugnisse des Verfassungsgerichts beschneidet, nur, weil dieses eine aus Sicht der Regierung ungünstige Entscheidung getroffen hat, so müsste dies doch jene, die mit immer weniger nachvollziehbarem Eifer versuchen, die Entscheidungen der Regierung zu verstehen und zu akzeptieren, so langsam nachdenklich stimmen. [...] Wenn die Befugnisse des Verfassungsgerichts wirklich beschnitten werden, wozu dann überhaupt noch ein Verfassungsgericht? Ich will keine Ratschläge erteilen, aber in solch einem Fall könnte das Gericht auch mal aufstehen. Das wäre besser, als sitzen zu bleiben und den Anschein zu erwecken, alles sei in Ordnung."

Magazinrundschau vom 26.10.2010 - Elet es Irodalom

Der Journalist Benedek Varkonyi würdigt den im August verstorbenen britischen Tony Judt als einen Historiker, der wusste, dass das Vergangene nicht tot, sondern jeder seiner Momente in unserer Gegenwart präsent ist. Judt lebte an der Schnittstelle zwischen abgeschlossener Vergangenheit und lebendiger Welt - und somit an jenem neuralgischen Punkt, vor dem sich viele Historiker drücken, weil er so unangenehm ist, so Varkonyi: "Heute, nach den langen Debatten der Historiker über die Geschichte, wissen wir, dass es die 'einzige Vergangenheit' nicht gibt. Es gibt keine abgeschlossene Welt, sondern nur eine, die sich ständig verändert. Und Tony Judt zeigt uns solch ein sich stets veränderndes Bild von Europa. ... Er ist ein Historiker, dem die Vergangenheit dazu dient, etwas über die Gegenwart auszusagen. Wenn es eine philosophische Quintessenz seiner begeisterten und weitreichenden Arbeit geben würde, dann wäre dies die Frage, was die Geschichte von der Gegenwart erkennen lässt."
Stichwörter: Judt, Tony

Magazinrundschau vom 19.10.2010 - Elet es Irodalom

Der ungarische Schriftsteller Zsolt Lang würdigt den diesjährigen Nobelpreisträger für Literatur: "Mario Vargas Llosa ist ein Rebell: Mit stabiler Weltanschauung und in geordneten materiellen Verhältnissen. Eigentlich dienen sogar seine Skandale dazu, die Glaubwürdigkeit seiner Rebellion zu unterstreichen. Jede Erlösung ist skandalös. Er verliebt sich in seine Tante und heiratet sie. Auch als sie sich scheiden lassen, ist das ein Skandal. Und als würde er daran Gefallen finden, neben seinen Schriften auch sein Leben in die Regale der Buchhandlungen zu stellen, folgt ein neuerlicher Skandal: Diesmal heiratet er seine Cousine. Er ist ein Ritter, doch keiner von der Sorte jener traurigen Gestalt, sondern einer, der eine Dulcinea aus Fleisch und Blut besitzt, und der nicht Windmühlen, sondern mit wirklicher Macht ausgestattete Riesen besiegt."

"Die staatliche Roma-Politik hat sich in den vergangenen 250 Jahren kaum verändert", meint der ungarische Roma-Bürgerrechtler Aladar Horvath, der sich kürzlich nach 22jähriger Aktivität aus der Politik zurückgezogen hat, im Interview mit Eszter Radai: "Die Zigeuner-Verordnungen der Habsburg-Herrscher Maria Theresia und Joseph II. zielten, genauso wie der Beschluss der kommunistischen Partei 1961, auf die gewaltsame Assimilation der Roma ab. Während der Wende erhielt Ungarn eine wahrhaftige historische Chance, seine bis dahin verfolgte, kurzsichtige und selbstzerstörerische Minderheitenpolitik aufzugeben, dennoch bildeten sämtliche Maßnahmen der bisherigen Regierungen - all ihren integrationsfreundlichen Lippenbekenntnissen zum Trotz - eine Bestätigung der ethnisch-sozialen Segregation. [...] Diese Strukturen zu verändern oder wenigstens zu beeinflussen vermag die Bürgerrechtsbewegung heute überhaupt nicht mehr."

Magazinrundschau vom 12.10.2010 - Elet es Irodalom

Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas stellt in seiner Bestandsaufnahme zur Lage Ungarns fest, dass die erste Phase des ungarischen Modernisierungsversuchs ein Misserfolg war. Kein Wunder, hat Ungarn doch nie eine Demokratie gehabt, weshalb es bereits 1989 abzusehen war, dass das Land zwischen der Tradition eines fürsorglichen Staates nach Art des Kadar-Regimes und der Tradition der autoritären Macht der Horthy-Ära hin- und herpendeln würde. Kein Grund für Pessimismus: "Das stärkste Mittel der Demokratie zur kontinuierlichen Modernisierung ist ein starkes Bürgertum. Allerdings erträgt die Marktwirtschaft nicht nur eine autoritäre Macht, sondern sogar eine Diktatur. Das ist nicht besonders nett von ihr, doch die Erfahrungen zeigen, dass dem so ist. Nur die gesalbten Befürworter des freien Handels glauben im Ernst, dass sich aus der Marktwirtschaft irgendwann auch die Demokratie entwickeln wird. Das tut sie nicht. Wenn sie nicht von den Demokraten geschaffen wird - und bislang haben sie sie nicht geschaffen - dann gibt es eben keine Demokratie. Zwar gibt es heute reiche Leute in Ungarn, auch viele wohlhabende Leute, doch über eine nationale Bourgeoisie verfügt das Land nicht. Sie hat sich nicht herausgebildet. Aber sie bildet sich derzeit heraus. Wenngleich dieser Prozess von Spektakeln verdeckt wird."

Die Opfer der ungarischen Chemiekatastrophe wurden und werden nicht ausreichend informiert, findet der Publizist Janos Szeky - man wisse weder, wie giftig diese Substanz wirklich ist, noch, wie man sich gegen sie wehren kann. Sowohl das Betreiberunternehmen als auch Politiker und das Amt für Katastrophenschutz haben versagt: "Die Betroffenen werden nun von ausgebildeten Psychologen betreut, die ihre Arbeit sicherlich gewissenhaft ausüben, nur verstehen sie wenig von Chemie. Des weiteren werden die Betroffenen von Politikern verunsichert - die von Chemie ebenfalls keine Ahnung haben, auch von Physik nicht. Der Staatssekretär für Umweltschutz, der offensichtlich weder von Physik und Chemie noch von Kommunikation etwas versteht, spricht von radioaktiven Teilchen, woraufhin der Ministerpräsident, dieser andere große Wissenschaftler und Kommunikator, das Volk höchst persönlich beruhigen muss, dass keine Strahlungsgefahr besteht. [...] Darüber hinaus werden die Betroffenen von Umweltschützern angestachelt, die vom einzig wahren Glauben beseelt sind und außer ihren eigenen Zwangsvorstellungen von kaum etwas eine Ahnung haben. Und schließlich verbreiten die Medien, die weder von Physik noch von Chemie, Kommunikation, Umweltschutz oder Politik etwas verstehen, folgsam jeden Blödsinn, mit dem sie gefüttert werden - und wenn möglich, legen sie noch einen drauf, denn wen interessiert eine Lösung oder irgendeine beruhigende Erklärung, wenn man vom Horror berichten kann?"

Auch die Zivilgesellschaft hat sich bei der Katastrophe nicht sehr vorbildlich verhalten, findet Gusztav Megyesi und hält Chile als positives Beispiel dagegen: "Als Ende des Sommers 33 chilenische Bergleute verschüttet worden waren, eröffnete Leonardo Farkas, einer der reichsten Männer des Landes, für jeden einzelnen Bergmann ein Bankkonto mit jeweils knapp 8.000 Euro; laut seinen Gegnern natürlich zu Propagandazwecken. Kann sich der Leser einen einzigen ungarischen Neureichen [...] oder Politiker [...] vorstellen, der für die jetzigen Betroffenen Konten in dieser Höhe eröffnen würde? Dabei würden es ihnen die Menschen in Kolontar und anderswo bestimmt nicht übel nehmen; schlimmstenfalls würde es die bolschewistische Presse als eine billige Propagandamaßnahme werten."

Magazinrundschau vom 28.09.2010 - Elet es Irodalom

Die Ungarn gelten im Vergleich zu manch anderen Völkern Mittelosteuropas als nicht besonders auswanderungsfreudig: Sie sind generell wenig bereit, ihren Wohnort zu wechseln - egal, ob es dabei um eine temporäre oder langfristige Auswanderung oder um die Mobilität innerhalb des eigenen Landes geht. Die Volkswirtin Agnes Hars, Forschungsleiterin im ungarischen Wirtschaftsforschungsinstitut Kopint-Tarki, meint dazu im Interview, diese Denkweise rühre noch aus der Zeit vor dem Krieg her und sei dann bestätigt worden durch den Kadarschen Gulasch-Kommunismus: "Beides hat in den ungarischen Köpfen die Vorstellung gefestigt, dass es hier immer noch besser ist als in den anderen osteuropäischen Ländern: Sollen sie doch gehen, wohin sie wollen - wir bleiben, weil es uns, wenngleich nicht gut, aber immer noch besser geht. [...] Zudem wird die Einwanderung im Allgemeinen eher negativ bewertet, und es ist möglich, dass sich diese Einstellung auch darauf auswirkt, wie man einen Auslandsjob oder die Auswanderung bewertet. Als würde man davon ausgehen, dass es das Beste sei, wenn jeder dort bleibt, wo er geboren wurde."

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - Elet es Irodalom

In Ungarn scheint man keine Ahnung davon zu haben, was man mit den ungarischen Kulturinstituten im Ausland anfangen will, meint Peter Krasztev, bis vor kurzem Leiter des ungarischen Kulturinstituts in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Es gibt kein Konzept und eine Änderung ist auch unter der neuen Regierung nicht absehbar: "Man hat sich offenbar keine Gedanken darüber gemacht, wozu diese Institute dienen sollen. Die Besucher des Goethe Instituts oder des British Council in Bratislava sind in irgendeiner Weise mit der deutschen bzw. englischen Kultur verbunden. Die Institute der kleineren Kulturen aber, wie das ungarische, das tschechische oder gar das österreichische, haben grundsätzlich einen gewissen Staatsgeruch, man merkt ihnen den Verwaltungskleister an. Dementsprechend wird solch ein Haus von den Menschen nur ungern besucht, weil sie wissen, dass es ein Institut zur Imagebildung des betreffenden Staates ist. Ganz anders ist es, wenn diese Veranstaltungen anderswohin 'ausgelagert' werden. Das Institut selbst wird höchstens von Fachleuten besucht, die Normalbevölkerung kommt aber nicht ins Haus. Man müsste sich also wirklich Gedanken darüber machen, ob man diese Häuser in ihrer jetzigen Form überhaupt noch braucht. In lebhaften Weltstädten sicherlich. In Paris oder Berlin ist es gelungen, diese Häuser als wahrhaftige Treffpunkte der Allgemeinheit zu etablieren; dort ist das ungarische Kulturinstitut einer von vielen Treffpunkten. In Bratislava und in anderen kleineren Städten ist das sehr mühsam. Ungarn kommen zwar regelmäßig, aber dass auch Slowaken einfach so vorbeischauen würden, ist undenkbar."

Magazinrundschau vom 14.09.2010 - Elet es Irodalom

In der Debatte über den Abschied vom Rechtsstaat meldet sich der Journalist Janos Avar zu Wort. Er hofft in erster Linie auf internationalen Druck. Schließlich sei dieser auch in den Fällen Meciar, Kaczynski, Tudjman oder Haider nicht gänzlich wirkungslos geblieben und könnte den von Matyas Eörsi und Attila Ara-Kovacs (mehr hier) bzw. von Sandor Radnoti (mehr hier) heraufbeschworenen inneren Widerstand beflügeln: "Natürlich können die Prinzipien der Demokratie leider manchmal verletzt werden, aufkündigen kann man sie aber innerhalb der EU keinesfalls. Die Zeitung Le Monde hat Orban ausdrücklich daran 'erinnert', dass Ungarn Mitglied in einem Klub ist, in dem ganz bestimmte Regeln gelten. [...] Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man in Moskau manchmal mit dem Gedanken spielt, wie es wohl wäre, wenn die Wende von 1990 rückgängig gemacht werden könnte; dafür würden sie sicherlich auch einen kleinen Donau-Putinismus unterstützen, was aber zweifelsohne die Sicherungen in Washington und in Brüssel durchbrennen lassen würde. Dann könnten die ungarischen Beschützer der Demokratie auf jeden Fall mit einer gewissen Schützenhilfe rechnen."

Das von Viktor Orban geplante Mediengesetz ist noch illiberaler als die Regelung in Russland. Aber wenn es verhindert werden soll, müssen die Journalisten schon auch selbst etwas tun, meint der Soziologe Miklos Haraszti, ehemaliger Leiter der OSZE-Behörde für die Pressefreiheit und derzeit Gastprofessor an der New Yorker Columbia University im Interview: "Ich halte es für ein schlechtes Omen, dass die Pressemitarbeiter bei uns - ähnlich, wie in Kasachstan - auf die ausländische Qualitätskontrolle hoffen und darin eine Art Manna sehen, das von der OSZE, vom Europarat, von der EU oder gar von der UNO kommen soll. Dabei können die internationalen Normen nur dort ihre Wirkung zeigen, wo sich auch die Journalisten-Zunft für sie einsetzt, wie dies in der Slowakei zu Zeiten der Fico-Regierung oder jüngst in Italien geschehen ist, als die Journalisten mit leeren Titelseiten protestierten und sich miteinander solidarisierten. Solange diese Haltung nicht vorhanden ist, wird die Regierung den Mahnungen aus dem Ausland keine besondere Achtung schenken."

Magazinrundschau vom 07.09.2010 - Elet es Irodalom

In der Budapester Galerie "Klauzal 13" werden derzeit die Bilder des israelischen Malers Uri Asaf gezeigt. Der Essayist Laszlo F. Földenyi steht vor dieser "verschwommenen Farbenwelt, mit ihren nebelhaften Ballungen und unbestimmten Konturen" und überlegt, warum ihn diese Bilder so anziehen. "Uri Asaf malt wie ein Mensch, dem wenig Zeit bleibt und der deshalb sofort zur Sache kommt: Ihn interessiert nur, was er existenziell für wichtig hält. Solch eine Haltung trifft einen stets unvorbereitet. Daher kommt es, dass seine Bilder einen nach so kurzer Zeit ansprechen. [...] Asaf versucht, das Nicht-Wahrnehmbare in den Kreis der wahrnehmbaren Dinge mit einzubeziehen. Als Maler fühlt er sich in der Sinnlichkeit wie zu Hause. Je mehr er jedoch ins Sinnliche eindringt, desto feiner und entrückter wird es auf seinen Bildern, bis sich herausstellt, dass die Grenze des Wahrnehmbaren ab einem gewissen Punkt das Nicht-Wahrnehmbare ist. Was das ist, weiß ich nicht. Ich könnte es geistig oder spirituell nennen, doch scheinen mir diese Begriffe zu schwach. Ich weiß nur, dass man auch in den Tiefen der sinnlichsten Phänomene früher oder später etwas entdeckt, was ich am ehesten noch mit den Begriffen 'Rätsel', und 'Mysterium' umschreiben könnte. Ich schaue mir die Bilder von Uri Asaf an und lasse mich von diesem Rätsel einsaugen."

Der Verfassungsrechtler Gabor Halmai hat kürzlich befürchtet, Ungarn werde sich unter der Leitung der neuen Regierung von der Rechtsstaatlichkeit verabschieden (mehr hier). Der Philosoph Attila Ara-Kovacs und der Rechtsanwalt Matyas Eörsi fanden diese Furcht übertrieben: Demokratie sei nun mal nichts fertiges, und aus jeder Krise könne man lernen (mehr hier). Der Literaturwissenschaftler Sandor Radnoti hoffte auf eine Hinwendung und Treue der Bevölkerung zu einer "unsichtbaren Verfassung", einem "Vaterland in der Höhe" (mehr hier). Der Politologe Zoltan Fleck muss wohl eher unter die Pessimisten eingereiht werden. Eine stabile Demokratie braucht eine stabile Zivilgesellschaft, und an der fehlt es in Ungarn, schreibt er. "Innerhalb zweier Jahrzehnte wurde der Satz 'wir sind Teil Europas' zu einem leeren Slogan und trotz aller institutionellen Kompatibilität ist diese Europäisierung in den Tiefen der Gesellschaft fragmentarisch geblieben. Die Flucht vor der Freiheit ist heute stärker als der Wunsch, ein europäischer Bürger zu werden. Letzteres erfordert nämlich zivile Aktivität, kritische Attitüde, den Geist der Freiheit und eine republikanische Moralität. Die Illusion, diese Werte könnten auf spontane Weise, auf der Basis unserer tausendjährigen Tradition entstehen, wurde von der jetzigen Regierung durch die Negation all dieser Werte ersetzt. Diese beiden konkurrierenden, einander stärkenden Strategien nehmen dem Land jede Chance, sich zu einer modernen Demokratie zu entwickeln."

Magazinrundschau vom 31.08.2010 - Elet es Irodalom

Im Interview erklärt der Historiker Balazs Ablonczy, warum die Klagen über den Trianon-Vertrag von 1920, der Ungarn etwa zwei Drittel seines Territoriums kostete, wirklich ganz nutzlos sind und vor allem den ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten überhaupt nicht helfen: "Wenn wir in Europa oder im atlantischen Raum etwas erreichen wollen, dann müssen wir die Sprache der dortigen Entscheidungsträger sprechen: Diese Sprache ist heute eine Sprache der Menschenrechte, der Wirtschaft und durch und durch rational. Da kommt man mit historischen Argumenten nicht weit, auch wenn das einigen nicht passt. (...) Zudem sind die Legenden um Trianon, wenn sie zu historischem Bewusstsein werden, schädlich, weil sie eine Selbstreflexion verhindern. So bleibt es weiterhin unmöglich, die Konsequenzen aus dem Ersten Weltkrieg zu ziehen und überhaupt eine unserer größten nationalen Tragödien verstehen zu können."
Stichwörter: Trianon-Vertrag