
Der ungarische
Schriftsteller Peter Nadas stellt in seiner Bestandsaufnahme zur Lage Ungarns fest, dass die erste Phase des ungarischen
Modernisierungsversuchs ein Misserfolg war. Kein Wunder, hat Ungarn doch nie eine Demokratie gehabt, weshalb es bereits 1989 abzusehen war, dass das Land zwischen der Tradition eines
fürsorglichen Staates nach Art des Kadar-Regimes und der Tradition der
autoritären Macht der Horthy-Ära hin- und herpendeln würde. Kein Grund für Pessimismus: "Das stärkste Mittel der Demokratie zur kontinuierlichen Modernisierung ist ein
starkes Bürgertum. Allerdings erträgt die Marktwirtschaft nicht nur eine autoritäre Macht, sondern sogar eine Diktatur. Das ist nicht besonders nett von ihr, doch die Erfahrungen zeigen, dass dem so ist. Nur die gesalbten Befürworter des freien Handels glauben im Ernst, dass sich aus der Marktwirtschaft irgendwann auch die Demokratie entwickeln wird. Das tut sie nicht. Wenn sie nicht
von den Demokraten geschaffen wird - und bislang haben sie sie nicht geschaffen - dann gibt es eben keine Demokratie. Zwar gibt es heute reiche Leute in Ungarn, auch viele wohlhabende Leute, doch über eine nationale Bourgeoisie verfügt das Land nicht. Sie hat sich nicht herausgebildet. Aber sie bildet sich derzeit heraus. Wenngleich dieser Prozess von Spektakeln verdeckt wird."
Die
Opfer der ungarischen
Chemiekatastrophe wurden und werden nicht ausreichend informiert,
findet der Publizist Janos Szeky - man wisse weder, wie giftig diese Substanz wirklich ist, noch, wie man sich gegen sie wehren kann. Sowohl das Betreiberunternehmen als auch Politiker und das Amt für Katastrophenschutz haben versagt: "Die Betroffenen werden nun von ausgebildeten
Psychologen betreut, die ihre Arbeit sicherlich gewissenhaft ausüben, nur verstehen sie wenig von Chemie. Des weiteren werden die Betroffenen von
Politikern verunsichert - die von Chemie ebenfalls keine Ahnung haben, auch von Physik nicht. Der
Staatssekretär für Umweltschutz, der offensichtlich weder von Physik und Chemie noch von Kommunikation etwas versteht, spricht von radioaktiven Teilchen, woraufhin der
Ministerpräsident, dieser andere große Wissenschaftler und Kommunikator, das Volk höchst persönlich beruhigen muss, dass keine Strahlungsgefahr besteht. [...] Darüber hinaus werden die Betroffenen von
Umweltschützern angestachelt, die vom einzig wahren Glauben beseelt sind und außer ihren eigenen Zwangsvorstellungen von kaum etwas eine Ahnung haben. Und schließlich verbreiten
die Medien, die weder von Physik noch von Chemie, Kommunikation, Umweltschutz oder Politik etwas verstehen, folgsam jeden Blödsinn, mit dem sie gefüttert werden - und wenn möglich, legen sie
noch einen drauf, denn wen interessiert eine Lösung oder irgendeine beruhigende Erklärung, wenn man vom Horror berichten kann?"
Auch die
Zivilgesellschaft hat sich bei der Katastrophe nicht sehr vorbildlich verhalten,
findet Gusztav Megyesi und hält
Chile als positives Beispiel dagegen: "Als Ende des Sommers 33 chilenische Bergleute verschüttet worden waren, eröffnete
Leonardo Farkas, einer der reichsten Männer des Landes, für jeden einzelnen Bergmann ein Bankkonto mit jeweils knapp 8.000 Euro; laut seinen Gegnern natürlich zu Propagandazwecken. Kann sich der Leser einen einzigen ungarischen Neureichen [...] oder Politiker [...] vorstellen, der für die jetzigen Betroffenen Konten in dieser Höhe eröffnen würde? Dabei würden es ihnen die Menschen in Kolontar und anderswo bestimmt nicht übel nehmen; schlimmstenfalls würde es die
bolschewistische Presse als eine billige Propagandamaßnahme werten."