
Der "Abrechnungskommissar" Gyula Budai, eingesetzt um eine mögliche Veruntreuung von Steuergeldern durch die Vorgängerregierung zu überprüfen, untersucht derzeit - nach den Fördergeldern für Philosophen - eine Reihe von
Kunstprojekten (die zumeist nach der so genannten, in mehreren europäischen Ländern gängigen "Kunst am Bau"-Regelung entstanden sind, wonach ein Prozent der Investitionskosten eines Immobilienprojekts der öffentlichen Hand für Kunstwerke ausgegeben werden sollen) und hat angekündigt, dass der
künstlerische Wert dieser Werke von einem
Gericht überprüft werden muss. Die Abstraktionsfeindlichkeit und der Vorwurf der Verschwendung von Steuergeldern begleitet die Avantgarde seit ihrer Entstehung,
schreibt der Kunsthistoriker
Jozsef Melyi, den die Angelegenheit an den anfänglichen Protest gegen die Aufstellung der Plastik
"Drei rotierende Quadrate" von George Rickey im Jahr 1973 im westfälischen Münster erinnert - woraus allerdings später die
"Skulptur.Projekte Münster" entstanden sind: "In Ungarn ist das zunächst nur die Illusion einer Zukunft. Die Realität der Zukunft hingegen sieht so aus, dass man nach solchen Abrechnungen kaum einen staatlichen oder kommunalen Auftraggeber finden wird, der bereit ist, ein zeitgenössisches Kunstwerk aufzustellen. Und diese Realität wird vor allem der
Bankrott der gesamten institutionellen Struktur der Bildenden Kunst und der Pädagogik sein - ausgehend von einer Gegenwart, in der es an den Schulen keinen wirklichen Kunstgeschichte-Unterricht gibt, in der kein öffentlicher Diskurs stattfindet und in der ein Politiker jederzeit unter Beweis stellen kann, wie
wenig Ahnung er von der Kunst und ihrer Geschichte hat; und während sich der Begriff der Kunst im öffentlichen Raum andernorts kontinuierlich verändert, drehen wir das Rad der Zeit lieber zurück. Dabei sollten wir aber wenigstens erkennen, dass von der Abrechnung abwärts nur noch ein einziger Schritt bleibt, nach oben hin aber der Raum unendlich weit und offen ist."
Kürzlich ist das Buch "3096 Tage" von
Natascha Kampusch auf Ungarisch erschienen (Natascha Kampusch: 3096 nap. Übersetzt von Zoltan Andras Ban. Budapest : Scolar Kiado, 2010). Die junge Frau beschreibt ihre Geschichte mit überraschender Reife und Distanz, weshalb sich das Buch auch als Entwicklungsroman lesen lässt,
findet der Literaturwissenschaftler
Imre Kurdi: "Der wichtigste Aspekt des Entwicklungsromans ist - und das ist das eigentlich Spannende am Buch von Natascha Kampusch - die Schaffung und Bewahrung der Identität und der autonomen Persönlichkeit. Dadurch nämlich, dass Natascha Kampusch selber erzählt, was sie erlebt hat, will sie zum einen das
Recht zur Interpretation und Selbstinterpretation zurück erlangen - wobei sie einerseits die Übertreibungen der Boulevardpresse, andererseits jeden Ansatz, der das Geschehene mit einem bestimmten Etikett (wie z.B. dem des Stockholm-Syndroms) versehen und somit irgendeiner Regel unterordnen will, konsequent zurückweist; diese sprechen ihr
die Individualität ab und machen damit jedwede Erzählung von vornherein überflüssig und sinnlos. Zum anderen ist es augenscheinlich und unheimlich spannend, dass und wie Natascha Kampusch gerade im Zuge des Erzählens, durch den Akt der Narration ihre eigene Identität schafft - der Kidnapper hatte ihr sogar verboten, ihren eigenen Namen zu verwenden und auch nach ihrer Flucht hatten ihr manche geraten, ihren Namen zu ändern und so ein neues Leben zu beginnen -, und sich die Autonomie ihrer Persönlichkeit erkämpft."