Im Kino

Ein Film, wie er nicht zu sein hat

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
25.08.2026. Am Ende tanzen alle an den Drehorten: Brezel Görings Low-Budget-Filmdebüt "Für immer 16" handelt zwar von Querelen am Set eines Low-Budget-Filmdrehs, ist aber selbst offensichtlich das Werk von Gleichgesinnten, die Spaß an der Freude haben.

Nach der Filmhandlung von "Für immer 16" folgt eine kleine Coda. Die vier Darsteller des Films schwofen zum Stereo Total-Song "Wir tanzen im 4-Eck" an verschiedenen Orten des Films. Ohne Choreographie geben sie sich lediglich ihrer Freude an Bewegung und Posen hin. Irgendwo zwischen gelöster Drehschlussparty, Musik- und Urlaubsvideo liegt das. Auch wenn es davor um dysfunktionale Beziehungen ging, auch wenn einer der Tanzenden zuvor von den anderen ermordet und entsorgt wurde, bringt dieser eigenwillige Nachklapp doch den Film auf den Punkt.

Drei Freunde, die sich aus den Augen verloren hatten, reisen in "Für immer 16" gemeinsam in den Urlaub. Dort fassen sie den Plan, wie früher amateurhaft einen Film zu drehen. Nur will es mit dem Aufblühen der eingeschlafenen Freundschaft und dem Film einfach nicht klappen. Zu sehr prallen Egos, mitgeschleppte Konflikte und Eifersucht wegen des Nachbarn aufeinander, der mit allen dreien eine Affäre hat. Im Gegensatz zu solchen Querelen ist der Film, der diese Geschichte erzählt, das Werk von Gleichgesinnten, die Spaß an der Freude haben - und die sich und das Endergebnis am Ende tanzend feiern. Streiten sich die Figuren im Film darüber, ob sie einen blutrünstigen Slasher oder einen psychologisch durchdachten Thriller drehen wollen, herrschen bezüglich "Für immer 16" nie Zweifel: Es handelt sich um eine amateurhaft gedrehte Schnurre, wie sie Freunde im Urlaub drehen könnten.

Die Crew von "Für immer 16" kann an zwei Händen abgezählt werden und die Beteiligten tragen so illustre Namen wie Schräubchen (Trickkamera) oder Mücke (eine der Hauptdarstellerinnen). Einziger namhafte Teil des Casts ist Lilith Stangenberg. Die Anwesenheit einer gefragten, gar preisgekrönten Schauspielerin irritiert eher, als dass sie den den Film mit dem Anschein von Professionalität ausstatten würde. Wobei dieses Lust-und-Laune-Projekt letztlich doch gut in eine Karriere passt, die von Lust und Laune gesteuert scheint und zwischen Kunst ("Wild"), kruden Projekten ("Seneca") und Konfektionsware ("Polizeiruf 110") hin und her pendelt.


Budget gab es, unübersehbar, keines - das meiste Geld dürfte für das Super8-Filmmaterial draufgegangen sein, auf dem gedreht wurde. Die Gore-Effekte kommen jedenfalls aus der Ketchupflasche und gefilmt wurde ohne Ton. Was einerseits bedeutet, dass die Dialoge erst in der Postproduktion über die Bilder gesprochen wurden - und zwar so, dass Lippenbewegungen und Gesagtes nur zufälligerweise mal synchron sind. Andererweitige akustische Atmosphäre gibt es nicht. Statt Geräuschkulisse läuft meist ein kleines Best-of von Stereo Total, deren Mischung aus Garagenrock, Elektropop und Chanson mal mehr, mal weniger zum Geschehen passt.

Dass lediglich Musik dieser einen Band abgespielt wird, hat etwas mit dem geringen Budget und dem Humorverständnis der Macher zu tun - im Film selbst findet sich ein Kommentar dazu: Für eine der drei Hauptfiguren ist es eine amüsante Note, wenn ein Serienmörderfilm von den Songs lediglich einer Band unterlegt werde, weil das eben ein bisschen nervtötend sein kann. Vor allem aber ist die Songauswahl Teil der Identität des Films. Dessen Drehbuch basiert auf einem Romanfragment von Françoise Cactus, der leider 2021 verstorbenen Sängerin und Schlagzeugerin von Stereo Total. Regie führt Brezel Göring, der im Duo für die restlichen Instrumente zuständig war und hier sein Langfilmregiedebüt vorlegt.

Beide stammen aus der Punkszene der 1980er und waren markanter Teil des aufbrechenden Hipstermekkas Berlin in den 1990ern. DIY und der Charme des Unfertigen sind Teil ihres Sounds und ihres Auftretens. Lieber nutzten sie verspielt begrenzte Mittel, als sich von musikindustriellem Ballast wie neunmalklugen Großlabels oder teurem Equipment einengen zu lassen. An jeder Ecke ist in "Für immer 16" dieser Geist spürbar. Das Amateurhafte wird zu keinem Zeitpunkt kaschiert, sondern vielmehr unterstrichen. Statt einen Film zu machen, wie er zu sein hat, macht Brezel Göring einen Film, wie er nicht zu sein hat, einen Film ewigjugendlicher Rotzigkeit. Dabei kommt dann vielleicht kein straffer, mitreißender Killer-Thriller heraus, aber dafür ein schluffig-amüsanter.


Klar, das Ergebnis ist ziemlich nostalgisch. Nicht nur, weil der Soundtrack die Karriere der Band rekapituliert, sondern weil die bloße Idee eines solchen Guerilla-Indie-Filmemachens auf Super8 an die 1980er erinnert. Die frühen Filme Jörg Buttgereits sind nicht anders entstanden. In Zeiten, in denen Filmemacher mit iPhones drehen und es wohl noch nie so günstig war, wertig aussehende Filme zu produzieren - Sean Bakers "Tangerine" hat nur unbedeutend mehr Budget als "Für immer 16" -, ist so etwas erst recht ein Statement. Der ewigen Selbstoptimierung (in kalten, scharfen Digitalbildern) wird der Mittelfinger gezeigt. Das Ungenügende wird (in warmen, schummrigen analog gefilmten Bildern ohne wertigen Plot) gefeiert.

So ist es nur eine Randnotiz, dass Oskar, der Mann unter den drei Freunden, von einer Frau (Chang Wang) gespielt wird, der als "Verkleidung" ein dünngeschwungener Schnurrbart aufgemalt wurde. Als der Nachbar (Twiggy) Oskar einen Blowjob gibt, hält sich Chang Wang schlicht einen behelfsmäßigen Phallus in den Schritt. Immer wieder: alles kann, nichts muss. Statt sich geharnischt aufs Schlachtfeld umkämpfter Identitäten zu begeben, geht es entspannt auf eine behelfsmäßige Spielwiese.

Robert Wagner

Für immer 16 - Deutschland 20126 - Regie: Brezel Göring - Darsteller: Lilith Stangenberg, Mücke, Chang Wang, Twiggy - Laufzeit: 72 Minuten.