Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 44 von 65

Magazinrundschau vom 08.03.2011 - Elet es Irodalom

Ein Interview mit dem ungarischen Filmemacher Bela Tarr im Tagesspiegel vom 20. Februar (anlässlich seines Berlinale-Films "The Turin Horse", mehr dazu hier) hat in Ungarn für heftige Nachbeben gesorgt. Tarr hatte sich kritisch zur Regierung von Viktor Orban geäußert. Er distanzierte sich allerdings kurz darauf von dem Interview und der Tagesspiegel nahm es vorübergehend aus dem Netz. Der ungarische Architekt Laszlo Rajk, der auch bei mehreren Filmen Tarrs mitgewirkt hat, nimmt den Filmemacher in Schutz und wirft den Kritikern, vor allem aber dem Tagesspiegel vor, die Autonomie des Künstlers verletzt zu haben: "Wenn jemand die Kunst des Bela Tarr kennt - und solch eine Kenntnis könnte man vom Chef des Kulturressorts einer anspruchsvollen Berliner Tageszeitung erwarten - dann weiß man, dass Tarr seine künstlerische Tätigkeit und seine ideologischen, philosophischen und politischen Stellungnahmen klar voneinander trennt. Daher bin ich der Meinung, dass die verschiedenen Äußerungen Tarrs zu einem einzigen Gebilde verschmelzen und gemeinsam seine Größe in Kunst und Öffentlichkeit wiedergeben. Es geht also nicht darum, ob Tarr wirklich gesagt hat, was ihm zugeschrieben wird und ob die Zeitung eine Tonaufnahme besitzt oder nicht. Des Wesentliche ist, dass Tarr anlässlich der Preisverleihung über das Werk sprechen wollte, und nicht über Politik."

Magazinrundschau vom 21.02.2011 - Elet es Irodalom

Im Jahr 2014 soll in der ungarischen Hauptstadt erstmals eine "Budapest Biennale" veranstaltet werden. Um der Sache zum Erfolg zu verhelfen, setzen die Organisatoren auf einen - noch unbekannten - in der internationalen Kunstszene anerkannten Chefkurator. Ein falscher Ansatz, findet der Medienwissenschaftler Peter György. Die Verantwortlichen sollten sich erst einmal Gedanken darüber machen, "worin das Spezifische dieser Biennale bestehen könnte. Kein ausländischer Superstar vermag beispielsweise die fehlende Strategie der Budapester Oper zu ersetzen. Wovon eine Budapest Biennale 2014, also in erschreckend naher Zukunft, handeln und für wen sie gedacht sein kann, welche ungarischen Künstler in Frage kommen und welches international gültige Konzept dem kulturellen Raum der Stadt angepasst werden kann, das können nur wir wissen, die hier leben, und dieses Wissen kann kein einzelner, teurer und noch so herausragender Chefkurator ersetzen."

Janos Szeky sprach mit dem slowenischen Politikwissenschaftler Anton Bebler über die historischen Wurzeln des serbischen Nationalismus und fragte ihn, ob mit der europäischen Integration Serbiens diese Neigung verschwinde - oder ob gerade dadurch eine neue Gefahr in der EU entstehe: "Die EU-Mitgliedschaft und die schmerzhaften historischen Erfahrungen einzelner Länder - sofern sie tatsächlich schmerzhaft sind, wie im Fall Ungarns oder Serbiens - setzen dem territorialen Expansionismus oder dem Revisionismus ein Ende. Doch der Nationalismus - und die Xenophobie - werden durch die Zugehörigkeit zur Europäischen Union nur ein wenig gedämpft, aber nicht gänzlich ausgelöscht. Frankreich und Ungarn sind ein gutes Beispiel dafür - aber auch andere Länder. Sarkozy und Orban haben etwas gemeinsam, und nicht nur, dass beide einen ungarischen Vater haben."

Magazinrundschau vom 15.02.2011 - Elet es Irodalom

Der "Abrechnungskommissar" Gyula Budai, eingesetzt um eine mögliche Veruntreuung von Steuergeldern durch die Vorgängerregierung zu überprüfen, untersucht derzeit - nach den Fördergeldern für Philosophen - eine Reihe von Kunstprojekten (die zumeist nach der so genannten, in mehreren europäischen Ländern gängigen "Kunst am Bau"-Regelung entstanden sind, wonach ein Prozent der Investitionskosten eines Immobilienprojekts der öffentlichen Hand für Kunstwerke ausgegeben werden sollen) und hat angekündigt, dass der künstlerische Wert dieser Werke von einem Gericht überprüft werden muss. Die Abstraktionsfeindlichkeit und der Vorwurf der Verschwendung von Steuergeldern begleitet die Avantgarde seit ihrer Entstehung, schreibt der Kunsthistoriker Jozsef Melyi, den die Angelegenheit an den anfänglichen Protest gegen die Aufstellung der Plastik "Drei rotierende Quadrate" von George Rickey im Jahr 1973 im westfälischen Münster erinnert - woraus allerdings später die "Skulptur.Projekte Münster" entstanden sind: "In Ungarn ist das zunächst nur die Illusion einer Zukunft. Die Realität der Zukunft hingegen sieht so aus, dass man nach solchen Abrechnungen kaum einen staatlichen oder kommunalen Auftraggeber finden wird, der bereit ist, ein zeitgenössisches Kunstwerk aufzustellen. Und diese Realität wird vor allem der Bankrott der gesamten institutionellen Struktur der Bildenden Kunst und der Pädagogik sein - ausgehend von einer Gegenwart, in der es an den Schulen keinen wirklichen Kunstgeschichte-Unterricht gibt, in der kein öffentlicher Diskurs stattfindet und in der ein Politiker jederzeit unter Beweis stellen kann, wie wenig Ahnung er von der Kunst und ihrer Geschichte hat; und während sich der Begriff der Kunst im öffentlichen Raum andernorts kontinuierlich verändert, drehen wir das Rad der Zeit lieber zurück. Dabei sollten wir aber wenigstens erkennen, dass von der Abrechnung abwärts nur noch ein einziger Schritt bleibt, nach oben hin aber der Raum unendlich weit und offen ist."

Kürzlich ist das Buch "3096 Tage" von Natascha Kampusch auf Ungarisch erschienen (Natascha Kampusch: 3096 nap. Übersetzt von Zoltan Andras Ban. Budapest : Scolar Kiado, 2010). Die junge Frau beschreibt ihre Geschichte mit überraschender Reife und Distanz, weshalb sich das Buch auch als Entwicklungsroman lesen lässt, findet der Literaturwissenschaftler Imre Kurdi: "Der wichtigste Aspekt des Entwicklungsromans ist - und das ist das eigentlich Spannende am Buch von Natascha Kampusch - die Schaffung und Bewahrung der Identität und der autonomen Persönlichkeit. Dadurch nämlich, dass Natascha Kampusch selber erzählt, was sie erlebt hat, will sie zum einen das Recht zur Interpretation und Selbstinterpretation zurück erlangen - wobei sie einerseits die Übertreibungen der Boulevardpresse, andererseits jeden Ansatz, der das Geschehene mit einem bestimmten Etikett (wie z.B. dem des Stockholm-Syndroms) versehen und somit irgendeiner Regel unterordnen will, konsequent zurückweist; diese sprechen ihr die Individualität ab und machen damit jedwede Erzählung von vornherein überflüssig und sinnlos. Zum anderen ist es augenscheinlich und unheimlich spannend, dass und wie Natascha Kampusch gerade im Zuge des Erzählens, durch den Akt der Narration ihre eigene Identität schafft - der Kidnapper hatte ihr sogar verboten, ihren eigenen Namen zu verwenden und auch nach ihrer Flucht hatten ihr manche geraten, ihren Namen zu ändern und so ein neues Leben zu beginnen -, und sich die Autonomie ihrer Persönlichkeit erkämpft."

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - Elet es Irodalom

Seit Wochen läuft in der regierungstreuen Presse Ungarns eine Hetzjagd gegen liberale Philosophen, die angeblich Forschungsgelder zweckentfremdet hätten. In Deutschland haben Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin empört gegen diese Vorwürfe protestiert, die an den Haaren herbeigezogen seien. Der Philosoph Janos Kelemen sieht das genau so : "Sie sind autonom denkende, tolerante, für jede Meinung offene Intellektuelle ('Liberale') und daher besonders unbequeme Typen, wie es Philosophen aufgrund ihrer kritischen Haltung schon immer waren. Ihr Urahn ist der ironische, dialektische, verfolgte und zum Tode verurteilte Sokrates, der dem staatlichen Befehl folgend den Schierlingsbecher ausgetrunken hatte. Gerade von Agnes Heller hatten wir einst gelernt, dass die Geste des Sokrates vorbildlich für die philosophischen Haltung ist: Der Philosoph muss für seine Lehre mit seinem ganzen Wesen gerade stehen."

"Zuerst starb die Pressefreiheit in den Seelen", meint die Soziologin Maria Vasarhelyi, und nicht, wie man denkt, mit der Verabschiedung des neuen ungarischen Mediengesetzes. Dieses markiere vielmehr das Ende eines Krieges, der ungefähr genauso alt sei wie die dritte Republik in Ungarn. Dieser Medienkrieg habe Mitte der 90er Jahre begonnen - mit dem Abbau der demokratischen Öffentlichkeit, der Zerrüttung der beruflichen und moralischen Normen des Journalismus, der Einschüchterung und Zermürbung der Journalisten-Zunft - und gehe nun mit der totalen Niederlage der Pressefreiheit zu Ende. "Der Kampagne mit den leeren Titelblättern haben sich lediglich acht der mehreren hundert Medien angeschlossen [...] - die überwiegende Mehrheit der Verleger und Redakteure fand sogar diese zurückhaltende Form des Protests zu riskant. [...] 'Die Pressefreiheit, liebe Freunde, ist kein bloßer rechtlicher Zustand, sondern ein rechtlicher Zustand, der von freien Menschen geschaffen wird', schrieb Peter Nadas im Jahre 1998, und der Wahrheitsgehalt dieser Behauptung wird durch nichts anderes so überzeugend bewiesen, als durch den heutigen, niederschmetternden Zustand der ungarischen Presse."

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - Elet es Irodalom

Das neue Mediengesetz und Behördenchefin Annamaria Szalai werden mitunter auf eine Art und Weise kritisiert, die eines seriösen Journalisten unwürdig ist. Von solchen Beleidigungen will sich ES-Chefredakteur Zoltan Kovacs distanzieren und mahnt die Kollegen, einen kühlen Kopf zu bewahren, auch wenn ihre Webseiten auf einem amerikanischen Server liegen: ""Weshalb muss man dort Dinge publizieren, die man mit ein wenig gesundem Menschenverstand nirgendwo veröffentlichen würde? Ein in den 1980er Jahren verbreiteter Schriftstellertyp konnte es kaum erwarten, von der Zensur einen Maulkorb verpasst zu bekommen - oft, weil er ohnehin keinen vernünftigen Gedanken hatte. Offenbar wird heute vom einen oder anderen Kollegen aus Mangel an brauchbaren Gedanken so lange der vollkommene Unsinn verbreitet, bis er endlich an die Behörde gerät und dann behaupten kann, auf den Scheiterhaufen geschickt worden zu sein. Durch diese Kollegen wird die ansonsten immer aussichtslosere Lage der Medienbehörde deutlich verbessert."
Stichwörter: 1980er

Magazinrundschau vom 11.01.2011 - Elet es Irodalom

Nach der Verabschiedung des neuen ungarischen Mediengesetzes erwägen nun mehrere Medien eine "Server-Flucht" oder sonstige Formen der virtuellen Emigration. Der Medienwissenschaftler Peter György ist skeptisch: "Dem Internet kommt in jener Struktur der Öffentlichkeit, die als Gegengewicht zum Mediengesetz aufrecht erhalten werden soll, eine große Bedeutung zu, doch Vorstellungen, wonach die Existenz in den globalen Netzwerken und ein Betrieb über ausländische Server die Lösung sei, halte ich für technologischen Utopismus. [...] Ich will der Regierungspartei Fidesz nicht den Gefallen tun, mich in meiner Heimat, in meinem Haus nicht zu Hause zu fühlen."
Stichwörter: Emigration, Fidesz

Magazinrundschau vom 04.01.2011 - Elet es Irodalom

Der Literaturkritiker Csaba Karolyi fragte den Schriftsteller und Dramatiker György Spiro, was er von der Medienpräsenz seiner Kollegen und ihrer Rolle als Meinungsmacher hält. Nichts, wie sich herausstellt. Spiro geht es schon fast zu weit, wenn ein Foto des Autors auf dem Buchcover abgebildet ist. Doch es kommt noch schlimmer: "Wenn der Autor zu einer Lesung geht und seinem Publikum begegnet, wird ihm die Rolle eines Priesters aufgedrängt. Der 'Herr Schriftsteller' muss sich dann darüber äußern, was in der Politik, was mit dem Land geschehen wird, was der Leser tun und wie er seine seelischen Probleme lösen solle. [...] Aus den Werken kann man lernen, aus diesem Grund werden sie auch geschrieben, vom Schriftsteller persönlich aber kaum. In einem guten Werk werden die besten Momente des Autors festgehalten, die seltenen Augenblicke, in denen er in Hochform ist. Es ist nicht einmal der Autor, der hier spricht, sondern die Gemeinschaft selbst: es ist das kollektive Wissen, das sich hier manifestiert, durch den Schriftsteller als bloßes Medium. Die weniger guten Augenblicke, die auch das Leben des Autors größtenteils ausfüllen, sind (im optimalen Fall) in dem Werk nicht zu finden. Auch der Schriftsteller geht einer normalen bürgerlichen Profession nach, das ist ein Beruf, wie viele andere auch. Der Schriftsteller ist nur dann ein Schriftsteller, wenn er schreibt, in der restlichen Zeit seines Lebens ist er aber genauso ratlos, wie alle anderen."

Der Verabschiedung des Mediengesetzes am 20. Dezember gedachten zwei Mitarbeiter des ungarischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks am nächsten Tag mit einer Schweigeminute - und wurden mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Zoltan Kovscs, ES-Chefredakteur, erinnert dieser Vorfall an eine Szene aus Peter Bascos Film "Kitöres - Ausbruch" von 1970: Der Held will sein Land verlassen, weil er sich dort "wie ein 181 cm großer Mann in einer Wohnung mit 180 cm Innenhöhe" fühlt: "Das ist das Wesen des neue Pressegesetzes. Jeder solle sich ducken. Nicht sehr - ein bisschen reicht schon, es genügt, wenn man stets die Zimmerdecke spürt und niemals aufrecht gehen kann. Natürlich geht das nicht und kann auch nicht für immer und ewig so bleiben. Es ist nur schade um jene Opfer, die nichts anderes wollten, als klug, aufrichtig und gut vorbereitet zu fragen. Die Macht kann sie nicht ertragen und sie wird Leute finden, die ihre idiotischen Gesetze vollstrecken. Aber immer mit der Ruhe, es wird stets auch Menschen geben, die sich mit diesem Zustand nicht abfinden werden."

Magazinrundschau vom 07.12.2010 - Elet es Irodalom

Letzte Woche erschienen die ungarischen Wochenzeitungen Magyar Narancs und Elet es irodalom sowie (am Freitag) die Budapester Tageszeitung Nepszava mit leeren Titelseiten - aus Protest gegen eine geplante Änderung des Mediengesetzes. Die Regierung Viktor Orbans will die gedruckte Presse und die Internet-Portale der Kontrolle der mächtigen Medienaufsichtsbehörde NMHH unterwerfen wird. Die neu geschaffene Behörde ist mit Kadern der Regierungspartei Fidesz besetzt und wird über die Printmedien empfindliche Geldstrafen in Höhe von bis zu 90.000 Euro verhängen können. Das wird die öffentliche Debatte behindern, ist Chefredakteur Zoltan Kovacs überzeugt: "Die einst feurigen Verteidiger der Pressefreiheit sitzen heute in Parteibüros und machen sich ans Maßregeln der Presse; man weiß gar nicht mehr, ob ihr Scharfblick von den politischen Schutzwällen oder von der schlichten Arroganz der Macht getrübt ist. [...] Natürlich kann gegen eine eventuelle Strafe der Medienaufsichtsbehörde vor Gericht geklagt werden. Angesichts der allgemeinen finanziellen Situation der ungarischen Presse ist jedoch diese Erwähnung des Rechtswegs im Gesetzestext nichts anderes als blanker legislativer Zynismus. Für einige, der Regierung besonders unsympathische Wochenzeitungen ohne solide Reserven kann schon eine geringere Geldstrafe den Bankrott bedeuten, insbesondere, weil die Strafe unverzüglich bezahlt werden muss."

Fidesz-Abgeordnete verteidigten letzte Woche das Gesetz im Parlament und sprachen von einem "gesunden Gleichgewicht" zwischen der Freiheit der Medien und den "Interessen der Öffentlichkeit". Istvan Vancsa erinnert dieser Ausdruck an vergangene Zeiten, als die Pressefreiheit laut Verfassung der Volksrepublik Ungarn zwar garantiert war, sich aber am "Interesse der arbeitenden Klasse" zu orientieren hatte: "Allerdings diktierte damals der Parteistaat den staatlichen Zeitungen, worüber sie schreiben durften. Er konnte bei allen ein Liedchen bestellen, weil er alle bezahlt hatte. Ein Chefredakteur musste sich damals weder mit Druckereirechnungen noch mit Auflagenzahlen, Remittenden und ähnlichem beschäftigen, sondern nur mit der ideologischen Richtungsweisung von oben - alles andere wurde von dem damaligen Rechtsvorgänger der Medienaufsichtsbehörde erledigt. Es gab ein ordentliches Gehalt, eine geräumige, beheizte Redaktion, einen stabilen Druckerei-Hintergrund und auch eine Gewinnprämie, einmal im Jahr. Natürlich hat das alles Geld gekostet, aber die Diktatur ist ein kostspieliges Unterfangen. Eigentlich ist es schade, dass der heutige Staat keine Diktatur gründen will, sondern im Gegenteil, sich um die Festigung der Pressefreiheit bemüht. Im Gesetzesentwurf steht beispielsweise, dass die Medienaufsichtsbehörde 'die Pressefreiheit kontrolliert und garantiert'. Das ist, als würde die Verteidigung des Angeklagten von der kompetentesten Instanz, nämlich der Staatsanwaltschaft übernommen. Das Ergebnis wird sicherlich dasselbe sein."

Magazinrundschau vom 30.11.2010 - Elet es Irodalom

Der polnische Schriftsteller Slawomir Mrozek kehrte 1996, nach langjährigem Exil, nach Krakau zurück und lebte dort zehn Jahre, bis er 2008 nach Nizza zog. So richtig heimisch geworden ist er in Polen nicht mehr, erzählt er im Gespräch mit dem katalanischen Slawisten und Übersetzer Josep Maria de Sagarra Ange: "Damals wusste ich noch nicht, wie sehr ich mich von Polen entwöhnt hatte, das wurde mir erst später bewusst. Natürlich haben viele Entwicklungen und Veränderungen stattgefunden, doch die waren nicht mehr ganz nach meinem Geschmack. Der Entwicklungsprozess fand ohne meiner Beteiligung statt, ich hatte eine zu lange Zeit außerhalb meiner Heimat verbracht, als dass ich mich an sie hätte erneut gewöhnen können."
Stichwörter: Krakau, Mrozek, Slawomir, Nizza

Magazinrundschau vom 16.11.2010 - Elet es Irodalom

Der Journalist Laszlo Seres hofft, dass der Traum von einem multikulturellen Europa endlich ausgeträumt ist. Europa drohe eine Islamisierung des eigenen Territoriums und müsse Probleme wie Zwangsheirat, Ehrenmorde, Ghettoisierung endlich in den Griff bekommen: "Der Westen weiß so wenig, was er ist, er hat so wenig Selbstvertrauen, er glaubt so wenig an seine eigenen Werte, dass er es nicht wagt, die Einwanderer aus anderen Kulturen zur Befolgung seiner eigenen Normen zu bewegen. [...] Das Konzept der individuellen Rechte wurde allein von der westlichen Kultur hervorgebracht und wird allein von ihr kultiviert. Man kann nicht dieses grundlegende Freiheitskonzept befürworten und gleichzeitig annehmen, dass jede andere archaische, kollektivistische Kultur gleichwertig ist - weil sie schlicht nicht gleichwertig ist. Deshalb relativiert das Multikulti-'Wertesystem' stets die eigenen Werte und ist letztendlich nihilistisch."

Dass die radikal islam- und EU-feindliche PVV des Geert Wilders nach den Wahlen im Juni zur drittstärksten Kraft im niederländischen Parlament wurde, wertet der Soziologe Paul Scheffer als historische Wende in der niederländischen Politik, die gleichzeitig das Dilemma ganz Europas veranschaulicht. Tibor Berczes fragte den niederländischen Soziologen, was gegen Bewegungen wie die von Wilders unternommen werden sollte. Dessen Antwort: "Europa müsste gleichzeitig ein Freiheitsideal und eine Sicherheitsgemeinschaft sein. Dazu müssen aber Antworten beispielsweise auf die Probleme der grenzüberschreitenden Kriminalität oder der illegalen Einwanderung gefunden werden. Europa sollte sich nicht als ein Gebilde betrachten, das die Nationalstaaten ablöst, sondern den Nationalstaaten die Möglichkeit verschafft, auch in Zeiten der Globalisierung effektiv zu handeln. Man muss deutlich machen, dass der Schutz nationaler Eigenheiten und Offenheit beziehungsweise Freiheit und Sicherheit einander nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig bedingen."