Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Aus dem Archiv
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Im Kino

One Night Stand mit Folgen

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
22.08.2007. Judd Apatow entwickelt in seiner Komödie "Beim ersten Mal" aus der Geschichte eines One Night Stand ein differenziertes Gesellschaftsporträt. Der Bären-Gewinner "Tuyas Hochzeit" zeigt eine Frau in der Mongolei auf der Suche nach einem besseren Leben.
In Judd Apatows letztem Film "Jungfrau (40), männlich, sucht" musste Steve Carrel und mit ihm das Publikum bis zur letzten Filmminute auf das warten, was in den vorangehenden 132 Minuten - oder im Falle von Carrels Filmfigur in dessen bisherigen 40 Lebensjahren - fehlte: auf Sex. Apatows neues Werk setzt nun genau dort ein, wo der Vorgänger endet. Geschlechtsverkehr ist diesmal nicht Ziel und Lösung, sondern Anfang und Problem.

Zum Problem wird der Geschlechtsverkehr in "Beim ersten Mal" vor allem deshalb, weil die beiden Beteiligten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Ben Stone (Seth Rogen) ist wie seine vier Mitbewohner Rauschmitteln aller Art äußerst zugetan. Seine Zeit verbringt er hauptsächlich damit, in Filmen nach nackten Frauenkörpern Ausschau zu halten, um die Internetseite fleshofthestars.com in Gang zu bekommen. Alison Scott (Katherine Heigl) dagegen arbeitet ebenso ehrgeizig wie erfolgreich als Fernsehjournalistin und ordnet ihr Privatleben konsequent der Karriere unter. So geschieht es denn auch anlässlich ihrer Feier eines beruflichen Aufstiegs, dass sie Ben in einem örtlichen Club kennen lernt. Zum Zeitpunkt des ersten Treffens sind beide bereits stark angetrunken und im weiteren Verlauf des Abends bringt der Alkohol sie einander näher und näher.

Die Geschehnisse der sich anschließenden Nacht sorgen natürlich nicht nur aufgrund des unterschiedlichen sozialen Umfelds Bens und Alisons für Schwierigkeiten. Zunächst sind da nur einige etwas unangenehme Situationen am nächsten Morgen, die sich Alisons Bemühungen verdanken, den One Night Stand so schnell wie möglich aus ihrem Bett und ihrem Leben zu befördern. Das ist nicht einfach, denn die Nacht hat Folgen, mit denen der Rest des Films dann beschäftigt ist. Nach ihrem positiven Schwangerschaftstest sieht sich die werdenden Mutter zur ihrem Entsetzen sehr ernsthaft mit der Lebenswelt eines leicht übergewichtigen, dezent verwahrlosten Lebenskünstlers konfrontiert. Und dieser mit der einer Medienkarrieristin, die in ihrem Job Tag für Tag den mobbenden Kolleginnen mit einem blendend weißen Lächeln begegnen muss.

Der Verlauf dieser unwahrscheinlichen Beziehung mag zunächst aussehen wie eine weitere Variation des klassischen Hollywood-Märchenstoffes "Die Schöne und das Biest". Auf den ersten Blick scheint "Beim ersten Mal" auch eine konservative Schlagseite zu haben, schließlich wird sehr schnell klar, dass es letzten Endes wieder einmal um die Zusammenführung eines heterosexuellen Paares zwecks Zeugung von Nachwuchs und damit um die Reproduktion der bestehenden sozialen Ordnung geht - hier allerdings anhand einer tendenziell fortpflanzungsfeindlichen Karrierefrau und eines Vollzeitkiffers mit Familienaversion.

Bei näherem Hinsehen setzt "Beim ersten Mal" aber genügend Widerhaken gegen eine wertkonservative Lesart. Zum Beispiel in Bens liebevoll gezeichneter chronisch drogenschwangerer und vermüllter Männer-WG, - einem alternativen Lebensentwurf, der niemals komplett in eine bürgerliche Werteordnung rückübersetzbar sein wird. Anders gesagt: Ben entkommt zwar dem Junggesellendasein in Richtung Einfamilienhaus, Jonah, Martin, Jay und Jason werden ihm dahin aber nicht so bald folgen. Nie verfällt Apatow der Versuchung, sich über dieses Milieu lustig zu machen (was wahrlich leicht zu bewerkstelligen wäre); Lachen ist in "Beim ersten Mal" stets mehr ein Lachen mit den, als eines über die Figuren.

Fast noch interessanter ist der Film aber, wenn er sich nicht um Bens Freundeskreis, sondern um Alisons Schwester Debbie und deren Mann Pete (Paul Rudd) kümmert. Scheint Apatow anfangs anhand dieses Paares vor allem die Horrorvision eines zerstrittenen Yuppie-Paares zu entwickeln, so wird bald deutlich, dass "Beim ersten Mal" Debbies und Petes Ehe nicht einfach nur als Kontrast zum anarchischen Treiben der WG-Bewohner instrumentalisiert. Auch die Probleme dieser Figuren, die dem Zielpublikum wohl entschieden fremder sind als die Männer-WG, entwickelt der Film durchaus vielschichtig. Und ein gemeinsamer Urlaub von Ben und Pete in Las Vegas - im Herzen des kollektiven amerikanischen Unbewussten - wird zu einer der großartigsten Szenen des Hollywoodkinojahrs.

Vielleicht ist genau die Weigerung des Films, die Figuren auf ihre bloße Plotfunktion zu reduzieren, das Besondere an "Beim ersten Mal". Apatow lässt sich viel - manchmal während der 129 Minuten Laufzeit auch etwas zu viel - Zeit mit seiner Geschichte. Die einzelnen Figuren und Nebenhandlungen genießen viel Freiheit und in Abwesenheit eines die Pointen auf sich ziehenden Comedystars a la Steve Carrel fügen sich die Schicksale und Episoden zum breiten Panorama eines fluiden, heterogenen sozialen Raumes. "Beim ersten Mal" ist ein Film, der den Anspruch Hollywoods, tatsächlich aus der Mitte der amerikanischen Gesellschaft zu sprechen, für gut zwei Stunden zumindest etwas weniger verlogen erscheinen lässt.

Lukas Förster


***

Zwei Jungen prügeln sich vor der Kulisse eines mongolischen Bauernhofs. Der eine will es nicht auf sich sitzen lassen, dass er nun zwei Väter habe. Eine junge, reich geschmückte Frau geht dazwischen, erfolglos. Die Frau, seine Mutter, hat genug, sie flieht regelrecht in einen Verhau. Sie wirkt müde, wie nach langen Strapazen. Als ihr die Tränen kommen, ruft's schon wieder von irgendwoher: "Tuya, komm!" Dieser Filmbeginn, eigentlich sein Ende, fungiert als Rahmen. Im Rückblick lernen wir Tuya (Yu Nan) und die aufreibende Mühsal ihres Lebens kennen, vor der sie hier, zu Beginn und also am Ende, kapituliert.

Seit ihr sanfter Ehemann Bater (Bater) beim Graben eines fürs Überleben in der Steppe notwendigen Brunnens schwer verletzt und dadurch ans Haus gebunden wurde, obliegt Tuya bis über die Grenzen der Erschöpfung hinaus die Sorge um Gatte, Kinder und 100 Schafe. Um den Weg für einen neuen Mann, der besser für die Familie sorgen kann, frei zu machen, schlägt Bater pragmatisch eine Scheidung vor. Doch Tuya besteht darauf, dass es sie auf dem Heiratsmarkt nur ganz, mit Bater im Schlepptau, oder gar nicht gibt.

Zu den eifrigsten Bewerbern gehört der trottelig-versoffene, aber gutmütige Shenge (Shenge), der zwar motorisierte Nachbar, der sich tollpatschig und naiv um Tuyas Gunst bemüht, aber selbst kaum überlebensfähig scheint. Zunächst sieht ein alter Klassenkamerad (Peng Hongxian), der es im Ölgeschäft zu Geld gebracht hat, seine Chance gekommen und bringt Tuya samt Familie in die große Stadt sowie Bater ins ferne Altersheim. Dies bleibt Episode, Tuya flieht aus gutem Grund.

Die einfache Liebesgeschichte, die Regisseur Wang Quan'an in seinem dritten Film erzählt, findet statt unter haarsträubenden Bedingungen. Zwischen der Zubereitung von Speisen, dem mühsamen Heranschaffen von Wasser, der lebensgefährlichen Brunnenaushebung und den Mühen des Hirtendaseins liegt gerade noch genügend Raum für eine eigene Form von Zärtlichkeit. Sei es die zwischen den beiden Eheleuten, die sich kaum trennen mögen, oder die unentschlossene zwischen Shenge und Tuya, die sich nur langsam entwickelt. Kleine Gesten und knappe Dialoge inmitten der grob texturierten, erdfarbenen Materialität des täglichen Überlebenskampfes lassen dem Film über das bloße Drama hinaus atmen und tragen eine ganz eigene Art von Nähe in ihn.

Hinzu kommt Wang Quan'ans inszenatorisches Geschick. "Tuyas Hochzeit" ist mit ruhiger Hand gedreht, was den hervorragenden Schauspielern, die meisten davon Laien, genügend Raum gibt, ihre Figuren mit Leben zu füllen. In der oft lakonischen Montage entwickelt sich ein leiser Humor, der den Film vom spirituell verbrämten Ethno-Kitsch des vor allem für westliche Festivals mundgerecht zurechtinszenierten world cinema abhebt. Fast schon ironisierend imitiert Wang Quan'an bei der Fahrt in die große Stadt die Ikonografie des US-Roadmovies oder in einer Hotelszene die Kameraarbeit einer Liebesschnulze von der Stange. Doch wie der Ausflug in die große weite Welt der monetären Absicherung - mit all ihren eigenen Brutalitäten - flüchtig bleibt, so bleiben auch diese Manöver lediglich Zäsuren, die das Falsche mit dem Richtigen kontrastieren.

Der Wettbewerbsjury der Berlinale ist "Tuyas Hochzeit" der Goldene Bär wert gewesen. Vor allem die "wunderschönen Landschaftsbilder der Mongolei" hatten es der Jury angetan. Ob die filmkünstlerische Bedeutung des Films einer solchen Auszeichnung gerecht wird, oder ob diese nicht vielmehr etwas über die von vielen Seiten attestierte dürftige Zusammenstellung des diesjährigen Wettbwerbs aussagt, darüber könnte man lange streiten. Davon abgesehen besteht "Tuyas Hochzeit" aber als kleiner, sympathischer Film eines über seine formellen und ästhetischen Mittel überlegt verfügenden Regisseurs.

Thomas Groh


Beim ersten Mal
. Regie: Judd Apatow. Mit Katherine Heigl, Seth Rogen, Paul Rudd, Leslie Mann, Jason Segel.
USA 2007, 129 Minuten

Tuyas Hochzeit. Regie: Wang Quan'an. Mit Yu Nan, Bater, Baolier, Zhaya, Ben'ge.
China 2006, 96 Minuten.

Stichwörter


Archiv: Im Kino

Lukas Foerster, Thomas Groh: Jede Konsonantenhäufung ein Gebirge

20.07.2016. In seinem Kinderfilm "BFG: Big Friendly Giant" erkundet Steven Spielberg ein für ihn ungewohntes Terrain: alteuropäische Apfelbutzenhaftigkeit. Mika Kaurismäki wehrt sich in "The Girl King" über die schwedische Königin Christina mit untergründiger Punk-Attitüde gegen den double bind von Kostümfilm und Biopic. Mehr lesen

Janis El-Bira, Nikolaus Perneczky: Was meinst'n mit Glück?

13.07.2016. Das schillernde "als ob" des Theaters führt in Maren Ades bezauberndem Cannes-Liebling "Toni Erdmann" zur Freiheit. Pietro Marcellos hirtenromantischer Büffelfilm "Bella e perduta" hält den Kontakt zur Vormoderne. Mehr lesen

Lukas Foerster, Sebastian Markt: Donut mit rosaroter Glasur

06.07.2016. Sean Bakers "Tangerine" präsentiert queere Lebensentwürfe, denen die Tatsache, dass sie nicht ganz aufgehen, nichts von ihrer Strahlkraft nimmt. Jon M. Chu erkundet in "Jem and the Holograms" eine im Guten wie im grandios Schrottigen reizgesättigte Welt, durch die sich vier junge Frauen schlagen. Mehr lesen

Thomas Groh, Patrick Holzapfel: Dystopie kann so sexy sein

30.06.2016. Hou Hsiao-Hsiens Schwertkampffilm "The Assassin" zeigt die ganze Anmut eines Kinos, das mit Enthüllen und Verbergen spielt. Ben Wheatleys Ballard-Verfilmung "High-Rise" berauscht sich in und an autonomen Türmen und den erotischen Spielen Tom Hiddlestons. Mehr lesen

Nicolai Bühnemann, Fabian Tietke: Nur noch Farbaufnahmen

22.06.2016. "Bastille Day" von James Watkins ist ein überzeugender Actionfilm mit dezidiert linker Agenda und einem coolen Hauptdarsteller, Idris Elba. Claudia von Alemann porträtiert in "Die Frau mit der Kamera" eine Freundin und Mitstreiterin: die 1996 verstorbene Fotografin Abisag Tüllmann. Mehr lesen

Lukas Foerster, Michael Kienzl: Zustand der Unvollkommenheit

16.06.2016. Der Animationsfilm "Miss Hokusai" von Keiichi Hara ist kein Film über den Schatten der Väter, sondern einer über die Freiheit des Lebens. Paul Thomas Andersons "Junun" lässt dem kollektiven Spieltrieb freien Lauf. Mehr lesen

Lukas Foerster, Sebastian Markt: Realitätsfiktionen

08.06.2016. Zwei Filme des Festivals "Unknown Pleasures #8": Frederic Wisemans "In Jackson Heights" ist keine bebilderte Sozialtheorie, sondern ein Nachdenken über Gesellschaft mit filmischen Mitteln. Patrick Wang gelingt mit seinem Indiedrama "The Grief of Others" ein großer Wurf. Mehr lesen

Thomas Klein, Nikolaus Perneczky: Proben, Üben, Vorbereiten

02.06.2016. Ein entspanntes Treiben, bei dem trotzdem alle möglichen Lernprozesse mitlaufen, zeigt Richard Linklaters Achtzigerjahre-Collegekomödie "Everybody Wants Some!!". Neue Wege für das Genre des Umweltschutz-Dokumentarfilms erkundet "Tomorrow" von Cyril Dion und Mélanie Laurent. Mehr lesen

Nicolai Bühnemann, Lukas Foerster: Weitgehend anorganisch

26.05.2016. Um eine zärtliche Annäherung zwischen einem Mädchen und einem Nachtmahr geht es in Akiz' psychoanalytischen Horrorfilm "Der Nachtmahr". Der japanische Regie-Berserker Sion Sono zieht in seiner Fukushima-Science-Fiction-Parabel "The Whispering Star" die ästhetizistische Handbremse. Mehr lesen

Lutz Meier: Die Bösen sind die Guten

23.05.2016. Mit der Auszeichnung für Ken Loachs neues Drama "I, Daniel Blake", das durchaus kein schlechter Film ist, hat die Jury dennoch die interessantesten Tendenzen des Festivals verkannt. "Toni Erdmann", Maren Ades Berserker und riesiges Zottelwesen, wird sich dennoch durchsetzen. Sehr sehenswert auch Asgar Farhadis "The Salesman", der zum Abschluss des Wettbewerbs lief. Mehr lesen

Lutz Meier: Auf eine Weise universell

20.05.2016. Cannes vor der Wahl: Es gibt wieder Filme, die Grenzen sprengen und die dennoch ein Publikum finden können. Neue Produktionen von Xavier Dolan, Christian Mungiu und den Dardenne-Brüdern machen es der Jury nicht einfacher. Mehr lesen

Nicolai Bühnemann, Thomas Groh: Ausgeliefert ans Werk

18.05.2016. In der Zwangssituation einer Kinovorstellung macht Robert Eggers' texturintensiver Horrorfilm "The Witch" existenzielle Erfahrungen nachvollziehbar. Bryan Singers Superheldenfilm "X-Men: Apocalypse" erliegt dem Fluch vieler Blockbusterserien: Der dritte Film ist immer der schlechteste. Mehr lesen

Lutz Meier: Weiterleben

17.05.2016. Erste Höhepunkte in Cannes: Ein kollektiver Filmrausch macht Maren Ades "Toni Erdmann" zum Favoriten des Festivals, Jim Jarmuschs "Paterson" findet die Poesie und Pedro Almodóvars "Julieta" den Grund des Schicksals. Nur die Franzosen kommen nicht gut an. Mehr lesen

Lukas Foerster, Fabian Tietke: Schinkenbrot, Marmeladenbrot

11.05.2016. Franz Müller schickt in seinem neuen kommunikativen Experimentalfilm "Happy Hour" drei Deutsche Männer in irische Kneipen. Tomer Heymann porträtiert in seinem begeisternden Tanzfilm den israelischen Choreografen Ohad Naharin. Mehr lesen

Sebastian Markt, Jochen Werner: Desperate Lebendigkeit

04.05.2016. Eine Ästhetik der Zugedröhntheit auf den Straßen Manhattans entwirft "Heaven Knows What", der neue Film der Brüder Ben und Joshua Safdie. Der einstige Tarantino-Protégé Eli Roth fügt seinem unterschätzten Werk mit "Knock Knock" einen hintersinnigen Thriller hinzu. Mehr lesen