Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 01.03.2016 - Elet es Irodalom

Der Filmkritiker und Hochschuldozent zieht eine Bilanz der diesjährigen Berliner Filmfestspiele und ist begeistert von der Risikobereitschaft der Auswahl-Jury für den Wettbewerb, auch wenn der ungarische Beitrag von Bence Fliegauf ("Lily Lane") im Forum kaum herausragen konnte. "Die Kühnheit, die Angela Merkel trotz der europäischen Stimmung und der Meinungsumfragen an den Tag legt, birgt eindeutig Risiken in sich, doch immer mehr Analysen besagen, dass ihre Einstellung für Deutschland über den Humanismus hinaus einen strategischen Vorteil von historischer Dimension bringen kann. Beim diesjährigen Programm agierte die Berlinale nach den vergangenen konservativeren Jahren mit ähnlicher Kühnheit, was sich auszahlte: Die diesjährige Ausgabe war vielleicht die beste der letzten zehn Jahre. Die für den Wettbewerb ausgewählten Filme gingen große formale Risiken ein. (…) Diese Kühnheit vermisse ich in Bence Fliegaufs Film 'Lily Lane'."

Magazinrundschau vom 02.02.2016 - Elet es Irodalom

Der Literaturwissenschaftler Mihály Szajbély singt László Végel zum 75. Geburtstag ein Ständchen und würdigt den in Novi Sad lebenden und an der Idee Jugoslawien festhaltenden Autor als Ausnahmeerscheinung in der ungarischen Literatur: "Dass László Végel während des Zusammenbruchs des Titoschen Kartenhauses, während der blutigen Kriege und des wirtschaftlichen Kollapses in Novi Sad ausharrte, bedeutete gleichzeitig Nonkonformismus und den optimistischen Glauben ans Überleben. Immer wieder besuchte er Szeged, er folgte jedoch den nach Ungarn Flüchtenden nicht. Weniger aus heroischer Haltung, denn aus innerem Zwang. Der Zerfall Jugoslawiens bedeutete für ihn den Zerfall der Heimat. An ihrer Stelle konnte Ungarn als Vaterland nicht treten."

Magazinrundschau vom 22.12.2015 - Elet es Irodalom

In einem ausführlichen Interview mit Csaba Károlyi spricht der Historiker und Judaist Géza Komoróczy über die Bedeutung von Migrationsbewegungen in der Geschichte und über die janusköpfige Haltung der ungarischen Regierung zu fremden und eigenen Migranten: "Menschengruppen haben den instinktiven Wunsch, dort, wo sie leben, akzeptiert zu werden. Aber sie wollen auch als Gruppe fortbestehen und ihre Bräuche behalten können. Die ungarische Obrigkeit will, dass der eigene Nationalstaat nicht von Fremden verwässert wird, doch protestiert sie in Siebenbürgen, im Banat, in der Ukraine oder in der Slowakei dagegen, wenn dieselbe Auffassung sich gegen die dortige ungarische Minderheit richtet. (…) Der ungarische Ministerpräsident hetzt gegen Fremde, ich fürchte, dies bedeutet gerade für die Juden eine Gefahr. Denn der entfachte Hass kann sehr schnell diejenigen treffen, die immer wieder, weil stets vorhanden, als Zielscheibe dienen: die Roma und die Juden."

Magazinrundschau vom 15.12.2015 - Elet es Irodalom

Der Hochschullehrer und Netzwerkforscher György Marosán denkt über die beiden Pole nach - Vereinsamung oder Gruppenzwang - zwischen denen sich das moderne Individuum bewegt und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf Prozesse in westlichen Gesellschaften, welche ein extremes Abdriften von Individuen beschleunigen oder aber verhindern können: "'Der Westen soll anerkennen, dass er im Kriege steht' - wird von vielen wiederholt. Doch Vorsicht! Der Erfolg hängt nicht ausschließlich vom Einsatz der Armee ab. Auch nicht davon, dass die liberalen Demokratien in einer zuvor unvorstellbaren Weise individuelle Rechte einschränken. Das Hinterland ist labil, weil die 'normale' Funktionsweise moderner Gesellschaften oft selbst zu Vereinsamung und dem Verlust der kulturellen Identität führt. Daher ist die Schaffung von Zuständen nötig, in denen kleinere Gemeinschaften offen florieren und Individuen gleichzeitig in mehreren solcher Gruppen Halt finden können. Der Versuch, die globale Massengesellschaft nach der Auffassung der Nation des 19. Jahrhunderts erneut zu homogenisieren, wird ein vergeblicher bleiben."

Magazinrundschau vom 01.12.2015 - Elet es Irodalom

Der Literaturhistoriker György Tverdota zeigt sich erschüttert von der Aussage des ungarischen Ministerpräsidenten, der die westliche (west-europäische) Flüchtlingspolitik als Resultat selbstmörderischer intellektueller Neigung bezeichnete. "Wie kann ein heutiger Intellektueller beweisen, dass er nicht destruktiv ist, dass er kein Gift verkauft und keine feindlichen Absichten hegt? Ich habe keine Lust immer wieder unter Beweis zu stellen, dass ich nicht schädlich für meine Mitmenschen bin. Doch enttäuscht von diesen Worten bin ich sehr. Ich nehme zur Kenntnis, dass ich aufgrund meiner gesellschaftlichen Zugehörigkeit, meiner Ausbildung und meiner Schriftgelehrtheit erneut stigmatisiert und zum Intellektuellen mit suizidalen Neigungen degradiert werden kann, sollte ich es wagen von der stark empfohlenen Linie gedanklich abzuweichen. (...) Die Richtungen der destruktiven Intellektuellen und der konstruktiven gehen nun auseinander. Wer beabsichtigt autonom zu denken, es überhaupt wagt zu denken, der findet sich leicht in der Dunkelheit wieder."

Magazinrundschau vom 10.11.2015 - Elet es Irodalom

Pál Tamás, ehemaliger Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, sieht die Ursachen für die ablehnende Haltung der mitteleuropäischen Gesellschaften gegenüber der Flüchtlingen weniger in der gängigen Erklärung der abgeschirmten sozialistischen Vergangenheit als im vermeintlichen Scheitern (zumindest wird das von vielen so empfunden) des Systemwechsels seit 1989: "In den Neunzigern hoffte die Region grundsätzlich, dass sich ihr Schicksal zum Besseren wenden würde. Es galt: Auch wenn es sich etwas verzögerte, würde früher oder später jeder Erfolgserlebnisse haben. Wäre dies eingetreten, würden die Flüchtlinge heute leichteren Herzens empfangen werden. Übrigens kamen schon direkt nach der Wende nicht wenige: Minderheitenungarn aus den Nachbarländern, Kriegsflüchtlinge vom Balkan, aber auch Chinesen nach Ungarn, Ukrainer und Weißrussen nach Polen. Nach der Jahrtausendwende begriffen jedoch bereits viele Menschen, dass sie trotz großer Umverteilungen, am Ende leer dastehen würden. Sie wurden unfreundlich, doch Wut war nicht bestimmend. Heute fühlen sie sich - obwohl sich ihre Lebensqualität auch in der messbaren Breite verbessert hat - grundsätzlich betrogen und gescheitert. Sie achten zunehmend nur auf sich selbst und werden wütend. Kaum jemand ist hier ausgebrannt. Vielmehr brodelt es und eine neue Abrechnung wird vorbereitet. Mit wem abgerechnet werden wird, ist aber noch unklar."

Magazinrundschau vom 27.10.2015 - Elet es Irodalom

In einem Interview mit Eszter Rádai spricht Balázs Trencsényi, Historiker an der Central European University, über die Flüchtlingskrise: "Die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen, dass Orbán nicht nur in der heimischen Liga spielen möchte, sondern auch bei internationalen Spielen - auch wenn seine Motivationen weiterhin vorwiegend innenpolitisch sind. Er glaubt aber immer mehr - und wahrscheinlich bekommt er dafür entsprechende Rückmeldungen von Außen - dass er Prophet einer neuen Weltordnung, zu einem internationalen Akteur von welthistorischer Bedeutung ist. (...) Wenn es gelingt seine Politik lediglich auf die Frage des Zauns zu reduzieren, dann kann er in der Tat im Kreis der gemäßigten Konservativen und sogar den Sozialdemokraten mit erheblichen Sympathien rechnen. (...) Es wäre früher unvorstellbar gewesen, dass die CSU Orbán benutzt, um den Sturz von Merkel zu sondieren, wobei die bayerische Landtagespräsidentin sich noch 2013 weigerte, ihren ungarischen Amtskollegen nach der grob erfolgten Grundgesetzänderung zu empfangen."

Magazinrundschau vom 13.10.2015 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Mihály Szilágyi-Gál denkt über die "Macht der Bilder" nach. Der Grenzzaun gegen Flüchtlinge und die prügelnden Polizisten - welches Bild von Ungarn vermitteln sie? "Für die Mehrheit der Ungarn, die den Zaun unterstützen, war das vergangene Vierteljahrhundert zwischen den zwei Drähten - dem durchgeschnittenen und dem aufgebauten - nicht lang genug, um zu begreifen, wofür Deutschland uns an jedem Jahrestag neu dankt: für die Freiheit der DDR-Flüchtlinge. Darum kann diese Mehrheit auch nicht verstehen, was Ungarn mit den Bildern von dem neuen Drahtzaun verlor hat: Jene Anerkennung, die das damals als zivilisiert erscheinende Land vor fünfundzwanzig Jahren in Europa in und auf der ganzen Welt errang. Wenn in den nächsten fünfundzwanzig Jahren irgendwo auf der Welt über Ungarn und einen Zaun gesprochen wird, dann wird man nicht das Bild von 1989, sondern jenes aus dem Jahre 2015 assoziieren."

Magazinrundschau vom 06.10.2015 - Elet es Irodalom

Bei der diesjährigen Göteborger Buchmesse stand die Literatur aus Ungarn im Mittelpunkt, das Land war Schwerpunktgast. Die Messe sollte von Péter Esterházy eröffnet werden, eine schwere Krankheit verhinderte jedoch seine Teilnahme. Élet és Irodalom veröffentlichte die geschriebene (aber nicht gehaltene) Eröffnungsrede des Schriftstellers. "Was Literatur ist, das könnte ich auch nach fünfundvierzig Jahren (so lange ist die Feder in meiner Hand) schwer sagen. Ich ahne, was sie nicht ist (eine Namensliste werde ich jetzt nicht verlesen) und wie sie funktioniert. Zauberhaft und geheimnisvoll. Darüber könnte ich viel reden, über den Zauber und das Geheimnis. Und wie enthusiastisch und inspiriert sie sein kann. Denn das füllt ja mein Leben aus. (Klammer. Das änderte sich ein wenig, auch darum bin ich nicht persönlich anwesend, jetzt versucht etwas anderes mein Leben auszufüllen, aber so könnte ich über den Bauchspeicheldrüsenkrebs enthusiastisch und inspirierend erzählen, wovon ich das geschätzte Publikum jetzt verschone, doch es soll sich keine Hoffnungen machen, früher oder später werde ich auch darüber länger erzählen, I am afraid.) Ich fahre außerhalb der Klammer fort, als wäre nichts geschehen."
Stichwörter: Esterhazy, Peter

Magazinrundschau vom 29.09.2015 - Elet es Irodalom

Nach vier Jahren als Direktorin des Goethe Instituts Budapest wandert Jutta Gehring weiter, erzählt aber vorher noch im Interview mit László J. Győri, wie sich ihre Arbeit in Ungarn in den letzten Jahren verändert hat: "In Ungarn werden Kunstschaffende oft durch parteipolitischen Kriterien in eins der Lager eingeordnet. Natürlich betrifft dies indirekt auch unsere Arbeit, denn die Kooperationen mit bestimmten Künstlern führt nicht selten dazu, dass diese nach politischen Gesichtspunkten bewertet werden, statt auf die Inhalte zu schauen. (...) Unsere Tätigkeit wurde auch dadurch beeinflusst, dass in Ungarn zunehmend auf die gängigen, traditionellen Werte der Kultur Bezug genommen wird, insbesondere auf das Ungarische dieser Werte. Potentielle Partner erhalten für solche Projekte Fördergelder, was dazu führt, dass unsere Gemeinsamkeiten immer geringer werden. Im Zentrum unseres Auftrags stehen ja zeitgenössische Kunst und der kulturelle Austausch. Dennoch konnten wir auch so viele interessante Projekte verwirklichen."
Stichwörter: Goethe-Institut, Ungarn