
Ungarns Literaten sind noch voller Trauer über den Tod Imre Kertesz'. Sehr ergreifend
schreibt Peter Esterhazy, wie er Kertesz am Sterbebett besucht hat. Der Text ist ein Auszug aus seinem Tagebuch eines Krebskranken, den
Elet es Irodalom veröffentlicht: "Ich saß an seinem Bett und
hielt seine Hand. Plötzlich ergriff mich das Schluchzen, mich schüttelnd strömten meine Tränen ... Imre röchelte, stöhnte, würgte ... Auch sprach er. Wahrscheinlich erkannte er mich, denn das Wort 'peter' fiel. Vergebens hörte ich hin, ich verstand nicht, was er sagte. Als hätte er in einer fremden, entlegenen Sprache gesprochen, die in ihrer Musik der ungarischen ähnlich ist, auch ungarische Wörter kamen in ihr vor. So hörte ich zu, ich erinnere mich: 'ich weiß nicht', 'ich lebe', 'sagen Sie ihm', 'sterben', 'er liebt mich', '
ich weiß,
dass er mich liebt' (ich war gemeint, so habe ich es verstanden), 'der König der Ungarn', 'alles ist ein Fragment', 'ein großes Stück Papier', 'seine Stimme ist schön' (auch das war auf mich bezogen) ... Was soll ich dir nun mit meiner schönen Stimme sagen, flüsterte ich mit einem durch das Weinen verwässerten Lachen. Dein neues Buch ist schön, ich habe es nur angelesen, und es stört mich auch nicht, wenn ich mit dir nicht übereinstimme. Nichts deutet darauf hin, dass er meine schöne Stimme hörte. Ich saß knapp eine Stunde so. Manchmal leuchtete die
Schönheit seines Gesichts auf. Irgendwie auch seine Stärke. Wieder einmal verstehe ich nicht,
wofür das Leiden da ist. Wie früher, als falscher Mathematiker, als ich eine Formel oder ihre Herleitung endlich verstand, also dass ich es zuerst nicht verstand. Die Stellung des Leidens in der Schöpfung verstand ich bereits öfter, also kein einziges Mal."
Der
Schriftsteller László Darvasi betont in einem weiteren Artikel, wie sich Imre Kertesz vehement dem Adorno-Diktum widersetzte und so korrigierte, dass nach Auschwitz
Gedichte nur noch über Auschwitz geschrieben werden können": "Es wurde zu seinem Vorrecht nur darüber zu sprechen. Und es ist mehr als ein Vorrecht, Auschwitz ist sein Gott, seine Metaphysik, sein
universelles Anti-Wunder, sie haben sich gegenseitig angeschaut und konnten einander nicht mehr loslassen."
Der Kunsthistoriker
Péter György bemerkt allerdings bitter: "Letztlich steht fest: Kertész wurde
nicht '
unser Schriftsteller', und dabei ist nicht von den neurotischen Antisemiten die Rede, sondern vom Milieu des literarischen Kanons. Es lässt sich nicht mehr ändern: so wird es in den Annalen festgehalten werden."