Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 29 von 65

Magazinrundschau vom 02.08.2016 - Elet es Irodalom

"Wir sind ärmer geworden. Das hätte noch nicht passieren dürfen", ruft der Schriftsteller György Konrád voll Trauer über den Tod Péter Esterházys. "Aber wann dann? Nie. Also jetzt. Es war ihm gegeben, an der Spitze leidend und lächelnd zurückzuwinken. Er schaffte es, seinem eigenen Tod Form, eine schriftliche Form zu geben. Wer bis zur letzten Sekunde schießt, stirbt angeblich den Heldentod. Und wer bis zur letzten Minute schreibt? Ein lebender Held? Meine krebskranken Schriftstellerfreunde empfingen das gnadenlose Ende mit den zu Füßen gelegten Federn und Schreibmaschinen. Ich schaue zu ihnen und zu ihrem Nachlass auf dem Bücherregal hoch, ich sehe ihre Schattenbilder in meinen Erinnerungen. Weder dort noch hier kann ich ihnen begegnen, nur in mir selbst, nur in uns selbst, wenn wir über sie sprechen."

Magazinrundschau vom 26.07.2016 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Péter Nádas schreibt im Nachruf über seine nicht unkomplizierte Beziehung zu dem verstorbenen Péter Esterházy: "Die Spezialität seiner Erzählung war, dass er in der erster Person Plural schrieb, nicht weil er den Pluralis Majestatis vorzog, sondern um Erfolge unter uns beiden zu teilen. Er wollte nicht alleine bleiben. (...) Wir standen im Regen und ich bat ihn, diesen Plural lieber aufzugeben: Wir sollten der großen stinkenden Realität in die Augen schauen. Ich bin hier ein bürgerliches Element - wie er später in einer Laudatio geistreich und hart ergänzte: ein Bürger ohne Bürgerlichkeit - und er ein bereits vor seiner Geburt seiner Besitztümer beraubter Aristokrat, doch mit einem Namen der eine Ära der ungarischen Geschichte repräsentiert. Mein Name sagt niemandem etwas. Vielleicht, dass er ein magyarisierter Name ist, ein deutscher Name, ein jüdischer Name. Außer mich selbst, vertrete ich nichts und niemanden. Das ist meine Rolle in der bürgerlichen Literatur und ich würde es begrüßen - wenn er das so will, würde ich es aus der Perspektive der Nation begrüßen -, wenn wir beide bei unseren Rollen blieben. (...) Sein Blick wurde eisig und dieses Eisige bedeutete, dass er dann im großen Gemenge alleine blieb."

Magazinrundschau vom 19.07.2016 - Elet es Irodalom

Zum Tod von Péter Esterházy (nach Redaktionsschluss) veröffentlichte die Redaktion der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom eine erste Stellungnahme. "Wenn es eine der größten Anklage gegenüber der Postmoderne ist, dass sie alles relativiert, dass sie Gutes und Böses verwischt, dann tat er - gerade er - das Gegenteil: im fortwährend überschriebenen, kommentierten, hinterfragten, zitierten Text war immer der Goldstandard von Moral und Klarsicht vorhanden. (...) Freilich war er nur ein Schriftsteller, doch kaum jemand tat konkret mehr, damit dieses Land freier, lebenswerter wird. Jede seiner Regung war ein Ereignis. Um Himmels willen, mit welcher Haltung ist er durch dieses letztes Jahr geschritten! Wir trauern."

Im Interview mit Csaba Károlyi spricht der Literaturwissenschaftler Mihály Szegedy-Maszák u.a. über die Sprache über Literatur und die Notwendigkeit Kanons aufzustellen und einzureißen: "Früher dachte ich, dass sich die Sprache über die Literatur entwickelt, wie die Literatur und die Künste nach meinem damaligen Verständnis nach vorne gingen. Heute glaube ich das nicht, - auch - weil ich sehr überrascht war, als mich Péter Esterházy an meinem siebzigsten Geburtstag (2013) als "konservativ" bezeichnete. Ich war nicht wirklich glücklich, als ich es hörte. Dann dachte ich darüber nach und sah ein, dass er Recht hat. Wahrlich, meine Tätigkeit ist das Behüten von etwas. Diese wertschützende Idee bedeutet bedingungslos die Schätzung der geistigen Qualität."

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Krisztián Grecsó kommentiert die euphorischen, aber auch weniger erfreulichen Reaktionen auf die Erfolge der ungarischen Nationalmannschaft bei den Fußball-Europameisterschaften in Frankreich. "Hier wurden Selbstvertrauen, Befreiung, Heimatliebe und Schmerz zu einem wunderbaren Teig geknetet, die Illusion der Jugend für einen dramaturgischen Rahmen genutzt. Er erzählt von Menschen, die zusammengehören, Opfer erbringen, einander Aufmerksamkeit schenken, denn für sie existiert so etwas wie ein Bündnis, Verantwortung und Einheit. Fußball ist das verlorene Paradies, wo wir nicht alleine sind, aber Fußball ist auch die Erbitterung des Vaters, der bereits das Scheitern erkennt. (...) Die Ultras, die Hooligans erinnern uns sofort daran, wie viel Elend, Torheit, grobe Einfältigkeit und Hass bei uns entfesselt wurden. Es ist schwer daran zu denken, dass wir nichts mit ihnen zu tun haben, nicht Nachbarn, Lehrer und Kollegen dieser Menschen waren."

Magazinrundschau vom 21.06.2016 - Elet es Irodalom

Ungarn spielt nach 44 Jahren erstmals wieder in der Endrunde einer Fußball-EM mit, wobei die Mannschaft unter der Führung des deutschen Bernd Stock gegen Österreich erfolgreich in das Turnier startete. Eine anfängliche Diskussion darüber, ob das Anfeuern der Mannschaft gleichzeitig eine indirekte Anerkennung der Politik des bekanntlich fußballbegeisterten Ministerpräsidenten sei, verhallte mit dem Sieg gegen Österreich. Nun wird in Ungarn über alle Lager hinweg darüber diskutiert, welche Auswirkungen die Fußball-EM auf die kollektive Identität haben wird. Der Publizist Gusztáv Megyesi sieht zunächst die positiven Aspekte: "Eine Weltmeisterschaft besuchte die ungarische Mannschaft das letzte Mal 1986. So wuchs mindestens eine Generation auf, die ungarische Fußballer nie auf einem Feld zusammen mit den besten Spielern der Welt sah und es sich auch nicht wirklich vorstellen konnte. (...) Und nun, wenn auch nicht mit Spitzenspiel und brillanter technischer Bravour oder unüberwindbarem Schwung, so doch mit ernsthafter, gewachsener Mannschaft schlugen die Jungs die Österreicher, und kehrten damit zurück in den europäischen Fußball. Was auch immer geschieht, diese Europameisterschaft ist nunmehr genauso unsere wie die der Deutschen und der Italiener."

Magazinrundschau vom 14.06.2016 - Elet es Irodalom

Die Buchwoche ist ein Großereignis in Ungarn, bei dem Verlagshäuser und Autoren ihre jüngsten Veröffentlichungen präsentieren. Traditionell finden die zentralen Veranstaltungen in der Budapester Innenstadt am Vörösmarty Platz statt. Die diesjährige Buchwoche eröffnete der schwer kranke Péter Esterházy zusammen mit dem Komponisten und Saxofonisten László Dés. Hier ein Ausschnitt aus Esterházys Eröffnungsrede: "Endlich ein Text, den ich nicht mit dem Wort Bauchspeicheldrüse beginne. (...) Wie viel Arbeit steckt in einem Buch! Mal namenlose, mal benennbare, aber auf alle Fälle aufopferungsvolle Arbeit von Autoren, Korrektoren, Lektoren, Grafikern, Redakteuren, Chefredakteuren, Verlagsleitern. Selten denken wir an sie, sei dieses Fest betont auch ihres. Und dann die Bücher. Ich würde gerne über den Duft eines Buches sprechen, über den Buchduft, seine Berührung, also über seinen Körper, nur dass ich ungern den Körper erwähne, weil mir dann zur Zeit immer das Gleiche in den Sinn kommt, und ich niemanden damit belasten möchte, obwohl ich empfinde, dass ich jeden damit belaste. (...) Ich würde, entsprechend meiner Gestalt, das Publikum in Richtung Freude stoßen. In Richtung der sogenannten Buchfreude. Und mein Gesicht brennt nicht vor Scham, wenn ich zum tausendsten Mal Márai über das Lesen zitiere, denn Zitieren ist nicht Trägheit, sondern der Eintritt in die Tradition, es ist nicht Traditionsrespekt, sondern Traditionsanwendung, was Respekt selbst ist."

Magazinrundschau vom 19.04.2016 - Elet es Irodalom

Der Kunsthistoriker und ehemaliger Direktor des Kunsthistorischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA), Ernő Marosi, kritisiert in einem ausführlichen Interview mit Eszter Radai die Pläne der Regierung zur Errichtung eines Museumsviertels im Budapester Stadtgarten sowie die "Rekonstruktion" der Burg nach Plänen, die es so nie gab. Marosi formuliert im Gespräch eine universelle Kritik der gegenwärtigen Kulturpolitik: "Hier erscheint vieles als wichtig, was in einer bürgerlich-demokratischen Kultur - wie beispielsweise der tschechischen, wenigstens seit Jaroslav Hašek - höchstens auf der Ebene der Kneipenwitze erwähnt werden kann. Was aber dort als wertvoll und schützenswert gilt, hat bei uns keine Gültigkeit. Es ist traurig zu sehen, wie lächerlich bei uns mit kulturellen Werten umgegangen wird, als wären diese bloß Genussmittel, irgendwelche Drogen, die darüber hinaus keinerlei Nutzen haben. Lajos Fülep (bekannter Kunsthistoriker und Philosoph, Mentor von Marosi - Anm. d. Red.), lehrte, dass Kunst die Ganzheit der konkreten Bedeutungen von anders Unsagbarem sei. In diesem Satz haben all Worte eine überlegte Bedeutung, doch das 'anders Unsagbare' ist außerordentlich wichtig. Das bedeutet, dass ein Museum nicht ungesühnt geschlossen werden kann, denn damit wird das Gefühl des 'anders Unsagbaren' bei einer Großzahl von Menschen verändert oder entsteht erst gar nicht. Das gilt freilich auch für moralische Werte, die ebenso wenig durch Prothesen oder Reproduktionen ersetzt werden können."

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - Elet es Irodalom

Ungarns Literaten sind noch voller Trauer über den Tod Imre Kertesz'. Sehr ergreifend schreibt Peter Esterhazy, wie er Kertesz am Sterbebett besucht hat. Der Text ist ein Auszug aus seinem Tagebuch eines Krebskranken, den Elet es Irodalom veröffentlicht: "Ich saß an seinem Bett und hielt seine Hand. Plötzlich ergriff mich das Schluchzen, mich schüttelnd strömten meine Tränen ... Imre röchelte, stöhnte, würgte ... Auch sprach er. Wahrscheinlich erkannte er mich, denn das Wort 'peter' fiel. Vergebens hörte ich hin, ich verstand nicht, was er sagte. Als hätte er in einer fremden, entlegenen Sprache gesprochen, die in ihrer Musik der ungarischen ähnlich ist, auch ungarische Wörter kamen in ihr vor. So hörte ich zu, ich erinnere mich: 'ich weiß nicht', 'ich lebe', 'sagen Sie ihm', 'sterben', 'er liebt mich', 'ich weiß, dass er mich liebt' (ich war gemeint, so habe ich es verstanden), 'der König der Ungarn', 'alles ist ein Fragment', 'ein großes Stück Papier', 'seine Stimme ist schön' (auch das war auf mich bezogen) ... Was soll ich dir nun mit meiner schönen Stimme sagen, flüsterte ich mit einem durch das Weinen verwässerten Lachen. Dein neues Buch ist schön, ich habe es nur angelesen, und es stört mich auch nicht, wenn ich mit dir nicht übereinstimme. Nichts deutet darauf hin, dass er meine schöne Stimme hörte. Ich saß knapp eine Stunde so. Manchmal leuchtete die Schönheit seines Gesichts auf. Irgendwie auch seine Stärke. Wieder einmal verstehe ich nicht, wofür das Leiden da ist. Wie früher, als falscher Mathematiker, als ich eine Formel oder ihre Herleitung endlich verstand, also dass ich es zuerst nicht verstand. Die Stellung des Leidens in der Schöpfung verstand ich bereits öfter, also kein einziges Mal."

Der Schriftsteller László Darvasi betont in einem weiteren Artikel, wie sich Imre Kertesz vehement dem Adorno-Diktum widersetzte und so korrigierte, dass nach Auschwitz Gedichte nur noch über Auschwitz geschrieben werden können": "Es wurde zu seinem Vorrecht nur darüber zu sprechen. Und es ist mehr als ein Vorrecht, Auschwitz ist sein Gott, seine Metaphysik, sein universelles Anti-Wunder, sie haben sich gegenseitig angeschaut und konnten einander nicht mehr loslassen."

Der Kunsthistoriker Péter György bemerkt allerdings bitter: "Letztlich steht fest: Kertész wurde nicht 'unser Schriftsteller', und dabei ist nicht von den neurotischen Antisemiten die Rede, sondern vom Milieu des literarischen Kanons. Es lässt sich nicht mehr ändern: so wird es in den Annalen festgehalten werden."

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - Elet es Irodalom

"Wir alle sind deine Leser: eine unsichtbare Gemeinschaft umgibt dich, wir alle, die durch den einen oder anderen Satz von dir Erwachsene wurden", dankt der Kunsthistoriker Péter György dem Schriftsteller György Spiró zum Siebzigsten. "In den vergangenen zwanzig Jahren scheint es, dass das Publikum und die Kritik endlich dasselbe lesen und schreiben: Spiró ist beliebter denn je, sein Platz im Kanon ist unumstritten. Wer sich einmal in der Nähe der literarischen Welt aufhielt, weiß, dass dies nicht selbstverständlich ist. Wir sollten es zum Anfang bereits festhalten: Dies ist die eigentliche Freude. Ich weiß aber, dass er dazu sagen würde: Bedeutungslos."

Magazinrundschau vom 22.03.2016 - Elet es Irodalom

Vergangene Woche ist die Schauspielerin Irén Psota mit 87 Jahren verstorben. Zahlreiche Sendungen und Beiträge in den Medien erinnerten an die "wohl letzte ungarische Diva", wobei immer wieder das freizügige Liebesleben und die acht Abtreibungen von Psota thematisiert wurden. Der Kunsttheoretiker Péter György kritisiert die sensationsheischende Berichterstattung über die Schauspielerin: "Es gab eine Zeit, in der es keine ernsten sexuellen Krankheiten mehr gab aber noch keine Verhütungsmittel, und in dieser Zeit lebte eine herausragende Schauspielerin, die wohl ein freies Liebesleben hatte, auch wenn sie den Preis dafür zahlen musste. (...) Wir Ungarn behaupten, unsere Frauen vor den Einwanderern schützen zu wollen und sind nicht Mal in der Lage, unsere Schauspielerinnen, die Größen unserer Kultur, vor uns selbst zu schützen."